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Verleugnung oder Integration? Trauer in Gottfried von Straßburgs "Tristan" unter Berücksichtigung der Gender-Perspektive

Hausarbeit 2016 20 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

1. Einleitung.

2. Der Umgang mit der Trauer nach der Trennung von Tristan und Isolde.
a. Zwei Formen des Umgangs mit der ‚triure‘
i. Die Trauer Isoldes und die Beschwörung ewiger Einheit
ii. Die Trauer Tristans und der Sieg des Zweifels.
b. Die Trauer Tristans aus Sicht der gender-Forschung.
i. Gender-Konzepte und ihre Applikation auf Gottfrieds ‚Tristan‘
ii. Tristan – Männlicher Umgang mit Trauer aus der gender-Perspektive.

3. Fazit und Ausblick.

4. Literaturangaben.

a. Primärliteratur
b. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Gottfried von Straßburg verarbeitet in seinem Romanfragment Tristan einen Stoff inselkeltischen Ursprungs, der bis heute „unverwüstliche Produktivität“ entfaltet. Er gehört zu den literarischen Mythen, die als Erzählstoffe mit festen aber auch variablen Elementen beschrieben werden können. Die Faszination dieser mythischen Stoffe liegt darin begründet, dass sie „im Rückgriff auf ferne Ursprünge sich je neu als Deutungsmuster für Gegenwartserfahrungen anbieten“1 und ihre Brisanz nie verlieren. Die Problematik, die im Tristan dargestellt wird, ist „die alle zeitgenössischen Ordnungsbegriffe herausfordernde Liebe“2 und die „Bedeutung der Passion für den „großen abendländische[n] Mythos vom Ehebruch“3.

Die dieser Arbeit zugrundeliegende Fragestellung besteht darin, warum Gottfrieds Fragment offen mit dem Zweifelmonolog Tristans endet. Warum fokussiert der Roman das Scheitern der absoluten Minne und warum scheint dafür ausschließlich Tristan selbst verantwortlich zu zeichnen? Steht der unterschiedliche Umgang Tristans und Isoldes mit der Trauer in Zusammenhang mit ihrem Geschlecht? Im Hauptteil soll zunächst die Auseinandersetzung mit dem Trennungsschmerz jeweils für Isolde und für Tristan nachvollzogen werden. Dies geschieht textnah und mit Unterstützung einschlägiger Sekundärliteratur. Im Anschluss soll der Versuch einer vertieften Deutung unter Berücksichtigung der gender- Perspektive unternommen werden. Dies erfordert eine möglichst knappe Darstellung des theoretisch-methodischen Horizonts der gender -Forschung und ihre Anwendungsmöglichkeit auf den Tristan. Schließlich soll Tristans Umgang mit der triure noch einmal vertieft vor diesem Hintergrund überdacht und die gewonnenen Erkenntnisse bewertet werden4.

2. Der Umgang mit der Trauer nach der Trennung von Tristan und Isolde

a. Zwei Formen des Umgangs mit der ‚triure‘

Bevor es zur endgültigen Trennung der beiden Liebenden kommt, leben Tristan und Isolde nach ihrer Verbannung vom Hof Markes entrückt von Zeit, Raum und irdischer Gebundenheit eine unbestimmte Weile in der Minnegrotte und können sich ganz ihrer Liebe hingeben. Doch ist der locus amoenus nicht „Telos der Handlung“, sondern nur ein „Zwischen auf dem Weg in die Katastrophe“5. Durch das keusche Bild, das die beiden Liebenden im Schlaf durch vorsichtige Überlegung einnehmen (v. 17394–17415), um sich bei einer möglichen Entdeckung zu schützen, erlangen sie Versöhnung und werden wieder am Hofe aufgenommen. Das trügerische Zerrbild, das Tristan und Isolde in ihrem inszenierten Trennungsschlaf dem forschenden Blick Markes bieten – wol von ein ander gewant,/ daz eine her, daz ander hin,/ daz bare swert enzwischen in. (v. 17504–17506) – bildet das exakte Gegenteil zur Widerspiegelung der wahren Liebeseinheit, wie sie etwas später erneut aus den Augen Markes wahrgenommen wird: wîp unde neven die vander/ mit armen zuo z’ein ander/ gevlohten nâhe und ange,/ ir wange an sînem wange/ ir munt an sînem munde./ swaz er gesehen kunde, daz in diu decke sehen lie,/ daz vür daz deckelachen gie/ zuo dem oberen ende:/ ir arme unde ir hende,/ ir ahsel unde ir brustbein/ diu wâren alsô nâhe in ein/ getwungen unde geslozzen:/ und waere ein werc gegozzen/ von êre oder von golde,/ ezn dorfte noch ensolde/ niemer baz gevüeget sîn./ Tristan und diu künigîn/ die sliefen harte suoze,/ ine weiz nâch waz unmuoze. (v. 18195–18214):

Dieses Bild der Liebeseinheit, das ausgerechnet aus der Perspektive Markes erzählt wird und zwar so, dass es in seiner ästhetisch makellosen Pose wie ein Kunstwerk aus Erz und Gold der Zeit entrückt erscheint, wird im nächsten Augenblick auseinandergerissen.6

Nach der subtil beschriebenen Liebeseinheit, die einem idealen Kunstwerk gleich von Gottfried gestaltet wird, fährt Huber schonungslos in seiner Beobachtung fort:

Die Liebenden trennen sich; Tristan lässt Isolde zurück und geht in der Fremde die Ehe mit Isolde Weißhand ein.7

Das klingt beim ersten Durchgehen des textkundigen Tristan- Lesers in seiner Härte beinahe falsch, denn wir wissen ja, dass ein Bleiben Tristans am Hof Markes den Tod beider nach sich gezogen hätte und er die Ehe mit Isolde Weißhand in Gottfrieds Text nicht eingeht (dies ist nur aus der Stofftradition bekannt) und auch in den anderen Versionen erst nach vergeblichen Versuchen der Linderung des Liebesschmerzes durch die Teilnahme an Kriegen und vielen Zweifeln diese Ehe schließt. Huber arbeitet in seiner zunächst verkürzt anmutenden Darstellung jedoch scharfsinnig das Resultat der Handlung heraus, ohne Rücksicht auf etwaige Entschuldigungen für Tristans Verhalten, um pointiert zu fragen:

Wie kann diese vom Stoff diktierte harte Wendung erzählend bewältigt werden? Wie stellt sie Gottfried dar, dessen Text auf dem Tiefpunkt der Liebesbeziehung abbrechen wird?8

Die Darstellung des Umgangs mit der Trennung soll im Folgenden nun in Bezug auf die Isolde- und die Tristan-Figur textnah erarbeitet werden.

i. Die Trauer Isoldes und die Beschwörung ewiger Einheit

Nachdem Marke die Liebenden in ihrer Intimität entlarvt hat, erwacht Tristan und erkennt sofort die lauernde Gefahr des bevorstehenden Todes, falls es Marke gelingt, rechtzeitig Zeugen für den Ehebruch durch Tristan und Isolde herbeizuholen. Er sagt Lebewohl zu der Geliebten und Isolde antwortet ihm in einer langen Abschiedsrede (v.18286–18359) in detaillierter Weise. Sie beginnt mit dem Hinweis, dass ihre Herzen schon zu lange verbunden seien, als dass sie noch wüssten, was ‚vergessen‘ hieße, sie schwört ihm Treue (v. 18296f) und ermahnt ihn intensiv, dass er weder sie, ‚Isolde, Eure Liebste‘ (v. 18321), vergessen solle noch die Vollkommenheit ihrer Liebe (v. 18306)9. Sie gibt ihm als Gedächtnisstütze und als Zeugnis ihrer Treue und Liebe (v. 181308f) einen Ring, wobei man die darauffolgenden Verse auch als die weise Vorahnung einer liebenden Frau bezüglich Tristans männlicher Verführbarkeit lesen darf10: ob ir dekeine sinne/ iemer dâ zuo gewinnet,/ daz ir âne mich iht minnet,/ daz ir gedenket derbî,/ wie mînem herzen iezuo sî./ gedenket an diz scheiden, [...]und lât iu nieman nâher gân/ dan Îsolde, iuwer vriundîn! (v. 18310–18321). Sie betont, dass es sich gehöre, dieses ‚Andenken‘ bis zum Tode zu bewahren (v. 18326), denn: wart Îsot ie mit Tristane/ ein herze unde ein triuwe,/ sô ist ez iemer niuwe,/ sô muoz ez iemer staete wern (v. 18330–18333). Isoldes Beschwörung der „Einheitsfigur in Worten, in Klängen und Gedanken“11 erscheint besonders schmerzlich und nachvollziehbar nach dem zuvor beschriebenen Bild vollkommenen Eins-Seins: Es ist, als würden zwei ineinander verschlungene Hälften auseinandergerissen. Ihre Bitte um Treue erhält schließlich noch eine weitere Dimension. Der Geliebte solle in erster Linie an sich selber denken und vor allem seinen eigenen Leib und sein Leben erhalten12: doch will ich einer bete gern:/ swelch enden landes ir gevart,/ daz ir iuch, mînen lîp, bewart./ wan swenne ich des verweiset bin,/ sô bin ich, iuwer lîp, dâ hin./ mir, iuwerm lîbe, dem will ich/ durch iuwern willen, niht durch mich,/ vlîz unde schoene huote geben./ wan iuwer lîp und iuwer leben,/ daz weiz ich wol, daz lît an mir./ ein lîp, ein leben daz sîn wir (v. 18334–18344). Huber führt aus, dass diese Passage auf traditionelle Vorstellungen von „Herzenstausch und Herzenseinheit“ zurückgreift und die „Beteuerung der Lebenseinheit ‚bis in den Tod‘“ schon auf den im Stoff angelegten Liebestod vorausdeutet13.

Tristan geht nach der gegenseitigen Besiegelung ihrer Liebe „unter Schmerzen und großem Kummer“ fort und „sein Selbst, sein zweites Leben, Isolde [bleibt] in großem Jammer zurück“ (v. 18359–18363). In der ‚Isolde Weißhand-Episode‘ wird zunächst Tristan gezeigt, wie er gequält nach Deutschland in den Krieg zieht, woraufhin erst im Anschluss in „seltsamer kompositorischer Verspätung“14 der große Verzweiflungsmonolog Isoldes folgt, als sie dem dahinziehenden Geliebten nachsieht, der im Fragment Gottfrieds die letzte Äußerung aus ihrer Sicht sein wird. In ihrem Klagegesang findet sie keine Antwort auf die Frage, warum er sie so rasch verlässt, wo doch ihrer beider Leben durch den Verlust des jeweils anderen ‚vergiftet‘ seien in einem Weder-noch und in einem Niemandsland zwischen Leben und Tod einzig ein Vegetieren möglich sei: >> ôwî, ôwî, mîn hêr Tristan,/ nu clebet iu mîn herze allez an,/ nu ziehent iu mîn ougen nâch/ und ist iu von mir harte gâch./ wie gâhet ir alsus von mir?/ nu weiz ich doch vil wol, daz ir/ von iuwerm lebene ziehet,/ swenne ir Îsolde vliehet. [...] wir zwei wir tragen under uns zwein/ tôt unde leben ein ander an./ wan unser enwederez enkan/ ze rehte sterben noch geleben,/ ezn müeze ime daz ander geben./ hie mite enist diu arme Îsôt/ noch lebende noch rehte tôt./ ine kann weder dar noch dan. << (v. 18491–18498, 18510–18517). In dieser höfischen mittelalterlichen Welt hat nur der Mann die Möglichkeit davonzuziehen und in der Welt Bestätigung und Vergessen zu suchen, die Frau jedoch ist traditionellerweise an das Haus und einen festen Ort gebunden und entbehrt daher der Gelegenheit nach Zerstreuung in der äußeren Welt. Sie bleibt zurück und zurückgeworfen – einzig allein auf ihr Selbst: Wird sie an ihrer minne -Trauer irre oder findet sie Halt und Beständigkeit in ihrem Innern?15

Isoldes Ringen um eine „innere Haltung“16 findet Ausdruck in ihrer Klage: Zunächst ruft sie verzweifelt und vorwurfsvoll den fernen Geliebten um Hilfe an, ihre gequälte Suche nach Halt äußert sich in den anaphorischen Fragen, die in der Antithetik des ‚weder dort noch hier‘ keine Antwort finden. Sie bleibt zerrissen zwischen ‚Meer‘ (dort, Tristan) und ‚Land‘ (hier, Marke), sie ist an die Stagnation (sitze) gebunden und sehnt sich nach der Progression (var) mit dem Geliebten. Schließlich fällt das Wort ‚vergiftet‘ zum dritten Mal (v. 18432, 18477, 18544): >> Nu hêrre, mîn hêr Tristan,/ sît daz ir mit mir alle zît/ ein lîp unde ein leben sît,/ sô sult ir mir ouch lêre geben,/ daz ich behabe lîp unde leben/ iu z’aller êrste, dâ nâch mir./ nu lêret an! Wes swîget ir? / [...] wâ mag ich mich nu vinden?/ wâ mac ich mich nu suochen, wâ?/ nu bin ich hie und bin och dâ/ und enbin doch weder dâ noch hie./ wer wart ouch sus verirret ie?/ wer wart ie sus zerteilet mê?/ Ich sihe mich dort ûf jenem sê/ und bin hie an dem lande./ ich var dort mit Tristande/ und sitze hie bî Marke./ und criegent an mir starke/ beidiu tôt unde leben./ mit disen zwein ist mir vergeben. << (v. 18518–18524, 18531–18544)

[...]


1 Huber, 11.

2 Uttenreuther, 13, zitiert Dicke, Gerhard (1997), Erzähltypen im ‚Tristan‘. Studien zur Tradition und Transformation internationaler Erzählmaterialien in den Romanversionen bis zur Gottfried von Straßburg, unveröffentlichte Habilitation, 252.

3 Uttenreuther, 12, zitiert de Rougemont, Denis (1987), Die Liebe und das Abendland, Zürich, 22.

4 Ursprünglich war geplant, auch die Trauer Isoldes aus Sicht der gender -Forschung zu beleuchten, doch hätte dies den Umfang der Arbeit deutlich überschritten. Mögliche Asymmetrien müssten daher in einer weitergehenden Untersuchung aufgefangen werden.

5 Müller, 341, 347.

6 Huber, 141.

7 Ebd.

8 Ebd.

9 Isoldes leidenschaftliches Bekenntnis zur Tristan-Minne wird auch schon deutlich in der Petitcrü-Episode, in der sie sich absolut gegen die Möglichkeit des Vergessens verwehrt: „Der gütige Gott möge verhindern, dass ich jemals Freude ohne ihn empfinde!“ Der gesamte Monolog (v. 16368–16387) antizipiert bereits Isoldes Abschiedsrede und ihren Schlussmonolog, vgl. Uttenreuther, 143.

10 Huber, 142, weist darauf hin, dass in der Stofffortsetzung Tristans Blick in der Hochzeitsnacht mit Isolde Weißhand auf den Ring fallen wird und ihn an sein Treueversprechen gegenüber der blonden Isolde erinnert. Der Ehevollzug wird dadurch zunächst verhindert.

11 Huber, 143.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Huber, 144, bemerkt hierzu: „Bei Eilhart wie bei Thomas wird nicht nur Tristan, sondern auch Isolde an ihrer Minne irre. Sie provoziert ein Zerwürfnis, für das sie sich später selbst bestraft, indem sie unter ihrer Robe ein härenes Hemd trägt. Aber das alles, um zuletzt die vom Trank begründete und in den Bearbeitungen mehr oder weniger frei angenommene Minne siegen zu lassen.“

16 Ebd.

Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668877535
ISBN (Buch)
9783668877542
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455178
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Lehrstuhl für Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Gottfried von Straßburg Trauer Identität Tristan Isolde Gender

Autor

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