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Die Funktion der platonischen Mythen

Hausarbeit 2018 14 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Funktion der platonischen Mythen
2.1 Die Definition des Mythos
2.2 Der Mythos zwischen Dichtung und Wahrheit
2.3 Der Mythos als Medium religiöser Lehren
2.4 Der Mythos als pädagogisches Hilfsmittel
2.5 Der Mythos als Teil des Logos

3. Fazit

4. Quellen und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit jeher erzählen sich die Menschen Legenden oder Sagen aus alter Zeit, sogenannte Mythen. Die darin behandelten, verschiedensten Themen erstrecken sich von der Entstehung der Welt bis hin zur Frage nach einem jenseitigen Leben. In der antiken Lebenswelt der Griechen waren sie Unterhaltungs- und Lehrmedium gleichermaßen. Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch Platon des Öfteren Mythen in seine philosophischen Diskurse mit einfließen ließ. Will man also die Philosophie Platons in seiner Gänze durchdringen, so muss die Frage beantwortet werden, mit welcher Intention er selbige erzählt und, was ihre Funktion, ihren philosophischen Mehrwert darstellt. Stattdessen zu behaupten, die platonischen Mythen hätten einen reinen Unterhaltungswert, wäre zu kurz gegriffen und wohl auch schlichtweg falsch.

Um diese Frage zu klären, wurden in der vorliegenden Arbeit verschiedene mögliche Funktionen des Mythos dargestellt und jeweils unter Einbezug von Primär- und Sekundärquellen bezüglich ihrer Wahrscheinlichkeit und Sinnstiftung diskutiert. Die Textbasis dabei war, neben anderen in Platons Werken enthaltenen Mythen, insbesondere der Jenseitsmythos im Dialog Gorgias1. Als Sekundärquelle wurde zu einem Großteil auf Josef Piepers Kapitel Über die platonischen Mythen2 in Darstellungen und Interpretationen: Platon Bezug genommen.

Als zentrale Funktion stellte sich in der vorliegenden Arbeit heraus, dass der Mythos einen Erkenntnisgewinn bezweckt und zur Wahrheitsfindung dient. Eine Funktion des Mythos als Medium zur Vermittlung religiöser Glaubensinhalte konnte anhand der angeführten Argumente nicht belegt werden. Dagegen erscheint ein erzieherischer, pädagogischer Zweck Platons mythischer Erzählungen sehr wahrscheinlich. Schließlich lässt sich der Einbezug von Mythen in Platons philosophisches Oeuvre wohl auch darin begründen, dass diese ihm einen philosophischen und argumentativen Bereich eröffnen, der ihm durch den reinen Logos nicht zugänglich ist.

2. Die Funktion der platonischen Mythen

Im Folgenden soll im Zentrum dieser Arbeit stehen, welche philosophische Funktion Platon mit seinen Mythen intendiert. Dabei wird eingangs eine Definition des Mythos gegeben. Daraufhin wird als erster Aspekt die Wahrheitsfunktion des Mythos dahingehend diskutiert, inwieweit Platon selbst an seine Erzählungen glaubt und welchen Mehrwert eine im mythischen Kontext vorgefundene Wahrheit mit sich bringt. Anschließend soll überprüft werden, inwieweit der platonische Mythos als Medium religiöser Lehren fungiert. Schließlich steht die Integration von Mythos und Logos im Zentrum der Diskussion, bevor ein Fazit abschließend über die Funktionen der platonischen Mythen urteilt.

Generell ist noch zu sagen, dass, wenn in dieser Arbeit von Mythen die Rede ist, hauptsächlich auf die, so Pieper, Mythen im „strikten Sinne“3 Bezug genommen wird, nämlich der Weltschöpfungsmythos des Timaios4, der des Sturz des Menschen im Symposion5 und besonders der Jenseitsmythos, wie er in den Dialogen Gorgias6, Politeia7 und Phaidon8 erzählt wird.

2.1 Die Definition des Mythos

Bevor man sich mit der Frage beschäftigt, was Platon in seinen Werken durch den Einbezug von Mythen bezwecken will, muss zunächst eine Definition des Begriffs Mythos vorgenommen werden. So bezeichnet μῦθος nach dem Greek Lexikon von Liddell und Scott (LSJ) ein breites Bedeutungsspektrum, welches sich von Wort, (öffentliche) Rede und Unterhaltung bis hin zu Erzählung und (wahre) Geschichte oder jedoch Sage und Märchen erstreckt.9

Besonders die letzten beiden, sich scheinbar konträr gegenüberstehenden Bedeutungsfelder sind in Platons Werken zentral und werden in der vorliegenden Arbeit näher erläutert. Nach Pieper sei zudem im Hinblick auf die platonischen Mythen wesentlich, dass diese „im eigentlichen Sinne mythischen Geschichten[…] zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Bereich [spielen]“.10 Des Weiteren verstehe sich Platon ausdrücklich nicht als Autor dieser Geschichten sondern erzähle sie nur nach.11 Außerdem habe, so Selbiger weiter, der Mythos immer einen symbolischen Charakter, der es ausschließe, aus einer wörtlichen Interpretation das Wahre in der Erzählung zu erkennen.12 So soll im Folgenden die auch für Platon essenzielle Wahrheitsfrage der Mythen diskutiert werden.

2.2 Der Mythos zwischen Dichtung und Wahrheit

An den Ausgangspunkt der Frage, welchen Wahrheitsgehalt Platon selbst den von ihm erzählten Mythen beimisst, stellt Pieper den Rezipienten. So sei laut ihm die Interpretation der Mythen stark davon determiniert, ob dieser an die Kernthematik des Mythos, wie zum Beispiel ein Leben nach dem Tod, glaube, oder nicht.13 Auf diesen, religiösen Glaubensaspekt wird jedoch an späterer Stelle dieser Arbeit noch einmal eingegangen.

Prinzipiell lässt sich sagen, dass die Platonforschung bezüglich der Wahrheitsfrage der Mythen in zwei konträre Lager geteilt ist. So schreibt Szlezák, der nach Heit14 mit Meinungen von Müller, Edelstein oder Kobusch konform gehe, beispielsweise, dass die „Annahme eines höheren Wahrheitsgehaltes der Mythen […] sich nicht auf Überlegungen Platons stützen [kann]“, und nur auf dem „Empfinden moderner irrationalistischer Strömungen“ beruht.15 Pieper dagegen verficht die Interpretation, dass Platon selbst die von ihm nacherzählten Mythen für wahr halte.16 Um diese These zu stützen, führt er mehrere Argumente ins Feld.

Im Phaidondialog erklärt Platons zum Tode verurteilter Sokrates, dass sich niemand für den Wahrheitsgehalt des Jenseitsmythos verbürgen könne. Dass es sich jedoch, "[...] mit unseren Seelen und ihrer Wohnstadt [...] so oder ähnlich verhalten werde: dies scheint mir gar wohl des Wagnisses wert, geglaubt zu werden – das Wagnis ist nämlich schön."17 Diese Stelle interpretiert Pieper als Verdeutlichung des symbolischen Charakters des Mythos, indem Platon zwar eingestehe, dass es sich mit dem Jenseits wohl nicht genauso verhalte wie im Mythos, der diesem innewohnende Wahrheitsgehalt jedoch ausreiche, um im Glauben daran zu sterben.18 Dieser Schluss muss meiner Meinung nach jedoch dahingehend hinterfragt werden, dass der letzte Teilsatz bezüglich der Schönheit dieses Risikos auch eine andere Interpretation zulässt. So könnte Platon mit schön auch eine trostvolle Vorstellung gemeint haben, welche jedoch in keinem Zusammenhang mit dessen Wahrheitsgehalt steht.

Auch wenn Piper es nicht explizit formuliert, so ist ein weiteres Argument für ein Fürwahrnehmen des Mythos seitens Platons, dass dieser eine Form der Mythenkritik übt, in welcher er wahre von falschen Mythen unterscheidet.19 In der Politeia kommt dieser Aspekt sehr deutlich zur Sprache. Hier werden die Mythen von Hesiod und Homer als lügnerische bezeichnet (μῦθος ψευδής), da sie die Götter schlecht und durch menschliche Charakterzüge verdorben darstellen.20 Laut Pieper könne man gar davon sprechen, dass Sokrates für diese Form der Mythenkritik hingerichtet worden sei, da seine Anklage auf Gottlosigkeit in diesem Punkt begründet liegen könne.21 Während Platon also diese Mythen aufgrund ihres fehlenden Wahrheitsgehaltes verurteilt, lässt er Sokrates anderenorts jedoch sagen:

"So höre denn, wie sie sagen, eine gar schöne Rede, die du zwar für ein Märchen halten wirst, wie ich glaube, ich aber für Wahrheit. Denn als volle Wahrheit sage ich dir, was ich sagen werde."22

Eben der Kontrast dieser beiden Darstellungen von Mythen lässt deutlich werden, dass Platon sehr wohl bestimmten Mythen einen bestimmten Wahrheitsgehalt beimisst.

Außerdem zeigen nach Pieper besonders die eschatologischen Mythen der Politeia und des Gorgias, die die Dialoge (auch argumentativ) abschließen, immanente philosophische Bedeutung. So bediene sich Platon dieser Erzählungen als finale, ausschlaggebende Argumente.23 In diesem Sinne erscheint es unwahrscheinlich, dass Platon an einem so wichtigen Punkt in seiner Argumentationsstruktur eine Erzählung einbaut, deren Wahrheitsgehalt er für zweifelhaft hält. Will man Platon sophistische Züge unterstellen, könnte man jedoch auch sehr polemisch dagegenhalten, dass er den Mythos nur benutzt, um seine Rezipienten von seiner Philosophie zu überzeugen, ohne dessen eigentlichem Wahrheitsgehalt Bedeutung beizumessen. Dies erscheint mir ebenso wie Pieper jedoch unwahrscheinlich.

Zuletzt kann angeführt werden, dass Sokrates in Platons Politeia die Hoffnung ausspricht, dass ein eben erzählter Mythos die Menschen retten sollte, indem sie ihn für wahr halten.24 Auch dieser Aspekt spreche nach Pieper dafür, dass Platon an den Wahrheitsgehalt der von ihm nacherzählten Mythen glaube.25 Die in diesem Satz zudem enthaltene religiös interpretierbare Komponente soll im Anschluss näher beleuchtet werden.

Ausgehend von den in diesem Abschnitt behandelten Argumenten muss also festgehalten werden, dass der Mythos, wie ihn Platon gebraucht, durchaus als Methode fungiert, um dem Wahren näher zu kommen. In diesem Sinne könnte man meiner Meinung nach auch einen Bezug zu Platons Ideenlehre herstellen, da die philosophischen Inhalte der mythologischen Themen, die nicht unserer sinnlich wahrnehmbaren Welt entstammen, unser Bewusstsein den Urbildern annähern und somit ihren Rezipienten näher zur Wahrheit bringen könnten. Diese These wird auch dadurch gestützt, dass Platon im Kontext des Aufbaus einer Polis davon spricht, dass es sich die Dichter, wenn sie Geschichten, Mythen erzählen, nach den Urbildern zu richten haben, welche den Gründern der Polis (also nach Platon den Philosophen) bekannt seien.26 Folglich transportieren Mythen im Sinne Platons zu einem gewissen Grad die wahren Urbilder der Dinge. Hierin könnte auch der Mehrwert einer mythischen Erzählung gegenüber einer rein rationalen Argumentation begründet liegen.

2.3 Der Mythos als Medium religiöser Lehren

[...]


1 Vgl. Plat. Gorg.

2 Vgl. Pieper 2002, S. 332-374.

3 Piper 2002, S. 344.

4 Vgl. Plat. Tim.

5 Vgl. Plat. symp.

6 Vgl. Plat. Gorg.

7 Vgl. Plat. pol.

8 Vgl. Plat. Phaid.

9 Vgl. Perseus Digital Library. http://www.perseus.tufts.edu/hopper/morph?l=mu%3Dqos&la=greek&can=mu%3Dqos0#lexicon.

10 Piper 2002, S. 339.

11 Vgl. a.a.O. S. 340.

12 Vgl. a.a.O. S. 339.

13 Vgl. Pieper 2002, S. 346.

14 Vgl. Heit 2007, S. 207.

15 Szlezák 1993, S. 136.

16 Vgl. Pieper 2002, S 359f.

17 Plat. Phaid. 114d 6.

18 Vgl. Pieper 2002, S. 364.

19 Vgl. a.a.O. S. 365f.

20 Vgl. Plat. pol. 377.

21 Vgl. Pieper 2002, S. 366f.

22 Plat. Gorg, 523a .

23 Vgl. Pieper 2002, S. 369.

24 Vgl. Plat. pol. 621c.

25 Vgl. Pieper 2000, S. 369.

26 Vgl. Plat. pol. 378e 7f.

Details

Seiten
14
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668889859
ISBN (Buch)
9783668889866
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456977
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Schlagworte
Platon Mythos Dichtung Wahrheit Religion Pädagogik Logos Gorgias

Autor

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