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Rousseau als Vordenker des Totalitarismus?

Eine Analyse anhand von "Du Contract Social"

Hausarbeit 2018 28 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Begriff Totalitarismus und die Totalitarismustheorie
2.1. Die Totalitarismustheorie nach Friedrich/ Brzeziński und Arendt
2.2. Die Totalitarismustheorie nach Buchheim

3. Rousseaus Staatsphilosophisches Denken
3.1. Rousseus Gesamtwerk
3.2. Rousseaus Vorstellung eines Gemeinwesens - Du Contract Social
3.3. Der Totalitarismus in Rousseaus Denken
3.4. Kritik an der totalitären Auslegung

4. Fazit: War Rousseau ein totalitärer Vordenker ?

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen

Quellen zu Rousseau

Totalitarismustheorien

Literatur

1. Einleitung

1762 veröffentlichte Jean-Jacques Rousseau sein bis heute wohl bekanntestes Werk „ Du Contract Social ou Principes du Droit Politique1. Rousseau, der einen Großteil seines Lebens unstet und mit Hilfe zahlreicher kleiner und größerer Tricksereien durch Europa wanderte, war der Öffentlichkeit zwar als Intellektueller, aber doch eher als zweitklassiger Theater- und Opernautor bekannt.2 Im Contract Social entwirft er eines der revolutionärsten, einflussreichsten und auch meistdiskutierten Konzepte für eine staatliche Ordnung des 18. Jahrhunderts. Sein Konzept fußt dabei auf dem namensgebenden Gesellschaftsvertrag, ähnlich denen der englischen Philosophen Thomas Hobbes und John Locke. Ziel dieses Vertrages ist es, den Menschen in der zu schaffenden Gesellschaft als genau so frei zu erhalten, wie er es vorher war. Nicht der Verstand des Menschen oder sein Recht auf Eigentum, sondern der freie Wille des Menschen steht hierbei im Mittelpunkt. Aus ihm leitet er die Volkssouveränität ab und stellt das Streben aller Menschen in den Dienst des gesellschaftlichen Willens, dem volonté général.

Trotz seiner in weiten Teilen logischen Argumentation ist sein Werk nicht frei von Widersprüchen, die zu sehr unterschiedlichen und sich diametral gegenüberstehenden Interpretationen geführt haben. So sehen Otto Vessler und Peter Mayer-Tasch in Rousseau einen revolutionären Liberalen. Andere, wie der britische Philosophem Bernard Russel und der israelische Politikwissenschaftler Jacob Talmon,4 bezeichnen seine Vorstellungen dagegen als totalitär. Unbestreitbar ist allerdings, dass Rousseau großen Einfluss hatte, nicht nur auf Personen wie Hegel, sondern auch Robbespierre, Marx und Carl Schmitt, die in ihrem Denken von ihm beeinflusst wurden.5

Diese Arbeit wird sich mit den totalitären Ansätzen in dem staatsphilosophischen Werk von Jean-Jacque Rousseau beschäftigen. Das Hauptaugenmerk wird hierbei auf du Contract Social liegen, wobei seine anderen Werke wie der Zweite Diskurs, nicht unerwähnt bleiben sollen. Kernpunkte der Untersuchung werden der bereits angesprochen volonté général, der Gesellschaftsvertrag an sich sowie des Bildung, die sogenannte Entäußerung, sein. Als theoretische Grundlage für die Untersuchung wird der Totalitarismusbegriff zunächst anhand der Theorien der Politologen Carl J. Friedrich und Zbigniew Brzeziński sowie der politischen Theoretikerin Hannah Arendt näher betrachtet und definiert, bevor er unter Zuhilfenahme der Totalitarismustheorie des deutschen Historikers Hans Buchheim auf die ausgewählte Teile des Werkes angewendet werden. Hierbei wird da gelegt, warum sich Buchheims Ansatz für diese Untersuchung am besten eignet.

2. Der Begriff Totalitarismus und die Totalitarismustheorie.

Der Begriff des Totalitarismus entstand zusammen mit den ersten totalitären Regimen in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Der Italiener Giovanni Amendola nutzte den Begriff erstmalig 1923, um das damals entstehende faschistische Herrschaftssystem Italiens zu beschreiben (stato totalario).6 In der Politikwissenschaft wird der Begriff des Totalitarismus seit den 50er Jahren verstärkt für Systeme verwendet, die mit den bis dahin gängigen politikwissenschaftlichen Begriffen nicht ausreichend charakterisiert werden konnten, da sie eine neue Ebene der Grausamkeit gegenüber ihren Opfern sowie eine Entmenschlichung ihrer Untergebenen erreichen. Als klassisches Beispiel für totalitäre Herrschaft werden allgemein der Stalinismus in der Sowjetunion in den 20er-50er Jahren sowie die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland angesehen. Inwieweit andere Staaten, wie die DDR bis 1989 oder das francitische Spanien als totalitär anzusehen sind, ist in der Forschung gemeinhin umstritten.7

2.1. Die Totalitarismustheorie nach Friedrich/ Brzeziński und Arnedt

Eines der frühesten Konzepte, welches heute gemeinhin als Klassiker der Totalitarismusforschung bezeichnet wird, stammt vom deutschen Politologen Carl J. Friedrich. Unter der Mitwirkung des kürzlich verstorbenen Politikwissenschaftler Zbigniew Brzeziński stellt Friedrich in „Totalitäre Diktatur“8 aus dem Jahre 1957 die Theorie auf, dass das nationalsozialistische Deutschland und die stalinistische Sowjetunion in einigen wesentlichen Merkmalen ihrer Herrschaft identisch seien. Bei dieser herrschaftsstrukturellen Analyse eines als totalitäre Diktatur bezeichneten Regime benennen die Autoren sechs Eigenschaften, die diese Art von Regimen kennzeichnen. Laut Friedrich und Brzeziński zeichnen sich totalitäre Regime durch eine den Staat beherrschende Massenpartei aus, welche die offizielle Ideologievorgibt. Diese Partei oder Bewegung besitzt ein Nachrichtenmonopol sowie das Gewaltmonopol im Staat. Neben diesen Monopolen hat sie einen allmächtigen Zugriff auf die Wirtschaft des Landes und verfügt neben dem Gewaltmonopol über einen Terror- und Unterdrückungsapparat für ihre Gegner.9

Zwischen diesen Eigenschaften wird in der ursprünglichen Form der Theorie keinerlei Hierarchisierung vorgenommen, sodass sie sich im Grunde nur auf die beiden Urtypen totalitärer Systeme anwenden lässt. Aus diesem Grund wird sie auch häufig als Darstellung eines Idealtyps eines totalitären Systems angesehen; eine Interpretation, die von den Autoren vehement bestritten wurde.10 Neben dieser mangelnden Gewichtung einzelner Aspekte einer totalitären Herrschaft wird von Kritikern auch ihre Statik bemängelt. Ein Wandel innerhalb des Systems, ein Neigen zu einer liberaleren oder gemäßigteren Vorgehensweise beziehungsweise eine Verstärkung der idiologischen Durchdringung der Gesellschaft, wie sie beispielsweise die UdSSR in den Phasen der Ent- bzw. Restalinisierung unter Chruschtschow und Breschnew durchlebt habt, kommen im Totalitarismuskonzept von Friedrich und Brzeziński nicht vor; ebenso wenig die Heterogenität der Ideologien und ihre Weiterentwicklung, wie man sie beim Aufbrechen des Ostblocks durch das Ausscheren der Volksrepublik China oder Titos Jugoslawien beobachten konnte.

Dies und die starke Fixierung auf Elemente der etablierten totalitären Herrschaft machen die Anwendung des klassischen herrschaftsstrukturellen Ansatzes von Friedrich und Brzeziński für eine Analyse der infrage kommenden Teile von Rousseaus Staatsrechtslehre ungeeignet. Hinzukommt, dass selbst nach der Meinung der Autoren drei der von ihnen benannten Eigenschaften erst in der Moderne möglich waren. Sie wären folglich für ein Staatskonzept aus dem 18. Jahrhundert nicht anwendbar. Ebenfalls ist die Theorie als problematisch (oder besser: veraltet) einzustufen, da sie viele Ereignisse, wie beispielsweise einen ideologischen Wandel im ehemaligen Ostblock, a priori ausschloss und die Theorie damit quasi von der Realität überholt wurde.

Ein ebenfalls bekannter und bedeutender Ansatz stammt von der deutsch- amerikanischen Philosophin und politischen Theoretikerin Hannah Arendt. Ihr Ansatz, den sie in ihrem ursprünglich dreibändigen Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“11 bereits 1951 vorstellte, stützt sich auf eine historische Analyse. Arendt identifiziert dabei die Ursprünge des Totalitarismus im Antisemitismus des 18. Jahrhunderts . Einer der wesentlichen Ausgangspunkte ist nach Arendts zweitem Band der „Mob“ und sein „Bündnis mit dem Kapital“.12 „Mob“: Mit diesem recht problematischen Begriff beschreibt sie den Teil der Gesellschaft, der durch den Übergang in die moderne Massengesellschaft entwurzelt wurde. Eine Schicht, aus der bereits laut Marx Louis-Napoleon seine Unterstützer für seinen bonapartistischen Staatsstreich 1852 rekrutiert haben soll.13 Diese Gruppe aus Arbeitslosen und dem „Abfall sämtlicher Klassen und Schichten“ wurde laut Arndt von den Imperialistischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts instrumentalisiert und bildete später „den eigentlichen Kern des Faschismus“.14 An diesen Punkten sowie an der anschließenden Herleitung aus dem Rassismus ist zu erkennen, dass der Fokus bei Arndts Analyse ganz klar auf dem Nationalsozialismus liegt, obwohl sie dem Stalinismus seine Beschaffenheit als totalitäre Herrschaftsform in keiner Weise abspricht. Die totalitäre Herrschaft begreift Arendt allerdings, anders als Friedrich und Brzeziński, als einen dynamischen Prozess, der verschiedene Entwicklungsschritte durchmacht. So erklärt sie beispielsweise, dass der Totalitarismus im sowjetischen System mit dem Tode Stalins sein Ende genommen habe.15 Schließlich beschreibt Arendt zwei Merkmale des Totalitarismus: die Ideologie und den Terror. Unter Ideologie versteht sie eine Theorie, die alles, was wird, was entsteht und was vergeht zu erklären versucht.16 Sie dient nicht als Rechtfertigung für Maßnahmen, sondern als Proklamation von unausweichlich eintretenden Ereignissen. Diese Ideologie wurde dazu pseudowissenschaftlich als „Gesetze der Natur“ beziehungsweise, im Falle des Kommunismus, der Geschichte überhöht. Im Sinne dieser Gesetze, die durch die Ideologien erkannt wurden, wird der Terror ausgeübt.

Arendt versteht den Totalitarismus als ein auf dem Weg ins 20. Jahrhundert gewachsenes Konzept, welches auf einem rassistisch-antisemitischem Fundament aufbaut, entstanden in der sozio-historischen Umgebung in Westeuropas. Dieses gewachsene Konzept kann, so wie Arendt es versteht, einzig im 20. Jahrhundert auftreten. Ein sich unabhängig vom Westeuropa des 19. und 20. Jahrhunderts entwickelnder Totalitarismus erscheint nach der Entwicklungstheorie, wie sie Arendt vorstellt, ausgeschlossen. Neben dieser zeitlichen und räumlichen Fixierung erscheint ebenfalls das Arendtsche Verständnis der Ideologie spezifisch auf die beiden Exemplare der totalitären Herrschaft zu geschnitten zu sein. Ein Befolgen des Gesetzes der Geschichte mag beispielsweise für das stalinistische System in der Sowjetunion erkennbar sein, ob dies allerdings auch auf Regime wie die roten Khmer in Kambodscha anwendbar ist, kann bezweifelt werden. Ebenfalls kritikwürdig ist die Fokussierung der Ursachen auf rassistische, antisemitische und imperialistische Entwicklungen des 19. Jahrhunderts. Sie klammert damit viele potenzielle Untersuchungsgegenstände bereits im Vorhinein aus, wie auch die potenziellen Vordenker, zu denen häufig auch Rousseau neben Personen wie Hegel gezählt werden.

2.2. Die Totalitarismustheorie nach Buchheim

Der studierte Althistoriker Hans Buchheim geht in seiner Studie „Totalitäre Herrschaft“17 einen anderen Weg in der Erschließung des Totalitarismusbegriffs. Als Teil der Kriegsgeneration beschreibt er den Totalitarismus sowohl als einen Begriff als auch als ein Erlebnis, mit dem „wir unsere bitteren Erfahrungen machen mussten.“18 Er beschreibt den Totalitarismus also in erster Linie als Erfahrungsbegriff. Neben seinen persönlichen Erfahrungen innerhalb eines totalitären Systems benennt er zunächst zwei Merkmale: Zum einen die Durchdringung und Formung der Gesellschaft durch den Staat, zum anderen den Terror. Der Terror besitzt für Buchheim allerdings eine untergeordnete Relevanz und kann als ein Merkmal zweiter Ordnung verstanden werden.19 Buchheim begründet diese Abstufung mit der Auffassung, dass der Terror prinzipiell kein neuartiges Merkmal einer Herrschaftsform ist, da auch schon in der Antike ein Despot wie Domitian seine Gegner durch Terror unterdrückte, missliebige Gelehrte ins Exil zwang sowie die Rechte der etablierten politischen Institutionen wie des römischen Senats ignorierte.20 Die Neuartigkeit ist nicht, da ss Despoten und Tyrannen dies tun, sondern wie sie dies tun. Die „totalitäre Herrschaft wächst über alle Maßstäbe gewohnter Politik hinaus, gewinnt unberechenbare und unheimliche Dimensionen, in ihrem Bannkreis gerät das Leben in bis dahin nicht gekannte Verwirrung und Unsicherheit.“21 Dieses Wachstum der Herrschaft und damit des Staates an sich macht den Staat zu einem Gestalter in Bereichen des Lebens, in denen der Staat in früherer Zeit höchstens unterstützende Aufgaben hatte, wie der Familie, der Kunst oder der Forschung. Dies alles folgt nach Buchheim einem Plan der Herrschenden. Der Plan, der meist durch eine Ideologie begründet ist, ist darauf gerichtet eine von Grund auf neue Gesellschaft zu erschaffen. Dies tun sie nicht allein durch den Austausch der Eliten, sondern dringen außerdem in die Natur des Menschen ein. Die Menschen in diesem System werden lediglich als Bausteine in der Erschaffung dieses „Werks“ gesehen.22 Dieser Ansprüche auf den Menschen in seiner Vollkommenheit wird durch die Bewegung mit einer Art Wissensvorsprung gerechtfertigt. Die totalitäre Bewegung kenne in ihrer Selbstwahrnehmung den Sinn der Geschichte und die Bewegung ist es, die diesen Sinn vollenden wird.23

Die totale Herrschaft im Sinne von Buchheim ist also in erster Linie der totale Anspruch auf die Welt und alles in Ihr. Dieser Anspruch auf Wahrheit und jede Facette der menschlichen Existenz in ihm machen eine totale Herrschaft aus. und der Wahrheitsanspruch trägt durch seine Unerfüllbarkeit dazu bei die Grenzen der totalen Herrschaft offensichtlich zu machen.24 Ihre Methoden, mit anderen Worten der Terror, der ein solches System nach innen zusammenhält, sind ebenso wie die Organisation der totalen Herrschaft laut Buchheim von untergeordneter Relevanz für eine Begriffsklärung des Totalitarismus. Viele Eigenschaften, die beispielsweise für Friedrich und Brzezinski wesentliche Elemente der totalitären Herrschaft sind, wie etwa das Nachrichtenmonopol, blieben für Buchheim nur Maßnahmen. die Untertanen des Systems für dieses verfügbar zu machen.25 Auf der anderen Seite billigt Buchheim der Ideologie eine gewisse Relevanz zu, da sie die Grundlage für den Plan einer neuen Gesellschaft bildet, die von der führenden Bewegung geplant und durchgesetzt wird. Buchheim grenzt die klassische Tyrannis von der totalitären Herrschaft ab, da diese einen Plan für eine neue Gesellschaft besitzt. Die Tyrannis dagegen plant höchstens, um effektiver herrschen zu können und ihre Herrschaft zu sichern. Totalitäre Regime dagegen planen nicht, um effektiver und autoritär herrschen zu können, sondern sie müssen autoritär sein, um ihren Plan und ihre Vorstellung von einer neuen Gesellschaft in die Tat umsetzen zu können.26

Buchheim grenzt die totalitäre Herrschaft ebenfalls von der Diktatur und der autokratischen Herrschaft ab. Für Buchheim ist die Diktatur die Diktatur nach römisch- republikanischen Vorbild. Es ist eine für einen festgelegten Zeitraum angelegte autoritäre Notstandsherrschaft der Staatsführung, bei vorübergehender Außerkraftsetzung demokratischer Prinzipen wie der Gewaltenteilung, allerdings unter einer formal weiterhin bestehenden Verfassung. In diese Kategorie fallen die meisten Notstandsherrschaften wie der von Buchheim selbst angeführte Artikel 48 der Weimarer Reichsverfassung.27 Eine autoritäre Herrschaft hingegen ist die auf unbestimmte Zeit ausgerichtete Diktatur. In dieser Form reißt der Staat alle Kompetenzen an sich, die er bekommen könnte, allerdings im Unterschied zu einer totalitären Herrschaft nicht mit dem Zweck der Erfüllung eines Plans für eine neue Gesellschaft, sondern lediglich mit dem Ziel die eigene Macht zu erhalten.28 Außerdem bleibt der Staat in seiner Form ein Staat und ist von anderen gesellschaftlichen Akteuren, wie beispielsweise Glaubensgemeinschaften, abgrenzbar. In der totalitären Herrschaft ist das nicht mehr der Fall. Der Staat hat sich dort in alle Bereiche ausgebreitet, hat gesellschaftliche Akteure zerstört oder vereinnahmt, dass er weder als Staat zu erkennen ist.

Buchheim stellt, anders als Friedrich und Brzeziński, keine statischen und gleichrangigen Eigenschaften in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Man erhält von ihm keine „Checkliste“ mit einigen Merkmalen, die man bei einer Analyse abhaken kann. Stattdessen erhält man eine weichere aber nichts destotrotz gut zutreffende Beschreibung eines totalitären Systems . Anders als Arendt ist die These Buchheims weniger ideengeschichtlich begründet und lässt sich ohne größere Widersprüche auf verschiedene historische Systeme oder Konzepte sowie unterschiedliche geographische Regionen anwenden und ist nicht auf das letzte Jahrhundert beschränkt. Buchheim stellt den Anspruch auf einen totalen Zugriff auf den Menschen mitsamt der kompletten Durchdringung der Gesellschaft in den Mittelpunkt seiner Charakterisierung der totalitären Herrschaften. Die Umsetzung dieses Anspruchs mag, wie Friedrich und Brzeziński es in drei ihrer Merkmaler totalitärer Herrschaft meinen, zwar erst in den letzten einhundert Jahren möglich gewesen sein.29 Dies ist allerdings nicht relevant, wenn es um die Formulierung dieses Anspruches geht. Daneben ist das Ziel der Durchdringung, die Schaffung eines neuen Menschen, allein totalitären Regimen gemeinsam und kann in den Ideologien der NSDAP ebenso gefunden werden wie in den verschiedenen Formen kommunistischer Herrschaften. Die Mittel sind zweitrangig, denn sie dienen einzig und allein dem Erreichen des Ziels und sind nicht, wie es bei Friedrich und Brzeziński zu sein scheint, Selbstzweck.

3. Rousseaus staatsphilosophisches Denken

3.1. Rousseus Gesamtwerk

Nach dieser Definition des Begriffes Totalitarismus soll dieses nun auf das Staatskonzept von Jean-Jacques Rousseau angewendet werden. 1762 legt Rousseau mit Du Contract Social den Hauptteil seines staatsphilosophischen

[...]


1 Um Unstimmigkeiten zu vermeiden, wird im Rahmen dieser Arbeit der französische Titel des Buches verwendet. Als Grundlage hierfür dient: Jean-Jacques Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag, herausgegeben und übersetzt von Hans Brockard in Zusammenarbeit mit Eva Piezcker, Stuttgart 2011.

2 Vgl. Bertrand Russel, Philosophie des Abendlandes von der Antike bis zur Gegenwart, Wien 1976, S.697-700.

4 Jacob Leib Talmon, Die Ursprünge der totalitären Demokratie, Köln und Opladen 1961.

5 Vgl. Gary S. Schaal, Felix Heidenreich, Einführung in die politischen Theorien der Moderne, 3., erweiterte Auflage, Opladen & Toronto 2016. S. 196.

6 Vgl. Martin Oppelt, Gefährliche Freiheit. Rousseau, Lefort und die Ursprünge der radikalen Demokratie, Baden-Baden 2017, S. 41.

7 Vgl. Ebd.

8 Carl F. Friedrich/ Zbigniew Brzeziński, Totalitäre Diktaturen, Stuttgart 1957.

9 Vgl. Friedrich/ Brzeziński, Totalitäre Diktaturen, S. 19 f.

10 Vgl. Wolfgang Wipperman, Totalitarismustheorien - Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, Darmstadt 1997 , 32 f.

11 Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 12. Auflage, München 2008.

12 Vgl. Arendt, totale Herrschaft, S.323-230.

13 Vgl. Wippermann, Totalitarismustheorien, S. 27.

14 Vgl. ebd.

15 Vgl. Arendt, Totale Herrschaft, S. 652.

16 Ebd. S. 964.

17 Hans Buchheim, Totalitäre Herrschaft, München 1965.

18 Buchheim, Totalitäre Herrschaft, S. 11.

19 Vgl. ebd.

20 Vgl. ebd., S. 12.

21 Vgl. ebd.

22 Vgl. Buchheim, Totalitäre Herrschaft, S. 16.

23 Vgl. ebd., S. 18.

24 Vgl. ebd., S. 127.

25 Vgl. ebd. ,S. 17.

26 Vgl. ebd. S. 24.

27 Vgl. Buchheim, Totalitäre Herrschaft, S. 25.

28 Vgl. Buchheim, Totalitäre Herrschaft, S. 25.

29 Vgl. Friedrich/ Brzeziński, Totaltitäre Diktaturen, S. 21.

Details

Seiten
28
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668871052
ISBN (Buch)
9783668871069
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457230
Institution / Hochschule
Universität Passau – Philosophische Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Rousseau Gesellschaftsvertrag Contract Social Arendt Faschismus Kommunismus Totalitarismus Theorie poltitisch Zehnpfennig Passau Vertrag Gesellschaft Demokratie

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