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Gender-Aspekten im Kinder- und Jugendfilm. Analyse von "Die wilden Kerle 2" zur Unterrichtsverwendung

Hausarbeit 2017 18 Seiten

Frauenstudien / Gender-Forschung

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. „Die wilden Kerle 2“ – Filmanalyse und Interpretation (sachanalytischer Teil)
2.1. Verhältnis zur literarischen Vorlage und allgemeine Analyse
2.2. Filmische Darstellung und Interpretation Vanessas im Kontext der Gender-Thematik

3. „Die wilden Kerle 2“ – Didaktische Analyse und exemplarische Lerneinheiten für den Unterricht (didaktischer Teil)
3.1. Didaktische Analyse nach Klafki
3.2. Lehrplanbezug und Kompetenzorientierung
3.3. Ausarbeitung der exemplarischen Lerneinheiten
3.3.1. „Vanessa und Leon – Eine besondere Beziehung“
3.3.2. „Du bist der Schauspieler!“
3.3.3. Diskussionsrunde: „Hat Gonzo das Recht, Vanessa zurückzufordern?“

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis
5.1. Primärquellen
5.2. Sekundärquellen
5.2.1. Literatur
5.2.2. Internetquellen

6. Anhang

1. Einführung

„Alles ist gut, solange du wild bist!“ In der ganzen Republik adaptieren Kinder das Motto der wilden Kerle. Sie gründen Banden, gestalten Trikots und bemühen sich um eigene Hauptquartiere wie Baumhäuser und Bauwägen. Von 2003 („Die wilden Kerle“) bis 2008 („Die wilden Kerle 5: Hinter dem Horizont) erscheinen insgesamt fünf Verfilmungen, bei denen die Hauptfiguren nahezu identisch sind. Hinzu kam 2016 der sechste Teil: „Die wilden Kerle – die Legende lebt!“, bei dem es sich jedoch um eine neu zusammengesetzte Bande handelt, die alten Hauptfiguren treten lediglich als Nebenrollen auf.

Die Drehbücher verfasste ausnahmslos Joachim Massanek, welcher ebenso in allen Filmen Regie führte. Massanek selbst spricht in einem Interview davon, durch seine Filme und Bücher eine ganze Generation von Kindern zu erziehen.1 Vor allem Jungs sind fasziniert von den wilden Kerlen, schließlich geht es um typische Jungen-Themen wie Fußball, Mut, Tapferkeit und das Besiegen gegnerischer Mannschaften. Jedoch sind die wilden Kerle auch für Mädchen interessant, großen Anteil daran hat sicherlich die weibliche Hauptfigur Vanessa.

Die didaktische Herausforderung besteht darin, die genannten Themen aus der Lebenswirklichkeit der Kinder ansprechend mit Kompetenzbereichen aus dem LehrplanPLUS zu verknüpfen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich außerdem mit der Frage, inwieweit Gender Aspekte anhand des Films in der Grundschule thematisiert werden können, unter besonderer Beobachtung steht hierbei die Figur Vanessa. Durch eine Analyse und Interpretation ausgewählter Szenen wird Vanessas Rolle im Mannschaftsgefüge und etwaige Geschlechterrollen im Film thematisiert. Im didaktischen Teil der Arbeit wird die Relevanz einer solchen Geschlechtersensibilisierung für die Schüler und die Anbindung dieses Themas an den aktuellen Lehrplan für die Grundschule im Fach Deutsch behandelt. Diese wird durch exemplarische Lerneinheiten veranschaulicht.

2. „Die wilden Kerle 2“ – Filmanalyse und Interpretation (sachanalytischer Teil)

Zunächst stellt sich die Frage, in welches Filmgenre „Die wilden Kerle 2“ einzuordnen sind. Da diese Hausarbeit im Zuge des Seminars „Der zeitgenössische Kinder- und Jugendfilm“ entsteht, scheint eine solche Frage nach dem Genre eventuell trivial, ein genauerer Blick lohnt sich hier aber trotzdem.

Die Erzählstruktur des Films ist mit der vieler anderer Kinderfilme vergleichbar: „am Anfang steht in der Regel die Gefährdung einer Ordnung – eine Bedrohungssituation, der sich die Protagonisten im Verlauf der Geschichte stellen müssen, um die Ordnung ohne erwachsene Hilfe wiederherzustellen.“2

Der Handlungsüberblick im nächsten Punkt der Arbeit zeigt auf, dass diese Ausführung sehr gut auf den Handlungsstrang des Films zutreffen. Eine Klassifizierung als bloßer Kinderfilm wäre allerdings zu kurz gegriffen, da der Film Themen wie Wertefindung, erste Liebe und Eifersucht enthält, die eher in die jugendliche Lebenswirklichkeit passen.

Die Protagonisten des Films, also die Darsteller der wilden Kerle, sind im Erscheinungsjahr zwischen 12 und 14 Jahre alt und somit in einem Alter, in dem der Übergang vom Stadium der Kindheit in das Erwachsenenalter die zentrale Entwicklungsaufgabe ist. Diese späte Kindheit ist ein Hauptmerkmal des sogenannten Coming of Age Genres. Der Film enthält sicherlich Ansätze wie die Auflehnung gegenüber den Eltern und die Frage und Suche nach Werten, jedoch fehlt es grundsätzlich an einer tiefergehenden Identitätsfindung und den Problemen des Erwachsenwerdens.3 Für eine Coming of Age Zuordnung ist der Film daher einfach zu harmonisch und oberflächlich, die Unterhaltung steht ganz klar im Vordergrund.

Häufig handelt es sich bei Kinder- und Jugendfilmen um die filmische Adaption eines einzelnen, erfolgreichen Buches. Bei den Wilden Kerlen ist eine solche Eins-zu-Eins Zuordnung jedoch nicht treffend, vielmehr muss die ganze Reihe als Medienverbund betrachtet werden. Im Folgenden wird der Film in diesem Medienverbund eingeordnet, sowie ein kurzer Überblick zum Verhältnis zwischen Buch und literarischer Vorlage und eine allgemeine Analyse des Films vorgenommen.

2.1. Verhältnis zur literarischen Vorlage und allgemeine Analyse

Bei dem abendfüllenden Spielfilm „Die wilden Kerle 2“ (D 2005, R: Joachim Massanek) handelt es sich um eine Fortsetzung des erfolgreichen ersten Teils „Die wilden Kerle“ (D 2003, R: Joachim Massanek). Im Vergleich zu anderen berühmten Verfilmungen von Kinderliteratur wie etwa Pünktchen und Anton von Erich Kästner oder Der Herr der Diebe von Cornelia Funke stellen die wilden Kerle eine Ausnahme dar. Hier liegt nämlich zunächst kein Bestseller vor, aus dem dann mit zeitlichem Abstand ein Film gemacht wird, sondern es findet eine gleichzeitige Verwertung von Büchern und Filmen statt.4 Es kann somit nicht von dem Buch als Leitmedium gesprochen werden, sondern viel eher umgedreht vom „Blockbuster zum Bestseller […]. Hier war die Buchvorlage Die Wilden Fußballkerle zunächst nicht so erfolgreich, die erste Verfilmung hat dann aber zu einem wahren Ansturm auf die Bücher geführt und sie zu Bestsellern gemacht.“5

Anders als der erste Teil, der sich im Handlungsverlauf noch an die ersten drei Bände der Bücherreihe hält, entdeckt man im zweiten Teil nur noch einzelne Elemente aus den Büchern. So kommen immerhin die feindliche Skaterbande um Anführer Gonzo, die Besetzung des Teufelstopfs und das Fußballspiel in Unterhosen in „Die wilden Fußballkerle Band 9: Joschka die siebte Kavallerie“ (Joachim Massanek, 2003) vor.

Zunächst läuft alles gut bei den wilden Kerlen. Es ist Sommer und die Bande rund um den Anführer Leon hat nur eins im Sinn: Fußball. Lediglich ein Sieg trennt die wilden Kerle von einem Spiel gegen die Nationalmannschaft in ihrem Teufelstopf. Um dieses Spiel zu gewinnen wird unbedingt Vanessa benötigt, die verliebt sich jedoch Hals über Kopf in den Anführer der Skatergang, Gonzo Gonzales und folgt ihm in deren Hauptquartier, die Nebelburg. Nach einem gescheiterten Versuch, Vanessa durch einen Trick zurückzugewinnen, verfasst Leon gemeinsam mit den wilden Kerlen einen Liebesbrief an Vanessa. Doch aller Bemühungen zum Trotz wird das Spiel ohne Sie angepfiffen. In der Halbzeit entscheidet sich Vanessa für die Kerle und führt das Team zum Sieg. Doch eine Aufgabe steht noch bevor: Der Teufelstopf wurde von Gonzo und seiner Gang eingenommen. Durch eine List schaffen es die wilden Kerle, ihn zurück zu erobern und das Spiel gegen die Nationalmannschaft kann beginnen.

Der Film beginnt mit einer Rückblende und einer erzählerischen Voice-Over aus dem OFF von Raban, wodurch in wenigen Sätzen an den Sieg über die unbesiegbaren Sieger aus dem ersten Teil erinnert wird. Zum Verständnis ist somit der erste Teil der Reihe nicht notwendig. Zeitgleich setzt Filmmusik ein und vermittelt dem Zuschauer sofort gute Laune. Raban stellt daraufhin die Mannschaft vor und damit den Anschluss an die Gegenwart her. Generell wird das Bild von einem klassischen „Bolzplatz-Tag“ in den Sommerferien gezeichnet und der Film vermittelt fast durchgängig eine sommerliche Atmosphäre. Diese Atmosphäre wird regelmäßig durchbrochen von Cuts in andere Örtlichkeiten. Sichtbar wird das erstmals in der neuen Szene im Baumhaus Camelot, in dem die wilden Kerle einen „Blutschwur“ ableisten. Das Tageslicht verschwindet und es bildet sich eine verschwörerische Atmosphäre, die musikalisch durch Gitarrenriffs unterlegt wird, um die Ernsthaftigkeit zu verdeutlichen. Der Film versucht sich schnell von einer unbeschwerten Komödie zu lösen, indem die wilden Kerle fast schon aufgesetzt cool und verwegen wirken, wenn sie mit ihren Fahrrädern durch die Gegend fahren.

Eine Problematik erkennt man in der Kameraführung bezüglich der Einstellungsgrößen, also der Ausschnittsgröße des in er Einstellung gezeigten Objekts, da es sich um insgesamt neun Teammitglieder handelt, die aufgrund der Anzahl schwer ins Bild zu integrieren sind.6 Joachim Massanek bedient sich dafür der halbtotalen Darstellung, wenn alle wilden Kerle als Mannschaft gezeigt werden sollen. Häufig sieht man weniger Kerle auf einmal in der halbnahen Perspektive und maximal zwei in Nahaufnahme.

Eine weitere interessante Auffälligkeit ist die Kameraführung bei mehreren Szenen, in denen der Film den Teamgedanken der wilden Kerle transportiert.

Als die wilden Kerle einen Brief vom DFB mit Sicherheitsvorschriften erhalten, schwenkt die Kamera in Normalsicht (Augenhöhe) von einem Teammitglied zum nächsten, jeder liest dabei einen Satz vor. Ähnlich verhält es sich bei der Liebesbrief-Szene. Lediglich Leon und Vanessa sieht man nennenswert häufig in der Groß-Ansicht, was gut zu ihrem Stellenwert im Film passt. Das Hauptaugenmerk auf die Wechselwirkung zwischen Leon und Vanessa wird in besonders entscheidenden Passagen des Films durch eine Schuss-Gegenschuss Darstellung in Großaufnahme transportiert. Leon wird klar als Anführer inszeniert und im Film auch als solcher benannt, er erscheint daher folglich auch am Häufigsten im Bild.

Eine der eindrucksvollsten Szenen ist die eben erwähnte Liebesbrief-Szene, in der die wilden Kerle einen Liebesbrief an Vanessa verfassen. Zunächst fällt es Ihnen sichtlich schwer, die richtigen Worte zu finden. Leon erinnert sich mit einer Rückblende an Vanessa und beginnt den Brief mit den Worten „… ohne dich ist die ganze Welt nur noch schwarz und weiß“, woraufhin die komplette Szenerie in grau getaucht wird und gefühlvolle Musik synchron zur Handlung einsetzt. Zusätzlich erscheint als visueller Effekt ein Leuchten über dem Herzen der wilden Kerle. Hier arbeitet der Film mit Hintergrundgeräuschen und Symbolgeräuschen, die die Atmosphäre unterstützen. So verschwindet die Sonne und ein Sturm zieht auf, nachdem weitergeschrieben wird: „…und ohne dein Lachen, die Sonne nicht scheint und der Wind zum Sturmregen wird.“

Bis auf das plötzliche Ausgehen von Kerzen im Baumhaus Camelot, als das Buch über die Hexe „Starja Riba“ vorgelesen wird, weist der Film so gut wie keine fantastischen Elemente auf. Diese nehmen erst in den Fortsetzungen der wilden Kerle Reihe zu.

Die musikalischen Komponenten im Film sind sehr auffällig, fast jede neue Szene ist mit Akustik-Musik oder einem Soundtrack der Bananafishbones unterlegt, die eigens für den Film mehrere Lieder komponiert haben. (Bananafishbones (2005): Die Wilde Kerle 2 – Der Soundtrack. Südpolrecords) Die Lieder sind sowohl fröhlich und ausgelassen, aber auch traurig und sehnsüchtig und verhelfen dem Film dabei, den Zuschauer unterschwellig zu emotionalisieren. Es handelt sich dabei immer um Musik im Off, da sie unterstützend zur Dramaturgie eingesetzt wird und der Zuschauer keine Band wahrnimmt, die gerade tatsächlich im Film spielt.7

Komischerweise fällt die dramaturgisch betrachtet wichtigste Szene, als Vanessa sich in der Halbzeitpause des Qualifikationsspiels für die Begegnung mit der Nationalmannschaft wieder den wilden Kerlen anschließt, völlig aus dem Rahmen. Ihr Auftritt in der Kabine ist weder mit Musik untermalt, noch wird er in irgendeiner anderen Weise inszeniert. Die filmische Darstellung wird hier dem dramaturgisch wichtigen Plot Point (Wendepunkt)8 nicht ganz gerecht.

Das Ende des Films zeigt den Beginn des Spiels gegen die Nationalmannschaft an einem schönen Sommertag, die gute Laune wird mit passender Musik transportiert und der Zuschauer beendet den Film mit einem positiven Gefühl.

[...]


1 Vgl. Joachim Massanek in: Der Spiegel (2007)

2 Heinke/Rabe (2016): S. 422

3 Vgl. Wegener (2011): S. 129

4 Vgl. Heinke/Rabe (2016): S. 435

5 Böhm (2017): S. 77

6 Vgl. Faulstich (2008): S. 117

7 Vgl. Faulstich (2008): S.142f

8 Gattermeier/Siebauer (2014): S. 147

Details

Seiten
18
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668882294
ISBN (Buch)
9783668882300
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455109
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
2,3
Schlagworte
gender-aspekten kinder- jugendfilm analyse kerle unterrichtsverwendung

Autor

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