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Interaktion als Performance anhand der Slam Poetry von Micha El-Goehre

Hausarbeit 2018 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Poetry Slam
2.1. Regelwerk

3. Akteure im Poetry Slam Format
3.1. Veranstalter
3.2. Master of Ceremony
3.3. Slammer
3.4. Jury
3.5. Publikum (Rezipienten)

4. Slam Format Internet

5. Micha El-Goehre
5.1. Performanceanalyse

6. Merkmale der Slam Poetry
6.1. Publikumsadressierung
6.2. Textverständlichkeit
6.3 Lebensweltlicher Themenbezug
6.4. Freiheit der Form
6.5. Oralität

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Poetry Slams sind keine Subkultur mehr, sondern haben sich als gängiges literarisches Veranstaltungsformat etabliert. In vielen Städten finden Slams längst monatlich statt. Autoren versuchen in Bars oder auf Bühnen ihre Werke nicht nur zu lesen, sondern auch zu „performen“. Dabei achten die meisten Slam-Poeten darauf ein Publikum anzusprechen und nicht nur einen implizierten Leser. Gleichzeitig versucht die Bewegung den Zugang zur Lyrik zu erleichtern, indem Elemente aus dem Hip-Hop oder der Comedy vermischt werden. So verbinden sich Dichtung und Unterhaltung.

Die vorliegende Arbeit soll kein Beitrag zur ästhetischen Legitimation von Poetry Slams sein. Sie geht vielmehr von dem Aspekt aus, dass Slammer in der Regel keine „gelernten“ Sprecher sowie Schauspieler sind, aber das inszenierte literarische Veranstaltungsformat dennoch das Publikum zu begeistern scheint. Die Beantwortung dieser Frage impliziert eine Untersuchung: Was gefällt den Zuschauern an Poetry Slams? Oder anders gefragt: Lassen sich signifikante Merkmale feststellen, die das Publikum begeistern und damit die Interaktion zwischen den Akteuren erleichtert? Wer agiert überhaupt mit wem? Dazu werde ich die Performance von Micha-El Goehre mit dem Titel Frosch!Metalbrother! untersuchen und versuchen Charakteristika dieses Formates zu analysieren.

2. Definition Poetry Slam

Der Terminus Poetry Slam bezeichnet einen Dichterwettstreit, bei dem die Autoren, auch Slammer genannt, ihre selbst verfassten Texte vor einem Publikum vortragen. Die einzelnen Teilnehmenden stehen untereinander, oft unbezahlt, im literarischen Wettstreit. Dabei sollen die Texte nicht nur vorgelesen, sondern auch performt werden. Durch die Bestimmung des Regelwerkes selbst geschriebene Texte vorzutragen sind „Autor/Autorin und Auftretende/Auftretender tatsächlich dieselbe Person, wodurch zunächst die Option für eine Verschmelzung mit der Figur entsteht.“ (Holzheimer 2014: S.14f.)

Darüber hinaus ist die persönliche Vermittlung, bei diesem aus Amerika stammenden Format, eines oralen Textes vor den Zuhörern essenziell. Der Poetry Slam lebt von einer wechselseitigen Interaktion mit den Teilnehmern: Dem Publikum, Autoren, Moderatoren und der Jury. Inhaltlich reflektiert die Slam Poetry, also Performance geprägte Lyrik, das moderne Leben mit beispielhaft aufgeführten Themen wie Multikulturalität, Medien, Liebe und Politik.

2.1. Regelwerk

Obwohl alle Poetry-Slam Formate ganz individuellen Wünschen der Veranstalter entsprechen können, haben sich einige allgemein gültige Regeln etabliert. „Regeln [sind] der Grundstein eines jeden Wettbewerbs, um die Chancengleichheit für jeden Teilnehmer zu wahren“, sagt Poetry Slammer Micha-El Goehre. (Micha-El Goehre 2009: S.8) Ein wesentliches Merkmal besteht darin, dass nur selbst geschriebene Texte vorgetragen werden und dies in einem Rahmen, der im deutschsprachigen Raum drei bis sieben Minuten betragen kann. Bei einer Zeitüberschreitung drohen dem Slammer Strafen wie Punktverlust oder der Entzug des Mikrophons. Des Weiteren dürfen die Teilnehmenden keine weiteren Hilfsmittel verwenden, außer das Textblatt und Mikrofon. Requisiten und Kostüme sind ausdrücklich untersagt. Erlaubt ist hingegen alles, was mit Stimme und Körper möglich ist. Bei dem Auftritt des Vortragenden muss vor allem gesprochen werden. Gesangseinlagen oder Rap-Anteile dürfen nur einen kleinen Teil des Austrittes ausmachen. Das Regelwerk der meisten Poetry Slams kann sich geringfügig unterscheiden. Außer den genannten Regeln gibt es keine weiteren Beschränkungen für die Teilnehmenden. Deshalb scheint die Offenheit ein weiteres charakteristisches Merkmal zu sein, denn prinzipiell kann jeder auftreten, der die genannten Regeln befolgt. Außerdem existieren inhaltlich sowie formell keine Vorgaben. Die vorgetragenen Texte, auch Slam Poetry bezeichnet, sind somit schwer in ein Genre einzuordnen. Sie sind vielmehr von unterschiedlichsten literarischen Strömungen wie dem Dadaismus, oder auch von Formen moderner Literatur wie Hip-Hop oder Comedy beeinflusst. Dabei werden die Beiträge des Poetry Slams grundsätzlich von dem Publikum und nicht von einer Fachjury bewertet, die über den Gewinner/Gewinnerin entscheidet. Dabei erstreckt sich der literarische Wettkampf oft über Vorrunden bis in das Finale in Einzelwettkämpfen, wobei es auch Teamwettbewerbe gibt.

3. Akteure im Poetry Slam Format

Die besondere Atmosphäre eines Slams entsteht durch die Beteiligten (Veranstalter, Publikum, MC und Slammer) und die Aufgaben, die diese übernehmen. Oft sind die Grenzen fließend und die Beteiligten wechseln ihre Rolle: Aus Zuschauern werden Slammer, aus Rezipienten der Veranstaltung Juroren und einige Veranstalter treten selbst als Slammer auf.

3.1. Veranstalter

Der Veranstalter agiert im Hintergrund und ist für die Terminplanung, die Kontaktaufnahme mit Slammern, die Bühnentechnik und die Pressearbeit verantwortlich. Meist moderiert er zudem oder tritt selbst mit eigenen Texten auf Slams auf. Insgesamt übernimmt der Veranstalter eine wichtige Funktion, da er durch seine Organisation die Regelmäßigkeit des Slams und dessen Etablierung innerhalb einer literarischen Gemeinde gewährleistet. Seine wichtigste Aufgabe ist es einen geeigneten Austragungsort zu finden, „der in der Regel schon über eine bestimmte kulturelle Laufkundschaft verfügt oder Publikum aus einer bestimmten Szene anzieht.“ (Preckwitz 1997: S.86f.) Bob Holman, US-amerikanischer Slammer, verweist ebenfalls auf die Bedeutung des Veranstaltungsortes: „The shape of the room will shape the audience, the mood of the room will give is ambiance.“ (Holeman 2000)

3.2. Master of Ceremony

Der Moderator eines Slams wird Master of Ceremony, kurz „MC“ genannt. In Deutschland ist der Begriff „Slammaster“ gebräuchlich. Der Slammaster betritt die Bühne als erster, um das Publikum zu begrüßen und es mit den Regeln bekannt zu machen. Gegebenenfalls wählt er eine Jury aus dem Publikum aus. Dies geschieht entweder nach rein subjektiver Einschätzung oder nach freiwilligen Meldungen aus dem Publikum heraus. (vgl. Preckwitz 2005: S.52).

Die Slammer, die vom Veranstalter eingeladen wurden und dem MC bekannt sind, werden kurz vorgestellt, indem er kleine Anekdoten erzählt oder von den bisherigen Erfolgen berichtet. So überbrückt der MC die Zeit, die die Vortragenden benötigen, um auf die Bühne zu kommen. Zudem ist er berechtigt die Lesereihenfolge zu bestimmen. Bevor es zu einer Abstimmung kommt fasst er alle Beiträge nochmal zusammen, um die Erinnerung an die einzelnen Beiträge zu erleichtern. Wenn die Bewertung der Beiträge nicht durch die Jury erfolgt, ist der Slammaster berechtigt mit Hilfe von Applaus abstimmen zu lassen wer als Sieger gekürt wird.

3.3. Slammer

Der Terminus „Slammer“ kann als Überbegriff für viele Bezeichnungen gesehen werden wie Dichter, Lyriker, Performer und Autoren. Das Wort „slam“ stammt aus dem Skandinavischen („slämma“, Schwedisch oder „slemma“, Norwegisch) und steht onomatopoetisch für das Zuschlagen einer Tür. (vgl. Preckwitz 1997: 20) In der Alltagssprache wird das Verb „(to) slam“1 im Sinne von „zuschlagen, zuknallen“ („to slam the door“) oder auch „jemanden runtermachen, oder in die Pfanne hauen“ gebraucht.

Der Slammer muss mit der sofortigen Kritik für seinen Beitrag rechnen, hat aber alle Freiheiten sich nach eigenen Bedürfnissen in Szene zu setzen. So bietet der Vortrag Raum für metasprachliche Mittel wie die Veränderung der Stimmlage oder auch ästhetische Codes wie Kleidung. Die direkte Interaktion zwischen Autor und Publikum ist folglich eine Rezeptionsform und unmittelbar an die Oralität des Vortrages gekoppelt. „Die Funktion des Autors besteht nicht darin, dem Publikum nur gefallen oder es als seelischen Mülleimer benutzen zu wollen, sondern ein Stück der eigenen Erfahrung im Text zu schenken und zu sehen, inwieweit es ein Stück kollektiv geteilter Erfahrung ist.“ (Preckwitz 1997: 96ff.)

Wer schließlich einen Slam gewinnt, bekommt oft einen Preis. In der Regel sind das Sachpreise wie Bücher oder auch ein T-Shirt. Bei einigen Slams im deutschsprachigen Raum gibt es auch Geldpreise. Der Gewinner eines lokalen Slams kann sich zur Teilnahme an höheren Slams qualifizieren.

3.4. Jury

Oft entscheidet eine ausgewählte Jury aus dem Publikum per Punktevergabe über den Gewinner des Formates. In den USA, dem Herkunftsland, ist es meistens eine fünfköpfige Jury. (vgl. Arx 2006) Sie können Noten von eins bis zehn vergeben, wobei eins die schlechteste und zehn die beste Bewertung ist. Dabei werden die höchste und niedrigste Bewertung gestrichen, um eine parteiische Bewertung zu verhindern. Ein alternatives Bewertungssystem könnte eine Abstimmung durch das gesamte Publikum sein. Mittels der Lautstärke, der Ausdauer des Applauses oder in Form von Stimmzetteln, die dann gezählt werden, wird die Bewertung des Vortrages vorgenommen. Je nach Kreativität des Masters of Ceremony können auch andere Mittel zur Siegerfindung eingesetzt werden.

Die Jurymitglieder werden angehalten auf den Inhalt des Vortrages zu achten sowie ihren Maßstäben treu zu bleiben. Das muss nicht immer der Stimmung im Publikum folgend sein, sondern es kann auch entgegen der Publikumsmeinung geurteilt werden. Vor Beginn des Wettbewerbs können die Jurymitglieder, vom Master of Ceremony, kurz MC vorgestellt werden oder sie stellen sich selbst kurz vor. Die Moderierenden können bei Bedarf die Mitglieder der Jury auffordern, ihre Bewertungen zu begründen. Unterschiede zwischen einer Jurywertung und dem Empfinden des Publikums können oft Anlass für Diskussionen bieten. Die Funktion der Jury besteht darin, als symbolische Instanz zwischen Publikum und Autoren zu vermitteln. (Preckwitz 1997: 91f.)

3.5. Publikum (Rezipienten)

Die Aufgabe eines Publikums besteht darin ein unmittelbares und möglichst kreatives Feedback auf die vorgetragenen Texte zu geben, sei es in Form von der Teilnahme als Jurymitglied oder einem alternativen Bewertungsverfahren, welches vom Slammaster definiert worden ist. „Bei Poetry Slam-Auftritten spielen […] die Kotext-Äußerungen der Auftretenden eine Rolle dafür, dass die Zuschauer sich ein ‚Bild‘ von den Slammern machen.“ (Ditschke 2008: 173f.) Die gewonnenen Informationen setzt der Rezipient zu einem Gesamtbild zusammen. Um ein fundiertes Feedback zu geben ist die Relation zwischen dem vorgetragenen Text und der Person des Autors signifikant, um die Autorschaft spezifizieren zu können. Indem der Autor den Text vorliest und dadurch interpretiert, erfolgt beim Rezipienten die Suche nach Übereinstimmungen zwischen dem Textinhalt und Eigenschaften der Person. Wenn dem Publikum der Textinhalt und die Eigenschaften des Autors authentisch erscheinen, wird der Akteur als Urheber des Vortrages anerkannt. Dem Zuschauer bleibt dafür nur ein zeitlich begrenzter Rahmen, nämlich von der Ankündigung des Slammers durch den MC bis zum Zeitpunkt der Absolvierung des Auftrittes. Zudem ist die Rolle des Zuschauers auch kontrovers, da er Zuschauer und Mitagent sein kann, durch die aktive Teilnahme als Jurymitglied aber auch durch die Feedback-Schleife zwischen Publikum und Bühne durch beispielhaft aufgeführte Zwischenrufe.

4. Slam Format Internet

In früheren Jahrhunderten waren Äußerungen von Dichterkollegen nur in Form von Briefwechsel möglich. Das „World Wide Web“ eröffnet den Autoren nun die Möglichkeit sich und ihre Texte einer großen Leserschaft zu präsentieren. Jeder kann heute eigene Texte im Internet publizieren. Dadurch entsteht ein immer größeres und undurchschaubareres Textarchiv. „[Damit] verwischt das Internet die sozialen Grenzen und Unterschiede radikal.“ (Grimm 2005: S.3)

Slamveranstalter und Slammer machen sich dieses Medium zu nutze. Auf den Internetseiten von Poetry Slams wird der Veranstaltungsort vorgestellt, zudem Fotos, Termine und Informationen zu den Slam-Regeln und der Slam-Geschichte veröffentlicht. Außerdem werden teilweise Audio Files und Videos der Auftritte zum Herunterladen angeboten. MichaEl Goehre präsentiert auf seinem Blog2 eigene Texte und Bücher, die man lesen und anhören kann. Darüber hinaus verweist er auf seine Soloprogramme, kündigt Auftritte an, benennt Inspirationsquellen wie beispielhaft angeführt bestimmte Lieder, wirbt für seine Bücher und verkauft Merchandise. Micha-El Goehre nutzt seinen Internetauftritt als Werbeplattform sowie crossmedial, indem er andere Social-Media Profile mit einbindet wie Twitter, Facebook und Myspace.

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1 Als „(to) slam“ für „zuschlagen, zuknallen“ ist das Verb im 17. Jahrhundert nachgewiesen gemäß dem Oxford Dictionary. https://en.oxforddictionaries.com/definition/slam (23.April.2018)

2 Wortstorm ist der offizielle Wordpress Blog von Micha-El Goehre.

Details

Seiten
23
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668898189
ISBN (Buch)
9783668898196
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456883
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
1,7
Schlagworte
interaktion performance slam poetry micha el-goehre

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Titel: Interaktion als Performance anhand der Slam Poetry von Micha El-Goehre