Lade Inhalt...

Beeinflussung der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts durch die Religion

Selbstoptimierung und Konsum als Religionsersatz?

Hausarbeit 2018 24 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Der Geist des Kapitalismus nach Max Weber...
2.1 Religionsbegriff nach Max Weber..
2.2 Askese zur Selbstoptimierung
2.3 Der kapitalistische Geist.

3. Religion des Konsumismus.
3.1 Definition des Konsumbegriffs
3.2 Einflüsse von Religion auf die moderne Wirtschaft
3.3 Konsum als Religionsersatz?.

4. Zusammenspiel Medien- Religion
4.1 Der Einfluss sozialer Medien auf Konsum
4.2Apple als heiliger Gral

5. Individualisierungsprozesse der Religion....
5.1 Selbstoptimierung und Selbstdarstellung im modernen Zeitalter.
5.2 Der Weg zu Gott durch Minimalismus ?

6.Fazit.

7.Literaturverzeichnis

1.Einleitung

In der heutigen Zeit sind Religionen vielfältiger als je zuvor. Menschen mit unterschiedlichsten Ansichten und Überzeugungen leben in einem Miteinander – wenn man sich jedoch mit dem Einfluss von Religion auf die Wirtschaft befassen möchte, kommt man nicht daran vorbei, den Begriff „Religion“ neu zu differenzieren und kritisch zu hinterleuchten. Neben dem klassischen Religionsbegriff wurde im Laufe der Industrialisierung und jetzigen Digitalisierung eine weitere Form des Glaubens immer präsenter - Konsum und Selbstoptimierung haben Formen erreicht, in denen sie als Religionsersatz fungieren können. Während zu damaligen Zeiten beispielsweise die Bibel die Richtung zu einem „erfüllten“ und „richtigen“ Leben wies, sind die Möglichkeiten und Richtungen für ein selbst erfülltes Leben heute nahezu grenzenlos.

Diese Arbeit befasst sich mit dem Einfluss von Religion und Glaube auf die Wirtschaft, wobei sowohl die klassische Religion als auch neue Formen des Religionsbegriffs beleuchtet werden. Ziel ist, zu verdeutlichen inwieweit sich der Religionsbegriff individualisiert hat und inwieweit Religion dadurch in jeder Sparte der Gesellschaft die Ökonomie und Lebensführung beeinflussen kann. Als Beispiel für individuelle Religionsbegriffe dienen Konsum, soziale Medien und Minimalismus. Dazu wird ein Bezug auf Max Webers Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ aus dem Jahr 1904/1905 hergestellt, um zu verdeutlichen inwieweit sein Religionsbegriff und seine Ansicht zur Kapitalbildung durch Berufsarbeit und Askese bis heute Einfluss auf die Gesellschaft haben. Dafür wird, um ein Verständnis für die Unterschiede zur heutigen Zeit zu schaffen, zunächst die Sicht Webers auf Religion und Arbeit betrachtet, wobei der Fokus auf seinen Ausführungen zur Askese, also der Selbstkontrolle und Disziplinierung, und dem kapitalistischen Geist liegen. Das Ziel liegt dabei darin, die calvinistische Ansicht des erfüllten Lebens in Bezug zur heutigen Gesellschaft zu stellen und aufzuführen, inwieweit religiöse Moralvorstellungen schon damals einen großen Einfluss auf die Gesellschaft hatten. Anschließend wird der Konsumbegriff an sich definiert, um den Einfluss von Religiosität in der heutigen Ökonomie zu veranschaulichen und um erste Eindrücke zu geben, inwieweit Konsum und Religion sich wechselseitig beeinflussen. Dafür werden nicht die Formen einzelner klassischen Religionen, sondern stellvertretend für alle Religionsbegriffe die Traditionen der christlichen Kirche als Beispiel aufgeführt. Im anschließenden Kapitel wird untersucht inwieweit Religion sich tatsächlich auf die Wirtschaft auswirkt und welche neuen, alternativen Religionsformen aufgekommen sind, wobei auch Gegenstimmen in Betracht gezogen werden. Anschließend wird Konsum als neue Religion untersucht, wobei besonders die Einflüsse neuer Technologien, wie die Firma Apple, aber auch das Leben mit sozialen Medien kritisch hinterfragt werden um zu veranschaulichen, inwieweit medialer Konsum die klassischen Werte der Religion verändert hat. Zusätzlich wird der neuzeitliche Gegenstrom des Konsumismus, das minimalistische Leben, angeschnitten, um die Vielseitigkeit und die Gegensätze der neueren Religionsbegriffe darzustellen. Die abschließende Konklusion führt aus inwieweit meine Eindrücke von der Wechselbeziehung von Religion und Wirtschaft sich bestätigt haben und liefert eine Prognose, welche Rolle Selbstoptimierung im Zusammenhang mit Medien in Zukunft spielen könnte und inwieweit die mediale Gesellschaft einen Gott ersetzen kann.

Die Ausführungen können selbstredend nicht auf jedes Individuum angewendet werden, da Religion bis heute in vielen Lebenssituationen und in der Lebensführung vieler Menschen weiterhin eine große Rolle spielen. Viel mehr geht es darum aufzuführen, wie vielseitig Religiosität in der heutigen Zeit gelebt werden kann.

2. Der Geist des Kapitalismus nach Max Weber

2.1 Religionsbegriff nach Weber

Um die Zusammenhänge zwischen Konsum und dem Geist des Kapitalismus nach Webers„Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (Weber, 2018 [1904/05]) nachvollziehen zu können, muss vorab das Religionsverständnis Webers erläutert werden. Weber befasst sich in seinem Werk mit den Einflüssen von Religion auf den modernen Kapitalismus und führt dazu den Calvinismus, eine konfessionelle Formation des Protestantismus (vgl. Troeltsch 1923, S. 605 ff.), als Beispiel für die im modernen Kapitalismus übliche rationale Lebensführung an:

„[...] daß also der Calvinist [...] seine Seligkeit - korrekt müsste es heißen: die Gewißheit von derselben- selbst schafft, dass aber dieses Schaffen nicht wie im Katholizismus' in einem allmählichen Aufspeichern verdienstlicher Einzelleistungen bestehen kann, sondern in einer zu jeder Zeit vor der Alternative: erwählt oder verworfen? stehenden systematischen Selbst kontrolle “ ( Weber 2013, S.153, Hervorhebungen im Original).

Eine große Rolle bei dieser Selbstbestimmung spielt der Einfluss von Gott und Religion, da die Arbeit der Calvinisten Webers Ansicht einer Arbeit in „majorem gloriam dei“ (zu Deutsch: der größeren Ehre Gottes) entsprechen sollte (vgl. ebd. S. 148). Das Festmachen der eigenen Berufung wird zur Pflicht, Selbstgewissheit sollte durch rastlose Berufsarbeit erlangt werden, sodass die westliche Berufsarbeit als Mittel gegen religiöse Angsteffekte fungierte (vgl. ebd. S. 151). Religion sollte die Lebensführung in die richtige Richtung weisen. Anders als bei den Katholiken, bei denen die Findung des Seelenheils, also ein Le - ben im Jenseits, durch die Sakramente wie Taufe und Beichte und die Liturgie gesichert war (vgl. ebd. S. 145), mussten sich die Calvinisten selbst um das Erlangen des Seelenheils bemühen: es wurde differenziert zwischen Erwählten und Verworfenen, wobei niemand wusste, welcher Kategorie er zugehörig war (vgl. ebd. S. 153): Der im ökonomischen Ra- tionalismus des Calvinisten übliche utilitaristische, also zweckorientierte, Charakter ent- stand (vgl. ebd. S.96). Utilitarismus wird hier im klassischen Sinne mit dem Ziel von „ma - ximale[m] Wohlergehen aller Betroffenen“ (vgl. Rawls 2006, S. 14) betrachtet. Dabei ver- langte Gott laut Weber nicht einzelne „gute Werke“, sondern eine zum System gesteigerte Werkheiligkeit (vgl. ebd, S. 153 f.), sodass die Lebensführung Platz in der kompletten Le- bensführung erlangen sollte: „Das Leben des Heiligen ist rationalisiert und beherrscht von dem ausschließen Gesichtspunkt: Gottes Ruhm auf Erden zu mehren“ ( ebd. S. 155).

2.2 Askese zur Selbstoptimierung

Ein besonders relevanter Einfluss auf die rationale Lebensführung hat laut Weber die innerweltliche Askese. Im Vergleich zur methodischen Askese der Katholiken in Form von Klosterzellen oder dem Mönchsleben, soll der Calvinist seine Persönlichkeit rational selbst erziehen. Er soll sich gegen Affekte behaupten, sich triebhaften Lebensgenüssen entziehen und durch Selbstbeherrschung Ordnung in die Lebensführung bringen. Glauben und Berufsleben sollen dabei verbunden werden (vgl. Weber 2013, S.191 ff.). Dabei soll der „status naturae“, also der Einfluss von irrationalen Trieben und die Abhängigkeit von Welt und Natur, überwunden werden, damit die Erringung des Seelenheils durch beständige Selbstkontrolle und die Arbeit im Dienste Gottes gelingt (vgl. ebd. S.155f.). Bereits im Calvinismus spielte also die Prädestinationslehre eine wichtige Rolle für Wirtschaft und Kapital. Unbefangenes Genießen und triebhafter Lebensgenuss galten als Feind des rationalen Lebens und somit als Feind für ein erfülltes Leben (vgl. ebd. S. 190 f.).

Als Beispiel führt Weber den Sport an: Dieser soll, rational gesehen, nicht Genuss bringen, sondern die physische Leistungsfähigkeit verbessern, und somit dem Zweck dienen die Arbeit zu verbessern (vgl. ebd.). Weiterhin ist der Mensch ein „Verwalter“ der durch Gottes Gnade zugewandten Güter und soll diese somit auch nur für die Mehrung Gottes Ruhm verwenden: dem kapitalistischen Geist entsprechend soll er also nur diesen Ruhm durch rastlose Arbeit mehren und gegen die Versuchung von Genuss und Besitz ankämpfen (vgl. ebd. S. 193). Wichtig ist dabei die Verbindung der asketischen Entsagung mit der innerweltlichen Tat: erst durch diese innerweltliche Tat unterscheidet sich die Askese der Calvinisten von der katholischen Lebensführung „ora et labora (zu Deutsch: Bete und arbeite), da die Tat im katholischen außerweltlich bleibt, während der Calvinist durch die innerweltliche Tat seine soziale Positionierung durch traditionelle Arbeitsaskese steigern kann. (vgl. Böhmer 2005, S. 125). Die protestantische Askese richtet sich im Vergleich zur katholischen Askese, welche sich durch Zeiteinteilung, Schweigen und Arbeit von der Welt distanziert, durch Disziplinierung in Form von Zeiteinteilung, Hingabe für eine überpersönliche Sache und Arbeit gegen die Welt. Armut wird nicht als Verzicht gegen weltliche Güter, sondern als Verzicht gegen das „genussfrohe Ausruhen auf weltlichem Besitz“ verstanden. (vgl. Schluchter 2009, S.54).

2.3 Der kapitalistische Geist

„[...] die religiöse Wertung der rastlosen, stetigen, systematischen, weltlichen Berufsarbeit als schlechthin höchste[s] asketisches Mittel und zugleich [als] sicherste und sichtbarste Bewährung des wiedergeborenen Menschen und seiner Glaubensechtheit mußte ja der denkbar mächtigste Hebel der Expansion jener Lebensauffassung sein, die wir hier als Geist des Kapitalismus bezeichnet haben.“ (Weber 2013, S. 194).

Der kapitalistische Geist wurde somit durch Selbstoptimierung und Sparzwang beeinflusst, zudem durch die Gewissheit des Seelenheils durch Berufsarbeit. Der entscheidende Unterschied zum katholischen Mönchstum, bei dem ebenfalls die Ordnung der Lebensführung im Mittelpunkt stand, ist dabei die die Berufung des Calvinisten, „als 'ecclesia militans' den Bestand des Protestantismus zu sichern“ (vgl. ebd. S.156 f.). Ecclesia militans (zu Deutsch: die in der Welt kämpfende Kirche), sollte Güter rational als Besitz der Gesamtheit anstatt für den eigenen Zweck ansehen, wodurch Konsumtion und unbefangener Genuss geschürt werden sollten: „[...] der absolute (im Luthertum noch keineswegs in allen Konsequenzen vollzogene) Fortfall kirchlich-sakramentalen Heils, war gegenüber dem Katholizismus das absolut Entscheidende. “(vgl. ebd. S.145). Ziel war die Abwendung vom Zauber der Religion. Im Katholizismus übliche Werte wie die Sakramente, die eine Verbindung zwischen Gott und dem Gläubigen schaffen sollen ( vgl. Faber 2009, S. 22), wurden im Calvinismus durch die Berufsarbeit ersetzt. Gott sollte als einziger Vertrauter dienen (vgl. Weber 2013, S.146), jedoch war sich der Bürger seines Seelenheils nicht bewusst. Religion verlor stattdessen durch Rationalisierungsprozesse nach und nach ihre magischen Vorstellungen vom selbstverständlichen Leben im Jenseits durch das Gebet und das Vertrauen in Gott - die Welt wurde entzaubert und Religion wandelte sich von Magie zu Lehre. (Albert et al. 2005, S. 215). Der nach Gott suchende Arbeiter wandelt sich stattdessen nach und nach zum homo oeconomicus, dem rationalen und zu seinen Gunsten handelnden Wirtschaftsmenschen (vgl. Franz, 2004, S.4), der Wunsch nach Kapitalbesitz des Einzelnen wurde präsenter. Der kapitalistische Geist hatte sich somit endgültig von religiösen Wurzeln gelöst und im „Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung“ revidiert (vgl. Böhmer 2005, S. 129). Stellvertretend entstand ein modernen Betriebskapitalismus, dem Rationalisierung bedarf. Die Lebensführung musste weiterhin an am Glauben verankerte ethische Pflichtvorstellungen appellieren (vgl. Weber 2013, S.40.), zu den christlichen asketischen Überzeugungen gesellten sich mit dem Fortschritt des Kapitalismus und des homo oeconomicus aber auch neue Werte wie Luxus, da durch die rastlose Berufsarbeit auch vermehrt Kapital entstand.Während vorerst also nur rastlose Arbeit und Askese als einzige Hoffnung für die Erlösung Gottes galten, veränderte sich die Wirtschaft zugunsten von Konsum und Besitz, „Verschwendungssucht und Lebelust“, welche die Entstehung des Kapitalismus nach Ansicht des Soziologen Werner Sombarts beeinflussten (Sombart in: Böhmer 2005, S. 128). Konsum und „Verschwendung“ sorgen dafür, dass Reichtum vorwiegend zu Luxuszwecken genutzt wurde: einerseits durch die Unfähigkeit des Menschen, dem Leben andere Freuden als materielle abzugewinnen und andererseits durch den Wunsch, sich in der Gesellschaft eine geachtete Stellung zu erobern. Ehrgeiz und Sinnenfreude trieben somit bereits damals zum Luxus. (vgl. Sombart 1922, S. 96).

3. Religion des Konsumismus

3.1 Definition des Konsumbegriffs

Unter Konsum, abgeleitet vom lateinischen „consumere“, also Verbrauch bzw. Gebrauch von Gütern verstanden. „Consumere“ kann jedoch auch mit„vergeuden“ übersetzt werden, sodass der Konsumbegriff unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden muss. Unter Konsum wird allgemein zwar der Gebrauch von Gütern und Dienstleistungen verstanden, unterschieden wird aber beispielsweise zwischen öffentlichem und privatem Konsum. Privater Konsum bezeichnet die Erfüllung der Bedürfnisse einer Privatperson, öffentlicher Konsum wiederum bezieht sich auf öffentliche Institutionen wie beispielsweise Schulen oder Altersheime. Zeitlich lässt sich die Entstehung der uns heute bekannten Konsumgesellschaft in das Zeitalter der Aufklärung einordnen (vgl. McKendrick 1997, S. 75). Mitte des 18. Jahrhunderts vollzog sich in Deutschland ein Wandel in der Gesellschaft, die soziale Stellung in die man zuvor ausnahmslos hineingeboren wurde und welche nicht mehr beeinflusst werden konnte (vgl. Gall 1993, S. 8f.), war nicht mehr ausschlaggebend für die Gestaltung des eigenen Lebens. Emanzipation, Autonomie und Selbstständigkeit wurden präsent, statt einer Beurteilung des Ansehens bloß durch Besitz sollten Faktoren wie Bildung und Arbeitsleistung eine größere Rolle spielen. Dieser Umbruch des Denkens beeinflusste die Bürger auch privat. Wo zuvor nur die rastlose Arbeit Selbstgewissheit lieferte, beeinflussten ab nun auch Güter und Dienstleistungen das Privatleben. Anstatt Askese und der Abwendung von Kultur wuchs der Wunsch des Bürgers nach schönen, wenn auch nach Ansicht des klassischen Calvinisten nicht erstrebenswerten, Gütern. Kunst, Mode, Literatur oder auch das Theater spielten eine immer größere Rolle, der Konsum diente als Weg, das Ansehen nach außen zu präsentieren und drängte sich in jeden Lebensbereich (vgl. North 2003, S.2f).

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668889248
ISBN (Buch)
9783668889255
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457562
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
Schlagworte
Weber Soziologie Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Beeinflussung der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts durch die Religion