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Gegenüberstellung. Sexsucht und Borderline-Persönlichkeitsstörung

Hausarbeit 2012 14 Seiten

Psychologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sexsüchtiges Verhalten
2.1 Einführung und Definition
2.2 Merkmale und Ausdrucksformen
2.3 Mögliche Ursachen
2.4 Komorbidität und Mehrfachabhängigkeit

3. Borderline- Persönlichkeitsstörung
3.1 Einführung und Definition
3.2 Kriterien und Ausdrucksformen
3.3 Mögliche Ursachen
3.4 Komorbidität und Suchterkrankungen

4. Sexsüchtiges Verhalten und
Borderline-Persönlichkeitsstörung
4.1 Zwischenmenschliche Beziehungen, Sexualität
und Borderline-Persönlichkeitsstörung
4.2 Impulsivität und Störung der Impulskontrolle
4.3 Funktion von (Sex-) Sucht im Zusammenhang
mit Borderline-Persönlichkeitsstörung

5. Fazit

6. Literatur- Quellennachweis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit mit dem Titel „Sexsucht und Borderline-Persönlichkeits­störung“ ist eine Annäherung an das Phänomen des sexsüchtigen Verhalten bei Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Im Folgenden wird der Annahme nachgegangen, dass Sexsucht im Zusam­menhang mit einer psychischen Störung wie Borderline auftreten kann, und sich als mögliche Bewältigungsstrategie, beispielsweise für traumatische Erlebnisse in der Kindheit zeigt.

Zunächst werden beide Krankheitsbilder spezifisch vorgestellt, um im an­schließenden Teil sexsüchtiges Verhalten und Borderline-Persönlichkeit in einen möglichen Zusammenhang zu stellen. Dabei werden im ersten Schritt Sexualität und Beziehungsmuster von Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung dargestellt, und im zweiten, der Bezug von Impulsivität und Störung der Impulskontrolle erörtert. Zudem wird die Funktion von (Sex-) Sucht im Zusammenhang mit Borderline dargestellt.

Abschließend wird im Fazit die Bedeutung von sexsüchtigem Verhalten bei Borderline-Erkrankten für die Therapie- und Behandlung erläutert.

2. Sexsüchtiges Verhalten

2.1. Einführung und Definition

Das menschliche Sexualverhalten gilt als der intimste Lebensbereich und ist natürliches Verhalten, welches neben dem Aspekt der Fortpflanzung auch der Herstellung des Wohlbefindens dient (Grüsser/ Thalemann 2006; Gross 2000).

Gesellschaftliche Normen und Werte beeinflussen die Vorstellung von Sex­ualität und den Umgang mit dem Sexualverhalten, was wiederum auch für das sexsüchtige Verhalten gilt (Poppelreuter/ Gross 2000). „Wie bei nahezu allen Verhaltensweisen kommt es […] auch im Bereich der Sexualität zu behandlungswürdigen Abweichungen vom <<normalen>> Verhalten“ (Grüsser/ Thalemann 2006, 189).

Sexsucht lag lange Zeit im Verborgenen, bekommt aber in den letzten Jah­ren immer mehr Aufmerksamkeit und Verständnis (Batthyány/ Pitz 2009; Roth 2007).

Das Phänomen des sexsüchtigen Verhaltens wurde bereits 1896 durch den Österreicher Richard von Karft-Ebing als „sexuelle Hyperästhesie“ bezeich­net (Batthyány/ Pitz 2009), der Begriff Sexsucht wurde erstmals in den 1930er Jahren beschrieben (Grüsser/ Thalemann 2006).

Zunächst wurden „[...] sexuell exzessives Verhalten und entsprechende Gedanken im psychiatrischen Kontext [...] als Syndrome zu Grunde liegen­der psychiatrischer Störung begriffen [...]“ (Poppelreuter/ Gross 2000, 114). Zunehmend wird sexsüchtiges Verhalten dann als eigenständiges Krank­heitsmodell eher dem Suchtkonzept zugeordnet (Poppelreuter/ Gross 2000).

Bislang gibt es für das Phänomen der Sexsucht keinen einheitlichen Dia­gnoseschlüssel nach den internationalen Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV (Roth 2007).

Beispielsweise lässt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach ICD-10 die Zuordnung von sexsüchtigem Verhalten zu unterschiedlichen Diagnose­schlüsseln offen:

- F52.7 Gesteigertes Sexualverhalten
- F52.8 Sonstige sexuelle Funktionsstörung, nicht verursacht durch eine organische Störung oder Krankheit
– F52.9 Nicht näher bezeichnete sexuelle Funktionsstörung, nicht verursacht durch eine organische Störung oder Krankheit
- F63.8 Sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle

(ICD-10; vgl. Poppelreuter/ Gross 2000)

Auch das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM- IV) bietet verschiedene Möglichkeiten der Klassifizierung und Zuord­nung des sexsüchtigen Verhaltens in „verminderte sexuelle Appetenz“ (302.71), „nicht näher bezeichnete sexuelle Störung“ (302.9) oder „nicht näher benannte und nicht andernorts klassifizierte Störung der Impulskon­trolle“ (312.3) (Poppelreuter/ Gross 2000).

Dadurch ist eine eindeutige statistische Erhebung der Anzahl der Betroffenen nicht möglich, dennoch sind es laut Kornelius Roth geschätzte 0,5 bis 5 Prozent der Bevölkerung, welche sich in professionelle Behand­lung begeben, die Dunkelziffer der Behandlungsbedürftigen sei dement­sprechend höher einzustufen (Roth 2007). Zudem lässt sich mit Gewissheit sagen, dass das Verhältnis von betroffenen Männern und Frauen bei 4:1 liegt (Grüsser/ Thalemann 2006).

„Vertreter des Konzepts der Sexsucht bemühen sich allerdings nicht, die […] Verhaltensweisen den bereits bestehenden diagnostischen Kategorien im Bereich der sexuellen Störungen zuzuordnen. Vielmehr richtet sich ihr Bestreben darauf, Sexsucht als eigenständiges Störungsbild zu etablieren und dem Suchtbegriff zuzuordnen“ (Poppelreuter/ Gross 2000, 119).

Dementsprechend orientieren sich Befürworter des Sexsuchtkonzeptes an bestehenden Verhaltensbeschreibungen bei stoffgebundenen Abhängigkei­ten (Alkohol, Medikamente, Nikotin, Drogen). Sie führen Sexsucht und andere sogenannte stoffungebundene Verhaltenssüchte in einem Suchtkonzept sinnvoll zusammen (Poppelreuter/Gross 2000).

Hier ist abschließend noch zu erwähnen, dass für das DSM-V bereits eine neue Kategorie für Verhaltenssüchte geplant ist, welche womöglich auch sexsüchtes Verhalten aufführen und klassifizieren soll (Mick/ Hollander 2006 in: Batthyány/ Pitz 2009).

2.2 Merkmale und Ausdrucksformen

Sexsüchtiges Verhalten gilt als „vielgestaltiges Phänomen“, was das Erken­nen für Betroffene, Angehörige und auch professionelle Helfer erschwert (Roth 2007).

Dennoch lassen sich empirisch einige Grundmerkmale erkennen. Die Sex­sucht kann sich aber weiterhin in ihrer jeweiligen Ausdrucksform der Se­xualität bzw. der sexuellen Verhaltensweisen unterscheiden (Roth 2007; Poppelreuter/ Gross 2000). Beispielhaft seien hier häufiges Partnerwech­seln, häufiger anonymer Kontakt zu Prostituierten, voyeuristischer Sex, Fantasiesex, sexueller Kontakt allein über Medien wie Computer oder sonstige Möglichkeiten des sexuellen Kontrollverlustes genannt (Roth 2007, vgl. Grüsser/Thalemann 2006, 196f).

Entscheidend sei hier „[...] neben dem süchtigen Erleben Häufigkeit, Funkti­on und Folgen des Sexualverhaltens [...]“ (Roth 2009, 34).

Die gemeinsamen Merkmale des vielseitigen sexsüchtigen Verhaltens, be­schreibt Patrick Carnes (1992) wie folgt:

- Das sexuelle Verhalten gerät außer Kontrolle
- Das sexuelle Verhalten hat schwere negative Folgen
- Trotz der schädlichen Konsequenzen ist der Betroffene unfähig, das sexuelle Verhalten einzustellen
- Beharrliches Verfolgen selbstzerstörerischer oder hochriskanter Verhaltensweisen
- Kontinuierliche Wünsche oder Bemühungen, das sexuelle Verhalten einzuschränken
- Sexuelle Zwangsvorstellungen und Fantasien als primäre Bewälti­gungsstategie
- Ständiges Zunehmen von sexuellen Erlebnissen, weil die augen­blicklichen Aktivitäten nicht ausreichen
- Schwere Stimmungsumschwünge im Zusammenhang mit den sexu­ellen Aktivitäten
- Es wird übermäßig viel Zeit damit verbracht, sich Sex zu beschaf­fen, sich sexuell zu verhalten oder sich von sexuellen Erlebnissen zu erholen
- Aufgrund des sexuellen Verhaltens werden wichtige soziale, berufli­che oder erholsame Aktivitäten vernachlässigt

(vgl. Grüsser/ Thalemann 2006, 191; Poppelreuter/ Gross 2000, 115f)

Die hier aufgezählten Indikatoren beschreiben die klassisch angewandten Suchkriterien, welche bei stoffgebundenen Abhängigkeiten gelten. Kennzei­chen wie:

Kontrollverlust, Schädlichkeit, Zwanghaftigkeit, Destruktivität, Leidensdruck, Bewältigungsversuche, Dosissteigerung, emotionale Destabilisierung, do­minanter Verhaltensbereich und Einengung des Verhaltens zudem auch Entzugssymptome, lassen sich dementsprechend nahezu lückenlos auf sexsüchtiges Verhalten übertragen (Grüsser/ Thalemann 2006; Batthyány/ Pitz 2009; Poppelreuter/Gross 2000).

2.3 Mögliche Ursachen

„Psychische, soziale und biologische Faktoren spielen bei der Entwicklung der Sucht eine Rolle. Auch bei der Sexsucht gibt es differenzierte Modelle, die den unterschiedlichen Einflussfaktoren und ihren Wechselwirkungen Rechnung tragen“( Roth 2007, 47).

Erhöhte Vulnerabilität bzw. eingeschränkte Verarbeitungsmöglichkeiten be­lastender Ereignisse gelten beispielsweise bei einer dysfunktionalen Ent­wicklung oder Sozialisation als besondere Risikofaktoren.

So kommt traumatischen Erfahrungen, als mögliche ätiologische Begrün­dung für die Anfälligkeit für die Entwicklung von sexsüchtigen Verhaltens­weisen, immer wieder besondere Bedeutung zu (Roth 2007, Batthyány/ Pitz 2009).

Einiges weist darauf hin, „[...] dass Sex, Sucht und Trauma in bestimmten Hirnarealen über verschiedene Verbindungsleitungen und Botenstoffe in Zusammenhang stehen“ (Roth 2007, 61). Gegen die Folgewirkungen (Scham-, Schuldgefühle und Probleme mit dem Selbstwert), zum Beispiel eines sexuellen Missbrauchs in der Kindheit, wirkt Sexualität dort als „psy­chisches Analgetikum“ zur kurzfristigen Bewältigung des Traumas oder all­gemeiner gefasst, zur Bewältigung negativer Emotionen (Batthyány/ Pitz 2009).

Daneben ist es auch naheliegend, dass vor allem das Internet mit seiner niedrigen Zugangsschwelle, seiner Anonymität und dem quasi unbegrenz­ten Vorhandensein pornografischer Materialien exzessiven Gebrauch be­günstigt und somit auch als Ursache für die Entstehung von sexsüchtigem Verhalten gelten kann (Batthyány/ Pitz 2009).

2.4 Komorbidität und Mehrfachabhängigkeit

Verschiedene Untersuchungsergebnisse zeigen Komorbiditäten mit ande­ren stoffgebundenen und auch stoffungebundenen Süchten, beispielsweise ist bei rund 39% aller Untersuchten sexuell Abhängigen, auch Alkohol- oder Drogenabhängigkeit diagnostiziert (Roth 2007; Poppelreuther/ Gross 2000).

Desweiteren äußert sich bei einem Drittel der befragten Patienten eine Ess­störung und fünf Prozent der Befragten neigen zu spielsüchtigem Verhalten (Roth 2007). Zudem berichten viele der sexsüchtigen Patienten von „[...] exzessivem Fernseh-, Video- oder Computerkonsum und empfanden ihr Verhalten in dem Bereich ebenfalls als süchtig“ (Roth 2007, 89).

Eine differenzielle Diagnostik ist von essenzieller Bedeutung, damit eine gleichzeitig auftretende Suchterkrankung die Sexsucht nicht überdeckt und eine Therapie erfolgreich durchgeführt werden kann (Grüsser/ Thalemann 2006).

Komorbidität mit anderen psychischen Erkrankungen in Zusammenhang mit Sexsucht ergeben sich gleichzeitig als Begleiterkrankung oder stehen eigenständig neben der Sexsucht (Roth 2007). Demnach zeigen sich hohe Prävalenzen gleichzeitig vorkommender Angststörungen (ca. 40%) oder auch Depressionen (ca. 40%) (Batthyány/ Pitz 2009).

Auch das Auftreten von psychischen Krankheiten neben der Sexsucht, muss stets erkannt und bei der Therapie und Behandlung berücksichtigt werden (ebenda).

3. Borderline- Persönlichkeitsstörung

3.1.Einführung und Definition

„Einsamkeit, die Angst verlassen zu werden, impulsive, selbstzerstörer-ische Akte, stürmische Beziehungen, die Unfähigkeit, Intimität aufzubauen - derartige Gefühle erfahren wir alle einmal“ (Kreismann/ Straus 2009, 14).

Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung erleben diese fast ständig und zudem noch in viel stärkerer Intensität (Kreismann/ Straus 2009).

Grundsätzlich spricht man dann von einer Borderline-Persönlichkeitsstö­rung, wenn diese Probleme zu erheblichen und längerfristigen Beeinträchti­gungen im persönlichen, sozialen und beruflichen Bereich führen (Möhlen­kamp 2005).

Der Begriff "Borderline" („Grenzlinie"), gilt lange Zeit als eine Zwischenkate­gorie zur Diagnose von Grenzfällen zwischen Neurose und Psychose (Möhlenkamp 2005).

1938 wird diese Kategorie erstmals vom amerikanischen Psychoanalytiker William Louis Stern beschrieben und später in den siebziger Jahren klar als eigenständiges Krankheitsbild definiert, indem sie 1980 in das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM III) aufgenommen wird und heute weitestgehend als Krankheit in der Fachwelt anerkannt ist (Kreismann/ Straus2009; Möhlenkamp 2005).

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung wird dort als eine Persönlichkeits-störung „[…] mit deutlicher Tendenz, Impulse auszuagieren ohne Berück­sichtigung von Konsequenzen und wechselnder, launenhafter Stimmung […]“ bezeichnet (ICD-10). Zudem neigt der Betroffene zu emotionalen Aus­brüchen und ist nicht in der Lage sein impulsives Verhalten zu kontrollieren.

Untersuchungen ergeben, dass etwa 2 bis 5% der Bevölkerung in Deutsch­land (d.h. ca. 3-4 Millionen Bundesbürger) betroffen sind, wovon drei Viertel der Betroffenen junge Frauen sind (Möhlenkamp 2005).

3.2 Kriterien und Ausdrucksformen

Laut ICD-10 (International Classification of Diseases) kann die Borderline-Persönlichkeitsstörung nach F60.3 (emotional instabile Persönlichkeitsstö­rung), in zwei Erscheinungsformen eingeteilt werden:

Erstens der impulsive Typus (F60.31), welcher gekennzeichnet ist durch emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle; und in den Borderli­ne- Typ (F60.32), welcher sich zusätzlich durch Störungen seines Selbstbil­des, der Ziele, der inneren Präferenzen und durch ein chronisches Gefühl von Leere auszeichnet. Dieser Typus ist weiter gekennzeichnet durch in­tensive, aber unbeständige Beziehungen und einer Neigung zu selbstde­struktivem Verhalten bzw. auch parasuizidalen Handlungen und Suizidver­suchen (ICD-10).

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Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668886964
ISBN (Buch)
9783668886971
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455420
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Note
1
Schlagworte
gegenüberstellung sexsucht borderline-persönlichkeitsstörung

Autor

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Titel: Gegenüberstellung. Sexsucht und Borderline-Persönlichkeitsstörung