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Die Anwendung der Maieutik in Platon "Theätet". Eine Analyse ausgewählter Passagen

Hausarbeit 2016 19 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung

2. Begriffsklärung Maieutik/Hebammenkunst/Sokratische Methode
2.1 Lexika-Definition
2.2 Definition nach Sokrates im Theaitetos [149a - 151d]
2.3 Definition nach Leonhard Nelson
2.4 Vergleich der Definitionen

3. Analyse ausgewählter Passagen im Theaitetos auf Sokrates Anwendung der Maieutik
3.1 These 1 „Wissen ist Wahrnehmung“ - Abschnitt [151d - 152c]
3.2 These 2 „Wissen ist wahre Meinung“ - Abschnitt [190e - 191b]
3.3 These 3 „Wissen ist Wahrnehmung mit Erklärung“ - Abschnitt [209b - 210b]
3.4 Zusammenfassung der Analyse

4. Zusammenfassung und Fazit

5. Quellenverzeichnis

1. Hinführung

Maieutik, Hebammenkunst oder auch sokratische Methode ist vielen Menschen heutzutage ein Begriff. Ein Gespräch bei dem Sokrates in den geschriebenen Dialogen von Platon mit einem oder mehreren Gesprächspartner/n fungiert und versucht diese auf die richtige Antwort eines Themas zu führen. Meist endet dies in Aporie und Unzufriedenheit der jeweiligen Gesprächspartner. So die einfache Erläuterung von Maieutik. Doch wie wird die sokratische Methode im fachlichen Kontext betrachtet und wie beschreibt Sokrates selbst seine bekannte Kunst? Dazu gibt insbesondere der Text Theaitetos Aufschluss. Hier beschreibt Sokrates in einem Monolog seine Methode und wendet sie anscheinend auch im gesamten Text an. Dabei hat sich mir jedoch die Frage gestellt, ob bzw. wie sehr Sokrates sich innerhalb des Dialoges an seine eigene Definition der Methode hält und ob vielleicht andere Definitionen seiner Hebammenkunst seinem Handeln innerhalb des Dialoges mehr entsprechen. Um diese Frage zu beantworten, muss zunächst aufgezeigt werden, was für Definitionen von Maieutik es außerhalb von T heaitetos gibt und wie Sokrates selbst diese definiert. Ich werde nur auf die Maieutik eingehen und nicht auf die Methode des Elenchos, welcher ebenfalls Teil der sokratischen Methode ist. Dies liegt darin begründet, dass Sokrates im Theätet nur eine Definition zur Maieutik gibt, nicht aber zu seiner „Testmethode“ Elenchos [Generell hat diesen Begriff nie terminologisch verwendet1 ]. Anschließend sollen drei verschiedene Textabschnitte aus Theaitetos darauf analysiert werden, inwiefern Sokrates Hebammenkunst mit Theaitetos betreibt oder vielleicht auch nicht. Hierbei ist zu beachten, dass ich nicht auf die Erkenntnisse des Dialogs an sich eingehen werde, sondern mir lediglich die Gesprächsführung anschauen werde und anhand dessen die Methode untersuchen werde. Abschließend werde ich die Ergebnisse zusammenfassen und ein Fazit geben.

2. Begriffsklärung Maieutik/Hebammenkunst/Sokratische Methode

Bevor der Text Theaitetos untersucht werden kann auf Sokrates Anwendung von Maieutik, ist es notwendig, den Begriff der Maieutik erst einmal zu klären. Maieutik oder auch Hebammenkunst bezeichnet den didaktischen Aspekt der sokratischen Methode. Das folgende Kapitel widmet sich drei verschiedenen Definitionen der Maieutik. Zunächst der allgemeinen Fachlexika-Definition, als nächstes der Definition von Sokrates, wie er sie im Theaitetos gibt und als letztes der Definition von Leonhard Nelson aus seinem Vortrag 1922 vor der Pädagogischen Gesellschaft in Göttingen. Abschließend erfolgt ein kurzer Vergleich dieser Definitionen.

2.1 Lexika-Definition

Die Maieutik wird von Erler als eine Kunstfertigkeit bezeichnet, mit welcher man aus einem Gesprächspartner mit Hilfe von Frage und Antwort Wissen herausholen kann, welches bis dahin in diesem Gesprächspartner nur verborgen und unbewusst vorhanden war2. Sokrates selbst bezeichnet diese Kunstfertigkeit als Hebammenkunst. Es ist dazu davon auszugehen das die Methode der Maieutik mit Platons Auffassung von Wissensvermittlung zusammenhängt, heißt, es geht nicht nur um Einüben oder Weiterrechen von Wissen, sondern vielmehr darum, dass man das Wissen in sich selbst finden muss3. Genau hier setzt die Maieutik an. Betrachtet man Sokrates Anwendung von Maieutik zeigt sich, dass er ähnlich einer Hebamme − welche nicht schwanger ist,aber Schwangeren zur Geburt verhilft − hat er nicht Wissen über den Gegenstand über den gesprochen wird und will auch kein Wissen vermitteln, aber er verhilft dem Gesprächspartner dabei das Wissen hervorzubringen. Da Sokrates selbst kein Wissen hat, also sozusagen unfruchtbar ist, ist ein Merkmal der Maieutik, dass Sokrates keine Antworten gibt, sondern nur Fragen stellt4. „Mit Hilfe von Frage, Antwort und Ratlosigkeit, in die er seine Partner zumeist führt, verhilft Sokrates dazu, unbewusstes Wissen zu Tage zu fördern.“5 Ein weiteres Merkmal der Maieutik, wie Sokrates sie betreibt, ist, dass Sokrates dazu in der Lage ist zu erkennen, ob die Seele des Gesprächspartners Trugbilder oder Echtes hervorbringt. Die Gesprächspartner sind sozusagen schwanger mit dem Wissen und Sokrates hilft dabei, dass die Partner von sich aus das Wissen entdecken ohne direkt etwas von Sokrates zu lernen.

Sokrates sieht also seine Aufgabe nicht darin, „eigene Wissensansprüche zu erheben und zu verteidigen, […] [sondern darin] die von anderen geltend gemachten Wissensansprüche kritisch zu untersuchen“6.

2.2 Definition nach Sokrates im Theaitetos[149a - 151d]

Sokrates, besser der platonische Sokrates, gibt im Theaitetos erstmalig eine Erklärung zu seiner Methode der Gesprächsführung ab. Er selbst bezeichnet es als Hebammenkunst. Sokrates entwirft dabei einen Vergleich zwischen der Kunst der Hebamme und seiner Kunst. Dabei geht er zunächst auf die Merkmale und Fähigkeiten einer Hebamme ein, um diese dann auf sich selbst zu beziehen und seine Methode zu erklären.

Das erste Merkmal einer Hebamme, das Sokrates dabei herausstellt, ist, dass man nur dann als Hebamme tätig sein kann, wenn man zuvor selbst schon einmal gebärt hat und dann aufgrund des Alters unfruchtbar geworden ist. Frauen, die von Natur aus unfruchtbar sind, können die Kunst der Hebammen nicht vollführen.7 Man könnte diesen Abschnitt so lesen, dass Sokrates damit sagen will, dass man um die Hebammenkunst ausüben zu können Erfahrung hinsichtlich dessen was man hervorbringen will benötigt. Sokrates wirft aber etwas später ein, dass er selbst noch nie Weisheit hatte und von Gott dazu genötigt wird, Geburtshilfe zu leisten, statt selbst zu erzeugen8. Allerdings könnte man Sokrates Altersweisheit eventuell als Erfahrung betrachten. Damit zeigt sich, das eine Gemeinsamkeit zwischen der Hebammenkunst und Sokrates Methode ist, dass so wie Hebammen selbst nicht (mehr) gebären (können), Sokrates selbst kein Wissen hat.

Eine weitere Gemeinsamkeit die Sokrates zwischen sich und dem Hebammenberuf sieht, ist, dass Hebammen erkennen können ob jemand schwanger ist oder nicht.9 Sokrates erkennt ebenso, ob ein Gesprächspartner intellektuell schwanger bzw. eineechte Idee in sich trägt oder nicht.10 Ist eine Person (intellektuell) schwanger, so sind sowohl Hebammen als auch Sokrates dazu in der Lage, die Geburtswehen entweder zu verstärken oder zu lindern11. Weiterhin sind beide dazu in der Lage, dass „Kind“ abzutreiben, wenn es noch klein ist.12 Hebammen beschließen also gegebenenfalls wohlwollende Abtreibungen, wenn sie es für richtig halten und Sokrates zeigt dem„Schwangeren“ dessen Ideen auf, die sich als philosophische Trugbilder herausstellen und „treibt“ diese ab.13

Eine weitere Analogie besteht darin, dass Hebammen gute Kupplerinnen sind und erkennen, wer gut zusammenpasst14, sowie Sokrates erkennt, wer als Partner für ihn geeignet ist (wenn er tatsächlich intellektuell schwanger ist) oder besser als Partner für jemanden wie Prodicus.15

Sokrates sieht aber auch einige Unterschiede zwischen seiner „Geburtshilfe“ und der von Hebammen. Die Hebammenkunst von Sokrates widmet sich der der Geburtshilfe bei Männern und nicht bei Frauen und hilft bei der Geburt von Wissen aus der Seele und nicht der Geburt aus dem Leib.16 Des Weiteren Sokrates die Geburt des Partners einleiten, indem er Aporien nutzt, die durch gezieltes Fragen hervorgerufen werden. Durch gezieltes Fragen und prüfen der Antworten des Partners ist Sokrates in der Lage zu erkennen ob es sich bei dem vermeintlichen Wissen, welches der Gesprächspartner begehrt um ein Trugbild handelt oder nicht. Sokrates stellt noch einige weitere Vergleiche zwischen seiner Kunst und der der Hebammen an, aber diese erachte ich als nicht weiter wichtig für die Methodik an sich.

Zusammenfassend lässt sich also zur Maieutik nach Sokrates sagen, dass es sich laut Sokrates um eine Art Geburtshilfe handelt. Der Gesprächspartner trägt das Wissen bereits in sich und mit Hilfe von Sokrates kann es hervorgeholt werden. Er versucht also den Partner zur Geburt von Lösungen philosophischer Probleme zu verhelfen Diese Geburt findet mittels Gespräch statt. Innerhalb dieses Gespräches betreibt Sokrates Maieutik, indem er Fragen stellt und keine eigenen Antworten gibt und auch nicht versucht selbst Wissen zu vermitteln. Er versucht sich also eigentlich eher zurückzuhalten als zu geben. Er untersucht die Antworten oder auch Geburten des Partners auf dessen „Echtheit“ und prüft ob es richtiges Wissen ist oder doch ein Trugbild, also für die Problemlösung untauglich, und treibt es gegebenenfalls ab. Auch das tut er nur durch Fragen. Seine Kunst beschränkt sich also darauf, „das hervorzuholen, womit sich andere herumtrügen, und dann zu prüfen, ob es sich um Wissen oder Scheinwissen handele“17.Weiterhin kann Sokrates mit der Methode erkennen, ob der andere überhaupt in der Lage ist zu gebären und wenn er es nicht ist, schickt er ihn fort.

2.3 Definition nach Leonhard Nelson

Leonhard Nelson geht in seinem Vortrag von 1922 auf die sokratische Methode ein. Dabei geht er immer mal wieder auf die Merkmale dieser Methode ein, hauptsächlich aber auf den Nutzen der sokratischen Methode im Unterricht/Seminar. Dieses Kapitel soll sich lediglich mit den Merkmalen zur Maieutik, die Nelson aufzeigt, beschäftigen.

Nelson betrachtet die sokratische Methode als die Kunst, die Kunst des Philosophierens und nicht Philosophie selbst zu lehren18. Er betrachtet dabei die Durchführung von Sokrates in den platonischen Dialogen kritisch, da Sokrates öfter an entscheidenden Stellen Monologe hält und der Gesprächspartner nicht mehr selbst denkt und abschließend nur eine Suggestivfrage stellt, auf die der Partner mit so etwas wie „Ja“ antwortet19. Es wird dabei nicht ersichtlich, ob der Gesprächspartner dem Denken von Sokrates auch wirklich zustimmt. Nelson sagt, dass dies nicht Sinn der Methode sein kann. Allerding gesteht Nelson ein, dass ein positives Merkmal der Maieutik ist, dass Sokrates „durch seine Fragen die Schüler zum Eingeständnis ihrer Unwissenheit bringt20 “ und somit falsches Wissen entfernt.

[...]


1 Vgl. Erler, Michael. Elenchos (elenchos). In: Schäfer, Christian (Hrsg.). Platon- Lexikon. Begriffswörterbuch zu Platon und der platonischen Tradition. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007. S. 107.

2 Vgl. Erler, Michael. Maieutik (maeutikê technê, „Hebammenkunst“). In: Schäfer, Christian (Hrsg.). Platon- Lexikon. Begriffswörterbuch zu Platon und der platonischen Tradition. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007. S. 193.

3 Vgl. Ebd.

4 Vgl. Ebd.

5 Vgl. Ebd.

6 Horn, Christoph; Müller, Jörn; Söder, Joachim (Hrsg.). Platon Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart: J.B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH 2009. S.298.

7 Vgl. Platon. Theätet. Griechisch/Deutsch. Übers. von F. Schleiermacher, Kommentar von A. Becker. Frankfurt: Suhrkamp 2008. [149b - 149c].

8 Vgl. Ebd. [150d].

9 Vgl. Ebd. [149c].

10 Vgl. Chappell, Timothy. Reading Plato’s Theaetetus. Sankt Augustin: Academica Verlag 2004. S.42

11 Vgl. Platon. Theätet. Griechisch/Deutsch. Übers. von F. Schleiermacher, Kommentar von A. Becker. Frankfurt: Suhrkamp 2008. [149d] und [151a].

12 Vgl. Ebd. [149d].

13 Vgl. Chappell, Timothy. Reading Plato’s Theaetetus. Sankt Augustin: Academica Verlag 2004. S.42

14 Vgl. Platon. Theätet. Griechisch/Deutsch. Übers. von F. Schleiermacher, Kommentar von A.Becker. Frankfurt: Suhrkamp 2008. [149d]

15 Vgl. Ebd. [151b] und Vgl. Chappell, Timothy. Reading Plato’s Theaetetus. Sankt Augustin: Academica Verlag 2004.S.42

16 Vgl. Platon. Theätet. Griechisch/Deutsch. Übers. von F. Schleiermacher, Kommentar von A. Becker. Frankfurt: Suhrkamp 2008. [150b]

17 Pleger, Wolfgang H. Platon. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2009. S. 143

18 Vgl. Nelson, Leonhard. Die sokratische Methode. In: Nelson, Leonhard. Die sokratische Methode / Leonhard Nelson. Mit einem Vorwort von Gisela Raupach-Strey. 2.Aufl. Kassel: Weber, Zucht, Co Versandbuchhandlung Verlag GmbH 1996. S. 16.

19 Vgl. Ebd. S. 17.

20 Ebd. S.19.

Details

Seiten
19
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668889026
ISBN (Buch)
9783668889033
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457599
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2,3
Schlagworte
anwendung maieutik platon theätet eine analyse passagen

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