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Marcel Duchamps "Étant donnés". Ein paradoxes, selbstreflexives und wahrnehmungstheoretisches Werk als Kommentar zur Kunstgeschichte

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 35 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Marcel Duchamps Étant donnés
2.1.Beschreibung
2.2.Einordnung in die Objektkunst
2.3.Entstehungsgeschichte und Material

3. Ein wahrnehmungstheoretisches und selbstreflexives Werk
3.1. Historische, zeitgeschichtliche und ikonografische Einordnung
3.1.1.Ikonografische Quellen
3.1.2.Perspektive
3.1.3.Kriminologie und der Black Dahlia Murder
3.2.Weiblicher Körper, Sexualität und Pornografie
3.3.Betrachterrolle und Wahrnehmungsästhetik
3.4.Rätselhaftigkeit
3.5.Öffnen und Schließen bei Étant donnés
3.6.Dekonstruktion und Metakunst

4.Étant donnés als Kommentar zur Kunstgeschichte

5.Fazit

Abbildungen

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Sekundärliteratur

Internetquellen

1.Einleitung

„Ein Kunstwerk existiert dann, wenn der Betrachter es angeschaut hat. Bis dahin ist es nur etwas, das gemacht worden ist, und wieder verschwinden kann, ohne dass jemand davon weiß...“.1

Marcel Duchamp, von dem dieses Zitat stammt, gilt als einer der wichtigsten und einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts und als Wegbereiter der Postmoderne. Mit seinen Ready-Mades gab er der Diskussion um den Kunstbegriff und dem Nachdenken über die Definition von Kunst und Künstler ganz neue Anstöße und präsentierte neuartige Denkweisen. Er produzierte Konzeptkunst par excellence. Bekannt für seine Werke wie Nude Descending a Staircase (No. 2) von 1912 als Vertreter des Kubismus2 und Fountain von 19173 als konzeptionelles Werk schlechthin, das die Kunstwelt infrage stellt und die großen Fragen der Kunsttheorie (Was ist Kunst? Wer bestimmt, was Kunst ist? Warum werden bestimmte Werke im Museum präsentiert? Wo liegt die Grenze zwischen Kunst und Alltag?) an den Betrachter weitergibt4, bleiben andere Werke von Duchamps weniger bekannt und zumindest eher unbeachtet für die Tatsache, dass sie neue Wege für die Kunstgeschichte bedeuteten. Ein Beispiel für ein solches, weniger bekanntes Werk, ist Étant donnés von 1946-19665 (Abb. 1 und 2). Die Installation ist jedoch aufgrund verschiedener Umstände durchaus wichtig für Duchamps Oeuvre und Interpretation seines Gesamtwerkes sowie Ausdruck seiner kunstphilosophischen bzw. kunsttheoretischen Haltung. Es gibt zudem Aufschluss über Themen und Konzepte, die Marcel Duchamps beschäftigten, als er offiziell schon verkündigt hatte, die Kunst aufzugeben und sein Leben anderen Dingen zu widmen. 6 Allein, um zu ergründen, welche Ideen den „späten“ Duchamp bewegten, aber auch um sich höhere Interpretationsebenen wie Ikonografie, Perspektive und Metakunst zu erschließen, lohnt es, sich seiner letzten – oftmals auch als „Hauptwerk“7 oder gar „Meisterwerk“ 8 bezeichneten – künstlerischen Schöpfung zu widmen.

In ihrer zentralen Frage beschäftigt sich die Arbeit mit der grundsätzlichen Intention des Künstlers, also mit Fragen zu den Aussagen des Werkes und mit der Frage, ob das Werk als ein Kommentar auf die Kunstgeschichte an sich gesehen werden kann. Um die übergeordnete These, dass Duchamps Étant donnés das System der Kunstgeschichte in mehreren Ebenen (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) infrage stellt, zu beweisen, werden unterschiedliche Deutungsansätze vorgestellt, unter denen vor allem die Punkte zur Ikonografie, zur Perspektive,zur Wahrnehmungstheorie und zur Metakunst entscheidend sind. Die Leitfragen zur Überprüfung der These sind: Was soll das Werk aussagen? Auf welcher Ikonografie basiert es? Was macht es mit dem Betrachter und mit welchen Mitteln wird diese Wirkung erzeugt? Was bedeutet das Werk auf einer Meta-Ebene? Welche Besonderheiten in Bezug auf Rätselhaftigkeit und andere Themen, wie der Feminisierung des Bildraumes oder des „Öffnens und Schließens“ können festgehalten werden?

Zuerst wird zur Einführung der Aufbau des Werkes unter Punkt zwei durch eine kurze Beschreibung, die nicht nur auf den Seheindruck, sondern auch auf die Technik und die verwendeten Materialien eingeht, erschlossen. Außerdem wird auf die Entstehungsgeschichte eingegangen, die im Falle von Étant donnés eine zentrale Rolle spielt und für die Deutungsansätze eine wichtige Grundlage bildet. Unter Punkt drei werden einzelne Deutungsansätze verschiedener Wissenschaftler vorgestellt, diskutiert und kategorisiert. Es wird auf ikonografische Quellen eingegangen, mit unterschiedlichen Gemälden früherer Künstler verglichen und ausformuliert, warum und wie verschiedene Forscher diese Quellen mit Étant donnés in Zusammenhang bringen. Ein weiterer Punkt erläutert die Zusammenhänge zwischen der Geschichte und Theorie der Perspektive und dem zu untersuchenden Werk. Kurz wird auf den zeitgeschichtlich medial wirksamen Mordfall des sogenannten Black-Dahlia-Murder eingegangen, der laut Jonathan Wallis eine weitere Inspirationsquelle für Étant donnés darstellen könnte. 9 Für die Wirkung der Installation ist das Aufmerksam-Machen auf Wahrnehmungssituationen ein grundlegender Faktor, weswegen sich ein Kapitel genauer mit den Auswirkungen des Werkes auf den Betrachter beschäftigt. Dazu werden auch Aspekte von Weiblichkeit, Sexualität und Pornografie beleuchtet, die unter Berücksichtigung des Voyeurismus mit dem vorherigen Punkt in engem Zusammenhang stehen. Anschließend wird auf Aspekte des Öffnens und Schließens bei Étant donnés eingegangen, die mit verschiedenen vorherigen Punkten in Verbindung stehen. Zuletzt wird beschrieben, wie im vorliegenden Werk der traditionelle Bildaufbau dekonstruiert und infrage gestellt wird, bevor Gegeben sei in seiner Eigenschaft als selbstreflexives Kunstwerk der Metakunst charakterisiert wird. Die letzten Beobachtungen führen dann zur zentralen These – der in Duchamps letztem Werk zu beobachtenden Infragestellung des Systems der Kunstgeschichte auf mehreren Ebenen - zurück und werden abschließend als Ergebnisse der Arbeit im fünften Punkt zusammengefasst. Die Forschung zu Étant donnés ist vielfältig und beleuchtet das Werk aus unterschiedlichen Perspektiven. Als bisher umfangreichstes Werk zu Étant donnés lässt sich der Ausstellungskatalog „Marcel Duchamp - Étant donnés“ nennen, der von Michael R. Taylor herausgegeben wurde und auf Aspekte wie Entstehung, Aufbau, Installation und Vermächtnis des Werkes eingeht. 10 Dort wurden detaillierte Artikel zu technischen und restauratorisch relevanten Details aufgenommen, die mit etlichen Abbildungen versehen sind.11 Blunck geht in seinem Überblicksaufsatz "Im Netz der Referenzen" auf ikonografisch-zeitgeschichtliche sowie kunsttheoretisch-rezeptionsästhetische Punkte ein.12 Hans Belting beschäftigt sich in seiner Monografie "Der Blick hinter Duchamps Tür" neben anderen Künstlern auch mit dem Werk Duchamps, wobei er seine Deutung hauptsächlich auf historische Darlegungen und im Besonderen auf den Aspekt der Perspektive stützt.13 Hoy, Imesch und Judovitz beschäftigen sich mit ikonografischen Themen und deuten das Werk hauptsächlich hinsichtlich der Dekonstruktion, Rezeption und Bedeutung für die Kunstwelt. 14 Sotirios fokussiert sich hauptsächlich auf die Betrachterrolle15, wohingegen Wallis die Entstehung von Étant donnés auf das zeitgeschichtliche Ereignis eines Mordfalles auslegt.16 Des Weiteren gibt es zu dem Werk auch Stimmen von Journalisten oder Kunstkritikern, die in die Arbeit eingeflossen sind.17

2.Marcel Duchamps Étant donnés

Jasper Johns, ein langjähriger Bewunderer von Duchamps Kunst, nannte Étant donnés einmal “the strangest work of art in any museum.”18 Pia Hoy spricht im Zusammenhang mit dem Werk von „Duchamp’s masterpiece“ 19, seinem künstlerischen Testament und seiner Schlussbemerkung zur Kunst seiner Zeit. 20 Was hat dieses Werk an sich, dass es viel so fasziniert? Was an ihm ist so merkwürdig und doch so meisterhaft? Diese Fragen beantworten die nachfolgenden Kapitel: es soll um ein Herantasten an Étant donnés aus Betrachter- und Materialperspektive, aber später auch um tiefere Ebenen in interpretativer Hinsicht gehen.

2.1. Beschreibung

Vorab muss erwähnt werden, dass es sich aufgrund der Machart des Werks schwierig gestaltet, eine realitätsnahe Beschreibung anzufertigen. 21 Sie beruht im Falle dieser Arbeit nur auf dem Blick auf fotografische und filmische Reproduktionen, die das eigentliche Seherlebnis des Werkes nicht ausreichend wiedergeben22 und immer nur Ausschnitte des Rezeptionsvorganges herausgreifen können. Trotzdem wird im Folgenden versucht, dieses Betrachtungserlebnis nachzuerzählen und auch auf andere grundlegende Aspekte zum Werk einzugehen, die nicht direkt durch das Anblicken im Museum erschlossen werden können, wie beispielsweise die verwendeten Materialien im „Innern“ des Werkes.

Die in den Jahren 1946-1966 entstandene Installation23 «Étant donnés: 1° la chute d'eau, 2° le gaz d'éclairage . . . »24 zu Deutsch „Gegeben sei: 1. Der Wasserfall, 2. Das Leuchtgas“25 (Abb. 1 und 2) von Marcel Duchamp besteht aus verschiedenen Materialien, darunter eine Holztür, Nägel, Ziegel, synthetische Materialien, Aluminium, Haare, Glas, Blätter, Schrauben, Papier usw. und hat die Maße 242.6 × 177.8 × 124.5 cm.26 Sie ist heute im Philadelphia Museum of Art zu sehen und zeigt ein sich für den Betrachter erst nach Durchblicken eines Guckloches in einer hölzernen Tür bietendes Bild einer nackten Frau, von der nur ein Teil ihres Körpers zu sehen ist und die breitbeinig auf Gestrüpp liegt und in ihrer linken Hand eine Gaslampe hält. Das Werk befindet sich in einem geschlossenen Raum am Ende der Duchamp-Ausstellung des Museums.27 Der Raum der eigentlichen Installation kann nicht betreten werden. Er ist durch die massive Holztür verschlossen: es befinden sich jedoch zwei Gucklöcher in ihrer Mitte, auf der Augenhöhe eines durchschnittlich großen Menschen.28 Es kann immer nur eine Person durch diese Löcher schauen, sodass das Betrachten zu einer selbstreflexiven Erfahrung wird.29

Dieser mit Frivolität und Erotik konnotierte voyeuristische Akt gibt uns die Sicht frei auf eine Szenerie, die im aufblinkenden Licht des Guckkastens einer Epiphanie vergleichbar aufscheint.30

Blickt man nun durch diese Gucklöcher, sieht man eine Wand mit zerbrochenen Ziegeln und weiter hinten eine Landschaftsfotografie mit Hügeln, herbstlichen Bäumen und etwas, das aussieht wie ein fließender Wasserfall.31 Im Vordergrund erkennt man den nackten Körper einer Frau, der auf einem Nest trockener Äste liegt, und deren Beine weit gespreizt und Genitalien verstümmelt sind.32 Ihr Gesicht wird von ihrem blonden Haar verdeckt. Ihre Unterschenkel und ihr rechter Arm liegen außerhalb des Sichtfeldes. Ihr linker Arm ist am Ellenbogen gehoben und sie hält eine kleine, leuchtende, elektrische Lampe in der Hand.33 Man sieht also von der Installation nur den Teil, der – durch die Gucklöcher betrachtet – fast wie ein zweidimensionales Bild wirkt. Nähere Ausführungen zur Inszenierung, Wirkung auf den Betrachter und Rezeptionsausrichtung folgen in Kapitel 3.2.

2.2. Einordnung in die Objektkunst

Ganz allgemein kann das Werk in die Objektkunst eingeordnet werden. Denn Kunstwerke der Objektkunst bestehen laut Wetzel aus montierten Teilen, die aus ihrem ursprünglichen Verwendungszweck in einen neuen Zusammenhang überführt wurden 34, und diese Klassifikation trifft auf Étant donnés eindeutig zu. Das Werk klar einer Untergattung der Objektkunst zuzuordnen, fällt hingegen schwerer. Es als eine Assemblage zu bezeichnen, wie Octavio Paz 35, würde ihm zufolge bedeuten, es wäre "eine Kombination verschiedener Materialien, künstlerischer Techniken und Formen". 36 Auch das trifft zu. Sieht man eine Assemblage allerdings wie Wetzel als "Erweiterung der Collage durch dreidimensionale Gegenstände zum reliefartigen Materialbild […]"37, so stimmt die Einordnung doch wieder nicht ganz. Dass die Definition einer Assemblage an sich umstritten ist und je nach Verfasser weiter oder enger ausfällt, sieht man auch daran, dass das Philadelphia Museum of Art, in dem das Werk ausgestellt ist, im Erklärungstext von einer „Mixed Media Assemblage“38 spricht, deren Teile nach „innen“ und „außen“ klassifiziert werden39. Diese Einteilung erscheint aufgrund des Werkaufbaus sinnvoll. Sehr viele der Forscher, die sich mit dem Werk beschäftigt haben, bezeichnen es als Installation. Eine Installation ist nach Wetzel eine "dem Environment verwandte Gattung mit Schwerpunkt auf Raumwirkung."40 Stahl definiert sie als eine

heute […] selbstverständliche eigene Gattung der bildenden Kunst. Der in diesem Zusammenhang sehr junge Begriff umfasst alle Phänomene auf den Raum bezogener künstlerischer Arbeiten, die auf sehr explizite Weise den Betrachterraum miteinbeziehen, das heißt im Gegensatz zur traditionellen Plastik die Grenzen zwischen Werk und Betrachterumfeld auflösen.41

Wetzel schreibt, dass Installationen die Atmosphäre zum zentralen Gestaltungsmittel machen, indem sie alle Sinneswahrnehmungen miteinbeziehen.42 Laut Stahl sind Installationen auch ortsspezifisch und dadurch schlecht vermarktbar, da sie sich nur in dem Raum entfalten können, für den sie produziert wurden.43

Eine Installation kann aus den formalen Aspekten des physischen Raums und allen atmosphärischen und geschichtlichen Elementen, die einen Ort konstituieren, ein sehr wirkungsvolles Gesamtkunstwerk erzeugen und hat damit oftmals die Tendenz, eine medial denkbare Beschränkung aufzuheben. Ihre Wirkungsweise erstreckt sich damit weit in den Bereich der BetrachterInnen hinein: Die Art und Weise, wie die BetrachterInnen ihre Eindrücke gewinnen, ist zeitund bewegungsabhängig.44

Die hier genannten Merkmale sind auch bei Duchamps letztem Werk zu finden, weswegen die Bezeichnung Installation dem Werk wohl am ehesten gerecht wird. Im Gegensatz zu einem Environment, das als für den Betrachter betretbarer Raum konzipiert ist45, lässt sich das Werk nicht betreten, weswegen sich auch eine Einordnung in diese Kategorie nicht anbietet. Nach den Aspekten der unterschiedlichen vorgestellten Definitionen ist eine Einordnung von Étant donnés als Installation sowie als Assemblage zulässig, die Bezeichnung Installation ist jedoch aufgrund der Raumausdehnung des Werkes und seinem Miteinbeziehen der Betrachter vorzuziehen. Auch Dalia Judovitz und Kornelia Imesch nennen Gegeben sei eine Installation.46

2.3. Entstehungsgeschichte und Material

Étant donnés entstand in fast kompletter Geheimhaltung zwischen 1946 und 1966.47

Anfang 1969, drei Monate nach seinem [Duchamps] Tod, zerlegten Anne d'Harnoncourt und Paul Matisse die Assemblage, sandten die einzelnen Teile nach Philadelphia und setzten sie im Museum dieser Stadt wieder zusammen. Als Anleitung diente ein von Duchamp hinterlassenes Heft, das genaue Instruktionen, Diagramme und über 100 Fotos enthielt. [Abb. 3]48

Bahtsetzis Sotirios beschreibt die Materialien von Étant donnés folgendermaßen:

alte hölzerne Tür, schwarzer Samt, Ziegelsteine, hölzerne Tafel, Schweinehaut ausgedehnt über eine Metalarmatur [sic!] und anderen Materialien (um ein weibliches Mannequin zu bilden) menschliches Haar, eine Gaslampe (Bec-Auer Art), Reisig, Aluminium, Eisen, Glas, Linoleum, Baumwolle, Lichtbirne, Leuchtstofflicht, Scheinwerfer, Elektromotor.49

In Duchamps letztem Werk gibt es folglich sehr viele verschiedene Materialien, deren genaue Herkunft und Eigenschaften beim ersten und auch bei genauerem Hinsehen oft verborgen bleiben, da sie hinter der Tür, also im „Innern“ der Installation (Vgl. Abb. 4) verarbeitet wurden und durch die Gucklöcher nicht genauer erfahrbar werden.50 Einige Materialien werden deshalb zum tieferen Verständnis des Werkes im Folgenden genauer betrachtet. Zum einen sind die Backsteine für die Interpretation des Werkes aufschlussreich. Laut Michael Taylor wurden die Ziegel für die durchbrochene Mauer auf Abbruchgeländen in der Nähe von Duchamps „Fourteenth Street Studio“ gesammelt.51 Fuhrmeister schreibt zur Bedeutung von Backsteinen:

In der zeitgenössischen Architekturplastik, etwa bei Per Kirkeby oder Thomas Schütte, eignet sich der künstliche Stein zu Befragungen von Rationalität und Regelhaftigkeit: Die sichtbare Konstruktion verdeutlicht das Verhältnis von Einzelstein und Gesamtmasse, von Modul und System.52

Die Holztür ließ Duchamp von Spanien nach Amerika einfliegen. Nach langer Suche fand er die Tür, die eigentlich zu einer größeren Bauerhoftür gehörte, in La Bisbal. 53 Nachdem er mehrere andere Türen ablehnte, entschied er sich für diese, kaufte sie und ließ sie nach New York transportieren, um sie dort schließlich "weiterzuverarbeiten".54 Er schnitt sie in vier Teile und fixierte jedes davon auf einer separaten, inneren Tür aus Holzpaneelen.55 Um den Teil zu verdecken, an dem die Paneele sich überlappten, wurde ein Querbalken angebracht.56

To prevent shafts of light from escaping through the cracks of the old door, Duchamp covered the back of the inner door with four pieces of black velvet […][.] The lining, placed between the door and the interior brick aperture, inescapably recalls the optical devices of early photography - in which the photographer stands under a black cloth to construct a single view through the lens for the spectator - as well as the cinema, where the viewer peers through a dark space at a brightly illuminated projected image. In the Manual of Instructions, Duchamp also compared the effect of the black velvet curtains to 'a kind of completely dark camera obscura when looking through the voyeur's peepholes.'57

Der Landschaftshintergrund in Étant donnés enthält einen kinetischen Wasserfall. 58 Die Beleuchtung dieses Wasserfalls erfolgt durch einen Leuchtkörper, der in einer "five-pound Peek Frean's cookie" 59 Dose untergebracht ist. 60 Der Wasserfall an sich besteht aus einem durchsichtigen Formstück aus gehärtetem Klebstoff und ist auf ein Loch in der Landschaftsfotografie angebracht, sodass es selbes verdeckt.61 Dahinter sorgt eine perforierte Aluminiumscheibe, die durch einen kleinen Motor bewegt wird, durch ihre Drehung vor der Lichtquelle dafür, dass die Illusion eines glitzernden, fließenden Wasserfalls entsteht.62 Die Fotografien, von denen Duchamp eine als Landschaft für den Hintergrund von Gegeben sei verwendete, entstanden auf einer Reise in die Schweiz und zeigen den Forestay-Wasserfall in der Nähe von Chexbres am Genfersee.63

The background landscape in Given is a photograph retouched by hand, which is yet another readymade alluding to the general photographic illusionism of the work. Duchamp's references to photography, and particularly chronophotography, in works such as Nude Descending a Staircase, [...] express his interest in the ready-made character of photography.64

Auch das Licht und die Lichtinszenierung als Material zu sehen, gibt viele Anhaltpunkte zur Interpretation von Étant donnés. So fragt sich Cotter, ob man das Werk mitsamt seiner speziellen Lichtinstallation als „[a] profane update of Bernini’s ‘Ecstasy of St. Teresa’[...] 65 “ sehen könnte. Über Licht als Material schreibt Livings, dass seine elektromagnetische Strahlung körper-, zeit- und formlos erscheint.66 „Licht weist nicht nur die herkömmliche Vorstellung von Material als festen Stoff zurück, sondern negiert damit auch dessen Beständigkeit.“67 Passend zu Cotters Frage formuliert Livings die Geschichte des Lichts als Material:

Im Unterschied zu vielen Materialien, deren künstlerische Nutzungsgeschichte bis in die Antike zurückreicht, ist Licht als primäres Material künstlerischer Gestaltung eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts. Als der immaterielle und ephemere Stoff schlechthin vertritt Licht die neue Materialkultur der Moderne. Dennoch besitzt es eine jahrtausendlange, kulturübergreifende Tradition - besonders im religiösen Kontext.68

Die Bemerkungen zur Materialkultur der Moderne passen zu den im Folgenden noch genauer beschriebenen Aspekten des Werkes, vor allem zur Metakunst69 und zu den Beobachtungen, dass das Werk einen Kommentar auf die Kunstgeschichte darstellt.70

Licht braucht, um zu erscheinen, eine Energiequelle ebenso wie einen Träger: keinen Rahmen, Nagel oder Sockel, sondern etwas, wodurch es gebrochen wird, wovon es abstrahlt, oder eine Projektionsfläche, auf der es erscheint. Vor allem aber braucht es Dunkelheit.71

Übertragen auf die Beziehung Kunst – Betrachter gibt diese Bemerkung Aufschluss über die Bedeutung des Werkes: Kunst braucht, um zu erscheinen, einen Künstler wie auch einen Träger bzw. eine Projektionsfläche, also den Betrachter.

3. Ein wahrnehmungstheoretisches und selbstreflexives Werk

Im vorherigen Punkt ging es schon ansatzweise um interpretatorische Überlegungen – diese werden nun im Hauptteil eingehender beschrieben, klassifiziert und bewertet bzw. hinsichtlich der These ausgewertet. Im Laufe seiner Rezeptionsgeschichte wurde das Werk Étant donnés unter unterschiedlichen Prädispositionen und Prämissen seiner Interpreten vielfältig gedeutet.72 So hat es laut Lars Blunck viele Bedeutungen.73 Denn es sind die Interpreten, die Deutungen auf Étant donnés projizieren und dergestalt Bedeutungen produzieren.74 Und bekanntlich gibt es keine invariante Bedeutung eines Kunstwerks, die unabhängig von den Deutungen seiner Rezipienten wäre.75 Um die wichtigsten Ansätze zur Interpretation von Gegeben sei vorzustellen, wurde eine Klassifizierung in Kategorien vorgenommen. Verständlicherweise kann nicht auf jede Deutung jedes Forschers eingegangen werden, sodass hierbei zugunsten der häufig erwähnten und die zentralen These unterstützenden Deutungen ausgewählt wurde.

[...]


1 N.N. 2009.

2 N.N. 2017c.

3 HOWARTH 2000.

4 „Fountain tested beliefs about art and the role of taste in the art world.[…] Extensively studied and the subject of various interpretations, Fountain has continued to exert an extraordinary power over narratives of twentieth-century art in large part because of its piercing – if also humorous – questioning of the structures of belief and value associated with the concept of art.” ebd.

5 N.N. 2017a.

6 BLUNCK 2015, S. 378. Die Kunst hatte Duchamp angeblich zugunsten den Schachspiels aufgegeben. ebd.

7 IMESCH 2013, S. 113.

8 HOY 2000. 9 WALLIS 2005.

10 Taylor 2009.

11 TAYLOR 2009.

12 BLUNCK 2015, S. 377–393.

13 BELTING 2009, S. 8–75.

14 IMESCH 2013; JUDOVITZ 1995; HOY 2000.

15 SOTIRIOS 2005.

16 WALLIS 2005.

17 COTTER 2009.; PAZ/WITTKOPF 1991

18 Zitiert nach COTTER 2009.

19 HOY 2000.

20 Ebd.

21 “Because this work cannot be shown in exhibitions due to its complex and fragile construction, all interested parties as well as the curious with a yen to see it "live" must make the journey to Philadelphia, almost like a religious pilgrimage. For this reason many perhaps only know it as a reproduction in catalogues and art periodicals, so the manner in which it is perceived and received is seriously distorted.” BANZ 2010,S. 9.

22 TAYLOR 2009, S. 23.

23 N.N. 2017a.

24 Ebd. „The pseudoscientific title of Étant donnés has its source in a note by the artist that was first published in 1934 in the collection of notes and diagramms known as the Green Box. This note […] identifies two of the key elements of Étant donnés, namely, the waterfall and the illuminating gas, both of which were to be included in the artist's great allegory of frustrated desire […] The Large Glass [.]“ TAYLOR 2009, S. 23.

25 BLUNCK 2015, S. 377.

26 N.N. 2017a.

27 COTTER 2009.

28 COTTER 2009.; IMESCH 2013, S. 116f.

29 COTTER 2009.

30 IMESCH 2013, S. 116.

31 “An important aspect of the landscape backdrop was the kinetic waterfall mechanism, which added a piquant note of movement to the otherwise eerily still grotto.” TAYLOR 2009, S. 114., mehr dazu unter Punkt 2.3.

32 COTTER 2009.

33 Ebd.

34 Objektkunst, Gattung von der klassischen Moderne bis zur Kunst der Postmoderne, v.a. im Dadaismus und Surrealismus […]. Den Objekten dieser Stilrichtungen, z.B. als Assemblage, Environment, Fallenbild, Materialbild oder Werk der Maschinenkunst, ist weitgehend gemeinsam, dass die montierten Teile vom Objet trouvé bis zum industriellen Halb- oder Fertigprodukt aus ihrem ursprünglichen Verwendungszweck in einen neuen Zusammenhang überführt werden. WETZEL 2007d, S. 339.

35 PAZ/WITTKOPF 1991, S. 104.

36 Ebd., S. 106.

37 WETZEL 2007a, S. 39.

38 N.N. 2017a.

39 Ebd.

40 WETZEL 2007c, S. 222.

41 STAHL 2002, S. 122–124.

42 WETZEL 2007c, S. 222.

43 STAHL 2002, S. 125.

44 Ebd.

45 „Environment, -s n (engl. to environ ›umgeben‹, frz. environ ›um herum‹), seit den 1960er Jahren eine i.d.R. begehbare Anordnung von Gegenständen in einem Raum.“ WETZEL 2007b, S. 124.

46 JUDOVITZ 1995, S. 195.; IMESCH 2013, S. 116.

47 COTTER 2009.

48 PAZ/WITTKOPF 1991, S. 105f.

49 SOTIRIOS 2005.

50 Beispielsweise findet sich die Signatur auf dem von Duchamps geformten Körper, am rechten Armansatz, siehe Fotografien des „Inneren“ der Installation bei TAYLOR 2009, S. 390–393.

51 Ebd., S. 115.

52 FUHRMEISTER 2010, S. 28.

53 TAYLOR 2009, S. 115f.

54 Ebd.

55 Ebd.

56 Ebd., S. 116f. „The double thickness of the recycled door helped to stabilize the ancient exterior, which had splintered and eroded in places, having long been exposed to the elements and worn down through constant use. Duchamp also may have added the second, inner door to ensure that the continual weight of viewers pressing against it.” ebd., S. 117.

57 Ebd.

58 Ebd., S. 114.

59 Ebd.

60 Ebd.

61 Ebd.

62 Ebd. Fotografien von der Dose im „Innern“ der Installation siehe ebd., S. 394.; das „Glitzern“ des Wasserfalls kann man aus der Ferne in folgender Videoaufnahme nachvollziehen: „Étant donnés: Marcel Duchamp“ abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=nzMznyyLwyM, zuletzt aufgerufen am 17.03.2017.

63 COTTER 2009.; IMESCH 2013, S. 115.

64 JUDOVITZ 1995, S. 211.

65 COTTER 2009.

66 LIVINGS 2010, S. 166.

67 Ebd.

68 Ebd.

69 Siehe Kapitel 3.6.

70 Siehe Kapitel 4.

71 Ebd.

72 BLUNCK 2015, S. 378.

73 Ebd., 386.

74 Ebd., S. 386.

75 Ebd.

Details

Seiten
35
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668884571
ISBN (Buch)
9783668884588
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455458
Institution / Hochschule
Universität Konstanz – Fachbereiche Kunstwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Marcel Duchamp Etant donnes Kunstgeschichte Installation Objektkunst
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Titel: Marcel Duchamps "Étant donnés". Ein paradoxes, selbstreflexives und wahrnehmungstheoretisches Werk als Kommentar zur Kunstgeschichte