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Das Mahl von Cäsar und Kleopatra bei Lukan

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 13 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhalt

1.Die Mahlzeit im antiken Rom

2. Cäsar und Kleopatra bei Lukan
2.1. Der Dichter und sein Werk
2.2. Der historische Kontext
2.3. Das Gastmahl und seine Bedeutung

3. Zusammenfassung

4. Bibliografie

Anhang: Lateinischer Text und Übersetzung

1. Die Mahlzeit im antiken Rom

Im Seminar „Symposion – convivium“ haben wir in diesem Semester über das Essen in der Antike gesprochen. Das Speisen dient nicht nur der Erfüllung eines menschlichen Grundbedürfnisses, sondern wird, mit mehreren ausgeführt, „eine soziologische Ange­legenheit“1, die zu bestimmten Anlässen stattfindet, definierten Konventionen genügt und in eigens dafür vorgesehenen Räumlichkeiten geschieht. Dies gilt bereits seit Jahr- tausenden und war freilich auch für die Antike bedeutsam, wie die Präsentation zahlreicher archäologischer Funde – Wandbilder und Gefäße mit solchen Darstellungen, aber auch Essgeschirr und Räume für Tischgesellschaften – im Laufe des Seminars verdeutlicht hat. Ausgrabungen bilden die materielle Grundlage; der Altertumswissenschaftler kann sich hingegen auch auf ein anderes Medium stützen, um die Bedeutung des gemeinsamen Speisens nachzuvollziehen zu versuchen: Literarische Hinterlassenschaften bilden dann die ideelle Grundlagen für die Beschäftigung mit den Riten im Bereich Tischgesellschaft.

Das Seminar streifte, nach einer grundsätzlichen Klärung der Begriffe συµπόσιον, convivium und κῶµος verschiedene Domänen und Zeitabschnitte der Antike, um jeweils die typischen Realien darzustellen und einzuordnen. Da nun vier institutsfremde Altphilologen unter den Seminarteilnehmern waren, wurden dankenswerterweise auch zwei römische Dichter in den Themenkatalog aufgenommen und zwischen den Symposion- Räumen in Griechenland und Räumen des Gastmahls im Römischen Reich platziert. Es soll nicht vermessen erscheinen zu behaupten, dass die thematische Gliederung der Lehrveranstaltung dem hier behandelten ‚Sonder‘-Thema keine feste Stelle zuschreiben muss, sondern es gewissermaßen als Exkurs frei einfügen kann.

In einer so zivilisierten Gesellschaft wie der römisch-antiken, wo das Handwerk spezialisiert2, die Gesellschaftsschichten mit ihren Gepflogenheiten sauber voneinander getrennt sind, kommt der Mahlzeit im größeren Rahmen, wie sie von der oberen und obersten Gesellschaftsschicht praktiziert wird, eine herausgehobene Bedeutung zu. Zu ausgewählten Anlässen bildet das gemeinsame Essen den Ausgangspunkt und die Grundlage für das anschließende gemeinschaftliche Zechen, das von politischen Streitgesprächen und privaten Plaudereien begleitet gewesen ist und von Spielen und einem kulturell-zerstreuenden Rahmenprogramm umgeben war, das u. a. in der Hand von Sängern, Schauspielern und Tänzern, jungen Knaben und Hetären lag. Darüber hinaus fan- den gemeinsame Speisungen im Zusammenhang mit kultischen Handlungen und – wie heute – bei Beisetzungen statt.

Die vorliegende Arbeit stützt sich auf eine Darstellung eines solchen convivium genannten Gastmahls in der römischen Literatur: Der Historiker Marcus Annaeus Lucanus (* 39 n. Chr., † 65 n. Chr.) hat im ersten nachchristlichen Jahrhundert ein Werk mit dem Titel De bello civili abgefasst. Entbehrt dieser historiografische Text gänzlich weit- schweifender Darstellungen römischer Gastlichkeit, so findet sich in Buch 10 dennoch ein kurzer Abschnitt, der Einblicke in das Wesen eines Gastmahls zur damaligen Zeit bietet und nicht um seiner selbst willen, sondern zum Zwecke der Charakterisierung von Personen eingeschoben ist. Ziel soll es sein, die Bedeutung dieser Szene, die sich zwischen Kleopatra und Gaius Julius Cäsar abgespielt haben soll, herauszustellen, indem auf die Funktion dieses Gastmahls eingegangen und ein sachhistorischer Blick auf Einzelheiten der Bewirtung gelenkt wird.

2. Cäsar und Kleopatra bei Lukan

2.1. Der Dichter und sein Werk

Lukan wurde am 3. November 39 v. Chr. als Marcus Annaeus Lucanus im heutigen Córdoba in Spanien geboren, das damals ein bedeutendes kulturelles Zentrum und eine der reichsten Provinzen Roms war. Seine Eltern stammten aus einem altspanischen oder altitalischen Geschlecht3 ; sein Großvater väterlicherseits war der berühmte Seneca Rhetor, sein Onkel Seneca d.J. war der Erzieher und Berater Kaiser Neros. Er genoss eine rhetorische Ausbildung in Rom und wurde Anhänger der Stoa. Mit 14 Jahren dichtete er bereits und nahm erfolgreich an Dichterwettbewerben teil. Dank seines Onkels erhielt er leicht Zugang zum Kaiserhof und befand sind ab 59 in Neros Freundeskreis, in dem sich Künstler, Sportler und Dichter tummelten. Nur drei Jahre später indes belegte Nero Lukan mit einem Publikationsverbot, weil er Talente zweiten und dritten Ranges zwar förderte, erstklassige jedoch von Neid erfüllt verfolgte. Nachdem anno 65 die Pisonische Verschwörung aufgedeckt worden war, an der neben Lukan auch Seneca und Petron beteiligt waren, tötete Lukan sich im April desselben Jahres durch Aderlass selbst.

Von den etwa 17 Werken, die Lukan verfasst haben soll, ist nur ein einziges erhalten: De bello civili oder – nach der Darstellung der entscheidenden Schlacht im Bürgerkrieg bei Pharsalos 48 v. Chr. – die Pharsalia. Da das letzte Buch 10 deutlich kürzer als die übrigen ist und unvermittelt mitten im Kampf in Alexandria abbricht, ist davon auszugehen, dass es entweder unvollendet geblieben oder nur fragmentarisch überliefert ist. Lukans Ziel bestand darin, ein Geschichtswerk zu kreieren, in dem er die Geschehnisse des römischen Bürgerkrieges in den 60er Jahren des ersten vorchristlichen Jahrhunderts mit ihren Antagonisten Cäsar und Pompeius darstellen konnte. Pompeius erscheint als pazifistischer Liebling des Volkes, der das Kämpfen verlernt hat und als Schatten seiner selbst allmählich verblasst, gleich einer mit Kriegsbeute und Waffen geschmückten, entlaubten Eiche, die darauf wartet, vom nächsten Windstoß entwurzelt zu werden (vgl. 1,129–143a)4. Cäsar hingegen wird als ein in seiner Ehre gesunkener, ungestümer, blutrünstiger Krieger gezeichnet, der die Menschheit in Angst und Schrecken versetzt und jedes Hindernis aus dem Weg räumt (vgl. 1,143b–157). Im Verlauf des Geschichtswerks wird unübersehbar deutlich, dass Lukan Cäsar verabscheut und in seine Darstellung alles aufnimmt, was Cäsar in einem ungünstigen und Pompeius in einem günstigen Licht erscheinen lässt.

2.2. Der historische Kontext

Als das erste Triumvirat zwischen Pompeius, Crassus und Cäsar im Jahre 53 mit Crassus’ Tod zusammenbrach, als der Senat zudem ein zweites Konsulat Cäsars verhindern will, weil er in Pompeius, dem consul sine collegia, den Mann sah, der die Ordnung wiederherstellen könnte, antwortete dieser mit dem Einmarsch in Italien und der Bürgerkrieg begann. Auf griechischem Boden, bei Pharsalos, schließlich wurde Pompeius’ doppelt so starke Armee von Cäsar geschlagen. Kurz darauf kam Cäsar ins ägyptische Alexandria, wo er von der gerade mal 19-jährigen Königin Kleopatra VII. gebeten wird, sich für sie gegen ihren Bruder Ptolemäus XIII. einzusetzen, der – entgegen dem letzten Willen des gemeinsamen Vaters – den Thron nicht mit ihr teilen möchte.

An dieser Stelle nun setzt die Vorgeschichte der hier näher betrachteten Stelle im zehnten Buch der Pharsalia des Lukan ein. Cäsar landet in Ägypten und bekommt das abgeschlagene Haupt Pompeius’ vorgehalten, besichtigt dann die Stadt Alexandria und begegnet Kleopatra, mit der er eine ehebrecherische Nacht verbringt, nachdem sie ihn gebeten hat, sich für ihre Sache im Thronfolgestreit mit ihrem Bruder einzusetzen. Es folgt das sogenannte Versöhnungsbankett, in dem der Darstellung des Palastes, der Speisen und des Inventars hier besondere Bedeutung beigemessen werden wird. Daran schließen sich ein Kolloquium mit eingeflochtenem Exkurs über die Nilquelle sowie Cäsars Auseinandersetzung mit den Bewohnern Alexandrias an.

2.3. Das Gastmahl und seine Bedeutung

Lukan bereitet die Szene, die sich im ptolemäischen Palast abspielt, durch eine Charakterisierung der Kleopatra und des Cäsar vor. Zunächst ist hier in 10,72b–78a das Motiv der unrechtmäßigen und selbstvergessenen Liebe zu nennen, die mit der Zeugung eines außerehelichen Sohnes ihren Höhepunkt findet. Kleopatra hat sich in der Absicht, Cäsar für sich zu gewinnen und mit seiner Hilfe nach ihrer Vertreibung wieder in Alexandria regieren zu können, mit unechten Tränen geschmückt und ihre Haare zerrauft, um durch derart geheuchelten Kummer das Mitleid des römischen Feldherrn zu rühren (10,82– 84). Durch diese Charakterisierung gelingt es Lukan, die beiden Personen als „ebenbürtige“ Partner zu skizzieren, die sich „als egoistische Verbrecher […] ihrer Lust hingeben“5. Cäsar hatte sich nämlich einige Verse zuvor (9,1036–1041) angesichts des abgehauenen Kopfes Pompeius’ ebenfalls verstellt und falsche Tränen vergossen und befindet sich mithin auf derselben emotionalen Stufe wie die ägyptische Thronfolgerin. Ihr Bitten und ihr aufgesetzter Schmerz aber wären umsonst gewesen, wenn nicht das alles Entscheidende, der Beischlaf mit Cäsar, stattgehabt hätte. Dieser Akt wird von Lukan als Bestechung bezeichnet: exigit infandam corrupto iudice noctem (10,106), „[Kleopatra] fordert vom korrupten Richter eine schändliche Nacht“.

Das Bankett im kaiserlichen Palast wird in 10,115–122a mit einer ausführlichen Beschreibung der Pracht des Hauses eingeleitet: Die Wände sind nicht nur mit wertvollen Steinen verkleidet, sondern bestehen gänzlich daraus, Ebenholz dient nicht als Dekor, sondern als Material für Stützbalken, die Teppiche sind aus kostbaren, aufwändig gefärbten Stoffen gefertigt, und alles ist mit Gold und Edelsteinen veredelt. Was in bescheidenerem Umfeld bloße Verkleidung, ist hier massive Bausubstanz. Selbst das Geschirr besteht aus Jaspis. Dies bezeugt einen übertrieben großen, pervertierten Reichtum, wie ihn, so Lukan, Rom noch nie gesehen habe; Kleopatra wird durch „ihr Ambiente charakterisiert und entlarvt sich dadurch selbst in ihrer moralischen Verworfenheit.“6 Als Teil des ‚Inventars‘ folgt nun in 10,127–135 der Bericht über die Dienerschar, die Cäsar im Palast vorfindet. Da ist von zahlreichen ministri und famulae unterschiedlicher Haar- und Hautfarbe und unterschiedlichen Alters die Rede, von Alten und ‚verstümmelte‘ Eunuchen. So wie Lukan zuvor schmückende Details der Räume ausgeführt hat, so legt er jetzt sein Augenmerk auf die Frisuren der Diener, die besonderen Putz bezeugen und deshalb exotisch wirken.

[...]


1. Simmel 2001: 142.

2. Einen eindrucksvollen Katalog kultivierter Pflanzen und domestizierter Tiere bei den Römern bietet André, Jacques (1998): Essen und Trinken im alten Rom, übers. v. Ursula Blank-Sangmeister, Stuttgart: Reclam.

3. Vgl. Vessey 1999: 454.

4. Im Folgenden bedeuten Stellenangaben ohne Autor, dass es sich um Lukans De bello civili gemäß der in der Bibliografie bezeichneten Textausgabe handelt.

5. Radicke 2004: 494.

6. Schmidt 1986: 191. Lukan baut einen Kontrast zur kargen Hochzeit von Cato und Marcia im zweiten Buch auf, die der Opposition ungestüm-zügellos vs. stoisch bescheiden dient.

Details

Seiten
13
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668867185
ISBN (Buch)
9783668867192
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456164
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Klassische Archäologie und Antikenmuseum; Institut für Klassische Philologie und Komparatistik
Note
1,5
Schlagworte
Symposion Komos convivium Gastmahl Cäsar Kleopatra Lukan Lucanus Symposium

Autor

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Titel: Das Mahl von Cäsar und Kleopatra bei Lukan