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Die Suche nach dem philosophischen Idealstaat. Die unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen in Platons "Politeia" und "Nomoi"

Hausarbeit 2017 18 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der philosophische Idealstaat in der Politeia

3. Der empirische Gesetzesstaat in den Nomoi

4. Die Unterschiede zwischen den Gesetzesstrukturen

5. Platon und Aristoteles – Ein Vergleich des besten Staates

6. Schlussbetrachtung

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Der Bundestag sei „stärker und einflussreicher“ als jedes andere Parlament auf der Welt. Aber der Bundestag sei „nicht immer so gut wie er sein könnte oder auch sein sollte“, so Prof. Dr. Norbert Lammert, der Präsident des 18. Deutschen Bundestags (Lammert, 2017).

Vier Wochen vor der Bundestagswahl 2017 sind immer noch 80 % der wahlberechtigten Bürger der Bundesrepublik Deutschland unentschieden. Fragt man auf den Straßen nach der Zufriedenheit des demokratischen Staatsapparates dann erhält man in der heutigen Zeit immer häufiger die Antwort die im Tenor etwa so lautet, dass sich die Bevölkerung nicht mehr ausreichend gut im deutschen Bundestag vertreten fühlt. Die politischen Strukturen sind zu eingesessen, der politische Streit hat damit aufgehört zu existieren. So entstehen immer häufiger Wandlungstheorien zur Form der parlamentarischen Demokratie. Von einer Umwandlung zum direkten Demokratie System wie zum Beispiel der Schweiz bis hin zur Theorie der „liquid Democracy“ reicht das Spektrum des Willens der Umgestaltung des Systems recht weit.

Bereits der Philosoph Platon Gedanken, ob es einen idealen Staat gibt und wie er auszusehen hätte. Vom Idealismus inspiriert schafft er es in der Politeia eine ideale Gesellschaft zu formulieren. Durch die Unmöglichkeit eines Staats unter Philosophenführung schafft er in den Nomoi eine vermeintlich zweitbeste Staats- und Gesellschaftsform (Roske, 2017). In dieser Hausarbeit sollen nun die beiden Staats- und Gesellschaftsformen vorgestellt und anschließend miteinander verglichen werden

2. Der philosophische Idealstaat in der Politeia

Zunächst einmal handelt es sich bei der Politeia um einen in zehn Bücher gegliederten Dialog zwischen Platon und seinen beiden Brüdern Glaukon und Adeimantos. Im weiteren Verlauf treten der Redner Thrasmachos sowie Platons Lehrer Sokrates als Hauptfiguren auf. Zu Beginn des Dialoges im ersten Buch findet eine Diskussion zwischen Sokrates und Thrasmachos zum Thema der der Definition von Gerechtigkeit statt. Daraus entsteht ein weiterer Dialog in dem die Protagonisten erörtern, dass sich ein gerechter Staat dadurch auszeichnet, wenn jeder seine durch die Natur gegebene Aufgabe erfüllt. So lässt sich in Platons Vorstellung eines Idealstaates eine permanente Grundstruktur feststellen. Diese Grundstruktur beinhaltet den permanenten Ausgleich zwischen den verschiedenen Elementen einer jeden Polis. So findet man im Dialog permanent das Prinzip der Gleichheit, welches aber nicht für alle uneingeschränkt gelten soll. Platon sagt, dass die Menschen innerhalb einer Polis ungleich sind und der einzelne Mensch deshalb nicht jede Aufgabe innerhalb der Gemeinschaft erfüllen kann. Aus diesem Grund sind die Menschen auch nicht alle dem gleichen Recht unterworfen. So ist zu erkennen, dass Platons idealer Staat eine sehr hierarchische und aristokratische Struktur besitzt.

Die Regierung der Philosophen ist also das Regieren einer Elite, welcher sich die anderen Bewohner der Polis unterzuordnen haben. In der zweiten Hälfte des III. Buches spricht Platon von der „dreifachen Schichtung“ in Lehrstand, Wehrstand und Nährstand. Der Lehrstand besteht aus den regierenden Philosophen die die Elite der Gesellschaft bilden und einzig und allein an der Weisheit interessiert sind. Daraus bildet sich der „Philosphenkönigssatz“ als zentrale Aussage der Politeia: Durch die Herrschaft der Philosophen besteht die Möglichkeit, dass dadurch ein bester Staat entsteht und dass damit alles menschliche Übel ein Ende erfährt (Politeia 473 c-e). Dadurch sollen die politische Macht und die philosophische Erkenntnis miteinander verschmelzen. Es wird sehr stark deutlich, dass Platon noch nichts von der korrumpierenden Wirkung der Macht weiß, weshalb ihm eine direkte Kontrolle der Macht als überflüssig erscheint. Dabei scheint die „echte“ Philosophie als Kontrolle der Macht, und somit ist der Philosoph nach Platon auch vor jeglichem Machtmissbrauch gefeit.

Zusammengefasst lässt sich über die Philosophenherrscher sagen, dass ein guter Regent nur der sein kann, der permanent nach Wissen strebt und sich diese aneignet (Politeia 540 a7-b1). Gleichzeitig macht sich keiner so wenig aus der Macht zu regieren wie der Philosoph, somit ist er derjenige der am wenigsten Lust auf das Regieren hat:„(…) der Staat, in welchem die zur Regierung berufenen am wenigsten Lust haben zu regieren, wird notwendig am besten und ruhigsten verwaltet werden, (…). Wenn du denen, welche regieren sollen, eine Lebensweise herausfindest, welche besser ist als das Regieren, dann kannst du es dahin bringen, dass der Staat wohl verwaltet werde (Politeia 520 d2-521a2).“„Nun aber sollen ja nicht Liebhaber des Regierens dazu gelungen, weil sie sonst als Mitbewerber darum streiten werden.“Es ist also typisch, dass die Philosophen nur am Philosophieren interessiert sind. So wird die Zeitspanne des Regierens begrenzt. Die Philosophen können sich innerhalb ihrer Regierungszeit ablösen (Politeia 520d, 540b). So haben die Philosophen mehr Zeit dazu dem philosophieren als ihrer eigenen Muse nachzukommen.

Der Wehrstand wirkt im mittleren Bereich der Gesellschaft und sorgt für den Ausgleich. Anders als der Lehrstand sind die Wächter mehr an Ehre als an Wissen interessiert. Ihre Aufgabe besteht einzig und allein in der Verteidigung des Landes. Deshalb unterliegt die Auswahl der Wächter sehr hoher Kriterien. Durch diese Auslese ergibt sich, dass der Staat in weitere Klassen ausdifferenziert. Ein Wächter hat als wichtigste charakterliche Eigenschaft tapfer zu sein (Politeia 375a). Gemeint ist hier aber die militärische Tapferkeit welche in der Hierarchie unter der intellektuell-philosophischen Tapferkeit liegt. Weitere Charaktereigenschaften sind Gelehrigkeit, Edelmütigkeit, Anmutigkeit, Freiheitsliebe, Gerechtigkeitssinn sowie Besonnenheit in Bezug auf ihre eigene Tapferkeit (Politeia 485b-487a). Alle Wächter besitzen eine Seele, die stets das Vollständige und Ganze anstrebt, sowohl Menschliches als auch Göttliches. Damit besitzen sie auch gleichzeitig den Sinn, stets den gesamten Überblick über die Zeit und das darin enthaltene Sein zu behalten. Aus diesem Grund halten die Wächter weder das Leben selbst noch den Tot für etwas Besonderes (Politeia 486 a-f).

Unter dem Nährstand versteht man Handwerker, Bauern, und Kaufleute, anders gesagt, die produktiv arbeitende Bevölkerung. Ihre Aufgabe ist es, die materiellen Grundlagen für das Zusammenleben in der Polis zu erarbeiten. Ihre Lebensweise ist im Modell der Politeia als schwächste der drei Stände mit Auflagen geregelt. Es ist lediglich davon die Rede, als dass es innerhalb der Polis nicht zu allzu großen Reichtums- und Vermögensunterschiede kommen soll (Politeia 421a-423a). Dementsprechend führt der dritte Stand ein materiell gut gestütztes leben und wird in keinem Maß ausgebeutet. Es ist als primitiver Tauschhandel zu verstehen, dass die arbeitende Bevölkerung die wirtschaftliche Versicherung der Wächter sorgt, und diese ihnen im Gegenzug eine politische Sicherheit verschaffen. Weiter ist der dritte Stand vom Militärdienst gänzlich befreit was ihm dazu verhilft, ihm Rahmen der Gesetzgebung der Polis, ein entsprechend freies Leben zu führen. Da in der Politeia die Stellung innerhalb der Gesellschaft nicht durch die Geburt abhängt, sondern von den eigenen geistigen Befähigungen kann ein Kind, welches in den dritten Stand hineingeboren wird durch seine Begabung zum Wächter ausgebildet werden, und umgekehrt.

Der Idealstaat der in der Politeia beschrieben wir ist eine Utopie in dem Sinne, dass er nicht in der Welt vorkommt. Jedoch ist die Darstellung der Gesellschaft eine Richtschnur dafür, wie eine ideale Gesellschaftsordnung auszusehen hätte. So hat dieses Modell eher einen Zielcharakter. Beispielhaft für diesen Charakter ist die Schichtung der Gesellschaft: Herrschende Philosophen als kleinste Gruppe an der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide, die Wächter als Sicherheitskräfte und Militär, zuständig für die Verteidigung der Gesellschaft sowie der Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit. Und schlussendlich der dritte und größte Stand der die Wirtschaftskraft sicherstellt und sich den beiden anderen Ständen aus Gründen der Sicherheit und des Wohlbefindens unterordnet. Gewiss ist dies in Reinkultur nichtmöglich, dennoch zeigt es Platons wichtigste Anliegen: Herrscher ohne Privatinteresse, Macht ohne Besitz sowie Unterordnung im privaten Wohlstand.

3. Der empirische Gesetzesstaat in den Nomoi

Bei den Nomoi handelt es sich um eines von Platons Spätwerken. Es handelt sich hier ebenso wie in der Politeia um einen Dialog zwischen drei Männern: Zum einen Kleinias von Kreta, Megillos von Sparta, sowie ein Athener, dessen Identität nicht erklärt wird und der bis heute unbekannt ist. Die Gründung einer neuen Siedlung auf Kreta durch Kleinias, der zur gesellschaftlichen Führung seiner Heimatstadt Knossos angehört, wird zum Anlass genommen während einer gemeinsamen Wanderung ein neues bestes Staatsmodell zu entwerfen. Alle entscheidenden Ideen zur Staatstheorie kommen dabei von dem unbekannten Athener. Ziel soll eine Verfassung sein, bei der alle Bürger die in ihren Lebensumständen am meisten begünstigt sind. Dabei stehen die Tüchtigkeit sowie die Tugendhaftigkeit des einzelnen Bürgers im Vordergrund. Diesen Eigenschaften ist alles andere unterzuordnen.

So liegt der Hauptunterschied zur Politeia darin, dass sich die drei Diskussionsteilnehmer nicht mit idealen Paradigmen und Vorstellungen auseinandersetzen, sondern vor allem mit den realen empirischen und historischen Gegebenheiten. Platon weicht in diesem Fall jedoch nicht von seiner philosophischen Grundüberzeugung ab. Dieses Staatsmodell ist nur dem Umstand zu verdanken, dass es in der menschlichen Welt keineswegs immer ideale Verhältnisse gibt, welche einen Philosophenstaat zulassen. „Die politische Philosophie der „Nomoi“ ist weiterhin zu begreifen als der angestrengte Versuch, das Verhältnis von Wissen und Macht neu zu formulieren und im Sinne eines Ausgleichsmit der Freiheit definierter zu erfassen (Krämer 1966: 267).“

Platons Gesetzesverfassung wird in den Nomoi als zweitbeste Lösung gegenüber der der Politeia angesehen. Sie bewegt sich dabei zwischen dem idealistischen Musterbild und den real herrschenden Verhältnissen (Nomoi 739a-740a). So beschreibt Platon diesen Versuch lediglich als „Annäherung“ an einen zweitbesten Staat:„Der nächste Zug bei der Aufstellung der Gesetze (…) wird wohl, ungewohnt wie er ist, anfangs den Hörer in Erstaunen versetzen; wenn er aber darüber nachdenkt und die Probe darauf macht, so wird ihm klarwerden, dass ein Staat wohl nur am zweitbesten eingerichtet werden kann, gemessen am besten Zustand. Vielleicht wird mancher einen solchen Staat nicht billigen, weil ihm ein Gesetzgeber, der nicht zugleich Tyrann ist, etwas Ungewohntes ist. Dennoch ist es am richtigsten, wenn man die beste Verfassung und die zweit- und die drittbeste schildert und nach deren Schilderung jeweils dem die Wahl überlässt, der für die Gründung verantwortlich ist. Diesem Grundsatz gemäß wollen auch wir jetzt verfahren, indem wir eine der Vollkommenheit nach erste und zweite und dritte Verfassung darstellen; (…) und wenn schließlich Gesetze den Staat soweit wie möglich zu einer Einheit gestalten, dann wird niemand, der für deren richtigeren oder besseren setzen. (…) Derjenige Staat aber, dessen Gründung wir jetzt in Angriff genommen haben, dürfte wohl, wenn er verwirklicht würde, der Unsterblichkeit am nächsten kommen und dem Wert nach den zweiten Rang einnehmen; den dritten aber werden wir danach, so Gott will, vollenden (…) (Nomoi 739 a-e).“

Ein weiter Unterschied in den Nomoi ist das Fehlen der kommunistischen Verhältnisse sowie der Philosophenherrschaft. Beide sollen durch eine gemischte Verfassung ersetzt werden. In dieser gemischten Verfassung gelten Freiheit, Vernunft und Eintracht als Grundlage. Diese Ziele werden auf dem umständlichen Weg des Ausgleichs der einzelnen Werte erreicht. So lässt Platon die Freiheit zu Gunsten einer vernünftigen Herrschaftsordnung zu. Weiter spielt die antikriegerische Überredung im Gesetzesstaat eine Schlüsselrolle: Die gesetzgebende Gewalt mildert die Strenge des Befehls ab bevor sie strikt befielt. Dazu versucht sie die vernünftige Zustimmung aller Bürger zu gewinnen (Nomoi 719a-723d). Nach Platon ist der athenische Verfassungsentwurf der beste, er verurteilt jedoch die Handhabung der Nomoi selbst. Platon sagt hier, dass jegliches Unrecht nicht durch die Nomoi, sondern durch die Menschen selbst entsteht. Dies lässt sich dadurch stützen, dass Platon auch die Gesetze der Athener Polis anerkennt. Der Blick nach oben wird in den Nomoi der Blick nach unten, so lässt sich erklären, wieso die Philosophenherrschaft aus der Politeia der Herrschaft des Gesetzes in den Nomoi weichen muss. Der Entwurf in den Nomoi fußt auf einer Neuordnung des athenischen Modells, allerdings mit einer größeren Prägnanz der Gesetze:

Nun aber findet sich ja doch nirgends eine solche Fähigkeit, es sei denn im geringen Maße; darum gilt es das zweitbeste zu wählen, die Ordnung und das Gesetz, die zwar die häufigsten Fälle ins Auge fassen und berücksichtigen, aber natürlich nicht alles überschauen können. (Nomoi 875d)“Ziel des Staates muss eine Besserung des moralischen Denkens der Bürger sein. Durch die hohe Autorität der Gesetze in den Nomoi erscheint eine Neuordnung des athenischen Staatsmodells als durchaus möglich. So zum Beispiel im IV. Buch, hier wird die Imitation der göttlichen Handlungen durch den „Nomos“ betont:

„(…) Wir haben eine Kunde empfangen von dem glückseligen Leben der Menschen damals, wie es alles überreichlich und ganz von selbst darbot. Als Grund davon wird folgendes angeführt. Weil nämlich Kronos erkannte, dass (…) keine einzige menschliche Natur fähig ist, in eigener Machtvollkommenheit alle menschlichen Angelegenheiten zu verwalten und dabei nicht von über Armut und Ungerechtigkeit offen zu werden, weil er also das bedachte, setzte er abermals als Könige und

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668873131
ISBN (Buch)
9783668873148
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455377
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Institut für Politikwissenschaft und Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Platon Aristoteles

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