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Zur Epochenzuordnung von Arthur Schnitzlers "Fräulein Else"

Hausarbeit 2018 13 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Epochen der möglichen Zuordnung von
Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“
2.1 Wiener Moderne
2.2 Weimarer Republik, literarische Strömung

Neue Sachlichkeit

3 Versuch, „Fräulein Else“ einer der beiden Epochen
zuzuordnen
3.1 Wiener Moderne
3.2 Neue Sachlichkeit

4 Zusammenfassung und Reflexion

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Versuch einer Zuordnung von Arthur Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“ in eine literarische Epoche. Im ersten Teil der Arbeit werden die Hintergründe und Merkmale der Epoche der Wiener Moderne sowie der literarischen Strömung Neue Sachlichkeit in der Zeit der Weimarer Republik beschrieben. Danach werden im Werk Arthur Schnitzlers Charakteristika der einen oder anderen Epoche aufgezeigt und besprochen. Schließlich wird betrachtet, ob „Fräulein Else“ einer der beiden Epochen zweifelsfrei zuzuordnen ist.

2 Epochen der möglichen Zuordnung von Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“

2.1 Die Epoche der Wiener Moderne

Der Kulturbetrieb in der österreichischen Hauptstadt zwischen etwa 1890 und 1910 wird als „Wiener Moderne“ bezeichnet. Die Stadt erlebt zu dieser Zeit eine Blüte in der Musik, der Malerei, der Architektur, der Philosophie und der Literatur. In der Literatur kennzeichnet die Wiener Moderne die schriftstellerische Produktion in Wien in der Umbruchzeit der Jahrhundertwende und versteht sich als Gegenströmung zum Naturalismus. Sie wird auch als „Kaffeehausliteratur“ bezeichnet, da in den Kaffeehäusern Wiens regelmäßiger Gedankenaustausch und Zusammenarbeit zwischen den Autor/ innen stattfanden.

Auch die Literatur Gesamteuropas wirkte direkt oder indirekt auf die von Wien aus- gehende Literatur ein. (vgl. Wunberg 1981) Während in anderen Ländern soziale und kulturelle Entwicklungen bereits stattfanden, hatte der Fortbestand besonderer österreichischer Traditionen zur Folge, dass Wien die Hauptströmungen des 19. Jahrhunderts lange unbeachtet ließ. (vgl. Le Rider 1990) So beobachtet man in der österreichisch-ungarischen Monarchie einen Verspätungseffekt, „[…] der sich dann mit einer ebenso ausgeprägten Modernisierung verbindet, durch die der Rückstand nahezu aufgeholt wird.“ (Le Rider 1990, S. 16)

Die Autorenschaft der Wiener Moderne lehnt die konservative Kunst und Kultur des Kaiserreichs ab und entwickelt eine Vielzahl neuer Stile und Formen im Anschluss an die Moderne, welche von heftigem Widerstand konservativer Zeitgenossen begleitet ist. Die zu der Zeit vorhandene politische Instabilität überträgt sich auf das pessimistische Lebensgefühl der Künstler, die den kulturellen Verfall, den Tod und die Dekadenz, welche die Literatur des fin de siècle allgemein bestimmt, zu künstlerischen Elementen in ihren Werken erheben und thematisieren. Es entsteht auch eine „[…] Akzeptanz der Krise als Entwicklungselement, als eine mögliche Lebensform.“ (Ackerl 1999, S. 5) Das geistige und kulturelle Klima während der Zeit bewegte sich stark zwischen Höhen und Tiefen, zwischen dem Fortschrittsglauben und der Untergangs-stimmung (vgl. Ackerl 1999), welche in der österreichischen Literatur der Jahrhundert- wende oft im Verfallsthema zum Ausdruck kommt. (vgl. Le Rider 1990) Zum einen waren die Menschen von den Erfolgen und Möglichkeiten der Industrialisierung und Technik begeistert, zum anderen wurden auch die Grenzen der Mechanisierung und Urbanisierung und die damit einhergehenden Probleme deutlich, und die fortschreitende Rationalisierung in der Welt führte zu einer verstärkten Sehnsucht nach Irrationalem. (vgl. Le Rider 1990) Die Wiener Autor/innen wandten sich den „Seelenzuständen“ zu, und das Individuelle und die Subjektivität wurden kultiviert und erforscht, was auch auf Kosten der sozialen Ideen und des realistischen Stils stattfand. (vgl. Le Rider 1990) Auch eine besondere Ausprägung des Einsamkeitsgefühls bei den Schriftstellern des „Jungen Wien“ schlägt sich darin nieder, „[…] dass alle menschlichen Bindungen nur noch oberflächlich und trügerisch wirken.“ (Le Rider 1990, S. 47) „Die als unvermeidlich empfundene Einsamkeit des Individuums ist es auch, die schließlich an der Eignung der Sprache als Kommunikationsmittel zweifeln lässt.“ (Le Rider 1990, S. 48) Weiter sind auch die Zustände der Nervosität und der Langeweile besondere Kennzeichen der Moderne. Nietzsche behandelte die Begriffe „Moderne“ und „Nervosität“ sogar als nahezu gleichbedeutend. (vgl. Le Rider 1990)

2.2 Die Epoche der Weimarer Republik, literarische Strömung Neue Sachlichkeit

Die literarische Strömung Neue Sachlichkeit gilt in der Weimarer Republik als die vor-herrschende literarische Richtung. Sie beginnt nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und endet mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933. Im literarischen Betrieb der Weimarer Republik sind zunächst alle Autor/innen zu berücksichtigen, die an der literarischen Kommunikation teilnahmen, die also zwischen 1918 und 1933 geschrieben und publiziert haben. Hervorzuheben sind allerdings die Autor/innen, deren Entwicklung in besonderer Weise mit den literarischen Debatten und ästhetischen Innovationen dieser Zeit verbunden war. (vgl. Streim 2009) Die literarische Neue Sachlichkeit konstituiert sich bereits in den Anfangsjahren der Weimarer Republik als gegenexpressionistische Bewegung und „[…] muss als die letzte Phase jener literarischen Moderne verstanden werden, die sich in Auseinandersetzung mit den Prozessen der Industrialisierung und Urbanisierung seit 1890 konstituiert.“ (Becker 1995, S. 15) Detlev Peukert charakterisiert die Weimarer Republik als „Krisenzeit der klassischen Moderne“. (Peukert 1987, S. 11) Sie lässt sich mit den Begriffen Realismus und Nüchternheit beschreiben.

Die fortgeschrittene kapitalistische Gesellschaft spielt in der Neuen Sachlichkeit eine bedeutende Rolle. Es wurden immer wieder die gesellschaftlichen Modernisierungs- schübe kritisch hinterfragt. Die Literatur liefert hierbei oft trockene Berichterstattungen und Zeitanalysen statt utopischer, messianischer Zukunftsvisionen und nutzt dabei eine am Alltag orientierte, nüchterne und auf Verständlichkeit abhebende Sprache. (vgl. Becker 1995) Unter den Autor/innen dominiert (in scharfer Abgrenzung zum Spätexpressionismus) der Typ des wissenschaftlichen oder journalistischen Bericht- erstatters. Aufgrund des Verlustes von Exklusivität und der Aura ästhetischer Autono- mie und Zeitlosigkeit in der Kunst und Literatur gewannen neue „[…] Genres wie der Unterhaltungsroman, die Reportage, die Biographie oder das Sachbuch gegenüber der herkömmlichen schönen Literatur an Bedeutung.“ (Streim 2009, S. 27) Während weitestgehend auf fabulierende und artistische Ausgestaltungen verzichtet wird, ist die Autorenschaft bei dem Verzicht auf poetische Dimensionen der Literatur zugunsten ihrer funktionalen und publizistisch-essayistischen Bestimmung uneinig. (vgl. Streim 2009) Die Bevorzugung eines auf Exaktheit in der Beschreibung der gesellschaftli- chen Realität basierenden sozialkritischen und aktualitätsbezogenen Erzählstils „[…] impliziert den Verzicht auf die Ausgestaltung im Sinne des traditionellen Erzählens […].“ (Becker 1995, S. 12) Man beschränkt sich dafür auf die Darstellung kurzer Le- bensabschnitte, wobei die Figuren mehr als Verkörperung sozialer Typen denn als Individuen verstanden werden. Ihre Lebensumstände, ihr Bewusstsein und ihr Schicksal stehen exemplarisch für eine gesellschaftliche Gruppe. (vgl. Becker 1995) Es findet ein Verzicht auf psychologisierendes Erzählen statt. Ein hervorragendes Kenn- zeichen der literarischen Neuen Sachlichkeit besteht darin, dass die Sozioanalyse gegenüber der Individualanalyse im Vordergrund steht. Schlüsse auf die Psyche der Figuren lassen sich nur aus ihrem Verhalten, ihren Reaktionen und ihren Handlungen ziehen. In der Regel wird auf eine psychologische Problematisierung und psychologisierende Darstellung des Innenlebens verzichtet. Die Hinwendung zum Menschen und zur gesellschaftspolitischen Realität wird durch die Forderung nach Orientierung an der Sache bestimmt. (vgl. Becker 1995)

In der Weltsicht der Menschen der Weimarer Republik spielte auch Amerika eine große Rolle. Die aufkommende Massenkultur, welche durch Rationalisierung, Technisierung und Liberalisierung geprägt war, wurde unter den Schlagwörtern „Neue Sachlichkeit“ und „Amerikanismus“ diskutiert. (vgl. Streim 2009) Amerika erschien vielen in Hinsicht auf Technologie, Effizienz und wirtschaftlichen Erfolg als verheißungsvolles Modell, und der „american way of life“, die pragmatische-unromantische Weltsicht faszinierte. (vgl. Streim 2009) So finden auch mit dem Amerikanismus bzw. mit der modernen Massenkultur verbundene Sujets, welche dabei kritisch hinterfragt werden, Einzug in die Literatur: Sport, Girlkultur, Film, Technisierung, Kapitalisierung und Rationalisierung der Gesellschaft.

3 Versuch, „Fräulein Else“ einer der beiden Epochen zuzuordnen

3.1 Wiener Moderne

Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“ handelt von einer Wiener Anwaltstochter, die ihre Gedankenwelt durch einen sogenannten „inneren Monolog“ mitteilt. Diese literarische Technik lag auch der von Schnitzler bereits 1901 verfassten Novelle „Leutnant Gustl“ zugrunde. „Fräulein Else“ ist eine „[...] psychoanalytische Durchleuchtung des menschlichen Herzens angesichts einer auf Entscheidung drängenden existentiellen Grenzsituation.“ (von Wilpert 1997, S. 388) Schnitzler, geboren 1862, lebte zunächst als Arzt und später als freier und anerkannter Schriftsteller in Wien, wo er auch mit Sigmund Freud gut bekannt war. Von daher sind er und sein Werk natürlich durch die Wiener Moderne geprägt.

Schon zu Beginn der Novelle zeigt sich das Gefühl der Einsamkeit als Kennzeichen der Wiener Moderne deutlich. Else sagt: „Ich bin nicht verliebt. In niemanden. Und war noch nie verliebt.“ (Schnitzler 1924, S. 6) Dieses Einsamkeitsgefühl vermittelt sie auch später wieder. „Wie weit ist Wien? Wie lange bin ich schon fort? Wie allein bin ich da! Ich habe keine Freundin, ich habe auch keinen Freund.“ (Schnitzler 1924, S. 19) Und ebenso äußert Herr von Dorsday im Gespräch mit Else, dass er „[…] ziemlich einsam und nicht besonders glücklich ist […].“ (Schnitzler 1924, S. 36) Auch die Langeweile wird in einem Gespräch Elses mit Herrn von Dorsday thematisiert, währenddessen sie denkt: „Wie langweilig er ist. Merkt er das nicht?“ (Schnitzler 1924, S. 26)

Ein weiteres Gefühl als besonderes Kennzeichen in der Literatur der Wiener Moderne ist die Nervosität. In ihren Gedanken überlegt Fräulein Else immer wieder, ihre Nervosität mit Hilfe des Schlafmittels Veronal zu bekämpfen. „Ich werde heute Veronal nehmen.“ (Schnitzler 1924, S. 9) „Ich bin nervös. Ach, soll man nicht unter solchen Um- ständen nervös sein. Die Schachtel mit dem Veronal hab ich bei den Hemden.“ (Schnitzler 1924, S. 21) Auch das Thema des Todes ist in „Fräulein Else“ allgegen- wärtig. Else überlegt immer wieder sich umzubringen, verwirft den Gedanken aber auch. An verschiedenen Stellen fordert sie zudem den Selbstmord ihres Vaters ein. Generell erhält man so einen tiefen Einblick in Elses Seelenzustand, sei es durch ihre Gedanken oder dadurch, dass sie von ihrer eigenen Bestattung träumt. Zum Ende, nachdem sie das Veronal getrunken hat, sagt sie: „Wenn ihr wüsstet, wie gut der Tod schmeckt!“ (Schnitzler 1924, S. 77)

[...]

Details

Seiten
13
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668892125
ISBN (Buch)
9783668892132
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456236
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Dahlem School of Education
Note
1,7
Schlagworte
epochenzuordnung arthur schnitzlers fräulein else

Autor

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