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Die Totengespräche Arno Schmidts

Wissenschaftlicher Aufsatz 2011 19 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dialogische Totengespräche
2. 1. Die Dichtergespräche im Elysium

3. Prosaische Totengespräche
3.1. Tina oder über die Unsterblichkeit
3.2 Goethe und Einer seiner Bewunderer

4. Vergleich
4.1 Personal
4.2. Körperlichkeit
4.3. Topographie
4.4. Mythologischer Apparat

5. Fazit

1. Einleitung

Die Gattung des Totengesprächs als dialogische Literaturgattung hat die Unterhaltung prominenter Personen im Jenseits zum Gegenstand.[1] Die Gespräche bieten dabei die Möglichkeit, über ein fiktives Zusammentreffen zeitlich, kulturell und/ oder ideell kontrastierter Figuren diese Differenzen zu überbrücken. Dies kann über die Fiktion eines Zusammentreffens, über die Vorstellung eines Jenseitsaufenthaltes, häufig in Form eines Traumes oder einer Reise ausgeführt werden. Grundlage der Gattung sind Erzählungen vom Mythos der Nekyia oder der Katabasis wie die Hadesfahrten im elften Buch der Odyssee und im sechsten Buch der Aeneis, aber auch das Hinabsteigen des Dionysos in Die Frösche von Aristophanes. Das Totengespräch hebt sich von diesen allerdings durch die durchgängig dialogische Form ab, sodass Einbettungen in erzählende Texte zu unterscheiden sind. Als Begründer der eigentlichen Gesprächsgattung ist Lukian von Samosata zu nennen.[2] Daher ergibt sich in der Neuzeit auch die Begriffsverwendung des Lukianismus als Gattungssynonym. Lukian nutzt die Form des Totengesprächs zur personalisierten Darstellung von komplexen Ideen und Problemen und legt ihnen sowohl eine unterhaltende – vor allem in Verbindung mit der menippeischen Satire – als auch belehrende Wirkung bei. Der eigentliche Begriff des Totengesprächs wurde jedoch erst durch die Veröffentlichungen von David Fassmann geläufig.

Die folgende Arbeit befasst sich mit den Totengesprächen Arno Schmidts. Ziel der Arbeit ist es, die Gespräche vorzustellen, sie miteinander in Vergleich zu setzen und in den Kontext der Gattung einzuordnen, um hieraus einen Begriff des Totengesprächs der Moderne herzuleiten.

Arno Schmidt hat sich in einer Vielzahl seiner Texte mit dem Topos des Totenreichs befasst. Die Darstellung dessen ist dabei oft ein Bezug auf die 'Hohlerdetexte', auf den „mundus subterranus“.[3] Die 'Hohlerdetexte' sind ein Sammelbegriff für Texte, die sich mit dem Motiv der hohlen Erde sowohl als Unterwelt aber auch als Bergwerk u.Ä. befassen. Schmidt prägte den Begriff in seinem Essay Meine Bibliothek selbst und greift ihn in vielen seiner Erzählungen wieder auf. Die Texte aber seien so verschieden, „daß ein Überblick noch nicht möglich ist“.[4] Mit Beschränkung auf Texte der Neuzeit aber kann man Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde, Casanovas Iosameron, Storms Regentrude, P. Kellers Letztes Märchen, Ludvig Holbergs Niels Kliem und Werfels Wintergartenepisode im Stern – mit dem Vermerk: „den ich übrigens nicht kannte, als ich meine ‹Tina schrieb›, dazu zählen“.[5] Hinzu kommen Homers Bearbeitungen des Nekyiamythos, Tiecks Runenberg, Hoffmanns Bergwerke zu Falun sowie die Reihe der Troglodyten mit Laßwitz und den Vögeln von Aristophanes (Dichtergespräche, 37 f.). Das Motiv der Hohlerde gehört, wie das der Insel, zur Kernidee des Frühwerks Schmidts.

Drei der schmidtschen Texte können als Totengespräche betrachtet werden: die Dichtergespräche im Elysium (1940/41), Tina oder über die Unsterblichkeit (1955) und Goethe und Einer seiner Bewunderer (1956), obwohl die beiden letzteren nicht dialogisch, sondern prosaisch organisiert sind. In der folgenden Arbeit werde ich die Texte dennoch als moderne Totengespräche behandeln und die dialogisierte Prosa Arno Schmidts als Anlehnung an das Gespräch betrachten. Der Text Goethe und Einer seiner Bewunderer, der selbst nur die Unterhaltung mit einem Toten vermittelt und diese in die irdische Welt des Darmstadts der 1950er Jahre verlegt, die Fiktion der Unterwelt daher gar nicht ausführt, weist somit formal wie inhaltlich – außer eines toten Dialogpartners – keine Übereinstimmung zur eigentlichen Totengesprächsdefinition auf. Da er aber als Parodie[6] auf die Gattung des Totengesprächs betrachtet werden kann, werde ich ihn in meine Ausführung einbeziehen.

2. Dialogische Totengespräche

Die Dichtergespräche im Elysium umfassen zwölf Totengespräche. Sie sind inhaltlich und formal noch konventionell gestaltet und nehmen die Dialogstruktur der Tradition auf, setzen diese geradezu penetrant um. Sie geben einen würdevollen, eher schlichten Umgang mit Literatur im hohen Stil wieder, so dass man hinter dieser Darstellung den „literarische[n] Enthusiasmus“ des jungen Bücherliebhabers Arno Schmidt, der diese Gespräche seiner Frau Alice als Weihnachtsgeschenk schreibt, erkennt.

2.1. Die Dichtergespräche im Elysium

Formal sind die Dialoge als Verbindung von Drama (Dialogstruktur) und Essay (diskursiv-argumentative Abhandlung zentraler Themen) beschreibbar.

2.1.1. Personal

Der Titel Dichtergespräche im Elysium lässt sich irreführenderweise weniger aus dem Personal an sich, stattdessen stärker aus den Inhalten der Gespräche ableiten. Als Auftretende finden sich die „vornehmsten Dichter aller Zeiten und Völker“ (Dichtergespräche, Untertitel) wie Poe, Hoffmann, Wieland, Cervantes, Fouqué, vermutlich auch Arno Schmidt selbst als guter Leser und 'der Fremde'.

Zur Antwort auf die Frage, wer sich hinter dem Fremden verbirgt, gibt es in der Forschung zwei Ansätze, die zum Einen Dante und zum Anderen Karl May hinter der Figur des Fremden vermuten. Der Fremde wird als Figur nur schwach beleuchtet, einzig seine Selbstcharakterisierung als Christ und die Ablehnung des griechischen Mythos sowie der Landschaftbeschreibungen in der Literatur können zu Vermutungen führen. Hinzu kommt die Lesart der Gespräche, die vermuten lässt, dass die Personen chronologisch, d.h. ihrem realen Sterbedatum entsprechend im Elysium eintreffen. Krömmelbein vermutet Dante als den Fremden, während Reetsma Karl May als den Fremden zu identifizieren glaubt. Japp hingegen macht die These stark, es handele sich um eine parodierte Darstellung des Autors Arno Schmidt selbst.[7] Meines Erachtens ist die These für Dante unzureichend, da dieser chronologisch früher im Elysium angekommen sein müsste, zumal wird er im achten Gespräch bereits als Bewohner des Elysium genannt. Aber auch die These für Karl May ist schwach und wird einzig mit der Ansicht der Forschung begründet, das bereits im Dichterelysium alle auch im späteren Werk auftauchenden Heroen Schmidts ihren Platz hätten, unter diesen aber Karl May fehle. Unter dieser Prämisse aber, müssten auch andere Schriftsteller wie beispielsweise Döblin berücksichtigt werden, denn auch auf diesen treffen die Aussagen des Fremden zu. Die Thesen, den Fremden als Arno Schmidt selbst zu sehen, würde zwar zum Spiel mit der biographischen Fiktion im Werke Schmidts passen, diese ist in den frühen Werken allerdings nur geringfügig ausgeprägt. Die Darstellung des Fremden widerspricht zudem Arno Schmidts Selbstkonstruktion; zwar lehnt er als Realist ausgedehnte Landschaftsbeschreibungen ab, aber als Bewunderer der romantischen Literatur verehrt er sie. Der Fremde jedoch verabschiedet sich mit den Worten: „In mondlose Abgründe, ihr Larven“ – eine Ablehnung der Romantik wie sie selbst dem Zyniker Schmidt nicht zuzutrauen ist, zumal er sich damit aus dem Elysium ausschließen würde (Dichtergespräche, 57). Hinter der Identität des Fremden muss sich, wenn man davon ausgeht, dass die Elysiumbewohner chronologisch ankommen, eine Person verbergen, die nach Storm und damit nach 1880 verstorben ist, deren Literatur Schmidt aber bereits zur Entstehung der Dichtergespräche bekannt ist. Gleichzeitig muss der Ausschluss des Fremden aus dem Elysium in die Überlegung mit einbezogen werden. Dies wirft die Frage nach einem Schriftsteller auf, den Schmidt zwar verehrte, des Elysiums, oder auch den bisherigen Elysiumbewohnern, aber nicht als würdig empfindet. Eventuell ist der Fremde ein noch lebender Zeitgenosse Schmidts, der genau aus diesem Grund nur als Fremder benannt wird.

Dem Personal der Dichter fügen sich Verleger und Mäzene, Historiker wie Jacob Burckhardt, Philosophen, Ärzte, Entdeckungsreisende und Naturforscher wie Marco Polo und Darwin als Auftretende hinzu, die in den Dialogen allerdings mit einem literarischen Gegenstand in Verbindung gesetzt werden. So werden Darwins Schriften über den wissenschaftlichen Aspekt hinaus durchaus als Literatur betrachtet.

Inhaltlich behandeln die Gespräche die Fiktion des Zusammentreffens der Dichter im Elysium. Diese stehen dabei exemplarisch für ganze Literaturepochen, sind Klassiker. Auffällig ist die Dichte der Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, die Schmidts Begeisterung für die Literatur der Romantik deutlich machen, dem Untertitel, der vorgibt, Dichter „aller Zeiten und Völker“ zusammenzuführen, damit aber nicht Genüge leistet. So wird die Literatur der Antike nur durch Homer und Herodot vertreten und die Gegenwartsliteratur fast vollständig ausgespart, auch überwiegen Autoren des europäischen Kulturraums.

2.1.2. Körperlichkeit

Die Elysiumbewohner werden körperlich plastisch und sehr real dargestellt. Diese reale Darstellung der Körper – im Vergleich zur mythologischen Darstellung als Schatten oder Knochenhaufen – betont die Modernität der Dialoge.

Die Dichter verbringen ihre Zeit geradezu 'elysisch' mit Spaziergängen und Festen, wie dem alle 10 Jahre stattfindenden „Fest der glückseelige[n] Inseln“ (Dichtergespräche, 105). Sie leben ohne weitere Verpflichtungen in den Tag hinein, „sitzen […] lieblich in der strahlend weißen Runde“ oder treffen sich zum Wein im Wirtshaus (93, 115 f.). Ab und an widmen sie sich dem Schreiben und Übersetzen – beispielsweise fertigt Herodot gerade eine Chronik des Elysiums an (117). Die entstandenen Werke werden dann im Kreise der Freunde vorgetragen. Man schmeichelt einander, Kritiken zum Vortrag fallen eher milde aus (Vgl. 11). Des Weiteren stöbern sie in den Bücherlisten Rüdiger Manesses nach Neuveröffentlichungen wie Voss' Übersetzung des Apolonius oder Darwins Grundriß zur Semantik und vergleichenden Biologie der Eisblumen. Die Büchersuche – vor allem in Antiquariaten – ist für sie eine Art Rausch (Vgl. 15).

2.1.3. Inhalt der Gespräche

Die Dichtergespräche können – aufgrund ihrer Themen und des Personals – als Literaturkritik, insbesondere aber als Literaturgeschichte gelesen werden.[8] Eine Literaturgeschichte, wenn auch keine klassische – wie der Autor in der, den Gesprächen vorangestellten Widmung an seine Frau Alice deutlich macht – sondern eine korrigierte und personalisierte, in der Schiller mehr geduldet als erwünscht ist und Goethe seine Sicht der Romantiker revidieren und ihr Werk aufwerten muss (Vgl. 92 f., Vgl. 97). Es sind die Dichter, die im bisherigen Leben von Alice und Arno Schmidt eine Rolle spielen, „eine literaturgeschichtliche Standortbestimmung des jungen Schmidt“,[9] ein erster Versuch „etwas Bleibendes von Dichtern sagen zu können“ (Widmung an Alice Schmidt).

Die Unterhaltungen neigen dabei zum philologischen Diskurs. Insbesondere das Streitgespräch zwischen Wieland und Hoffmann zum Beginn des zweiten Gesprächs erinnert stark an eine Abhandlung zur Abgrenzung der Epochen Klassik und Romantik. Andere Diskurse sind beispielsweise die Gespräche zur Differenz der Homerforschung, in der Poe die Unitarierposition vertritt, denn „wenigstens die Späteren [hätten] von Burckhardt lernen können, daß die Natur nie zwei solche Dichter hervorbingt“ oder der Streit zwischen Brucker und Schopenhauer um die Auslegung des Aristoteles im sechsten Gespräch (38).

Die Unterhaltungen sind, wie dem barock anmutendem Untertitel[10] zu entnehmen ist, „bedeutend“ und sollten „dem Kenner und Liebhaber [der Dichter] überaus angelegen sein“ (27). Sie erfüllen somit das Postulat des Totengesprächs, Themen von allgemeinem Interesse zu behandeln. Die Inhalte, die „Gegenstände der Literatur“ führen oft altbekannte literaturgeschichtliche Diskurse wie die Kritik an der Veröffentlichung von Briefwechseln im Nachlass (zweites Gespräch) oder die Möglichkeit zur Darstellung von Geschichte (fünftes Gespräch) aus. Teilweise neigen die Unterredungen zu literaturkritischen Äußerungen und können als entfernte Vorstufe der Radioessays betrachtet werden (Ebd.).

2.1.4. Topographie

Die Dialoge beginnen überwiegend mit harmonischen Stimmungsbildern zur Landschaftsbeschreibung, die wiederum der Begeisterung des Autors für romantische Literatur Ausdruck verleihen.

Sie werden als eine Idealvorstellung der dort lebenden Dichter ausgegeben, so spricht Nibelung: „[...] solches schwebte mir vor, als ich Siegfried ausreiten ließ“ (105). Diese Beschreibungen sind als Einleitungen zu kennzeichnen, auch wenn sie den Gesprächspartnern in den Mund gelegt werden. Dies betont umso mehr die Dialogstruktur. Die dadurch relativ unvermittelten Einstiege in die Gespräche bezeugen zudem das 'Belauschen' durch den Erzähler (Vgl. Untertitel). Die Landschaftsbeschreibungen ersetzen den extramundanen Schauplatz des Totenreichs durch eine irdische Szenerie mit Wiesen, Wäldern und der Burg Wolkenstein, welche erneut den Eindruck romantischer Erzählungen hervorruft. Die Unterredungen der Dichter führen die Fiktion des Totenreichs daher nur geringfügig aus. Stattdessen wird die Fiktion des Elysiums durch die Wirkung einer ländlichen und überschaubaren Örtlichkeit ersetzt. „[I]n der Stadt oder den wenigen Dörfchen“ – oder wie Wieland auf seinem Landgut leben die Dichter und ihre guten Leser (61, 68). Das Elysium wird bei Schmidt somit der irdischen Welt nachempfunden und idyllisiert.

[...]


[1] Vgl. Jaumann, Herbert: Totengespräch. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Band 3, hg. v. Jan-Dirk Müller, de Gruyter 2003, S.652-655.

[2] Dabei sind die Totengespräche Lukians von seinen Göttergesprächen zu unterscheiden. Diese Differenzierung ist in der Forschung nicht immer gegeben.

[3] Schmidt, Arno: Dichtergespräche im Elysium, Suhrkamp 1984, S.37.

[4] Schmidt, Arno: Meine Bibliothek. In: Bargfelder Ausgabe III/4, Suhrkamp 1995, S.361-368.

[5] Ebd., S.366.

[6] Parodie im Sinne der Imitation von Merkmalen eines Werkes, einer Gattung oder eines Stils. Die Parodie setzt den Ausgangstext durch Komisierung herab, erzeugt dabei zusätzlich eine eigene Aussage. Vgl. Theodor Verweyen und Gunther Witting: Parodie. In: Reallexikon, Band 3, S.23-27.

[7] Vgl. Krömmelbein, Thomas: Selbstvergewisserung im Dichterolymp. In: Das Frühwerk, Bd. 2, hg. v. Michale Mathias Schardt, Alano-Verlag 1989, S.139. Vgl. Reetsma, Jan Philipp: Nachwort. In: Dichtergespräche im Elysium, Haffmans-Verlag 1984, S.149. Vgl. Japp, Uwe: Anmerkungen zum Referat am 3. Februar 2009.

[8] Krömmelbein, S.136.

[9] Ebd., S.135.

[10] Peter Ahrendt bezeichnet ihn auch als „archaisierend“. Ahrendt, Peter: Der Büchermensch. Wesen, Werk und Wirkung Arno Schmidts, Igel-Verlag 1995.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668866164
ISBN (Buch)
9783668866171
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455601
Note
o.N.
Schlagworte
Arno Schmidt Totengespräch David Fassmann menippeische Satire Lukian Hadesfahrt Die Frösche Aristophanes Goethe und Einer seiner Bewunderer Tina oder über die Unsterblichkeit Dichtergespräche im Elysium

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