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Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann. Zwei Frauen und das Konfliktpotenzial zwischen den Frauen- und Friedensbewegungen

Seminararbeit 2018 31 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt

1. Inhalt

2. Einleitung

3. Biographien
3.1 Biographie Anita Augspurg
3.2 Biographie Lida Gustava Heymann
3.3 Begegnung und Zusammentreffen von Anita Augspurg und Lida G. Heymann

4. Stellenwert, Einstellungen und Ziele
4.1 Frauenbewegungen und die Rechte der Frauen
4.2 Friedensbewegungen und der Pazifismus

5. Konfliktpotenzial zwischen den Friedensbewegungen und den Frauenbewegungen

6. Fazit / Schlussfolgerung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Laufe dieses Seminars hatten wir die Möglichkeit, verschiedene Texte zu den Themen rund um Friedensbewegungen und Militarismus zu lesen. Durch den Text „A Radical Women´s Rights and Peace Activist: Margarethe Lenore Selenka, Initiator of the First Worldwide Women´s Peace Demonstration in 1899“ von Ute Kätzel, wurde ich auf Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, zwei bemerkenswerte Persönlichkeiten, aufmerksam. Die Autorin stellte diese Frauen im Kontext der Friedensbewegungen dar und erwähnte dabei mehrmals, dass Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann ebenfalls im Bereich der Frauenrechte sehr engagiert waren.

„She emphasized legal principles and the international court of arbitration, which coincided with men´s peace work but did not go far enough for such pacifists as Augspurg and Heymann. They criticized her position as “old theoretical pacifism”, which was far removed from the “new pacifist spirit which must first flow through the internal person”.1

Besonders interessant erschien mir dabei die Frage, ob sich für die beiden Frauen Schwierigkeiten oder Konflikte ergaben, da sie sehr aktiv im Bereich der Frauenbewegungen waren und später, als sich der Erste Weltkrieg immer mehr anbahnte, auch in den Friedensbewegungen viel mitwirkten. Gleich zu Beginn meiner Recherchen wurde deutlich, dass Augspurg und Heymann gleiche Rechte für Frauen fordern, nicht nur im Bett, sondern auch im Parlament. Die Hauptprioritäten ihres gesamten Schaffens lagen beim Frauenwahlrecht, dem freien Zugang zu Ausbildungsstätten und die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Ihre Ziele versuchten sie immer auf friedliche Weise zu erreichen, deswegen waren Augspurg und Heymann auch schon in ihren Anfängen als Aktivistinnen des radikalen Flügels den pazifistischen Grundsätzen nicht abgeneigt.2 Aufgrund dieser Überlegungen ergaben sich die folgenden Fragen: Wie kamen Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann zusammen? Welche Ereignisse stärkten die Motivation den Pazifismus voranzutreiben? Welche Ereignisse führten für Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann zu einem Konflikt innerhalb der Frauen- und Friedensbewegungen?

Der Fokus meiner Arbeit liegt einerseits darauf zu erläutern, wie die beiden Frauen zu ihren Einstellungen gelangten und warum es ihnen ein Anliegen war die Rechte der Frauen zu vertreten. Andererseits möchte ich herausarbeiten, warum es ihnen so wichtig war ihre Forderungen in einem pazifistischen Rahmen umzusetzen.

Durch die Betrachtung verschiedener Ereignisse, Entscheidungen und Tätigkeiten in ihren Biographien will ich verdeutlichen, welchen Stellenwert die Rechte der Frauen und der Pazifismus, für diese beiden Frauen hatten. Außerdem ist es von Relevanz, ob Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann sich vielen Konflikten aussetzten mussten, da sie für die Gleichberechtigung der Frauen kämpften und diesen Kampf dann später mit dem Pazifismus verbanden. Im Hauptteil dieser Arbeit soll geklärt werden, inwiefern die Rechte der Frauen und die Frauenbewegungen per se ihr Leben beeinflusst haben und ob der Einsatz für den Pazifismus eine Veränderung ihrer Arbeit und persönlichen Einstellungen bewirkte. Des Weiteren soll erläutert werden, welche Diskrepanzen sich für diese beiden Frauen in Bezug auf ihre Prinzipien aufgetan haben.

Die Hypothese, von der ich ausgehe, ist, dass sich für Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann ebenfalls einiges änderte, da der drohende Erste Weltkrieg Veränderung mit sich brachte. Aufgrund ihrer eigenen Ideologien wurden sie dazu gezwungen in Sachen Krieg Stellung zu beziehen. Doch wollten sie auf keinen Fall ihre Jahrzehnte lange Arbeit für die Gleichberechtigung der Frauen, für den Pazifismus abwerten lassen. Dies hatte zur Folge, dass sich einige Diskrepanzen entwickelten, die sie immer weiter von der Realität entfernen ließen und dadurch ihre Handlungsspielräume fast zur Gänze vernichtet wurden.

2. Biographien

2.1 Biographie Anita Augspurg

Anita Augspurg wurde am 22. September 1857 in Verden geboren. Sie war das jüngste von fünf Kindern, und hatte zwei ältere Brüder und zwei ältere Schwestern. Ihr Vater war Anwalt und hatte seine eigene Kanzlei, deswegen war er die meiste Zeit nicht zu Hause. Er war politisch sehr interessiert und diskutierte deshalb oft über politische Themen im Kaffeehaus mit seinen Freunden. Jedoch hatten Anitas Eltern keine großen Ansprüche, was die Bildung ihrer Töchter anbelangte. Schon sehr früh zeigte sich, dass Anita ein wissbegieriges und kluges Kind war. Eine ihrer älteren Schwestern brachte ihr schon mit vier Jahren das Lesen und Schreiben bei. Sie spielten gemeinsam „Schule“, wodurch Anita das Lernen leicht fiel. Doch Augspurg hatte schon als kleines Kind einen eigenen Willen und war sehr charakterstark, denn meistens tat sie einfach das, was sie wollte.

Als Anita Augspurg die Schule beendet hatte, war sie sechzehn Jahre alt. Ihre Interessenvielfalt war groß. Theater, Malerei und Bücher faszinierten sie, und erweckten das künstlerische in ihr. Doch genauso wie eine kreative Seite in Augspurg vorhanden war, gab es ebenfalls eine realistisch pragmatische Anita, die sich nach Gleichbehandlung sehnte, weswegen sie die Aushilfsarbeiten in der Kanzlei ihres Vaters sehr ansprechend fand und sie begann sich nicht nur für Kultur zu interessieren, sondern auch für die Juristerei. Doch die Berufe, die Augspurg sich vorstellte auszuüben, wie Anwältin, Biologin oder Redakteurin des Kulturteils, waren für Frauen nicht vorgesehen. „Höhere“ Töchter wurden in der Schule nur auf den Beruf der Ehefrau und Mutter vorbereitet. Doch in der Realität gab es zu diesem Zeitpunkt schon ein Heer an berufstätigen Frauen. Jedoch waren das Anstellungen, in denen Frauen keine Rechte hatten. Fabrikarbeiterinnen, Verkäuferinnen, Hausmädchen und Landarbeiterinnen, das waren alles Berufe für Frauen, in denen sie untergeordnet wurden, schwer arbeiten mussten, dafür schlecht bezahlt wurden und von der Gesellschaft nicht geachtet wurden. Es gab auch viele Frauen, die aus einer gutbürgerlichen Familie stammten und trotzdem heimlich arbeiten gehen mussten, um sich und ihre Familie ernähren zu können. Es gab nur einen Beruf für Frauen den sie ausüben konnten ohne geächtet zu werden und dies war der Lehrerberuf.

Es war aus der gesellschaftlichen Perspektive nicht vorgesehen, dass Frauen selbstständig einer Arbeit nachgehen können. Somit wurden auch keine Ausbildungen für das weibliche Geschlecht zur Verfügung gestellt. Dies schränkte die Berufswahl wesentlich ein, denn in handwerklichen Betrieben und kaufmännischen Berufen gab es nur Lehrstellen für Männer oder Burschen. Des Weiteren war es ihnen in Deutschland nicht gestattet zu studieren. Sieht man sich hierzu vergleichend Amerika an kann man feststellen, dass schon im Jahre 1835 die ersten Frauen an Universitäten studierten. Allgemein waren die Bildungseinrichtungen für Mädchen und Frauen auf keinem guten Standard, die meisten hatten sogar eher ein erbärmliches Niveau. Anita hatte in diesem Fall ein bisschen Glück, denn die Mädchenschule, die sie in Verden besuchte, hatte im Gegensatz zu anderen „Höhere-Töchter“-Schulen ein besseres Niveau. Doch Anita war nach dem Ende der Schule nicht sicher, was sie mit ihren ganzen Fähigkeiten und Interessen anfangen sollte. Sie wollte so viele Dinge wissen, lernen und war neugierig auf die Welt und neue Dinge zu entdecken, aber all diese Eigenschaften waren für Mädchen mit sechzehn Jahren nicht vorgesehen und wurden auch nicht als relevant wahrgenommen.3

„Zu dieser Zeit gab es längst erste Stimmen einer erwachenden Frauenbewegung. In der Revolution von 1848 hatten Frauen wie Franziska Anneke und Luise Otto-Peters auch die Frauenrechte eingeklagt. Möglicherweise hatte Anitas demokratisch engagierter Vater mit diesen frühen Frauenrechtlerinnen sympathisiert.“4

Vielleicht war das einer der Gründe, warum Augspurgs Vater ihr ermöglichte, in seiner Kanzlei zu arbeiten. Sie durfte Akten schreiben und konnte sich dadurch einen guten Überblick über die Gesetze verschaffen und wie Prozesse funktionierten. Ein Weiterer Bonuspunkt war sicher auch, dass sie für ihre Arbeit bezahlt wurde. Im Gegensatz zu Anita übten ihre zwei Schwestern den einzigen Beruf für Frauen aus, der nicht verpönt wurde - sie wurden beide Lehrerinnen.

1877 wurde Anita von ihren Eltern erlaubt, für ein Jahr nach Berlin zu gehen. Augspurg wusste diese Chance zu schätzen und absolvierte schon nach einem halben Jahr ihr Examen am „Schmalspur-Institut“. Dies ermöglichte, weil sie von ihren Eltern ein ganzes Studienjahr in Berlin genehmigt bekommen hatte, eine weitere Ausbildung als Turnlehrerin zu vollenden. Mit dieser Weiterbildung setzte Anita ebenfalls ein Zeichen, denn durch die schon aufstrebenden Frauenbewegungen kamen neue Sportarten für Frauen in Mode. Dies bedeutete aber nicht, dass Fahrradfahren, Schwimmen und Schlittschuhlaufen für Frauen innerhalb der Gesellschaft akzeptiert waren, aber es wurde begonnen, darüber zu diskutieren. Jedoch gab es einige Mutige, die sich trotz der vielen Kritik, nicht davon abhalten ließen diese Sportarten auszuüben.

Augspurg hatte den Vorteil, dass sie nach der Absolvierung ihres Turnlehrerin-Examens volljährig wurde. Somit hatte sie die Freiheit, selbst über ihre Zukunft bestimmen zu können und entschied sich dafür, in Berlin zu bleiben und ihre künstlerische Seite zu entwickeln. Ein weiterer Punkt der Anita in die Hände spielte war, dass sie ab diesen Zeitpunkt auch Zugriff auf eine großmütterliche Erbschaft hatte. Das erste Mal in ihrem Leben war sie komplett unabhängig. Sie beschloss, da ihr Interesse für Theater und Schauspiel schon des längeren vorhanden war, Schauspielerin zu werden. Zwar war der Beruf der Schauspielerin in einem Hause, wie aus einem aus dem Augspurg stammte, nicht angesehen und mit Vorurteilen behaftet, wie der Ruchlosigkeit, trotzdem konnte Anita niemand davon abhalten. Johanna Frieb-Blumauer, eine in dieser Zeit unkonventionelle Charakterdarstellerin, gab in Berlin Unterricht. Anita Augspurg verehrte diese Schauspielerin, die im Gegensatz zu vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen keine abstrakten Figuren spielte, sondern reale Menschen mit ihren ganz eigenen besonderen Zügen. Sie hatte die Fähigkeit, körperliche und geistige Defizite so realistisch darstellen zu können, sodass das Publikum annahm, dies wäre die Wirklichkeit. Genau aus diesen Gründen war auch Anita so fasziniert und entschied in die Schule von Johanna Frieb-Blumauer zu gehen. Drei Jahre dauerte die Schauspielausbildung bei Frieb-Blumauer. Danach erhielt Anita Augspurg, 1881, ihr erstes Engagement. Die nächsten fünf Jahre arbeitet Augspurg als Schauspielerin in Berlin.5

1886 lernte Augspurg, durch ihre Schwester, Sophie Goudstikker kennen. Goudstikker interessierte sich sehr für die Malerei und Kunst, war jedoch leider nicht mit der künstlerischen Begabung ausgestattet und nahm aus diesem Grund Malunterricht bei Augpurgs Schwester. Augspurg und Goudstikker verstanden sich gut, weil sie einige Interessen miteinander teilten, weswegen sie beschlossen die von Männern dominierte Welt der Foto-Ateliers zu erobern. Durch die Arbeit in der Kanzlei ihres Vaters hatte Augspurg ein Gespür für eine strukturierte Herangehensweise bekommen. Deswegen recherchierten die beiden nach einem geeigneten Standpunkt für ihr Foto-Atelier. Bei diesen Recherchen kam München heraus, das eine bekannte Stadt in der Kunstszene war. Viele Künstlerinnen und Künstler lebten in München und ein großer Teil davon waren Frauen. Außerdem wurde diese Stadt als einer der liberalsten angesehen. Also zogen Goudstikker und Augspurg nach München und begannen beide eine Ausbildung zur Fotografin. Durch ihre Zeit als Schauspielerin kannte Anita einige Kolleginnen und Kollegen in München.6

Im Sommer 1887 war es dann endlich soweit, Sophie Goudstikker und Anita Augspurg konnten ihr „Atelier Elvira“ eröffnen. Die beiden Frauen hatten ein Ziel und einen Plan dafür. Sie wollten sich von den anderen Foto-Ateliers abheben, nicht nur in Bezug darauf, dass dieses von zwei Frauen geführt wird. Sie spezialisierten sich auf Kinderaufnahmen. Dies kam gut an, doch aufgrund ihrer Kontakte bestand die Hauptkundschaft aus Schauspielern und besonders aus Schauspielerinnen. Ein wesentlicher Faktor dafür scheint gewesen zu sein, dass Goudstikker und Augspurg Frauen in typischen Männerposen ablichteten. Dies wurde bei den Kundinnen gut angenommen.7

„Sophie Goudstikker, die verbindlichere und auch geschäftstüchtigere, managte den Kundenkontakt, Anita Augspurg war für die Technik zuständig, die richtige Beleuchtung und die Dunkelkammer. Sie schafften sich Kulissen an, mit denen sie im Atelier verschiedene Hintergründe gestalten konnten.“8

Da ihr „Atelier- Elvira“ so gute Umsätze machte, konnten sie das Leben, dass sie sich vorstellten, führen. Sie mussten sich nicht mehr an all die Regeln halten, die ihnen ihr Leben erschwerten, um so sein zu können, wie sie wollten. Es wurden die Haare kurz geschnitten und ihre Kleidung tauschten sie gegen bequemere aus. Der Druck der männlichen Gesellschaft gefallen zu wollen oder eher gesagt zu müssen, fiel komplett ab von ihnen. Die beiden Frauen teilten sich einen Haushalt, dies implizierte nicht sofort eine Liebesbeziehung, aber für die damalige Zeit war es außerordentlich ungewöhnlich. „Zwei junge unabhängige Frauen, die allein lebten, mit einer Köchin, die ihnen die Wirtschaft machte, mit vielen Freunden, Festen und offensichtlich höchst zufrieden.“9

Das Heim von Goudstikker und Augspurg wurde zu einem beliebten Treff für berühmte Menschen, die kamen um ihre Meinungen vorzutragen und sich mit gleichgesinnten zu unterhalten. Frank Wedekind und Bertha von Suttner sind nur zwei von vielen, die diese Gesellschaft sehr schätzten. Bertha von Suttner stellte dort sogar ihren Roman „Die Waffen nieder“ vor. Aus diesen Zusammenkünften wurde mit der Zeit konkrete Politik.

1888 gründete Hedwig Kettler, ebenfalls eine Frauenbewegerin, den Frauenverein „Reform“, der sich einer besseren Bildung für junge Mädchen annahm und sich für Frauenberufe einsetzte. Augspurg schrieb für den Frauenverein „Reform“ einen Artikel über den Beruf als Fotografin. Schon 1888 und 1889 hatte der Frauenverein „Reform“ Petitionen eingereicht, damit in Deutschland Mädchengymnasien gegründet werden. Denn dies wäre die grundsätzliche Voraussetzung gewesen, damit Frauen überhaupt studieren dürften. Kettler motivierte Augspurg dazu eine Veranstaltung zum Thema Frauenbildung und Frauenrecht in München zu organisieren. In der damaligen Gesellschaft war es nicht üblich, dass Frauen öffentliche Reden hielten und auch Anita Augspurg war deswegen sehr aufgeregt. Zwar war sie es durch ihre Schauspielkarriere gewöhnt vor Publikum zu sprechen, aber dieser Auftritt war etwas Anderes. Denn es ging um ihre ganz persönliche politische Meinung und ihre tiefsten Prinzipien. Nachdem ihr erster politischer Auftritt, abgesehen von etwas Nervosität, gut verlief, versammelten sich einige Frauen um sie, um mehr zu erfahren. Diese Veranstaltung war für den Verein Reform ein voller Erfolg, weil sie dadurch mehr Mitglieder bekamen. Die Frauen von Reform reichten in allen Bundesländern von Deutschland ihre Petition ein, aber nur die Regierung von Baden zeigte Interesse. Sofort ergriffen sie ihre Chance und sammelten in Eigeninitiative Geld für die Gründung eines privaten Mädchengymnasiums. Nach langen Verhandlungen mit der Stadt Karlsruhe, konnten sie endlich 1893 mit der Gründung beginnen. 1897 wurde das private Mädchengymnasium zu einem öffentlichen Gymnasium, weil sich die Stadt dazu entschloss, es zu übernehmen.10

„1899 machte der erste Jahrgang Abitur. Glücklicherweise war Augspurg nicht dabei, als eine der Schülerinnen in der ersten Abiturrede, die je eine deutsche Schülerin halten durfte, ihren „Dank“ and die feministischen Gründerinnen formulierte: „Nein, wir wollen nicht emanzipiert sein im schlechten Sinn. Wir wollen nicht unsere Haare kurz scheren und Zigarren rauchen, wir wollen nicht unsere weibliche Natur, unser Wesen aufgeben um den Männern nachzuahmen.“ 11

Anita Augspurg wollte es sich nicht nehmen lassen, studieren zu dürfen, weswegen sie 1892 nach Zürich ging, um dort das Studium der Rechtswissenschaften zu absolvieren. In dieser Stadt studierten fast einhundertfünfzig Frauen, die aus aller Welt stammten. Dort lernte sie viele verschiedene intellektuelle Frauen kennen, die aus Russland, Amerika oder Deutschland kamen. Ihre Familie hatte im 16. Jahrhundert einen Fond für Studierende eingerichtet, deswegen hätte Anita eigentlich ein Stipendium bekommen sollen. Jedoch wurde auch in diesen Fall die „Männerkarte“ gespielt, und ihr wurde erklärt, dass dieser Fond nur für Männer eingerichtet wurde.12 Staatsrecht, Strafrecht und Zivilrecht bildeten das Hauptaugenmerk von Anita.

In Zürich war es ganz anders als in München, aber trotzdem versuchte Augspurg ihre Einstellungen bezüglich der Gleichberechtigung an die Frauen zu bringen. Sie fand einige Mitstreiterinnen auch in Zürich, wie zum Beispiel Rosa Luxemburg, mit der sie auch von Zeit zu Zeit gemeinsam im Internationalen Studentinnen Verein arbeitete. In Bezug auf Frauen, die studieren durften, war Zürich eine gespaltene Stadt. Einerseits gab es den konservativen, gutbürgerlichen Teil, der am See lebte und nicht verstanden, dass Frauen so frei studieren konnten, und andererseits gab es die Universität oben am Berg. Die Universität in Zürich war ein Ort, an dem es offen und liberal zuging. Männer und Frauen lebten nebeneinander und behandelten sich mit Respekt. 13

2.2 Biographie Lida Gustava Heymann

Lida Gustava Heymann wurde am 15. März 1868 in Hamburg geboren. Heymann war das mittlere Kind von fünf Töchtern. Im Gegensatz zu Anita Augspurg, hatte Lida Gustava Heymann viel weniger Freiheiten und stand unter ständiger Beobachtung.

„Hätte ich als junger Mensch doch auch nur einmal einen Schritt alleine machen dürfen!“14 Wenn ihre Eltern außer Haus waren und sie nicht kontrollierten, hielten sich französische „Bonnen“ oder auch Gouvernanten im Haus auf, um auf die fünf Kinder zu achten. Die Kinder hatten keine Möglichkeit aus ihren eigenen Erfahrungen zu lernen, sie durften nicht Toben und auch nicht zur Schule gehen. Lida wurde zu Hause von Privatlehrern unterrichtet, nicht weil ihr Vater der Meinung war, dass sie nicht für die Schule geeignet gewesen wäre, sondern weil er ein Gegner von Impfungen war und in der Grundschule waren die Kinder verpflichtet, geimpft zu werden. Der Vater von Lida war sehr reich, dadurch fehlte es den Kindern an nichts - außer an Freundinnen und Freunden in ihrem Alter.

[...]


1 Ute Kätzel, A Radical Women´s Rights and Peace Activist: Margarethe Lenore Selenka, Initiator of the First Worldwide Women´s Peace Demonstration in 1899, S. 60-61

2 Anna Dünnebier, Ursula Scheu, Die Rebellion ist eine Frau: Anita Augspurg und Lida G. Heymann, Das schillerndste Paar der Frauenbewegung; Kreuzlingen; München: Hugendubel, 2002.

3 Vgl. Dünnebier, Scheu, Die Rebellion ist eine Frau, S. 14-17.

4 Ebd., S. 16.

5 Vgl. Dünnebier, Scheu, Die Rebellion ist eine Frau, S. 17-19.

6 Vgl. Ebd., S. 22.

7 Vgl. Dünnebier, Scheu, Die Rebellion ist eine Frau, S.23.

8 Ebd ., S. 23.

9 Ebd., S. 25.

10 Vgl. Dünnebier, Scheu, Die Rebellion ist eine Frau, S. 26-29.

11 Ebd., S. 29.

12 Vgl. Ebd., S. 33.

13 Vgl. Dünnebier, Scheu, Die Rebellion ist eine Frau, S. 34-35.

14 Dünnebier, Scheu, Die Rebellion ist eine Frau, S. 54.

Details

Seiten
31
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668884458
ISBN (Buch)
9783668884465
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455367
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
2
Schlagworte
anita augspurg lida gustava heymann zwei frauen konfliktpotenzial frauen- friedensbewegungen

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Titel: Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann. Zwei Frauen und das Konfliktpotenzial zwischen den Frauen- und Friedensbewegungen