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Der nationale Qualifikationsrahmen als potenzielles europäisches Erfolgsmodell. Eine Untersuchung Irlands im Kontext der Melioration von Berufsbildung

Seminararbeit 2017 19 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sozioökonomische und institutionelle Rahmenbedingungen in Irland
2.1 Demografische Kennziffern
2.2 Wirtschaftliche Rahmenbedingungen
2.3 Berufsbildungsbereich
2.4 Kurzzusammenfassung

3. Der nationale Qualifikationsrahmen Irlands als potenzielles europäisches Erfolgsmodell

4. Schlussbetrachtung

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Berufsbildung findet nicht mehr ausschließlich innerhalb nationaler Systeme statt. Ne- ben dem fortschreitenden technologischen Wandel, dem weltweiten Wettbewerb, den globalen Regeln und Standards, dem Entstehen neuer Berufe und Kompetenzen stellen Globalisierung und Migration den Menschen vor immense Herausforderungen und zeigen neue Entwicklungen in der Art und Weise auf, wie Kompetenzen vermittelt, erworben, bewertet und überprüft werden können (vgl. Cedefop 2015, S. 1). Eine Möglichkeit um auf diese globalen Trends adäquat reagieren zu können, ist die Etab- lierung nationaler Qualifikationsrahmen in Kooperation mit der europäischen Qualifi- kationsfestsetzung, die die Transparenz und Vergleichbarkeit von Qualifikationen er- höhen. Hierzu sind „auf der Grundlage der EQR-Empfehlung von 2008 im vergange- nen Jahrzehnt in Europa nationale Qualifikationsrahmen (NQR) entwickelt (worden, sodass gegenwärtig in) den 39 Ländern, die derzeit am Europäischen Qualifikations- rahmen zusammenarbeiten, (bereits) 43 nationale Qualifikationsrahmen eingeführt (worden sind)“ (Cedefop 2015 u. 2017, S. 1). Diese Entwicklung betont die zuneh- mende Relevanz und Aktualität der internationalen Vergleichbarkeit von erworbenen Qualifikationen. „In dem Maße, wie (die nationalen Qualifikationsrahmen) nun ge- nutzt werden, stellt sich die Frage nach ihren Auswirkungen und ihrem Mehrwert. Welchen Beitrag leisten diese umgesetzten Rahmenstrukturen zu Politik und Praxis in der allgemeinen und beruflichen Bildung und Beschäftigung?“ (Cedefop 2017, S. 1). Es wird deutlich, dass der Mehrwert der Etablierung nationaler Qualifikationsrahmen für den Berufsbildungsbereich und insbesondere für das Beschäftigungssystem noch nicht ausreichend erforscht ist. Grund hierfür ist die Tatsache, dass die nationalen Qua- lifikationsrahmen in Europa mit Ausnahme der Rahmen Irlands, Frankreichs und des Vereinigten Königreichs erst seit kurzem bestehen (vgl. Cedefop 2016, S. 1).

Auf der Grundlage der dargestellten Trends zur Entwicklung von Berufsbildung und Kompetenzen sowie des beschriebenen Forschungsstands zur Einführung nationaler Qualifikationsrahmen kann festgehalten werden, dass die Etablierung nationaler Qua- lifikationsrahmen ein hohes Maß an Relevanz und Aktualität besitzt. Zudem scheint die Entwicklung der Angleichung nationaler Qualifikationsstrukturen mit dem euro- päischen Rahmen eine international bedeutende Maßnahme zu sein um auf angeführte Kompetenzentwicklungen reagieren zu können. Weiterhin ist erkennbar geworden,dass der Nutzen nationaler Qualifikationsrahmen für die allgemeine und berufliche Bildung sowie für das Beschäftigungssystem noch nicht ausreichend erforscht ist.

Die vorliegende Seminararbeit wird an dem beschriebenen Forschungsbedarf ansetzen und den nationalen Qualifikationsrahmen am Beispiel Irlands hinsichtlich einer poten- ziellen Melioration des nationalen Berufsbildungssystems untersuchen. Hierzu wird konkret analysiert, inwiefern das Modell des nationalen Qualifikationsrahmens im Kontext der europäischen Einbettung von Berufsbildung, Übergänge mit Qualifikati- onen nationaler Berufsbildungssysteme in europäische Beschäftigungssysteme er- leichtert und ob infolgedessen die Ertragsfähigkeit von Berufsbildungssystemen ge- steigert werden kann. Um dieses Vorhaben realisieren zu können, werden zu Beginn einleitend sozioökonomische und institutionelle Rahmenbedingungen Irlands aufge- zeigt. Als analytischen Bearbeitungsschwerpunkt wird anschließend der irische Qua- lifikationsrahmen als beispielhafte, nationale Qualifikationsstruktur eines Berufsbil- dungssystems im Rahmen der Internationalisierung bzw. Europäisierung von Berufs- bildung diskutiert. Hierbei wird abschließend im Kontext der Melioration von Berufs- bildungssystemen eine Bewertung erfolgen, ob eine Angleichung nationaler Qualifi- kationen im europäischen Rahmen zweckmäßig ist und ob damit eine Übergangser- leichterung mit Qualifikationen nationaler Berufsbildungssysteme in europäische Be- schäftigungssysteme erreicht wird.

2. Sozioökonomische und institutionelle Rahmenbedingungen in Irland

In diesem Kapitel werden sozioökonomische und institutionelle Faktoren Irlands auf- gezeigt um einen umfassenden Überblick zum gegenwärtigen Status des irischen Staats, des Wirtschaftssystems und des Berufsbildungsbereichs erlangen zu können.

2.1 Demografische Kennziffern

Irland ist Teil des Europäischen Binnenmarkts. Zusammen mit 18 weiteren EU- Mitgliedsstaaten bildet es eine Währungsunion, die Eurozone. Mit der Errichtung des irischen Freistaates durch den Anglo-Irischen Vertrag am 6. Dezember 1921 wurde Irland als Teil des Commonwealth unabhängig (vgl. Fink 2008, S. 4). Irland bestand ursprünglich aus vier historischen Provinzen (Connacht, Leinster, Munster und Uls- ter), die wiederum in 32 Grafschaften (Countys) aufgeteilt waren. Grundsätzlich haben die Provinzen keine Bedeutung mehr für die Verwaltung des Staates, spielen aber bei- spielsweise im sportlichen Bereich eine Rolle. Seit der Unabhängigkeit wird Irland als eine Parlamentarische Republik mit Regierungssitz in der Hauptstadt Dublin zentralistisch regiert. Die Amtssprachen sind Englisch und Irisch. Englisch wird als Verkehrssprache grundsätzlich benutzt, wohingegen Irisch nur circa 3 Prozent der Bevölkerung täglich sprechen. Insgesamt leben in Irland 4.75 Millionen Menschen auf einer Fläche von 70.282 Quadratkilometern, wobei die höchste Bevölkerungsdichte in Dublin ist. Der Jugendanteil an der Gesamtbevölkerung beträgt 522.2920 Jugendliche in einem Alter von 15-24 Jahren (vgl. Auswärtiges Amt 2017).

2.2 Wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Das irische Wirtschaftssystem besteht mehrheitlich aus einheimischen Betrieben. Al- lerdings ist die Profitabilität der vergleichsweise weniger auftretenden ausländischen Firmen in Irland wesentlich größer und die Beschäftigungsanteile im Vergleich zu in- ländischen Firmen gleich hoch, sodass die Integration der ausländischen Firmen zu deutlichen Mehreinnahmen für den Staatshaushalt geführt haben. So konnte sich der Anteil der Unternehmenssteuer an den steuerlichen Gesamteinnahmen in den 1990er Jahren verdreifachen (vgl. Fink 2008, S. 9). Durch die hohe Produktivität der auslän- dischen Firmen in Irland, ergibt sich seit der Finanzkrise 2008 ein wirtschaftlich stabi- ler Aufschwung. Allerdings wirft die Brexit-Entscheidung der britischen Wähler am 23.06.2016 einen Schatten auf diese wirtschaftliche Stabilität, da Irland mit Großbritannien wirtschaftlich enger verflochten ist als jeder andere EU-Staat. Ungeachtet dessen ist im EU-Durchschnittsvergleich und in Relation zu Deutschland das Bruttoinlandsprodukt Irlands als Indikator zur Beschreibung des nationalen Wirtschaftswachstums enorm höher: Irlands Wirtschaftswachstum beträgt zurzeit +26,3%, Deutschlands Wachstum +1,9% und der EU-Durchschnitt liegt bei +1,7% (vgl. statista 2016a). Diese hohe Wirtschaftlichkeit spiegelt sich ebenfalls in den nationalen Beschäftigungszahlen bzw. in der Erwerbslosenquote wider.

Irland liegt im Jahr 2016 mit weiter ansteigenden Beschäftigungszahlen von 2,3 Pro- zent hinsichtlich der Erwerbslosenquote von 7,8% unter dem EU-Durchschnitt von 8,6% (vgl. Bundesagentur für Arbeit, Statistik/Arbeitsmarktberichterstattung 2016, S.

5). Grund für die gegenwärtige Höhe der Erwerbslosenquote ist die Erholung von der Finanzkrise 2008, die 2012 ihren Höhepunkt mit 14,72% Arbeitslosen in Irland hatte (vgl. statista 2016b). Hinsichtlich der Jugendarbeitslosigkeit sind aktuell 14,5% aller 15-24-jährigen arbeitslos. Der EU-Durchschnitt liegt bei 17,3% (vgl. statista 2017). Für eine Betrachtung des Jugendarbeitslosigkeitswerts im Kontext der Gesamtwirt- schaftlichkeit Irlands ist die gegenwärtige Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit hin- sichtlich des bereits aufgezeigten Jugendanteils von 522.2920 Jugendliche in einem Alter von 15-24 Jahre auf 4.75 Millionen Menschen zu sehen. Es wird ersichtlich, dass für die gesamte Wirtschaftskraft Irlands der Anteil an erwerbstätigen Jugendlichen ei- nen im Vergleich zu den verbleibenden Altersgruppen der Arbeitnehmer Irlands nied- rigen Einfluss besitzt. Dennoch ist der gegenwärtige Jugendarbeitslosigkeitswert von 14,5% im Rahmen einer singulären Betrachtung im Vergleich zum EU-Durchschnitt als fortschrittlich zu bewerten. Dieser vergleichsweise gute Wert kann zum einen auf die hohe Wirtschaftlichkeit Irlands mit steigenden Beschäftigungszahlen zurückge- führt werden, ist zum anderen aber auch ein Indikator für ein gut funktionierendes Berufsbildungs- und Übergangssystem. Wird die Jugendarbeitslosigkeit im Rahmen des gegenwärtigen Bildungsniveaus genauer betrachtet, weist Irland im Vergleich zum EU-Durchschnitt eine hohe Jugendarbeitslosigkeit mit einem Bildungsniveau aus dem tertiären Bereich auf. Dieser Aspekt lässt die Annahme zu, dass Jugendliche mit einem Qualifikationsniveau wie einer Berufsausbildung, entsprechend des ISCED-Bereichs1 3-4, vergleichsweise leichter eine Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt in Irland fin- den, als Akademiker (vgl. Cedefop 2012, S. 4).

2.3 Berufsbildungsbereich

Zentrale berufsbildende Institutionen sind die Foras Áiseanna Saothair (FÀS), die Vo- cational Education Committees (VEC) und weitere staatliche Behörden. Die FÀS ist die nationale Behörde für Berufsbildung und Beschäftigung und eine halbstaatliche Einrichtung ohne Erwerbszweck. Grundsätzlich wird sie in ihrem Wirken durch die irische Regierung bestimmt. Sie unterhält 20 Ausbildungszentren und organisiert zu- dem Berufsbildungsmaßnahmen durch andere Berufsbildungsanbieter per Auftrags- vergabe. Grundsätzlich bietet die Behörde Maßnahmen der beruflichen Erstausbil- dung, Ausbildungsmaßnahmen für Arbeitslose und berufliche Weiterbildungsmaß- nahmen an. Das VEC sind Berufsbildungsausschüsse bzw. öffentliche Gremien auf Grafschaftsebene. Neben der FÀS sind es die wichtigsten Berufsbildungsanbieter in Irland (vgl. Cedefop 2012, S. 1). Anhand der zuvor aufgezeigten Grafschaftenstruktur Irlands wird deutlich, dass die VEC im Rahmen der Verwaltung der Berufsbildung eine wichtige Rolle spielen. Die öffentlichen Gremien von verschiedenen Grafschaften mit unterschiedlichen territorialen Gegebenheiten (ländlich, Küstennähe und städ- tisch) fokussieren sich auf passende Berufsbildungsangebote für den speziellen Raum, die der nationalen Wirtschaft förderlich sein könnten. Als Beispiele sind an dieser Stelle die Landwirtschaft, die Hochseefischerei oder die Bier- bzw. Whisky-Brauerei zu nennen. Hierfür werden anschließend spezifische staatliche Behörden wie das BIM (das Hochseefischereiamt) und die Teagasc (die Behörde für Ausbildung in der Land- wirtschaft und im Nahrungsmittelsektor) zuständig (vgl. Cedefop 2004, S. 16f.). An- hand der Struktur und Verwaltung wird die zentrale, öffentliche Steuerung des Berufs- bildungsangebots deutlich. Zum einen wird die Steuerung durch zentrale, halbstaatli- che Einflüsse der FÁS bestimmt und zum anderen durch öffentliche Berufsbildungs- ausschüsse auf Grafschaftsebene mit oder ohne weiteren staatlichen Behörden (BIM + Teagasc) vollzogen. Diese Berufsbildungsangebote werden an diversen Institutio- nen, wie Universitäten, Institutes of Technology (Fachhochschulen), Further Educa- tion Colleges (weiterführende Bildungseinrichtungen), örtliche Berufsbildungszen- tren, sogenannte Youthreach Centres (Ausbildungszentren für jugendliche Schulab- gänger ohne Abschluss) und Traveller Training Centres (Zentren für jugendliche Nichtsesshafte), von der FÁS betriebene Community Training Workshops (örtliche Lehrwerkstätten) durchgeführt (vgl. Cedefop 2004, S. 15). Demzufolge sind be- stimmte Aufgaben im Berufsbildungsbereich inzwischen auf regionale, kommunale und örtliche Institutionen übertragen worden, die im Laufe der letzten Jahre geschaffen wurden. Keine dieser Einrichtungen besitzt jedoch sehr weitreichende Befugnisse, so- dass das irische Berufsbildungssystem nach wie vor zentral organisiert ist.

2.4 Kurzzusammenfassung

Zusammenfassend können auf der Basis des enormen Wirtschaftswachstums Irlands von 26,3 Prozent im Jahr 2016, der geringen Jugendarbeitslosigkeit von 14,5 Prozent im Februar 2017 und des zentralistisch organisierten Berufsbildungssystems mit der Berücksichtigung örtlicher Gegebenheiten, Indikatoren für ein gut funktionierendes Wirtschafts-, Berufsbildungs- und Übergangssystem aufgezeigt werden.

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1 Internationale Standardklassifikation für das Bildungswesen

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Titel: Der nationale Qualifikationsrahmen als potenzielles europäisches Erfolgsmodell. Eine Untersuchung Irlands im Kontext der Melioration von Berufsbildung