Lade Inhalt...

Die Bedeutung von Bedeuten bei Wilhelm von Ockham und Ludwig Wittgenstein. Eine vergleichende Untersuchung

Hausarbeit 2003 24 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen

3. Die Bedeutung von Bedeutung bei Wittgenstein
3.1 Die Bedeutung eines Wortes als der konkrete Gegenstand
Das Augustinische Sprachmodell und Wittgensteins Kritik
3.1.1 Die Bedeutung eines Wortes ist nicht das Bezeichnete
3.1.2 Die Bedeutung von Namen
3.1.2.1 Der Name als „Museumstäfelchen“
3.1.2.2 Der Name als Bezeichnung für Einfaches

4. Die Bedeutung von Bedeutung bei Wilhelm von Ockham
4.1 Unterschiedliche Auffassungen von „significare“ bzw. „significatio“
4.2 Kategorematische und synkategorematische Termini
4.3 „Significare“ als bezeichnen, „significatio“ als Bezeichnung
4.4 Die Extension und Intension von Termini
4.5 Die Bedeutungen des Ausdrucks „Terminus“
4.6 Absolute und konnotative Namen
4.7 Der Begriff (conceptus)
4.8 Die Suppositionstheorie
4.9 Significatio und suppositio
4.10 Intuitive und abstraktive Erkenntnis
4.11 Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in einem Satz

5. Die Bedeutung von Bedeutung bei Ockham und Wittgenstein
5.1 Die Bedeutung eines Wortes in einem Satz und in der Sprache
5.2 Die Bedeutung als Wesen

6. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Philosophie eines spätmittelalterlichen und eines modernen Philosophen einem Vergleich zu unterziehen bedarf zunächst der Rechtfertigung und Erklärung. Um nicht an der Komplexität der gewählten Aufgabe im Rahmen einer Hausarbeit zu scheitern, bedarf es Einschränkungen – welche wiederum gerechtfertigt und erklärt werden muss.

Eine erste Rechtfertigung kann dahin gegeben werden, dass mit Wilhelm von Ockham (ca.1286-1349) und Ludwig Wittgenstein (1889-1951) zwei ausgewiesene Sprachphilosophen miteinander verglichen werden, die beide der festen Überzeugung waren, dass philosophische Irrtümer durch falschen und unreflektierten Sprachgebrauch entstehen und diese nur durch Sprachanalyse und Kenntnis der Sprachlogik vermieden werden. Hierin besteht also die erste Grenzziehung: Es geht nicht um einen Vergleich der Philosophie Ockhams und Wittgensteins, sondern um eine Darstellung der jeweiligen Sprachphilosophie zu einem bestimmten philosophischen Problem. Dieses Problem soll zunächst noch recht allgemein als Theorie der Bedeutung bezeichnet werden.

Weiterhin muss natürlich auch berücksichtigt werden, dass beide Philosophen von einem jeweils unterschiedlichen Problemzusammenhang heraus argumentieren. Daher soll der Kontext des Philosophierens bei Ockham und Wittgenstein in der gebotenen Kürze skizziert werden.

„Ockham wurde als ‚Grenzgänger’ zwischen Mittelalter und Neuzeit bezeichnet, der im ‚Herbst des Mittelalters’ (Huizinga) in der Krise des scholastischen Denkens die Grundlagen des modernen Verständnisses von Glaube und Wissenschaft entwickelte.“ (Vossenkuhl 1986, S. 98) Die Krise der Scholastik bestand in der zunehmenden Schwierigkeit, die Synthese zwischen aristotelischer Philosophie und christlichem Gedankengut aufrecht zu erhalten. Mittelalterliche Philosophie war auch immer zugleich Theologie. Ockhams Bemühungen gingen dahin, Glauben und Wissen klar voneinander zu trennen. Aber Ockham war dennoch „mehr als alles andere Franziskaner und Theologe“ (ebd) und daher verwundert es nicht, wenn er den Glauben als Ausgangspunkt einer radikalen Kritik an der Philosophie nimmt. Diese Kritik ist im Wesentlichen Metaphysikkritik und Sprachphilosophie ist der Leitfaden dieser Kritik. Das Fundament seines Denkens gründet sich theologisch auf das Omnipotenzprinzip Gottes und philosophisch auf das Ökonomieprinzip.

Seinen Glauben an die Allmacht Gottes beschreibt Ockham so:„Alles, was keinen offensichtlichen Widerspruch einschließt, muß der göttlichen Allmacht zugeschrieben werden.“(Imbach 1981, S.2301 ). Gott handelt vollkommen unabhängig und in völliger Freiheit aus sich heraus (voraussetzungslos) und hat die Welt so erschaffen, wie wir Menschen sie vorfinden. Er hätte sie auch anders schaffen können und kann sie anders schaffen, unter einer einzigen Bedingung: der Widerspruchsfreiheit seines Handelns. Somit ist alles Seiende unmittelbar abhängig von Gott und begründet die Kontingenz der Welt Die Kontingenz der Welt besteht darin, dass alles was ist auch nicht sein könnte und alles was so ist auch anders sein könnte, denn: “Ich erachte es als wahrscheinlich, dass Gott eine andere, bessere Welt, die von der jetzigen der Art nach verschieden ist, hätte hervorbringen können.“ (…) „Man kann das Aristotelische Weltgefüge nicht radikaler in Frage stellen.“ (ebd; S. 2312 ) Da Gott den von ihm erlassenen Naturgesetzen selbst nicht unterworfen ist, folgert daraus zunächst die radikale Trennung von Gott und Welt und das heißt zugleich die Trennung von Glauben und Wissen. Göttliches Sein und geschaffenes Sein sind also unvergleichlich. Wissen kann der Mensch nur vom geschaffenen Sein erlangen, das göttliche Sein ist ausschließlich dem Glauben zugänglich. Darum ist die Theologie auch keine Wissenschaft, da diese ausschließlich Erkenntnis der empirisch erfahrbaren Welt bedeutet.

Wie ist nun Erkenntnis in einer kontingenten Welt möglich?

Eine wichtige Voraussetzung ist zum einen das Befolgen des so genannten Ökonomieprinzips. Das Ökonomieprinzip hat Ockham in zwei Varianten formuliert: ‚Umsonst geschieht durch Mehreres, was sich mit Wenigem tun läßt’ (‚frustra fit per plura quod fieri potest per pauciora’) und ‚Eine Mehrheit darf nicht ohne Not zugrunde gelegt werden’ (‚pluralitas non est ponenda sine necessitate’) . (zitiert nach Beckmann 1995, S. 43) Beckmann (S. 42ff) und Imbach (1981, S. 231) weisen zu recht darauf hin, dass dem Ökonomieprinzip kein ontologisches Prinzip, im Sinne eines Verbotes der Vermehrung von Dingen zugrunde liegt, sondern sprachkritische Bedeutung hat. Es besagt abgekürzt: Man vermeide die Vermehrung von Begriffen, indem man für jeden sprachlichen Ausdruck ein entsprechendes wirkliches Ding annimmt. Imbach bezeichnet diese Gewohnheit des menschlichen Denkens sogar als Aberglauben. (ebd.) Schon hier zeigt sich die Modernität seines Denkens.

Eine andere Voraussetzung von Erkenntnis ist die Kenntnis der Begriffe, mit denen wir Aussagen über die Dinge in der kontingenten Welt treffen. Nach Ockham ist der Erkenntniszugang zu den real existierenden Dingen notwendig sprachlich vermittelt: ’Du sagst: ich will nicht von den Ausdrücken, sondern über die Dinge reden; ich sage, daß dies, obschon du nur von den Dingen reden willst, nicht möglich ist ohne die Vermittlung durch Ausdrücke, Begriffe und andere Zeichen..’ (Imbach 1981, S. 231f; zitiert nach I Sent. d.2, q.1)

Hiermit sind in einer ersten Annäherung schon zwei für Ockham wichtige sprachphilosophische Denkfiguren angesprochen: Kenntnis der Welt geschieht vermittels der Sprache als Medium und sprachliche Ausdrücke und Begriffe sind behutsam und wohlbedacht einzusetzen, will man philosophische Irrtümer vermeiden.

Obwohl Ockham noch ganz in der Tradition der aristotelischen Logik und dem Bewusstsein der herausragenden Rolle, welche die Logik im Mittelalter spielte, steht, besteht seine herausragende Rolle darin, die aristotelische Aussagenlogik um eine elaborierte terministische Logik oder Wortlogik3 erweitert und bereichert zu haben.. Bevor man die Wahrheit von Aussagen prüft, so Ockham, muss man sich zunächst der Bedeutung der Wörter, aus denen Aussagen zusammengesetzt sind, vergewissern. Damit findet eine nicht nur formale, sondern auch inhaltliche Verschiebung statt, insofern Erkenntnis nun als erstes von der Bedeutung der Begriffe abhängt und als zweites von dem Wahrheitswert der Aussage. Dies war bei Aristoteles noch anders.

Inwieweit diese Wortlogik mit ihren erkenntnistheoretischen Implikationen und Konsequenzen auch heute noch trägt und ob Ockham zu Recht als ein Vorbereiter der Analytischen Philosophie bezeichnet werden kann, (Vossenkuhl, S. 123) soll im Folgenden untersucht werden.

Ludwig Wittgenstein war sicherlich einer der wichtigsten und einflussreichsten Vertreter der Analytischen Philosophie. Die Analytische Philosophie, genauer die Sprachanalytische Philosophie hat im angelsächsischen Raum wohl die stärksten Impulse erhalten und dort die größte Bedeutung erlangt. „Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt ist die Annahme, daß philosophische Probleme aus einem unreflektierten Umgang mit Sprache resultieren und entsprechend mit Hilfe einer genauen ‚logischen Analyse der Sprache’ als eigentlicher Methode der Philosophie angegangen werden müssen.“ (Regenbogen/Meyer, S. 37)

Wittgensteins philosophisches Schaffen lässt sich (etwas vereinfacht) in zwei Perioden einteilen: den „frühen“ Wittgenstein des Tractatus logico- philosophicus (Tlp; 1921) und den „späten“ Wittgenstein der Philosophischen Untersuchungen (PU; 1953). Nach Wittgenstein ist alle Philosophie Sprachkritik (Tlp 4.0031), ein Standpunkt, den er Zeit seines Lebens unverändert vertreten hat und in diesem Sinne verstand er sich selbst nicht als Sprachphilosoph, der die Sprache um ihrer selbst willen zum Gegenstand seiner Überlegungen macht (Majetschak 1996, S.365f) sondern als Aufklärer wider dem „Mißverständnis der Logik unserer Sprache.“ (Tlp, Vorwort) Aus diesem Missverständnis heraus erklären sich seiner Meinung nach alle philosophischen Probleme und Irrtümer und er behauptet kategorisch, deren Sätze und Fragen seien deshalb nicht falsch sondern unsinnig. (Tlp, 4.003) In seiner Frühphilosophie ist Wittgenstein noch ganz der ‚ Philosophie der idealen Sprache’ (Regenbogen/Meyer 1998, S. 38) verpflichtet, die er dann später als „sublimierte“4 Sprache (PU §38) bezeichnet. Er glaubte, dass nur eine allgemeine Theorie des Satzes oder der Sprache philosophische. Irrtümer vermeidet und dass die logische Form der Sprache ein Spiegelbild der Welt sei. (vgl. Tlp 6.124; 6.13) Diese allgemeine und allgemeingültige Theorie meinte er im Tractatus dargelegt und (ganz unbescheiden), „die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben“ (Tlp, Vorwort) Es ehrt ihn in besonderer Weise und bezeichnet die Radikalität seines Denkens, dass er diesen und auch andere Standpunkte in den Philosophischen Untersuchungen gründlich revidierte und als Irrtümer bekannte. (vgl. PU, Vorwort) In seiner Spätphilosophie wandte er sich nun der Philosophie der normalen Sprache (Regenbogen/Meyer 1998, S. 37) zu, von der er im Tractatus noch glaubte, dass es „menschenunmöglich [ist], die Sprachlogik aus ihr unmittelbar zu entnehmen.“ (Tlp, 4.002)

Nun kommt es ihm nicht mehr darauf an, die Welt mit der Sprache der mathematischen Logik zu erfassen, sondern unvoreingenommen zu schauen wie das „Sprachspiel“ funktioniert und dieses zu beschreiben. „Die Philosophie darf den tatsächlichen Gebrauch der Sprache in keiner Weise antasten, sie kann ihn am Ende nur beschreiben.“ (PU §124)

Es ist nicht die Aufgabe dieser Arbeit, der „‚kopernikanischen’ Wendung“ (Majetschak, S.375) in der Philosophie Wittgensteins nachzugehen und deshalb werden die Philosophischen Untersuchungen Grundlage dieser Arbeit sein.

Ein Aspekt der kopernikanischen Wendung kann in der von Wittgenstein gewandelten Bedeutungstheorie gesehen werden. Auch ihm geht es jetzt, wie Ockham, als erstes um die Klärung dessen, wie sich die Bedeutung von Begriffen erklärt, wie ihre Beziehung zu Gegenständen zu verstehen ist. Er behandelt dieses Thema im Kontext des „Sprachspiels“. (Kap.3.1.1)

„Wittgenstein war kein historischer Denker“ und er hat “die Problemstellungen und Gedankenmotive seines Philosophierens kaum je aus einläßlicher, gar exegetischer Beschäftigung mit philosophischen Texten der Tradition gewonnen.“ (Majetschak, S. 365) Er dürfte Ockham also kaum gekannt haben und auch aus diesem Grunde erscheint es interessant und lohnenswert, der Frage nachzugehen, inwiefern er hier wirklich Neues beschrieben hat, oder ob ein anderer Philosoph, Jahrhunderte vor ihm und einer ganz anderen philosophischen Tradition verpflichtet, diese Theorie der Bedeutung und ihre erkenntnistheoretischen Implikationen ebenfalls schon zum Gegenstand seiner Philosophie gemacht. und gewissermaßen „vorweggenommen“ hat – und wenn ja, wie er das getan hat.

2. Grundlagen

Im Folgenden soll anhand der Wittgenstein’schen Theorie der Bedeutung eine vergleichende Darstellung des Denkens der beiden Philosophen gegeben werden.

Die wichtigste Schrift für Wittgensteins Theorie der Bedeutung ist die posthum erschienene Textsammlung Philosophische Untersuchungen. Wittgenstein sah sich zu Lebzeiten außerstande, seine hierin geäußerten Gedanken zu einem Buch zusammenzufassen, so „daß darin die Gedanken von einem Gegenstand zu andern in einer natürlichen und lückenlosen Folge fortschreiten sollten.“ (PU, Vorwort S. 231) Dementsprechend schwierig ist es auch für die Nachwelt, seine Philosophie in eine systematische Darstellung zu überführen. Dies wird noch zusätzlich erschwert, da seine Überlegungen „viele Gegenstände [betreffen]: Den Begriff der Bedeutung, des Verstehens, des Satzes, der Logik, die Grundlagen der Mathematik, die Bewußtseinszustände und anderes.“ (ebd) Eine systematische Gliederung muss also selbst geleistet werden

Für diese Arbeit wird der Begriff der Bedeutung als thematischer Schwerpunkt gesetzt. Wittgenstein hat selbst nie eine Theorie der Bedeutung aufgestellt, sondern lediglich „ die Frage nach der Bedeutung von ‚Bedeutung’ (Keutner 1982, S. 22) gestellt und versucht zu beantworten.“ Den gleichen Standpunkt vertritt Majetschak (a.a.O. S. 377f) Dennoch läßt sich aus Wittgensteins Untersuchungen eine Bedeutungstheorie ableiten und soll hier dargestellt werden

Besonders für die Kap.3 und Kap.5.2 wurde die Systematik der Darstellung von Keutner übernommen.

Die Bedeutungstheorie beider Autoren wird unter zwei thematischen Schwerpunkten behandelt

1. „Bedeutung als der konkrete Gegenstand (Kap3.1)
2. Bedeutung als das Wesen des Gegenstandes (Kap 5.1)

Dies soll den „roten Faden“ der Darstellung bilden.

Die wichtigste Quelle für Ockhams Begriffslogik ist sein Werk Summa Logicae und wird auch der Haupttext dieser Arbeit sein. Der Sentenzenkommentar wird ebenfalls herangezogen. Dankenswerterweise hat Ruedi Imbach eine in lateinisch/deutscher Übersetzung gefasste Textsammlung mit den zentralen Stellen dieser Werke herausgebracht5. Es enthebt dem modernen Leser der Aufgabe, sich durch die ganze voluminöse scholastische Gelehrsamkeit Ockhams durcharbeiten zu müssen. Ebenso werden von Kunze herausgebrachte Textauszüge der Summa Logicae herangezogen.

Wittgenstein setzt sich kritisch mit dem Sprachmodell des Augustinus auseinander und entwickelt hieraus seine Gedanken zur Bedeutung der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke. Zu jeder These wird zunächst im ersten Gang der Standpunkt Wittgensteins vorgestellt und in einem zweiten Gang versucht, hierauf eine Antwort Ockhams darzustellen.

3. Die Bedeutung von Bedeutung bei Wittgenstein

3.1 Die Bedeutung eines Wortes als der konkrete Gegenstand

Das Augustinische Sprachmodell und Wittgensteins Kritik

Wittgenstein beginnt seine sprachphilosophischen Untersuchungen mit einem Zitat des Augustinus aus dem Werk Confessiones. In diesem Text sah Wittgenstein „ein bestimmtes Bild vom Wesen der menschlichen Sprache“ (PU §1) zum Ausdruck gebracht und entwickelt in kritischer Auseinandersetzung mit diesem Bild seine eigenen Thesen. Es soll hier aus den Philosophischen Untersuchungen vollständig zumindest in der Übersetzung wiedergegeben.6 werden:

„Nannten die Erwachsenen irgendeinen Gegenstand und wandten sie sich dabei ihm zu, so nahm ich das wahr und ich begriff, daß der Gegenstand durch die Laute, die sie aussprachen, bezeichnet wurde, da sie auf ihn hinweisen wollten. Dies aber entnahm ich aus ihren Gebärden, der natürlichen Sprache aller Völker, der Sprache, die durch Mienen- und Augenspiel, durch die Bewegungen der Glieder und den Klang der Stimme die Empfindungen der Seele anzeigt, wenn diese irgend etwas begehrt, oder festhält, oder zurückweist, oder flieht. So lernte ich nach und nach verstehen, welche Dinge die Wärter bezeichneten, die ich wieder und wieder, an ihren bestimmten Stellen in verschiedenen Sätzen, aussprechen hörte. Und ich brachte, als nun mein Mund sich an diese Zeichen gewöhnt hatte, durch sie meine Wünsche zum Ausdruck.7 (Pu §1;)

Zum Verständnis des Textes sei gesagt, dass Augustinus hier keine Theorie vertritt, „hinsichtlich derer man fragen müsste, wer sie je vertreten hat,“ (Lange1998 S. 139) sondern ein Bild entwirft im Sinne einer Auffassungsweise oder Anschauungsweise – und so fasst auch Wittgenstein den Text auf: „In diesem Bild von der Sprache finden wir die Wurzeln der Idee: Jedes Wort hat eine Bedeutung. Diese Bedeutung ist dem Wort zugeordnet. Sie ist der Gegenstand, für welches das Wort steht.“ 8 (PU §1) Die ersten beiden Sätze können ohne Einwände hingenommen werden, der letzte Satz hingegen kann als falsch erwiesen werden. Wittgensteins Kritik setzt an diesem Punkt an mit der Intention, ein anderes und besseres Bild von der Sprache zu entwerfen. entwirft.

3.1.1 Die Bedeutung eines Wortes ist nicht das Bezeichnete

Man kann sich das augustinische Bild des Spracherwerbs in etwa folgendermaßen vorstellen: Ein Erwachsener zeigt mit dem Finger auf einen Gegenstand und sagt dem Kinde zugewandt „Tisch“, „Stuhl“, „Messer“ usw. Nun ist der Gegenstand „bezeichnet“ und das Kind „weiß“, um was für einen Gegenstand es sich handelt (nämlich „Tisch“…). Hieraus kann die These abgeleitet werden: Jedes Wort bezeichnet einen Gegenstand. Damit ist die Bezeichnungsfunktion von Wörtern angegeben und diese wird von Wittgenstein einer kritischen Überprüfung unterzogen. Ein Gegenstand wird also bezeichnet, indem man auf ihn hinweist (z.B. mit dem Finger und/oder mit den Worten „dieses ist…“) und das Wort „Tisch“… ausspricht. Dies nennt Wittgenstein die hinweisende Definition eines Gegenstandes. (PU §6)

Der erste Einwand Wittgensteins geht dahin, dass Augustinus hier nur von konkreten Dingen (Konkreta) spricht, aber wie weist man in diesem Sinne auf Abstrakta hin (Tugend, Tapferkeit usw.) oder auf Eigenschaften (Adjektive) oder auf Tätigkeiten (Verben)? Außerdem ist mit dem Fingerzeig auch nicht geklärt, worauf eigentlich gezeigt wird: auf die Farbe, die Form, das Material des Gegenstandes? (PU §33) Die hinweisende Definition kann also zunächst als unzureichend und mehrdeutig betrachtet werden. Der Haupteinwand Wittgensteins geht aber dahin, dass mit der Bezeichnungsfunktion noch nicht die Bedeutung eines Wortes gegeben ist. An einem einfachen Beispiel von Wittgenstein (PU §31) kann man sich das klar machen: Für jemandem, dem das Schachspiel vollkommen unbekannt ist, ist der Hinweis „‚Das ist der Schachkönig’“ (ebd) kaum erhellend, selbst wenn er versteht, dass damit der Name der Figur und nicht Farbe, Form etc. gemeint ist. Nun lässt sich die hinweisende Definition „Schachkönig“ dahingehend präzisieren, dass ich definiere: Der Schachkönig ist eine Spielfigur des Schachspiels. Aber diese erweiterte Definition ist nur dann hilfreich, wenn schon die Bedeutung der Wörter „Spielfigur“ und „Schachspiel“ klar ist. Man gerät also in einen unendlichen Regress des Definierens. Also: „Man muss schon etwas wissen (oder können), um nach der Benennung fragen zu können. Aber was muß man wissen?“ (PU §30)

Bevor diese Frage beantwortet werden kann, gilt es zu bedenken, dass Wörter nicht nur in einen semantischen Kontext eingebunden sind, sondern auch in einen Handlungskontext. Das Gesamte von Semantik und Handlung nennt Wittgenstein „Sprachspiel“. „Ich werde auch das Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist, das ‚Sprachspiel’ nennen.“ (PU §6) Bei Augustinus wird sozusagen das Sprachspiel „‚hinweisendes Lehren der Wörter’“ (ebd) in einem Lehrer- Schüler- Verhältnis gespielt. Wittgenstein bemerkt zu diesem Sprachspiel: „Das Lehren der Sprache ist hier kein Erklären, sondern ein Abrichten.“ (PU §6)

Man kann dieses Sprachspiel aber auch verändern, indem man sich zwei Bauarbeiter vorstellt, von denen der eine „Platte“, „Säule“, „Balken“ ruft, und der andere die Gegenstände herbei bringt. (PU §2) Dieses Sprachspiel könnte man ‚Bring mit eine Platte!’ nennen (PU §19) und es ist klar, dass „Platte“ bei den Bauarbeitern etwas anderes bedeutet als beim Lehrer und seinem Schüler. Die Bedeutung des Wortes hat sich durch den Gebrauch im jeweiligen Sprachspiel geändert – hier ist es ein Befehl, dort ist es eine Bezeichnung.

Wie kann man nun jemandem klar machen, dass bei der Bezeichnung des Schachkönigs – um das Beispiel wieder aufzugreifen – nicht dessen Farbe, Größe oder Material gemeint ist, sondern seine Bedeutung als Spielfigur im Schachspiel? Nun, indem man vielleicht zuvor erklärt: Ich erkläre Dir nun das Schachspiel und beginne mit der Figur des Königs (Fingerzeig!). Nun ist klar, in welchem Sprachspiel die Wörter „König“, „Bauer“, „Dame“ etc, gebraucht werden. Ein Effekt des Sprachspiels ist es, die Möglichkeiten der Wortbedeutungen einzugrenzen, es bildet in gewisser Weise einen Definitionsrahmen. Damit ist auch die Gefahr des unendlichen Regresses der Erklärungen abgewendet, denn es geht nun um die Wortbedeutungen in diesem Sprachspiel. Es ist nun klar, dass mit „König“diese Spielfigur9 gemeint ist und nicht ein Mensch, und es wird das Schachspiel erklärt und nicht ein anderes Spiel und es wird nicht das Wort Spiel erklärt, sondern „spielen bedeutet im Schachspiel dieses und jenes“. Dennoch kann es, da man sich keiner „idealen“ Definition der Wortbedeutung verpflichtet und der Definitionsrahmen des Sprachspiels variabel ist, häufig zu Missverständnissen kommen und oft muss man die Bedeutung eines Wortes raten und tut dies manchmal richtig und manchmal falsch. (PU §32)

„Man könnte also sagen: Die hinweisende Definition erklärt den Gebrauch – die Bedeutung – des Wortes, wenn es schon klar ist, welche Rolle das Wort in der Sprache überhaupt spielen soll.“ (PU §30) Man muss also wissen, welches Sprachspiel gespielt wird, um eine hinweisende Definition zu verstehen. „Damit entkleide ich jedoch die hinweisende Definition ihrer grundlegenden Funktion; sie kann offenbar, und das war doch die ihr zugedachte Aufgabe, nicht am Anfang des Sprachlernprozesses stehen.“ (Keutner 1982, S. 28)

Im Hinblick auf Wittgensteins Kritik an Augustinus lässt sich zusammenfassend folgendes sagen: Die hinweisende Definition ist nicht falsch, wir lernen sehr oft durch hinweisendes Lehren, aber nicht umfassend genug. Es ist „kein System der Verständigung“ (PU §3) wie von Augustinus vorgegeben, sondern eine Methode des Spracherwerbs in einem bestimmten Sprachspiel.

Im Hinblick auf einen erkenntnistheoretischen Zugewinn der bisherigen Betrachtungen lässt sich sagen: Die Bezeichnungsfunktion allein gibt noch nicht die Bedeutung eines Wortes an, oder andersherum formuliert: Die Bedeutung eines Wortes ist nicht das Bezeichnete . Die Bedeutung eines Wortes ist abhängig von seinem Gebrauch in einem Sprachspiel.

3.1.2 Die Bedeutung von Namen

Die Abhängigkeit der Bedeutung eines Wortes in einem Sprachspiel ist noch keine Definition sondern eine (zunächst noch unbefriedigende) Erklärung. Eine sehr große Anzahl an Sprachspielen10 korrespondiert mit einer ebenso großen Anzahl an Wortbedeutungen. Es fragt sich also, ob hinsichtlich einer Bedeutungstheorie mehr Klarheit geschaffen wurde. Wenn ja, dann bisher nur in einer negativen Antwort nämlich dass die Bedeutung nicht das Bezeichnete ist. Lässt sich aber auch eine positive Antwort finden?

3.1.2.1 Der Name als „Museumstäfelchen“

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass das Augustinische Sprachmodell nur Konkreta berücksichtigt. Jedem Gegenstand wird ein bestimmter Name zugewiesen. Wittgenstein geht nun der Frage nach, inwiefern wenigstens von diesen Namen gesagt werden kann, ihre Bedeutung wäre der bezeichnete (konkrete) Gegenstand. „Was ist die Beziehung zwischen Namen und Benanntem?“ (PU §37) Diese Frage wurde von Wittgenstein bereits – und wie er meinte abschließend – im Tractatus so beantwortet: „Ein Name steht für ein Ding, ein anderer für ein anderes Ding und untereinander sind sie verbunden, so stellt das Ganze – wie ein lebendes Bild – den Sachverhalt vor.“ (Tlp, 4.0311) Diese Ansicht wird in den Philosophischen Untersuchungen gänzlich verworfen.

Man kann sich diese Beziehung von Namen und Benanntem so vorstellen, dass wie in einem Museum jeder Gegenstand mit einem Namen versehen wird und behaupten: Ein Name hat nur dann Bedeutung, wenn ihm etwas entspricht. Angenommen wird hier eine Art Isomorphie zwischen Ding und Namen. Dagegen lässt sich aber folgendes einleuchtendes Argument anführen: Man kann sich vorstellen, dass der Gegenstand im Museum zerstört oder weggenommen wird und nur das Namenstäfelchen zurückbleibt. Mit dem Verschwinden des Gegenstandes verschwände auch die Bedeutung des Namens und der Satz „Hier befand sich einmal der Gegenstand ‚X’“ wird sinnlos. „Dies heißt, die Bedeutung eines Namens verwechseln mit dem Träger des Namens“ und in diesem Fall wird „das Wort ‚Bedeutung’ sprachwidrig gebraucht (.), wenn man damit das Ding bezeichnet, das dem Wort ‚entspricht’.“ (PU §40)

[...]


1 Zitiert nach: Quodl.VI, 6

2 Zitiert nach I Sent.d.44, q.1

3 Heute würde man Begriffslogik sagen. Aber bei Ockham hat der Begriff (conceptus) eine besondere Bedeutung (vgl. Kap. 4.7)und daher die Bezeichnung „Wortlogik“ für seine terministische Logik

4 Im Sinne von „gereinigt“ (wie bei einer „chemischen Reinigung“)

5 1996, siehe Literaturliste

6 Auf den lateinischen Text wurde hier aus Platzgründen verzichtet (vgl. auch Bernhart 1987, S. 31f)

7 Im Original Text in eckigen Klammern. Hervorhebung durch Fettdruck von R.W.

8 Hervorhebungen von R.W.

9 Der Frage, ob damit auch alle Spielfiguren gemeint sind, wird in Kap 5.1 nachgegangen

10 In § 23 gibt W. viele Beispiele

Details

Seiten
24
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783668866607
ISBN (Buch)
9783668866614
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455774
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Philosophie
Note
Schlagworte
bedeutung bedeuten wilhelm ockham ludwig wittgenstein eine untersuchung

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Bedeutung von Bedeuten bei Wilhelm von Ockham und Ludwig Wittgenstein. Eine vergleichende Untersuchung