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Sport im Nationalsozialismus. Entwicklung und Zielsetzung im Höheren Schulwesen und in der Hitlerjugend

Examensarbeit 2005 91 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Adolf Hitlers Ideologie von einer Erziehung der Jugend

3. Die Bedeutung des Sports im Nationalsozialismus
3.1 Leibeserziehung als höchstes Erziehungsgut
3.2 Die XI. Olympischen Spiele in Berlin 1936

4. Schule im Dritten Reich
4.1 Die einzelnen Schulformen
4.2 Das Höhere Schulwesen
4.2.1 Veränderungen im höheren Schulwesen in der Zeit des Nationalsozialismus
4.3 Veränderungen der Leibeserziehung in der Höheren Schule
4.3.1 Der Lehrermangel und die Ausbildung neuer Lehrkräfte
4.3.2 Zielstellung und Inhalt der Leibeserziehung
4.3.2.1 Das Schwimmen
4.3.2.2 Das Fußballspiel
4.3.2.3 Das Boxen
4.3.3 Schulische Leibeserziehung im Zweiten Weltkrieg

5. Die Hitlerjugend
5.1 Die historische Entwicklung der Hitlerjugend
5.2 Organisation und Aufbau der HJ
5.3 Die Arbeit der Hitlerjugend
5.4 Inhaltliche Betrachtung der Leibeserziehung in der Hitlerjugend
5.4 Veränderung der Leibeserziehung in der Hitlerjugend im Zweiten Weltkrieg

6. Schule und Hitlerjugend
6.1 Die Beziehung zwischen Schule und Hitlerjugend
6.2 Die Leibeserziehung an der höheren Schule und in der Hitlerjugend im Vergleich

7. Schlussbetrachtung

8. Literatur

Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

Im Januar 1933 wird Adolf Hitler vom Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Deutschland geht es in dieser Zeit wirtschaftlich sehr schlecht, die Arbeitslosenquote ist höher als sechs Millionen. Man leidet immer noch unter den Auswirkungen des Versailler Vertrages, der infolge des verlorenen Ersten Weltkriegs zustande gekommen ist und unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise. Mit der Machtübernahme durch die NSDAP verändert sich die wirtschaftliche Situation in Deutschland. Dieser scheinbar positive Wandel der ökonomischen Umstände bereitet Adolf Hitler den Nährboden für sein nationalsozialistisches Regime und die damit verbundenen Vorhaben. Hitler will ein starkes reinrassiges Deutsches Reich schaffen und legt deshalb ein besonderes Augenmerk auf einheitliche Erziehung der Jugend. Bereits in „Mein Kampf“ erhebt Hitlers Programm für die Schule die Rasse zum höchsten Wert. An erster Stelle steht nach seinen Vorstellungen hier das „Heranzüchten kerngesunder Körper“. Erst an zweiter Stelle kommt die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten. Weiterhin versteht es Hitler die Leibeserziehung für die politischen Interessen nutzbar zu machen. Dies wird bspw. durch die Propagandamaßnahmen im Zuge der Durchführung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin deutlich.

Hitler versucht eine Einheit im Deutschen Volk zu schaffen, wie sie niemals zuvor bestanden hat. Dazu gehört auch die Vereinheitlichung des Schulsystems und somit der schulischen Erziehung. Er versucht die Jugend nach seinen Vorstellungen zu formen und lässt ihr deshalb sehr wenig Freiraum. Die außerschulische Erziehung lässt er durch die Hitlerjugend (HJ) bewerkstelligen, in der alle Jugendlichen vom zehnten bis zum 18. Lebensjahr erfasst werden. Sowohl in der Schule als auch in der HJ nimmt die Leibeserziehung eine bedeutende Rolle ein und gewinnt mit den Jahren immer mehr an Stellenwert.

Im Rahmen dieser Arbeit soll untersucht werden, welche Bedeutung dem Sport im Nationalsozialismus gegeben wird. Hierbei liegt der Fokus vor allem auf der körperlichen Erziehung der männlichen Jugendlichen. Es wird gezeigt, welche politischen Ziele mit der Leibeserziehung verfolgt werden und mit welchen Mitteln man versucht hat, diese zu erreichen. Hauptaugenmerk liegt hierbei auf den Erziehungsinstitutionen höhere Jungenschule und Hitlerjugend. Es wird dargelegt, wie sich die Leibeserziehung innerhalb dieser beiden Institutionen im Laufe des Nationalsozialismus verändert. Die Beziehung dieser beiden Institutionen, höhere Jungenschule und Hitlerjugend, soll besonders in den Vordergrund gerückt werden. Es gilt zu prüfen, ob die Leibeserziehung in der Hitlerjugend und diese Institution an sich die Leibeserziehung an den höheren Jungenschulen immer weiter verdrängt hat und ob sie sich somit auf dem Gebiet der körperlichen Ertüchtigung zur wichtigsten Erziehungsmacht entwickelt hat.

Zur Methode

Bevor die Entwicklung und die Zielstellung der Leibeserziehung näher untersucht werden, scheint ein kurzer Überblick über die ideologischen Erziehungsansätze Adolf Hitlers als sinnvoll. Es ist aufzuzeigen, wie konkret er seine erziehungspolitischen Vorstellungen bereits in seinem Werk „Mein Kampf“ von 1925 dargelegt hat. Von Interesse dieser Arbeit ist vor allem der Stellenwert, den Hitler der Leibeserziehung zugemessen hat, da hier deutlich wird, wo er inhaltlich seine Schwerpunkte in der Erziehung setzt. An einigen Beispielen wird dargestellt, wie und mit welchen Begründungen er seine Vorstellungen in die Tat umsetzt. Dieser kurze Überblick über Hitlers Ideologie einer Erziehung der Jugend soll die erziehungstheoretische Grundlage des Nationalsozialismus verdeutlichen.

In einem zweiten Schritt wird die Bedeutung des Sports und der Leibeserziehung im Nationalsozialismus herausgearbeitet. Sport und Leibeserziehung sind für die nationalsozialistische Regierung und ihre Handlungen äußerst nützlich. Es gilt zu prüfen, welche Voraussetzungen zu dieser Tatsache führen. Hierbei wird sich auf die Fragestellung konzentriert, wie der Sport mit den politischen und pädagogischen Konzeptionen des Nationalsozialismus verbunden ist. Dabei spielt der Name Alfred Baeumler eine besondere Rolle. Baeumler ist ein von den Nazis akzeptierter und anerkannter Pädagoge gewesen und hat wichtige staatliche Funktionen begleitet. Er ist der Begründer und Verfechter der politischen Leibeserziehung. Im Rahmen dieser Arbeit werden jedoch keine pädagogischen Theorien des Nationalsozialismus analysiert, sie werden lediglich aufgezeigt, um ein besseres Verständnis der Absichten der Nationalsozialisten in Bezug auf die leibeserzieherischen Vorstellungen zu erhalten. Als ein praktisches Beispiel der Politisierung des Sports in der Gesellschaft dienen die Olympischen Spiele 1936 in Berlin.

Ein weiterer Aspekt der Untersuchung ist das Schulsystem im Nationalsozialismus. Es wird ein kurzer Überblick über die einzelnen Schulformen gegeben und dargestellt, welche Neuerungen sich durch die Nazis ergeben haben. Hierbei wird versucht die Grundzüge nationalsozialistischer Schulpolitik aufzuzeigen. Im weiteren Verlauf konzentriert sich die Arbeit auf das höhere Schulwesen. Es werden hier vor allem die allgemeinen Veränderungen im inneren und äußeren Schulsystem an höheren Jungenschulen aufgezeigt. Die höheren Mädchenschulen, sowie die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (NPEA) finden im Rahmen dieser Arbeit keine Beachtung.

Die Veränderungen können unter Einbeziehung amtlicher Erlassen und Richtlinien für dieses Schulsystem und deren Umsetzung in der Praxis besonders deutlich aufgezeigt werden. In diesem Zusammenhang wird sich mit dem Prozess der politischen Erziehung im Schulalltag und der Umstrukturierung der einzelnen Unterrichtsfächer beschäftigt. Von besonderem Interesse ist hier der Turnunterricht. Es soll aufgezeigt werden, welchen Stellenwert die Leibeserziehung im Kanon der Unterrichtsfächer einnimmt. Außerdem wird sich mit der Frage nach der Zielstellung der schulischen Leibeserziehung im höheren Schulwesen beschäftigt und es wird geklärt, wie sie sich als Unterrichtsfach im Verlauf der nationalsozialistischen Diktatur verändert hat.

Die Hitlerjugend nimmt im Nationalsozialismus ebenfalls eine wichtige Rolle im Rahmen der Jugenderziehung ein. Nachdem sich die Arbeit mit der allgemeinen Organisation der Jugend im Dritten Reich beschäftigt, wird die historische Entwicklung der HJ als spezielles Organ für die Erziehung der 14-18jährigen aufgezeigt und ihre Arbeitsweise verdeutlicht. Die NS-Führung hat es zum einen verstanden die Jugendlichen durch interessante Aktivitäten und zum anderen durch Druck und Zwangsmaßnahmen in der Hitlerjugend zu erfassen. Es soll dargestellt werden, welche Zielstellung mit der Arbeit der Hitlerjugend verfolgt wird ist und wie man zu diesem Zweck die Praxis in der HJ gestaltet. Hierbei wird vor allem die Leibeserziehung in der Hitlerjugend untersucht, um aufzuzeigen, welchen Stellenwert die körperliche Erziehung in der Ausbildung der Hitlerjungen einnimmt.

Mit Schule und Hitlerjugend stehen sich zwei wichtige Erziehungsinstanzen gegenüber. Die Schule ist ein staatliches Organ, das seit Jahrhunderten einen Großteil der Jugendausbildung und -sozialisation übernommen hat. Die Hitlerjugend hingegen entsteht im Rahmen einer Partei und erwächst im Zuge des Nationalsozialismus zu einer riesigen Jugendorganisation. Es wird untersucht, ob Konflikte zwischen diesen beiden Erziehungsinstitutionen entstehen und welches Ausmaß sie auf die Ausbildung der Jugend gehabt haben. Es soll ebenfalls geklärt werden, welche Rolle der Staat bei eventuellen Konflikten gespielt hat. Am Ende der Arbeit spielt die Leibeserziehung, die in diesen beiden Einrichtungen stattfindet, nochmals eine wichtige Rolle. Mit einem Vergleich der Gewichtung der Leibeserziehung in Schule und HJ soll die Untersuchungshypothese entweder bestätigt oder widerlegt werden. Es wird also zu zeigen sein, ob die Leibeserziehung der Hitlerjugend und die HJ an sich, die schulische Leibeserziehung verdrängt hat und somit zur wichtigsten Erziehungsinstitution im Bereich der Leibeserziehung geworden ist oder ob es diese beiden Einrichtungen verstanden haben, ergänzend nebeneinander zu existieren.

Zum Forschungsstand

Über die Zeit des Nationalsozialismus existiert eine Vielzahl an Literatur. Daraus hat sich die Schwierigkeit ergeben, eine Auswahl an für die Untersuchung relevanten Veröffentlichungen zu erhalten. In Folgenden werden die Autoren und deren Erkenntnisse kurz erwähnt, die im Rahmen dieser Arbeit besonders hilfreich gewesen sind und schließlich zum Ergebnis beigetragen haben.

Bei der Darstellung der pädagogischen Einstellung Adolf Hitlers hat sich vor allem Hubert Steinhaus’ Buch „Hitlers Pädagogische Maximen“ als sehr hilfreich erwiesen. Steinhaus zeigt mit Hilfe von Originaltexten, welche Vorstellungen zur Pädagogik Hitler vor und während seiner Amtszeit als Reichskanzler gehabt hat. Gewichtig im Zusammenhang dieser Arbeit ist die Formulierung Hitlers über die schulische Erziehung, die Steinhaus direkt aufzeigt. Durch eine Vielzahl von Zitaten diskutiert er die Pädagogik des Nationalsozialismus. Außerdem zitiert er immer wieder nationalsozialistische Pädagogen wie Alfred Baeumler und schafft so einen erziehungstheoretischen Überblick.

Im Bereich der Leibeserziehung des Nationalsozialismus ist Hajo Bernett ein kompetenter Sporthistoriker der Nachkriegsgeschichte. In vielen Büchern untersucht er die typischen Grundzüge nationalsozialistischer Leibeserziehung, beschäftigt sich aber auch mit spezielleren Themen, wie bspw. der Leibeserziehung in der höheren Schule. So stellt er unter anderem in seinem Buch „Sportunterricht an der nationalsozialistischen Schule“ (1985) fest:

„Die Bindung an eine republikanische Staatsauffassung erwies sich als flüchtiges Konstrukt. Wie schnell waren die höheren Schulen dazu bereit, Formen demokratischer Selbstverwaltung aufzugeben und dem Führerprinzip zu opfern! Wie bald öffnete die Schule die Pforten, um am Geschehen der nationalsozialistischen ‚Bewegung’ teilzuhaben! Und es bedurfte keines Anstoßes, um den Kontakt zum Militär zu suchen und Wehrertüchtigung zu praktizieren. Dieser allgemeine weltanschauliche Konformismus kann schwerlich als blanker Opportunismus ausgelegt werden (Bernett 1985, S. 103f).

Er kommt daneben zu dem Ergebnis, dass die Leibesübungen im Nationalsozialismus zur Darstellung und Stimulans des Kraftbewusstseins und der rassisch-nationalen Kraftentfaltung dienen und dass Leibesübungen mit der eindeutig politischen Motivierung der Volkskraft einhergehen. Es geht Bernett in seinen Untersuchungen um das Verhältnis von Staat und Leibeserziehung und er stellt fest, dass der vormals unpolitische Leitgedanke der sportlichen Organisationen im Nationalsozialismus völlig verloren geht gegangen ist und sich eine Politisierung der Leibesübungen und der Leibeserziehung durch die gesamte Zeit des Nationalsozialismus hindurch gezogen hat (vgl. Bernett 1966).

Einen allgemeinen Überblick über das Schulsystem im Nationalsozialismus liefern Böhme und Hamann in ihrem Buch „Schulalltag zwischen Ideologie und Wirklichkeit“. Hierin finden sich sowohl allgemein gehaltene Angaben über nationalsozialistische Erziehungsgrundsätze als auch spezielle Informationen zu den einzelnen Schulformen. Sie zeigen mit ihrer Untersuchung auf, wie sich die innere und äußere Umgestaltung der Schule im Nationalsozialismus vollzogen hat und kommen zu dem Ergebnis, dass durch das Herausgeben neuer Richtlinien und Lehrpläne für alle Schularten, die Unterrichtsinhalte nach nationalsozialistischen Erziehungsgrundsätzen verändert worden sind. Bei der äußeren Umgestaltung des Schulsystems stellen sie unter anderen fest, dass die nationalsozialistische Schulpolitik vor allem im höheren Schulwesen Bildungseinschränkungen und -begrenzungen für Mädchen und Jungen mit sich bringt und dass der Krieg sowohl die innere als auch die äußere Gestaltung des Schulsystems negativ beeinflusst hat. Die Nationalsozialisten haben es geschafft, eine starke Bindung der Schüler und Schülerinnen an die deutsche Volkgemeinschaft zu erreichen indem sie durch bestimmte Rituale ein Gemeinschaftserlebnis im Schulalltag hergestellt haben (vgl. Böhme und Hamann 2001).

Über den Bereich der Hitlerjugend haben vor allem die Bücher von Arno Klönne hilfreiche Informationen gegeben. Er hat seiner Zeit versucht, dass Phänomen der Hitlerjugend zu interpretieren und hat dabei unter anderem herausgefunden, dass die HJ eine unbedingt parteiabhängige und unselbstständige Institution gewesen ist. Nach den Nationalsozialisten erfüllt sie die Aufgabe des wichtigsten Erziehungsträgers in der NS-Gesellschaft und wird zu einem totalen Erfassungs- und Beeinflussungssystem der Jugend entwickelt. Dabei stellt er weiterhin fest:

„Die ‚politische Erziehung’ der HJ stellte eine ‚Erziehung zum Staat’ nicht im Sinne einer Aktivierung zu politischem Denken und Tun … dar, sondern … eine Erziehung ‚zum Staat’ im Sinne der Disziplin und bloß funktionalen Aktivität gegenüber der jeweils vorgelegten Richtlinien“ (Klönne 1955, S. 100).

Auswirkung der HJ-Erziehung ist die Systemanpassung der Jugendlichen zum Verzicht auf politische und gesellschaftliche Willensbildung und innere Spontaneität durch eine politisch-gesellschaftliche und sittliche Neutralisierung der Jugend (vgl. Klönne 1955).

Bei der Auswahl der Literatur muss darauf geachtet, dass keine Bücher zur Verwendung kommen, die sich realitätsfremd und zum Teil auch verherrlichend mit der Problematik des Nationalsozialismus auseinander setzt. Ein Beispiel ist das Werk von Dr. Jutta Rüdiger „Die Hitler-Jugend und ihr Selbstverständnis im Spiegel ihrer Aufgabengebiete“. So behauptet sie:

„Die Sonderformationen [Flieger-HJ, Motor-HJ, usw.] sind nicht … zum Zwecke der vormilitärischen Ertüchtigung gegründet worden, sondern waren, wenn auch in bescheidenem Umfang, schon vor der Machtergreifung vorhanden“ (Rüdiger 1983, S. 79).

Sie begründet ihre Behauptung durch das vorhandene Desinteresse der Wehrmacht an der Arbeit der Hitlerjugend und der vermeintlichen Tatsache, dass die Jugend in der HJ nicht davon ausgegangen sei, ihre erlernten Fähigkeiten im noch nicht stattfindenden Krieg einzusetzen. Sie vergisst dabei offensichtlich die Nationalsozialistische Regierung unter Adolf Hitler, dass die militärische Zielstellung der Ausbildung in der Hitlerjugend durchaus bewusst, ja sogar beabsichtigt gewesen ist. Trotz der fraglichen Einschätzung von Rüdiger (1983) sind zum Teil Zahlen und Fakten aus diesem Buch übernommen worden. Auf die Untersuchungsergebnisse dieses Buches ist allerdings aus den eben genannten Gründen bewusst verzichtet worden.

Besonders wichtig für die Erstellung dieser Arbeit ist außerdem eine Sammlung schulrelevanter Erlasse und Richtlinien in der nationalsozialistischen Diktatur. Renate Fricke-Finkelnburg hat in ihrem Buch „Nationalsozialismus und Schule“ alle wichtigen Erlasse und Richtlinien zusammengefasst, die zu Veränderungen des Schulsystems im Dritten Reich beigetragen haben. Ohne diese Erlasse wäre es nur schwer möglich gewesen die schulischen Neuerungen und die Veränderungen in der Leibeserziehung in detaillierter Form zu beschreiben und zu belegen.

2. Adolf Hitlers Ideologie von einer Erziehung der Jugend

In der Nacht des 08.11.1923 versucht Adolf Hitler mit seinen Anhängern die politische Macht in München an sich zu reißen. Er stürmt mit bewaffneten SA-Leuten den Münchner Bürgerbräukeller, ruft die „Nationale Revolution“ aus und erklärt die Bayrische und die Reichsregierung für abgesetzt. Vorerst müssen die Verantwortlichen unter Zwang ihre Zustimmung zum Putsch geben, widerrufen diese jedoch noch in der gleichen Nacht und leiten Gegenmaßnahmen ein. Am 09.11.1923 kommt es zu einem Gefecht zwischen Putschisten und der Landespolizei, bei dem 15 der Aufrührer, vier Polizisten und ein Unbeteiligter ums Leben kommen. General Ludendorff und andere Teilnehmer werden verhaftet. Hitler nimmt man später in seinem Versteck fest und verurteilt ihn im Frühjahr 1924 zu fünf Jahren Haft, von denen er allerdings nur acht Monaten inhaftiert bleibt. Während seiner Festungshaft in Landsberg verfasst er den ersten Band seines Buches „Mein Kampf“. Er diktiert den Inhalt zuerst seinem Fahrer Emil Maurice und später seinem ebenfalls verurteilten Privatsekretär und späteren Stellvertreter Rudolf Hess. Der erste Band mit dem Untertitel „Eine Abrechnung“ erscheint im Juli 1925. Im Dezember 1926 wird der zweite Band „Die nationalsozialistische Bewegung“ veröffentlicht. Seit 1930 erscheinen beide Bände in einem Buch. Es wird in 16 Sprachen übersetzt und erreicht eine Gesamtauflage von über zehn Millionen Exemplaren. Laut Vorwort soll der erste Band Hitlers Leben thematisieren und der zweite Band die Geschichte der NSDAP vor 1923 beinhalten. In beiden Bänden überwiegen jedoch Hitlers programmatische Aussagen, in deren Zentrum die Erweiterung des Lebensraumes in Richtung Osten und die Entfernung der Juden steht (vgl. Benz, Graml, Weiß 1997, S. 1907).

Neben den hervorstechenden Aussagen formuliert Hitler an einer sehr zentralen Stelle des zweiten Bandes das ausführliche Programm der Schule im nationalsozialistischen Staat. Oberflächlich betrachtet geht es Hitler um die Anpassung der Schule an ein neues staatspolitisches Programm. Bei genauerem Hinsehen lässt sich bereits sieben Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten erkennen, welchen Auftrag Hitler dem zukünftigen Erziehungssektor zukommen lassen will (vgl. Steinhaus 1981, S. 35).

„Und so wie im allgemeinen die Voraussetzung geistiger Leistungsfähigkeit in der rassischen Qualität des gegebenen Menschenmaterials liegt, so muß auch im einzelnen die Erziehung zu allererst die körperliche Gesundheit ins Auge fassen und fördern; denn in der Masse genommen wird sich ein gesunder, kraftvoller Geist auch nur in einem gesunden und kraftvollen Körper finden. Die Tatsache, daß Genies manches Mal körperlich wenig gutgebildete, ja sogar kranke Wesen sind, hat nichts dagegen zu sagen. Hier handelt es sich um Ausnahmen, die – wie überall – die Regel nur bestätigen. Wenn ein Volk aber in seiner Masse aus körperlichen Degeneraten besteht, so wird sich aus diesem Sumpf nur höchst selten ein wirklich großer Geist erheben. […]. Der völkische Staat hat in dieser Erkenntnis seine ganze Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten. Hier aber wieder an die Spitze die Entwicklung des Charakters, besonders die Förderung der Willens- und Entschlusskraft, verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit, und erst als letztes die wissenschaftliche Schulung “ (Hitler. 1940, S. 451f).

Aus dieser Textpassage wird deutlich worauf bei der Erziehung der Jugend am meisten Wert gelegt wird. An erster Stelle steht die Erziehung des gesunden Körpers, dann um die Bildung des Charakters und erst an letzter Stelle steht die Vermittlung von Wissen. Hitler ist der Meinung, dass kein Tag vergehen dürfe, an dem ein junger Mensch nicht wenigstens eine Stunde vormittags und eine Stunde abends körperlich geschult wird und zwar in jeder Art von Turnen und Sport. Hierbei dürfe nach Adolf Hitler vor allem ein Sport nicht vernachlässigt werden, der allgemein als roh und unwürdig gilt, nämlich das Boxen. In seinen Augen gibt es keinen anderen Sport der in gleichem Maße Angriffsgeist fördere, schnelle Entschlusskraft verlange und den Körper zu einer kraftvollen Geschmeidigkeit erziehe. Hitler ist der Meinung, dass es nicht weniger ehrenhaft und edel sei einen Streit mit den Fäusten aus der Welt zu schaffen als mit einem Degen. Es ist ihm auch wesentlich lieber, wenn die Jugendlichen ihre Streitigkeiten im Kampf Mann gegen Mann bereinigen. Der junge Mann soll lernen Schläge zu ertragen, um dadurch noch widerstandsfähiger zu werden. Sport im nationalsozialistischen Erziehungswesen ist also nicht nur dazu da, den Einzelnen stark, gewandt und kühn zu machen, sondern ihn in gleicher Weise abzuhärten (vgl. Bernett 1966, S. 22f).

In einem Zitat von Adolf Hitler heißt es dazu:

„Das schwache muß weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend muss das alles sein. Schmerzen muss sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muß erst wieder aus ihren Augen blicken. Stark und schön will ich meine Jugend. Ich werde sie in allen Leibesübungen ausbilden lassen. Ich will eine athletische Jugend. Das ist das erste und wichtigste. So merze ich die Tausende von Jahren der menschlichen Domestikation aus. So habe ich das reine, edle Material der Natur vor mir. So kann ich das Neue schaffen“ (Steinhaus. 1981, S. 102f, zit. n. Rausching. 1973, S. 236f).

Wenn Hitler von Erziehung spricht, bezieht er sich aber nicht nur auf die schulische Erziehung, sondern auf die Ausbildung und Formung aller Alterstufen, bis hin zum Erwachsenen. Die Kinder und Jugendlichen sollten sowohl in der Schule, als auch in nationalsozialistischen Erziehungsinstitutionen ausgebildet werden. Damit widerspricht er dem eigentlichen Begriffsverständnis von Erziehung. Erziehung kommt vom lateinischen Wort educare, dessen wörtliche Übersetzung „das ‚Emporziehen’ der Unmündigen durch die mündigen Erwachsenen“ist. (Meyers Lexikon 1895, S. 989).

Etwas ausführlicher ist die Definition in „Wörterbuch zur Pädagogik“ (Schaub, Zenke 1995. S.127). Hiernach bedeutet Erziehung:

„Handlungen von Eltern, Lehrern, Ausbildern u.a. Erziehern bzw. Pädagogen, die in der bewußten Absicht erfolgen, durch den Einsatz bestimmter E.mittel und E.maßnahmen Kenntnisse und Fähigkeiten, Einstellungen und Wertorientierungen, Handlungswillen und Handlungsfähigkeit, also die individuelle Mündigkeit der Kinder oder Jugendlichen und ihre Kompetenz zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben möglichst dauerhaft zu verbessern.“

Hitler verändert das eigentliche Begriffsverständnis der Erziehung zu seinen Gunsten. Erziehung soll nach ihm weit über das Erwachsenenalter hinausgehen. Er will durch seine Erziehung keine mündigen Menschen schaffen, sondern unmündige Gefolgsleute. Keiner soll jemals auf die Idee kommen, selbst Entscheidungen treffen zu wollen. Jeder soll nur den Befehlen des Führers folgen. Auf dem Nürnberger Parteitag 1935 zeigt Hitler den Weg der erzieherischen Betreuung unmissverständlich auf.

„Der Knabe, er wird eintreten in das Jungvolk, und der Pimpf, er wird kommen zur Hitlerjugend, und der Junge der Hitlerjugend, er wird dann einrücken in die SA, in die SS und die anderen Verbände, und die SA-Männer und die SS-Männer werden eines Tages einrücken zum Arbeitsdienst und von dort zur Armee; und der Soldat des Volkes wird zurückkehren wieder in die Organisationen der Bewegung, der Partei, in SA und SS, und niemals mehr wird unser Volk dann so verkommen, wie es leider einst verkommen war“ (Steinhaus. 1981, S. 48, zit. n. Lingelbach. 1970, S. 247).

Diese Aussage Hitlers wird durch Abbildung 1, einem Propagandaplakat der Wehrmacht für die Hitlerjugend, noch einmal deutlich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Offiziere von morgen (Deutsches Historisches Museum - GmbH 2005).

Es ist noch zu erwähnen, dass Hitler nur von der Erziehung der gesunden deutschen Jugend spricht und dabei eigentlich nur die männliche Jugend meint. Mädchen sind nach seinen Vorstellungen nur dazu da gesunde Soldaten zur Welt zu bringen. Jüdischen und anderen Kindern ohne arische Abstammung oder Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen versagt er sogar die Erziehung. So heißt es beispielsweise in einem Erlass zur körperlichen Auslese an höheren Schulen:

„Jugendliche mit schweren Leiden, durch die die Lebenskraft stark herabgesetzt ist und deren Behebung nicht zu erwarten ist, sowie Träger von Erbkrankheiten sind nicht geeignet und werden daher nicht in die höhere Schule aufgenommen“ (Fricke-Finkelburg. 1989, S. 93, zit. n. RMinAmtsbl. 1935, S. 125).

Ein weiterer interessanter Erlass wird nach der Mordtat in Paris 1938 verabschiedet:

„Nach der ruchlosen Mordtat von Paris kann es keinem deutschen Lehrer und keiner deutschen Lehrerin mehr zugemutet werden, an jüdische Schulkinder Unterricht zu erteilen. Auch versteht es sich von selbst, daß es für deutsche Schüler und Schülerinnen unerträglich ist, mit Juden in einem Klassenraum zu sitzen“ (Fricke-Finkelburg. 1989, S. 271, zit. n. RMinAmtsblDtschWiss. 1938, S. 520).

Wenn man von nationalsozialistischer Erziehung spricht, darf man einen wichtigen Faktor nicht vergessen. Nur durch gut ausgebildete Lehrkräfte, die in ihrer Erziehungstätigkeit die Ansichten des Führers vollends vertreten, kann Adolf Hitler seine Ideologien über die Erziehung der Jugend umsetzen. Somit ist die wichtigste Aufgabe der nationalsozialistischen Schulerziehung, die Umschulung der Erzieherschaft aller Schulformen. Gerade in der Anfangszeit des Nationalsozialismus gibt es viele Vorträge, Vortragsreihen und Schulungswochen, die vor allem neue Sachgebiete wie Rassenkunde und Vererbungslehre vermitteln. Die Nationalsozialisten legen klar fest, dass im Nationalsozialismus nur Deutschblütige die deutsche Jugend erziehen dürfen. Denn das, was für die Jugend im Rahmen der Schülerauslese gilt, gilt in erhöhtem Maße für die Haltung, Beschaffenheit und Arbeit der Erzieher, die die Vorbilder der Jugend sein sollen. In den Ausbildungs- und Prüfungsbestimmungen der werdenden Lehrer findet vor allem die körperliche, charakterliche, geistige und politische Eignung der einzelnen Bewerber besondere Beachtung. Ausgebildet werden fast alle Erzieher auf speziellen Hochschulen für Lehrerbildung (vgl. Gamm 1984, S. 130ff).

Adolf Hitler erwartet, dass sich der deutsche Lehrer als pädagogischer Soldat in der Schule bewährt. Erziehung dürfe kein Übermaß an unruhigem Erlebnisgehalt haben, da die Jugend sonst geschwächt und überanstrengt werden könnte. Eine Grundbedingung für die Entwicklung einer Klassen- und Schulkameradschaft ist die Leistungshärte, genauso wie der stramme Dienst in der Kompanie für die militärische Gemeinschaft. Diese Härte ist der natürliche Gegenpol zu jugendlichem Umhertollen. Die Jugend verlangt nach dieser Härte und erkennt auch nur den Lehrer mit dieser Eigenschaft als selbigen an. Diese Grundlinie soll sich durch alle Altersstufen und Schulformen ziehen und wird immer extremer, je höher die Schulstufe ist. Am stärksten ausgeprägt ist der militärische Drill an den Eliteschulen der Nationalsozialisten, was verständlich ist, da an diesen Schulen die zukünftigen politischen und militärischen Führungskräfte der Nationalsozialisten herangezogen werden (vgl. Gamm 1984, S. 216f).

Interessant ist, dass das, was Adolf Hitler schon 1926 in seinem zweiten Band sehr detailliert über seine Vorstellungen der Erziehung im möglichen Nationalsozialismus geschrieben hat, zum großen Teil im Dritten Reich umgesetzt wird. Alle Veränderungen, die sich im Schulwesen vollziehen, geschehen in seinem Interesse. Der Erziehung der vergangenen Jahrzehnte lastet Hitler eine Reihe von Versäumnissen an. Sie sei zu liberal und subjektiv gewesen. Sie habe zu Demokratie, Sozialismus und Pazifismus erzogen und ein zu freundschaftlich-menschliches Verhältnis zwischen Schülern und Lehrer bejaht (vgl. Flessau 1984, S. 31).

Hitler kritisiert die Erziehung der vergangenen Jahrzehnte weiter:

„Wichtiger zudem als eine bloß patriotische Erziehung hätte eine Nationalerziehung sein müssen, die ‚Nationalbegeisterung’ und ‚Nationalstolz’ geweckt hätte. ‚Verantwortungslosigkeit’, Mangel an ‚Willens- und Entschlußkraft’ sowie ‚Devotheit’ seien weitere Charaktermerkmale der Lehrer, damit ‚Fehler unserer ganzen Erziehung’ gewesen, die schließlich zum Untergang der Monarchie und zu Deutschlands Verfall geführt hätten“ (Hitler 1940, S. 471).

Der Weg der Pädagogik ist also in seiner groben Struktur vorherbestimmt. Hitler hat schon früh seinen Weg der Erziehung aufgezeigt. Auch wenn dieser Weg nur sehr vereinfacht und unvollkommen erscheinen mag, sind die Tendenzen jedoch erkennbar: Weg vom Individualismus, hin zur Volksgemeinschaft und das mit dem Mittel der Leibeserziehung als höchstes Erziehungsgut.

3. Die Bedeutung des Sports im Nationalsozialismus

3.1 Leibeserziehung als höchstes Erziehungsgut

Sport kann unterschiedliche Bedeutung sowohl für das Individuum, als auch für die Gemeinschaft haben. Heutzutage ist Sport für die meisten Menschen ein Ausgleich zum täglichen Berufsalltag. Sie treiben Sport, um fit und gesund zu bleiben und weil sie daran Spaß haben. Der Vielfalt der Sportarten ist dabei keine Grenze gesetzt und es kommen jeden Tag neue Betätigungsfelder hinzu. Doch wie verhält es sich in der Zeit des Nationalsozialismus? Wird der Sport auch hier vorrangig zur Freizeitgestaltung genutzt?

Schon früh betont Adolf Hitler, welche Bedeutung der Sport im Dritten Reich einzunehmen hat. So schreibt er, wie schon im vorherigen Kapitel erwähnt worden ist, in seinem Buch „Mein Kampf“, dass kein einziger Tag vergehen dürfe, an dem der Mensch nicht wenigstens eine Stunde vormittags und eine Stunde nachmittags seinen Körper durch jede Art von Sport trainiert. Auf mehreren Seiten redet Hitler in seinem Buch von allgemeinen Voraussetzungen geistiger Leistungsfähigkeit und stellt dabei die rassische Qualität und den gesunden kraftvollen Körper in den Vordergrund. Er ist der Auffassung, dass man einen gesunden Geist nur in einem gesunden Körper finden könne. Hierin greift er eine alte griechische Philosophie wieder auf. Demzufolge müsse sich ein Staat in erster Linie um die körperliche Ausbildung seiner Bewohner kümmern und erst in zweiter Linie um die geistige. Ein körperlich gesunder Mensch, mit einem festen Charakter, Entschlussfreudigkeit und Willenskraft sei für die Volksgemeinschaft wertvoller als ein geistreicher Schwächling. Der Staat habe dafür Sorge zu tragen, den jungen Körper von frühester Kindheit an zu trainieren, um ihn für das spätere Leben zu formen. Sport sei aber nicht nur dazu da den Einzelnen stark zu machen, er soll außerdem jeden abhärten. Jeder muss lernen auch Ungerechtigkeit zu ertragen (vgl. Joch 1976, S. 25f, nach Hitler 1941, S. 451ff).

Hierzu heißt es in „Mein Kampf“:

„[Die] gesamte Erziehung und Ausbildung muß darauf angelegt werden, ihm [dem deutschen Volk, d. Verf.] die Überzeugung zu geben, anderen unbedingt überlegen zu sein. Er muß in seiner körperlichen Kraft und Gewandtheit den Glauben an die Unbesiegbarkeit seines ganzen Volkstums wiedergewinnen… Der völkische Staat hat die körperliche Ertüchtigung nicht nur in den offiziellen Schuljahren durchzuführen und zu überwachen, er muß auch in der Nachschulzeit dafür Sorge tragen, daß, solange ein Junge in der körperlichen Entwicklung begriffen ist, diese Entwicklung zu seinem Segen ausschlägt“ (Hitler 1940, S. 451ff).

Doch was versteht man unter dem Begriff der Leibeserziehung? Im Rahmen der Reformpädagogik der 20er Jahre, setzt sich die Leibeserziehung als Erziehung vom Leibe her fest. Sie hat den Anspruch, ein neues Erziehungsprinzip einzuführen und soll im Gegensatz zum traditionellen Schulturnen, fachübergreifendes Gegenstück zur intellektuellen Bildung der schulischen Erziehung sein. Leibeserziehung versteht sich als Parallele zu Kunst- und Musikerziehung. Teilaufgaben der schulischen Leibeserziehung sind Bewegungserziehung, Körper- oder Haltungserziehung, Gesundheitserziehung und Spielerziehung. Sie erstrebt die Entwicklung und Formung des Menschen in seiner leiblichen Existenz und sozialer Kommunikation (vgl. Sportwissenschaftliches Lexikon 1972, S. 153).

Alfred Baeumler, der Begründer und Verfechter der politischen Leibeserziehung, sieht das eigentliche Ziel der Leibeserziehung wie folgt:

„Gesundheit, Kraft und Tüchtigkeit des Leibes auf ihren Vollkommenheitspunkt zu bringen, ist das Ziel der politischen Leibeserziehung. Es genügt aber nicht, nur diesen Zweck im Auge zu haben. Die Leibeserziehung selbst ist ein Stück des nationalen Erziehungssystems überhaupt. Alle wahre Erziehung ist Charaktererziehung. Politische Leibeserziehung ist also nicht nur Erziehung des Leibes, sondern Erziehung des ganzen Menschen vom Leib her“ (Joch 1976, S. 216, zit. n. Breitmeyer, Hoffmann 1937, S. 123ff).

Sport im Nationalsozialismus folgt vor allem der Zielstellung der Rasse, Volksgemeinschaft, Führertum und Ehre. Er ist also kein zweckfreies Spiel, sondern verfolgt klare Ziele. Heinz Wetzel, ein Schüler Alfred Baeumlers, geht dem Problem auf einer anderen Ebene nach. Für Wetzel müssen Leibesübungen durch von außen aufgegebene Ziele nutzbar gemacht werden können. Seiner Meinung nach ist es die Aufgabe der Leibesübungen, Menschen in bestimmte Situationen zu bringen, in denen sie sich bewähren müssen. Es kommt nicht durch die richtige Ausführung der Bewegung zur Erfüllung der Aufgabe, sie ist nur die Voraussetzung. Um seine Theorie zu verdeutlichen, führt Wetzel folgendes Beispiel an:

„Ein Pferd, das für eine bestimmte Gangart zugeritten ist, muß mit gleicher Sicherheit und Natürlichkeit des Bewegungsablaufs dieser Gangart zeigen, ob es nun in fröhlicher Jagt dahinstürmt oder in einer Attacke gegen schweres Maschinengewehr geritten wird. Das Pferd weiß nichts von der Verschiedenheit der Situation; es geht richtig. Der ‚Galopp an sich’ ist eben gegenstandslos“ (Joch 1976, S. 24, zit. n. Wetzel 1937, S. 96).

Der reine Sport an sich mag zwar ohne bestimmten Zweck sein, er ist aber nicht bedeutungslos. Aus diesem Grund ist es möglich Sport politischen Zielstellungen zu unterwerfen, er wird instrumentalisierbar. Jedoch bleibt eine Vorstufe, der reine, zweckfreie Sport als Voraussetzung der politischen Nutzbarkeit bestehen (vgl. Joch 1976, S. 24, nach Wetzel 1937, S. 96).

Das eigentliche Leitmotiv der politischen Leibeserziehung im Nationalsozialismus ist die Kraft. Laut dem Sportwissenschaftliches Lexikon von 1973 ist Kraft im physikalischen Sinn:

„ein Vektor, dessen Betrag eine Funktion von Masse und Beschleunigung dieser Masse ist. Betrachtet man K. und Beschleunigung als abhängige Variable der Zeit, so ergibt sich ein Kraftimpuls als zeitliche Änderung eines Bewegungsimpulses“ (Sportwissenschaftliches Lexikon 1973, S. 144).

Alle Erlasse und Richtlinien zur Leibeserziehung folgen den Weisungen Adolf Hitlers, die in „Mein Kampf“ zu diesem Aspekt niedergeschrieben sind. Nach Hitler ist die Verkörperung männlicher Kraft das Menschheitsideal. Die Leibesübungen dienen zur Darstellung und Stimulans des Kraftbewusstseins und der rassisch-nationalen Kraftentfaltung. Hans von Tschammer und Osten, Reichssportführer im Dritten Reich, proklamiert die Kraft als Grundbegriff nationalsozialistischer Leibeserziehung. Dadurch wird klar, dass Leibesübungen mit der eindeutig politischen Motivation der Volkskraft einhergehen. Alfred Baeumler geht sogar soweit, von einem neuen Zeitalter der Kultur der Kraft zu reden:

„Ein neues Zeitalter ist angebrochen. Wir nennen es das Zeitalter der Kultur der Kraft (Kultur in seinem ursprünglichen Wortsinn genommen, als Anbau, Pflege). … Wir dürfen nicht da anfangen, wo die Griechen aufhörten, sondern müssen an derselben Stelle beginnen, wo sie begannen, nicht beim Geiste sondern bei der eingeborenen Art (Physis)… Daher ist der erste Grundsatz nationalsozialistischen Gemeinlebens die Reinerhaltung der Art. … Alles Artgleiche ist von einer Kraft gezeugt …“ (Bernett 1966, S.56, zit. n. Baeumler 1936, S. 19ff).

Auffallend ist, dass das Individuum als solches im Nationalsozialismus keine große Rolle spielt. Einzig die Erhaltung und Formung einer Volksgemeinschaft nach den Vorstellungen Adolf Hitlers steht im Vordergrund. Der Körper wird also zu einem Politikum. Dies ist auch nach Alfred Baeumler, die erste Folgerung, die man aus dem Volksgedanken zu ziehen hat. Der Staatsbürger, sagt er, habe einen Körper, über den er frei verfügen kann und der sein Privateigentum ist. Der Volksbürger sei allerdings mit seinem Körper mit dem Gesamtleib des Volkes verbunden und muss demzufolge, um diesen zu erhalten, den eigenen Leib kräftigen und die Gesundheit steigern. Die Reinheit des Volksleibes zu erhalten, so Baeumler, sei die erste Aufgabe völkischer Politik. Der Staat müsse durch seine Politik diesen Prozess überwachen, denn:

„Aus dem völkischen Denken ergibt sich, daß wir nicht von dem Leibe schlechthin und auch nicht vom Leibe des Einzelnen als Einzelnen reden, sondern vom Leibe des Einzelnen in Beziehung auf den Gesamtleib des Volkes. Und dieser Leib hat seine Ehre. Kein Zweckverband ist im Stande, diese Ehre zu wahren, das vermag nur der Staat selbst, dessen politischer Führung die Ehre der Nation als Ganzes anvertraut ist. …Ein Leib – ein Geist“ (Joch 1976, S. 216, zit. n. Breitmeyer, Hoffmann 1937, S. 123ff)!

Hier liegt allerdings ein Problem der nationalsozialistischen Leibeserziehung, denn mit Sport ist auch immer ein gewisses Leistungsprinzip verbunden. Alfred Baeumler verbindet jedoch mit diesem Leistungsstreben immer die Gefahr, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt von der Gruppe zu distanzieren. Daraus schlussfolgert er, dass sich politische Leibeserziehung nicht auf das rein sportliche Leistungsprinzip gründen könne. Allerdings will er das Prinzip auch nicht ganz ausklammern, da seiner Meinung nach nicht auf den objektiven Maßstab der Leistung verzichtet werden könne, ohne den Übungen Ernst und Härte zu nehmen. Er warnt jedoch davor nach Rekorden zu jagen und sieht im Wettkampf den höchsten Reiz des Sports, aber auch die größte Gefahr. Er erkennt jedoch später, dass Leistungs- und Rekordstreben nicht aus den Leibesübungen zu eliminieren sind (vgl. Friese 1974, S. 28f).

Doch wie sieht die Veränderung in der Leibeserziehung in der Praxis aus? Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten befindet sich der deutsche Sport in einer Phase der Ungewissheit. Der Reichsausschuss für Leibesübungen kämpft um Anerkennung und Bestätigung und einzelne Verbandsführer versuchen auf eigene Faust mit den neuen Machthabern Verhandlungen in die Wege zu leiten. Eine Neuordnung des Sports ist absehbar. Die Turn- und Sportvereine wollen die Aufmerksamkeit Hitlers auf sich lenken, um am Glanz des neuen Reiches teilhaben zu können. Am 10.05.1933 wird die Auflösung des Reichsausschusses für Leibesübungen beschlossen. Zwei Wochen später werden die Leitsätze zur Neuordnung der deutschen Leibesübungen bekannt gegeben:

„Turn- und Sportverbände sind dazu da, um das persönliche Wohlergehen von Privatleuten zu fördern; die Leibesübungen bilden vielmehr einen wichtigen Teil des Volkslebens und sind ein grundlegender Bestandteil des nationalen Erziehungssystems. Das Zeitalter des individualistischen Sportbetriebs ist vorüber. In das Eigenleben dieses meist gesunden und Wertvollen Gemeinschaftslebens (gemeint sind die Vereine; Anm. d. Verf.) soll möglichst wenig eingegriffen werden. Es ist jedoch selbstverständliche Pflicht jedes Vereins, nur solche Männer an die Führung zu berufen, deren Gesinnung, persönliche Eignung und Untadeligkeit außer Zweifel steht, was jedoch nicht bedeutet, dass alle alten und bewährten Führer entfernt werden sollen“ (Steinhöfer 1973, S. 23, zit. n. DTZ 1933, S. 410).

Es werden 16 Fachverbände gegründet, von denen die Geschäftsstelle ihren Sitz in Berlin haben muss. Nur diese Verbände haben das Recht Meisterschaften oder sonstige Veranstaltungen auszurichten. Die Verbände werden in 16 Gaue eingeteilt, die wiederum in Bezirke und Kreise untergliedert sind. Geleitet werden diese Gaue, Bezirke und Kreise von Beauftragten des Reichssportkommissars. Der wohl größte Verlierer dieser Maßnahmen ist die Deutsche Turnerschaft, die jetzt nur noch ein Verband neben 15 weiteren ist. Sie kann ihren Fortbestand nur durch Konzessionen an die Machthaber retten. Dies verdeutlicht den immensen Einfluss, den die neue Reichsregierung auf alle Bereiche des Sports ausübt. Dadurch wird gewährleistet, dass der Sport, bis in den kleinsten Kreis, jederzeit unter völliger politischer Kontrolle steht (vgl. Steinhöfer 1973, S. 25f).

Bereits im Januar 1934 werden jedoch auch diese Fachverbände kurzerhand aufgelöst und der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen (DRL) wird proklamiert. Es dauert allerdings ein halbes Jahr bis ein neues Konzept festgelegt ist. Die vier Kernpunkte dieser Neustrukturierung sind:

„1. Der DRL ist die einzige zentrale Vereinigung aller deutschen Leibesübung treibenden Vereine. Der Reichssportführer steht an seiner Spitze.
2. Der DRL allein ist zuständig für das gesamte Presse- und Werbe-, Wirtschafts-, Finanz- und Versicherungswesen.
3. Nur ihm obliegt der Verkehr mit Reichsbehörden und anderen Organisationen.
4. Die Durchführung aller fachlichen und technischen Aufgaben übernehmen 21 neu errichtete Fachämter, z. B. für Geräteturnen, Gymnastik, Sommerspiele; für Fußball, Rugby, Cricket; für Leichtathletik; für Handball; für Schwimmen usw. Die Leiter dieser Ämter bilden den Führungsstab des DRL“ (Steinhöfer 1973, S. 37, zit. n. von Tschammer und Osten 1934, S. 306).

Infolge ständiger Neuerungen und Veränderungen im DRL kommt es am 23.11.1935 dann endgültig zur Auflösung der so traditionsreichen und immerhin 75 Jahre alten Deutschen Turnerschaft. Die anderen Verbände folgen den Erwartungen des Reichssportführers von Tschammer und beschließen ebenfalls die eigene Auflösung. Am 19.04.1936 wird der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen praktisch zum zweiten Mal gegründet. Damit scheint von Tschammer sein Ziel, die Vereinheitlichung sämtlicher Sportvereine, erreicht zu haben. Auf dem Wege eines freiwilligen Zwangs hat er eine totale Anpassung an das Prinzip des Führers vollzogen, ohne die Vereine zu zerschlagen (vgl. Bernett 1983, S. 17ff).

Baeumler sieht hierin einen wichtigen Schritt der Politisierung der Leibeserziehung. Er macht allerdings unmissverständlich deutlich:

„Der Reichsbund für Leibesübungen ist nicht Nachfolger des alten Reichsausschusses für Leibesübungen, sondern eine Neuschöpfung. … Der ‚Reichsbund’ ist so wenig dem Sinne nach ein Nachfolger der früheren Organisation wie der Staat Adolf Hitlers dem Sinne nach ein Nachfolger der Republik von Weimar ist“ (Joch 1976, S. 215, zit. n. Breitmeyer, Hoffmann 1937, S. 123ff).

Die Missbilligungen über die Ereignisse in Deutschland hinsichtlich des Sports sind im Ausland groß. Sport in Deutschland wird als eine Art nationalsozialistische Zwangsangelegenheit angesehen. Gerade im Jahr der Olympischen Spiele in Berlin 1936 ist Adolf Hitler in seinen sportlichen Entscheidungen nicht ohne Zweifel. Dennoch beschließt er am 23.04.1936 die Gründung eines Reichssportamts, das sich fortan mit allen Sportfragen und damit auch mit den Olympischen Spielen befassen soll (vgl. Steinhöfer 1973, S. 41ff).

3.2 Die XI. Olympischen Spiele in Berlin 1936

Am Ende des 19. Jahrhunderts sind vor allem deutsche Archäologen darum bemüht die Sportstätten der Olympischen Spiele der Antike auszugraben. Dies erweckt in dem Franzosen Pierre de Coubertin die Idee die Olympischen Spiele neu zu beleben. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelingt es ihm zahlungskräftige Teile der Bevölkerung von seiner Idee zu begeistern. 1896 werden die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit in Athen ausgetragen. Allein durch seinen Glauben an das Unternehmen Olympia ist Pierre de Coubertin damit die Wiedergeburt dieser internationalen Sportveranstaltung gelungen. Er verfolgt mit den Olympischen Spielen vor allem das Ziel der friedlichen Völkerverständigung mit Hilfe des sportlichen Wettkampfes. Die Spiele sollen in einem Rhythmus von vier Jahren stattfinden und von Städten in unterschiedlichen Ländern ausgetragen werden. Die Vergabe der Olympischen Spiele erfolgt durch das 1894 gegründete Internationale Olympische Komitee (IOC).

1931 erfolgt die Benennung Berlins zum Austragungsort der XI. Olympischen Spiele, die 1936 stattfinden sollen, durch das IOC. Nachdem die Nationalsozialisten unter Hitler die Macht in Deutschland übernommen haben, ist man im IOC skeptisch, ob es überhaupt noch zur Durchführung der Spiele in Berlin kommen wird. Als Hitler die Durchführung eindeutig zusichert, ist das IOC erleichtert. Auch die neue politische Situation und Entwicklung in Deutschland ändert nichts an der positiven Einstellung der großen Mehrheit der Funktionäre am Austragungsort Berlin. Selbst die rigorose Gleichschaltung des organisierten Sports, noch der Ausschluss jüdischer Sportler aus den Vereinen und Verbänden führen zu einer erkennbaren Irritation. Es reichen ihnen die Zusicherungen der Veranstalter, die olympischen Regeln zu respektieren. Auch die Verhältnisse, die unter der Diktatur Hitlers herrschen wecken keine größeren Zweifel am Austragungsort. Die nationalsozialistische Politik legt ihren Antisemitismus offen dar. Dieser Sachverhalt lässt auch international erkennen, dass die Juden in Deutschland keine Zukunft mehr haben. Nicht zu übersehen sind auch die kriegsvorbereitenden Maßnahmen und die außenpolitischen Provokationen der Nazis. Das Deutsche Reich ist 1935 aus dem Völkerbund ausgetreten und führt kurz darauf die Wehrpflicht wieder ein. Anfang 1936 lässt Hitler Truppen in das endmilitarisierte Rheinland einmarschieren und unmittelbar vor Beginn der Spiele fällt die Entscheidung für ein militärisches Eingreifen im beginnenden spanischen Bürgerkrieg. Es gibt also Grund genug, die Durchführung der Olympischen Spiele in Berlin für politisch unverantwortlich zu halten. Doch das IOC erkennt in dieser Politik nichts wirklich Anstößiges und versteckt sich hinter seinem unpolitischen Selbstverständnis. Und so arbeitet man mit den Repräsentanten des nationalsozialistischen Deutschlands aus voller Überzeugung zusammen. Auch das Interesse der Sportler oder derer, die die Olympischen Spiele als Besucher verfolgen, richtet sich größtenteils ausschließlich auf die sportlichen Ereignisse (vgl. Rürup 1996, S. 7ff).

Diese Tatsache ermöglicht Hitler das neue Deutschland in leuchtenden Farben zu präsentieren. Im Ausland besteht das Ziel der Deutschen darin, durch geeignete Maßnahmen ein friedliebendes Bild von Deutschland zu vermitteln und ein intensives Interesse an der Olympiade in Berlin zu erwecken. Man will die Zahl der ausländischen Besucher erhöhen, um auf ökonomischem Sektor erfolgreich zu sein. Dazu wird Anfang 1935 die Zahl der deutschen Olympiavertretungen im Ausland auf 44 erhöht. Nun sind 179 Angestellte in 40 Ländern damit beschäftigt für Berlin zu werben. Außerdem werden regelmäßig Aufsätze zur Sommerolympiade in Zeitschriften in 17 Ländern veröffentlicht. Doch nicht nur im Ausland wird Werbung für die Olympischen Spiele gemacht. Im Innland ist die Regierung vor allem darauf bedacht, der Bevölkerung noch intensiver die ideologischen Positionen des faschistischen Sports zu verinnerlichen (vgl. Bohlen 1979, S. 84).

Aller Bemühungen zum Trotz gibt es auch Widerstand gegen die Durchführung der Spiele in Berlin. Vor allem in den USA kommt es zu der Forderung, die Olympischen Spiele nicht in Deutschland zu veranstalten. Aufgrund der antisemitischen Haltung Deutschlands verlangen amerikanische und englische IOC-Mitglieder von ihren deutschen Kollegen, dass auch jüdische Sportler in Deutschland die Chance zum Training und zur Teilnahme an der Olympiade innerhalb der deutschen Mannschaft haben. Erst 1935 wird die Teilnahme der USA an den Spielen entschieden. Mit nur knapper Mehrheit stimmen die amerikanischen Sportfunktionäre für die Teilnahme. Mit dieser Entscheidung der Vereinigten Staaten ist auch die Teilnahme Frankreichs und Englands sicher. Um ausländische Kritiker zu besänftigen lässt man in Deutschland alle antisemitischen Verbotsschilder und Hetzplakate in der Nähe der Olympiastätten vorübergehend entfernen. Außerdem wird die amtierende Olympiasiegerin im Fechten, Helene Mayer, die als Halbjüdin gilt in das deutsche Team berufen. Am Ende gibt es nur wenige Sportler, die sich aus Gewissensgründen weigern, mit ihrer Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Berlin anzutreten (vgl. Rürup 1996, S. 53ff).

Seit Mitte Juli 1936 fiebert Deutschland der Eröffnung der Olympiade entgegen. Am 20. Juli wird das Olympische Feuer im griechischen Olympia entzündet. 1936 findet erstmals der Fackellauf von der Geburtsstätte der Olympischen Spiele der Antike zur Austragungsstätte der Spiele der Neuzeit statt. Bis zum Beginn der Spiele wird ständig über die einzelnen Stationen des Fackellaufes berichtet. Die kompletten Spiele und auch alle begleitenden Veranstaltungen werden minutiös geplant und mit größtmöglichem Aufwand durchgeführt. Die Eröffnungsfeier stellt den eigentlichen Höhepunkt der Spiele dar. Auch die Schlussfeier wird diesen Tag nicht mehr übertreffen können. Die Gelegenheit zur Selbstdarstellung des nationalsozialistischen Deutschlands steht hierbei im Vordergrund. Der Tag beginnt mit militärisch inszenierten Aufmärschen, gefolgt von einem Gottesdienst für die Mitglieder des IOC und einem Empfang durch den preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring. Bei einer Kranzniederlegung wird der Opfer des Ersten Weltkriegs gedacht und anschließend begrüßt die Berliner Hitlerjugend das Olympische Feuer im Lustgarten. Beim Mittagsempfang gibt Hitler die Wiederaufnahme der Ausgrabungen in Olympia bekannt. Am Nachmittag erhält das neue Stadion vor den Medien der Welt seine Einweihung. Genau 17.03 Uhr erklärt Hitler gemäß dem olympischen Protokoll die XI. Olympischen Spiele neuer Zeitrechnung als eröffnet. Nachdem das Olympische Feuer entzündet worden ist, erheben sich unzählige weiße Tauben in die Luft. Diese sollen als Symbol der Friedensspiele dienen. Die Eröffnungsfeier gipfelt am Abend in einem aufgeführten Festspiel, das am Ende den Heldentod für das Vaterland verherrlicht. Während ein riesiges Feuermehr am Stadionrand aufflammt, wird zum Gedenken an die Toten die Olympia-Glocke geläutet (vgl. Rürup 1996, S. 113f).

Obwohl die Karten für die Hauptveranstaltungen sehr knapp bemessen sind, werden die Olympischen Spiele von Berlin auch zu einem Fest der Zuschauer. Außerhalb des großen Stadion, im Schwimmstadion und in anderen Sportanlagen ist die Atmosphäre sichtlich ungezwungener. So gleicht der Platz vor dem Olympiastadion zwischenzeitlich einer riesigen Picknickwiese auf der sich die Besucher zwischen den Veranstaltungen erholen. Feste und Empfänge begleiten die sportlichen Ereignisse während der kompletten Dauer der Spiele. Die militärischen Assoziationen werden noch einmal im Zuge der Abschlussfeier geweckt, als Flakscheinwerfer sich in einen Lichtdom über das Stadion wölben. Anschließend erlischt das Olympische Feuer (vgl. Rürup 1996, S. 114).

Auch das Kulturprogramm geht weit über das der vorangegangenen Spiele hinaus. Viele international bekannte deutsche Künstler erklären sich bereit am Gesamtkunstwerk des olympischen Berlin teilzunehmen. Die meisten Künstler sehen die Olympischen Spiele als eine Art Herausforderung und auch zahlreiche junge, unbekannte und arbeitslose Künstler finden eine Beschäftigung. Richard Strauss komponiert die Olympische Hymne und widmet sie Adolf Hitler. Die bedeutendste und propagandistisch ausgerichtete Kunstausstellung, im Rahmen des Olympischen Kunstwettbewerbs, trägt den Titel „Deutschland“. An ihr haben viele Künstler des 1933 aufgelösten Bauhaus’ mitgewirkt. Doch es gibt auch Künstler, die sich nicht an diesem Kunstwettbewerb beteiligen. Etliche ausländische Künstler engagieren sich zusammen mit emigrierten deutschen Künstlern in Protestaktionen gegen die Spiele in Berlin. Der Olympische Kunstwettbewerb, der schon seit seiner Einführung 1912 das Sorgenkind des IOC gewesen ist, wird zum letzten Mal 1948 in London abgehalten. Doch das kulturelle Rahmenprogramm ist außerordentlich. Überall finden Konzerte und Operetten statt. In den Kinos werden die neusten Filme gezeigt, im Deutschen Opernhaus finden die Richard-Wagner-Festspiele statt und es werden Internationale Tanzwettspiele abgehalten, bei denen 325 Tänzerinnen aus 14 Ländern antreten. Artistik und Tanz werden dargeboten und die sportlichen Ereignisse auf Großbildleinwände übertragen. Im Olympischen Dorf wird mit Kleinkunst, Musik und Filmen für angenehme Abwechslung gesorgt. Auf zahlreichen wissenschaftlichen Kongressen werden internationale Kontakte geknüpft (vgl. Rürup 1996, S. 121f).

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Details

Seiten
91
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638431200
Dateigröße
898 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45772
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Schlagworte
Sport Zeit Nationalsozialismus Entwicklung Zielsetzung Höheren Schulwesen Hitlerjugend

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Titel: Sport im Nationalsozialismus. Entwicklung und Zielsetzung im Höheren Schulwesen und in der Hitlerjugend