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Ist Videoüberwachung in Kindertagesstätten ethisch vertretbar?

Hausarbeit 2018 15 Seiten

Ada Pädagogik / Erziehung / Beratung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Relevanz

2. Tatsachenberichte

3. Sicherheit vs Freiheit- die zentralen Gesichtspunkte des ethischen Widerspruchs
3.1 Die Elternperspektive - Sicherheit um jeden Preis
3.2 Die Erzieherperspektive - Freiheit als Wert an sich

4. Theoretische Fundierung
4.1 Gesinnungsethik
4.2 Verantwortungsethik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Relevanz

Wir leben in einer dynamischen Welt, die von wissenschafts - technischer und gesellschaftlich - politischer Entwicklung gekennzeichnet ist. Wir befinden uns aber auch in einer Zeit, die immer häufiger von Aggression und Terror geprägt wird, was sich als ein Phänomen des 21 Jahrhunderts bezeichnen lässt. Eine der grundlegenden Aufgaben der heutigen Gesellschaft besteht darin, die Sicherheit des Einzelnen und des Nationalstaats, der unter ständigem politischem Druck und Kontrolle steht, zu bewahren. Sicherheit und Freiheit als grundlegende moralische Werte sind in jeder Staatsverfassung verankert und sind definierend für die grundlegenden Menschenrechte. Das schnelle Tempo der technologischen Entwicklung ist eine Voraussetzung für die Sicherung der Einhaltung dieser Menschenrechte durch den Einsatz fortschrittlicher Technologien, zu denen auch Videoüberwachung gehört. Die systematische Überwachung von öffentlichen und privaten Orten wird von kontroversen Diskussionen begleitet, die sowohl die Vor- und Nachteile dieser Art von Sicherheitsproduktion, als auch die ethischen Grenzen der Technologie kritisch betrachten. Es stellt sich die Frage, ob dies das geeignetste Instrument zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung und zur Schaffung einer gesunden Umwelt ist, in der man frei ist, sich im Geiste einer liberalen, demokratischen europäischen Gesellschaft zu definieren.

Ziel dieser Hausarbeit ist anhand konkreter Beispielen von gewalttätigen Erziehern*innen1 in Kindertagesstätten die Frage zu untersuchen, ob und inwieweit Videoüberwachung in Kindertagesstätten eine ethisch vertretbare Strategie und eine ethisch gerechtgertigte Maßnahme zur Verhinderung von zukünftigen Vorfällen darstellt. Auf dieser Basis wird aus einer sozialethischen Perspektive eine Bewertung der Einführung dieser Art von sozialen Kontrolle des pädagogischen Handelns gegeben.

Die Relevanz der zu bearbeitenden Fragestellung ergibt sich hauptsächlich durch zwei Argumentationslinien. An erster Stelle ist darauf zu verweisen, dass viel Fachliteratur sich auf Aggression und deren Prävention unter Kindern konzentriert und ganz wenig im Bereich des aggressiven Verhaltens von Erziehern und Pädagogen geforscht wird. Zweitens wird oft in wissenschaftlichen Beiträgen das Thema Videoüberwachung nur aus ,,stark normativ geprägten Perspektive behandelt‘‘2, wobei viele wichtigen Aspekte in den Hintergrund treten, wie zum Beispiel die persönliche Einstellung eines Individuums zum Thema Videoüberwachung und die dazugehörigen Einflüsse auf das psychosoziale Verhalten in einer Beobachter- und beobachteten Beziehung.

Im ersten Teil der Arbeit werden Vorfälle aus drei Kinderbetreuungseinrichtungen in drei verschiedenen Ländern kurz vorgestellt, wo kindeswohlgefährdendes Handeln von Erziehern gegenüber Kindern beobachtet war. Im nächsten Abschnitt werden die verschiedenen opponierenden Ansichten mit ihren dazugehörigen Argumenten und ethischen Maximen, auf die sie sich stützen, in den Mittelpunkt gestellt. Im dritten theoretischen Teil wird unter Verwendung zweier verschiedener ethischer Ansätze eine Bewertung vorgenommen und nach jedem sinnzusammennhängenden Paragraf werden Schlussfolgerungen gezogen, die eine abschließende Bewertung des Konflikts und Empfehlungen für seine Lösung enthalten. Im Fazit werden die wichtigsten Überlegungen zusammengefasst.

2.Tatsachenberichte

Immer häufiger wird in den Medien über Gewalt in Kindertageseinrichtungen berichtet und das nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auf einer internationalen Ebene. Gewaltvolles Verhalten kann eine ganze Reihe von sozialen, kulturellen und psychologischen Ursachen aufweisen und diese Tatsache erschwert die Beschaffung einer optimalen und grenzenübergreifenden praktischen Lösung der Problematik. Sensibler wird das Thema wenn man von aggressiven Übergriffen seitens frühpädagogischer Fachkräften gegenüber Kindern spricht, da diese an erster Stelle von dem Kindertagesförderungsgesetz (KitaFöG) als Verantwortungsträger für die Unterstützung einer gewaltfreien, alters- und entwicklungsgemäßenden Erziehung zuständig sind.3

2013 wird von einer Kindergarten in Barletta, Italien berichtet, wo eine Erzieherin dabei gefilmt wird, wie sie körperliche Gewalt gegen Kinder anwendet. Anlass für die heimliche Installierung einer Kamera ist die Anforderung von Eltern, die bei ihren Kindern Störungen im Sozialverhalten beobachtet haben. Italienische, deutsche und österreichische Online-Medien berichten kurz über das Entlassen der Erzieherin und verurteilen das Verhalten.4 Vier Jahre später erscheint in der Berliner Zeitung ein Artikel von Martin Klesmann über die Kita namens ,,Gleimstrolche‘‘ in Berlin, Prenzlauer Berg, wo wieder körperlich aggressives Verhalten einer Erzieherin festgestellt wurde und demzufolge eine fristlose Kündigung der pädagogischen Fachkraft erfolgte sowie die Freistellung der Kita- Leitung.5 Leider fehlen öffentliche Quellen zu Weiterbehandlung des Vorfalls und ergriffene Maßnahmen von dem Senat für Bildung, Jugend und Familie.

Große Aufmerksamkeit in den südosteuropäischen Medien gewinnt ein Vorfall aus einem bulgarischen Kindergarten, nachdem auf einer Aufnahme eine Erzieherin körperliche Übergriffe begeht und eine unangemessene Sprache benutzt, öffentlich in den Medien präsentiert wird.6 Als Konsequenz finden nationale Demonstrationen gegen Gewalt in Kindertagesstätten statt und der Staat fühlt sich mit einer Reihe von Anforderungen seitens der Eltern konfrontiert. Der Fall wird gleich wie die anderen zwei vorgestellten Vorfälle behandelt, nämlich mit einer fristlosen Kündigung und Entlassung der Leitung. Für die stark emotionale Ladung der Situation sind die bulgarischen Medien verantwortlich, deren Charakter als eher aufgeregt und tabloid - orientiert als kritisch zu bezeichnen ist, da wiederrum staatliche Kontrolle Einfluss auf die redaktionelle Arbeit hat, was eine offensichtliche Selbstzensur konstruiert.7 Dies führt nicht notwendig zu falscher Akzentuierung des Geschehens, ist aber eine Voraussetzung dafür. Daraus resultiert Unschärfe im begrifflichen Verständnis - in dem Fall von Webcams und deren gesetzliche Erlaubnisbestände- die von den Empfängern der Information nicht hinterfragt werden.

Die drei kurz vorgestellten Falldarstellungen sind aus zwei wichtigen Gründen zu erläutern. An erster Stelle wird damit klar, dass Gewalt in Kindertagesstätten unabhängig von kulturellen und sozialen Kontext existiert und keine Problematik von bestimmten Staaten darstellt. Darüber hinaus erweist sich, dass keine eindeutige Entscheidung nach diesen drei Vorfällen getroffen wird, außer der Freistellung von dem in der Kita zuständigen Personal und dem Wechsel der Betriebsleitung. Das Fehlen einer sinngemäßen und lösungsorientieren Strategie spaltet die gesellschaftliche Meinung in zwei, vor allem in dem Moment wo eine so umstrittene Maßnahme wie Videoüberwachung als Lösungsansatz angeboten wird. Im nächsten Teil der Arbeit wird auf diese Meinungsverschiedenheit näher eingegangen, was der zentrale Anhaltspunkt für die ethische Bewertung ist.

3. Sicherheit versus Freiheit- die zentralen Gesichtspunkte des ethischen Widerspruchs

Minderjährige haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung und diese Tatsache ist in dem im Jahr 2000 von dem Bundestag veröffentlichten Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung und zur Änderung des Kindesunterhaltsrechts vorgeschrieben8, sowie in jedem demokratischen Staat in verschiedenen Formen auffindbar. Diese Bestimmung bezieht sich auf die zwei sozialen Konstrukte (die Familie und die Kindertageseinrichtungen), die Verantwortungsträger für eine gesunde Erziehung eines Kindes zuständig sind. Wenn aber offenbare Konflikte zwischen beiden Seiten zustande kommen, die das Kindeswohl und die Funktionalität des pädagogischen Bildungssystems beeinträchtigen, ist der staatliche Eingriff unvermeidlich. Oft wird dabei die ethische Seite von den angebotenen Verbesserungen zur Konfliktvermeidung vernachlässigt und dabei entstehen Auseinandersetzungen, die sich auf das Gebiet der Ethik bewegen. Die zwei kontrastierenden Einstellungen gegenüber dem Thema Videoüberwachung in Kindertageseinrichtungen der Eltern einerseits, und der Erzieher andererseits, werden im Folgenden näher erläutert. Da diese ethische Debatte sehr stark nach dem Vorfall in dem bulgarischen Kindergarten ausgeprägt ist, werden sich die folgenden Überlegungen hauptsächlich auf die Einstellungen der direkt betroffenen Eltern und Erzieher anknüpfen. Was die Eltern wollen ist klar und deutlich- einen sicheren Ort für ihre Kinder. Diesem Gedanken ist auf den ersten Blick schwer zu widersprechen, nichtsdestotrotz scheint diese Maxime schwer umsetzbar, wenn andere Rechte dabei verletzt werden.

3.1 Die Elternperspektive- Sicherheit um jeden Preis

Mehr als zehn nationalweite Bürgerproteste gegen die verbale und körperliche Gewalt in Kindertagesstätten, die von Eltern organisiert werden, begleiten die Pro und Contra Videoüberwachungdebatte und präsentieren die Ausgansüberlegung der betroffenen Eltern, dass die Sicherheit der Kinder um jeden Preis gewährleistet werden soll, in dem Fall mit dem Einsatz von visueller Überwachungstechnik. Dieser Anforderung liegen zwei Werte zugrunde, die in der UN- Kinderrechtskonvention zu finden sind- einerseits die körperliche Unversehrtheit eines Kindes und andererseits die Berücksichtigung des Kindeswohls:

,,(1) Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, gleichviel ob sie von öffentlichen oder privaten Einrichtungen der sozialen Fürsorge, Gerichten, Verwaltungsbehörden oder Gesetzgebungsorganen getroffen werden, ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist.‘‘9

Auf dieser rechtlichen Grundlage des wichtigsten Menschenrechtsinstrumentariums für Kinder wird nach Legitimation für eine Kameraüberwachung gesucht. Da das kindeswohlgefährdendes Handeln faktisch schon aufgetreten ist, wird jede sicherungsorientierte Maßnahme tatsächlich als eine verspätete Antwort auf das fehlerhafte Verhalten der Erzieher wahrgenommen. Diesem Gedankengang folgend kann man behaupten, dass ein technisches Instrument, das ein schnelles, sichtbares und nachvollziehbares Ergebnis liefert, das geeignetste Präventionsmittel bereitstellt. Für die Erfüllung dieser Bedingung hat ein Überwachungssystem sicherlich Potenzial. Damit wird die Grundlage für die Argumentationslinie der Elternperspektive begründet.

Weiterhin beruht die Zustimmung der Eltern mit der Videoüberwachung als beste Lösungsmaßnahme auf eine moralisch- geschichtliche Traditionslinie, die mit dem vor 1989 in Bulgarien herrschenden Sozialismus in enger Verbindung steht. Aktuelle Statistiken zeigen, dass mehr als 70% der pädagogischen Kräfte an Kitas über 45 Jahre alt sind, davon zählen die meisten zu der Gruppe der zwischen 55 bis 59 Jährigen.10 Diese Generation charakterisiert sich mit einer autoritären Moral, in dem jede Handlung, die außerhalb der vorgegebenen Struktur stattfindet und die ,,organische Einheit der persönlichen und gesellschaftlichen Interesse‘‘ nicht entspricht, mit Restriktions- und Sanktionsmethoden behandelt wird.11 Aus heutiger Sicht ist eine Diskrepanz zwischen der herrschenden Sittlichkeit in der kapitalistischen Welt und dem sozialistischen Verständnis für Einhaltung der moralischen Prinzipien zu beobachten, was zugleich zu falschen Auffassungen der Berufsethik der Erzieher und dessen Moralethos schlussfolgert. Erzieher müssen sich modernisieren und entsprechend ihre Kompetenzen und Persönlichkeitsstruktur an die heutigen Anforderungen der modernen demokratischen Gesellschaft, sowie die neue Generation von Kindern aneignen. Videokameras werden als Zeichnen eines Modernisierungsprozeses wahrgenommen.

[...]


1 Im folgenden Text werden bei Personenbezeichnungen wegen der besseren Lesbarkeit grundsätzlich nur die männlichen Personen genannt; sie werden als Gattungsbegriffe verstanden, die stets auch die entsprechenden weiblichen Personen einschließen.

2 Vgl. Kudlacek, K., Akzeptanz von Videoüberwachung, Springer Fachmedien Wiesbaden 2015, S.14

3 § 1 Gesetz zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und Kindertagespflege (Kindertagesförderungsgesetz- KitaFöG) von 23 Juni 2015, S.2

4 Vgl. https://www.bild.de/news/ausland/news-ausland/italienische-erzieherin-misshandelt-kleinkinder-30617558.bild.html, 31. Mai 2013 08:02; Akt: 31.05.2013 08:31 (Letzter Abruf 15.06.18); https://www.news.at/a/italien-gewalt-kindergarten , 31.05.2018 (Letzer Abruf 15.06.18).

5 Vgl. Klesmann, Martin: Kita in Prenzlauer Berg, Erzieherin sollte Kinder gefesselt haben, 31.05.17. https://www.berliner-zeitung.de/berlin/polizei/kita-in-prenzlauer-berg-erzieherin-soll-kinder-gefesselt-haben-27015510 (Letzer Abruf 15.06.18)

6 Aleksova, Ceca: Aggression in Kindergarten: Schläge gegen vierjährigen Kinder, 01.02.2018 https://nova.bg/news/view/2018/02/01/205802/агресия-в-детска-градина-крясъци-и-удари-спрямо-4-годишни-деца-видео (Letzer Abruf 15.06.2018)

7 Vgl. Stegherr, Marc/Liesem, Kerstin, Die Medien in Osteuropa, Mediensysteme in Transformatiosprozess, VS Verlag, 1. Auflage 2010, S. 146-147

8 Vgl. § 1631 Abs. 2 Bundesgesetzblatt Jahrgang 2000 Teil 1, Nr. 48 ausgegeben zu Bonn am 7. November 2000

9 vgl. §3, Abs.1 UN- Kinderrechtskonvention, in Kraft getreten 2 Sept.1990, https://www.kinderrechtskonvention.info/kindeswohl-3428/

10 Vgl. Kateliev, Svilen, Nationalinstitut für Statistik, Bulgarien, Statistik für Bildung und Kultur, Stand 27.04.2018, jährliche statische Auswertung bezieht sich auf 2017/2018.

11 Vrgl. Bailleu, Melitta (Übersetzung aus d. Russ.), Die Moral der entwickelten sozialistischen Gesellschaft, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 1979, S.8

Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668886704
ISBN (Buch)
9783668886711
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455456
Note
1,7
Schlagworte
videoüberwachung kindertagesstätten

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