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Die Problematik der Unüberwindlichkeit des Solipsismus im erlebten Solipsismus Merleau-Pontys

Essay 2006 4 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Name: Clemens Deparade

Die Problematik der Unüberwindlichkeit des Solipsismus im erlebten Solipsismus Merleau-Ponty´s

Im IV. Abschnitt des II.Teils der „Phänomenologie der Wahrnehmung“ („Die Anderen und die menschliche Welt“) führt Merleau-Ponty die phänomenale Begegnung, d.h. vielmehr die Wahrnehmung des Anderen als vermeintlich Koexistierenden, der im Sinne eines alter ego ebenso Bewusstsein habe explizit in den §§ 45-48 ein. Über die Verquickung von natürlicher Zeit als „[…] in mir selbst […] von selbst verlaufende Zeit […]“1 und der geschichtlichen als die konkrete oder bisweilen abstrahierte Ereignishaftigkeit „[…] meiner Vergangenheit […]“2 steht das Naturobjekt und somit die Natur als Gesamtheit als „[…] mein personales Leben bis in sein Zentrum [D]urchdring[endes]“3 und Verflechtendes da, liefert mir eine die Kulturgegenstände vor-stellende Umwelt, über deren mir sinnhaft schon erschlossene Funktionalität ihres Gebrauchs [ - im Sinne der Kulturwelt - ] die Sedimentation meiner personalen Akte erfolgt. Die somit initiierte Teilhabe an einer Zivilisation bietet mir vor dem Hintergrund ihrer über die Sedimentation per werkzeughafter Kulturgegen-stände ein vermeintliches Verstehen des Tuns des Anderen.

„Letzten Endes wäre das Tun der Anderen immer von dem meinigen her zu verstehen, das Man oder Wir vom Ich her. Doch da liegt eben die Frage: Wie kann das Wort Ich einen Plural annehmen, wie ist die Bildung einer Allgemeinidee von Ich möglich, […], wie kann ich wissen, dass es andere Ich gibt, […] ?“4 usw.

Merleau-Ponty thematisiert hierüber also erstmals (für den IV.Teil seines Werkes geltend) in §45 die Begegnung mit dem Anderen um in §46 in Kontrastierung zum sogenannten „objektiven Denken“ das Wahrnehmungs-bewusstsein als „Möglichkeitsgrund der Koexistenz“ freizulegen. Dem objektiven Denken werde das Dasein des Anderen eben über das Postulat zweier einziger Seinsweisen zum „Problem und Skandal“. Im Sinne einer erschöpflich aufanalysierbaren Objektwelt, die eben in ihrer als erschöpfend versuchten Analyse mechanistisch beschreibbar wäre, existierte sie als An-sich-Sein, welches dem Für-sich-Sein des somit korrelierenden und dabei eben nackten Bewusstseins gegenübergestellt bliebe. Die Wahrnehmung des Anderen als Für-sich-Seiender, der somit mit Bewusstsein ausgestattet sei, erfordere also, da er als An-Sich im Sinne eines Objektes ja definitiv zu existieren scheine, einen kontradiktorischen Akt. Die klassische Solipsismus-Problematik wird von Merleau-Ponty in §46 also vor dem Hintergrund des objektiven Denkens skizziert und sei mit diesem im Auftrag der Vorgängigkeit der schon leiblich seienden Wahrnehmung des Subjektes zu kontrastieren.

„Das physiologische Vorkommnis ist nur abstrakte Nachzeichnung des Wahrnehmungsgeschehens“5 und: „[…] bezüglich der individuellen Wahrnehmung [ haben wir schon] gelernt, unsere perspektivischen Ansichten getrennt zu verdinglichen; […]“6.

In meine Perspektive ist der Andere als vermeintlich an ihr Partizipierender - im Sinne der Teilhabe an einer aus mir heraus konstituierten „Mitwelt“ als eben unendliches Individuum - scheinbar schon miteingeschlossen. Über die Vorgängigkeit der Wahrnehmung auch in geschichtlicher Zeit wird die klassische Solipsismus-Problematik zu einer Fragestellung, die via die dazumal gebildete cogito- Argumentation nach Piaget erst im Alter von zwölf Jahren präsent ist. Das Kind nimmt den Anderen bzw. die Anderen schon (sinnhaft-erschlossen, als Verhalten) wahr ohne bereits von diesen „[…] ein Bewusstsein als privaten Subjektivitäten, […]“7 zu haben. Das Setzen des Anderen als alter ego wäre also keines, welches auf Reflexion beruhte, sondern mittels Wahrnehmung schon intuitiv präsent sein könne. Doch mit dem Bilden des cogito beginne eben dasjenige, was Hegel – nach Merleau-Ponty – mit dem Kampf der Bewusstsein meinte, von denen jedes auf den Tod des anderen aus sei.

Evident bleibt hierbei natürlich die Tatsache, dass – wie in §48 dargelegt -, sofern das Ich ein wahrnehmendes und wahrhaftes Ich sei, es eben „[…] kein anderes wahrnehmen […]“8 könne. Die Wahrnehmung des Anderen als Verhalten – im Sinne seiner affektiven Regungen, die schon als Trauer, Zorn etc. identifizierbar sind – ist ohne „innere“ Anleihe von diesem selbst und besitzen für mich daher niemals denselben Sinn wie für ihn. „Für ihn sind sie [seine verhaltensmäßigen Regungen] erlebte Situationen, für mich appräsentierte.“9

Auf Grundlage jenes wahrnehmungsmäßigen Schon-Mitbekommens bzw. Schon-Bedeutsam-Seins desjenigen, was ich als sein Verhalten erkenne „[…] entstammen [d]ie Schwierigkeiten der Fremdwahrnehmung [ also] nicht sämtlich bloß dem objektiven Denken, […]“10 oder: „Der Konflikt zwischen dem Ich und dem Anderen entsteht nicht erst aus dem Versuch, den Anderen zu denken.11

Das über die gelebte Gegenseitigkeit gesetzte, weil schon als Verhalten wahrgenommene alter ego basiert als Setzung eben schon auf meinem Entschluss in einer „Mitwelt“ zu leben, wobei jedoch hierbei eben der Entwurf jener „Mitwelt“ der meinige bleibt. Auch jene Gegenseitigkeit eines vermeintlichen Koexistierens mit dem Anderen bleibt darauf begründet, dass ich das Wohl eines vermeintlich Anderen nur aus dem meinigen Wohl heraus konzipiere. Setze ich den Anderen jedoch, beraubt mich sein Blick, seine stete und zeitliche Intervention nach Art der Kommunikation, welche eben aufgrund der Vorgängigkeit der Wahrnehmung nicht Privation, sondern lediglich Abstinenz der Einsamkeit ist, „[…] mich seinem Felde einverleibend, eines Teils meines Seins, […]“12. Meine Existenz in Parallelität zum Sedimentiert-Sein meiner Akte und damit meiner Werke bleibt stets diesseits von diesen und sämtliche Prädikations- und Reflexionsmöglichkeiten in ablaufender Kommunikation bzw. Wahrnehmung, welche sich der Bejahung, der Negation, eines Engagements bedienten, fänden sämtlich „[…] in einem vorgängig eröffneten Felde statt […]“13.

Ein im intellektualistischen Sinne gedachter Solipsismus, welcher auf dem cogito- Argument fußend und jenen von Merleau-Ponty skizzierten „Grundbestand gegebener Existenz“14 konstatierend ein abstrahierter bleiben muss, wird über die Vorgängigkeit der Wahrnehmung in seiner Unüberwindlichkeit zum „erlebten Solipsismus“, der aufgrund der Meinigkeit des Erlebens der Welt (und dies trotz des Gefühls Natur- sowie Kulturwelt nicht selbst zu konstituieren) von außen, wie über die Tatsache, dass ich meine Subjektivität nicht Gott nennen kann, „in Gott“, also ebenso von innen nicht einschränkbar.

Literatur:

Merleau-Ponty, Maurice, „Phänomenologie der Wahrnehmung“, Berlin, 1965

[...]


1 Merleau-Ponty, Maurice, „Phänomenologie der Wahrnehmung“, §44, S.398

2 ebenda, S.397

3 ebenda, §45, S.398

4 ebenda, S.399

5 ebenda, §46, S.402

6 ebenda, S.404

7 ebenda, §47, S.406

8 ebenda, §48, S.407

9 ebenda, S.408

10 ebenda

11 ebenda

12 ebenda, S.409

13 ebenda

14 ebenda

Details

Seiten
4
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783668864665
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455035
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Schlagworte
Merleau-Ponty Phänomenologie Solipsismus Erleben Wahrnehmung 20.Jahrhundert

Autor

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