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Psychologie des Jago in Verdis "Otello"

Facharbeit (Schule) 2018 26 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jago
2.1. Homosexualität
2.2 Nihilismus
2.3 Neid und Eifersucht
2.4 Ist Jago das Böse?
2.5 Jago als Mensch
2.6 Jago als Psychopath

3 Faszination Jagos

4 Jago und die heutige Zeit - 13 -

5. Fazit

Anhang 1: Guiseppe Verdi
Anhang 2: Die Werke Verdis
Anhang 3: Die Oper „Otello“

Literarische Vorlage

Die Entstehung der Oper

Aufbau und Besetzung der Oper

Anhang 4 Handlung der Oper
Anhang 5: Psychogramm Otellos und Desdemonas

Literaturverzeichnis

Vorwort

Meine Hausarbeit befasst sich mit dem späten Meisterwerk Otello von Giuseppe Verdi. Bei einem Schulaufenthalt in England war die Tragödie Otello von Shakespeare Bestandteil des Unterrichts und begeisterte mich mit der Bandbreite von Intrige, Verrat, Liebe, Eifersucht und Mord. Fasziniert vom Schaffen Shakespeares, sich eine solche komplexe Handlung mit diesen unterschiedlichen Charakteren auszudenken, hatten mich das Werk von Guiseppe Verdi und insbesondere die Figur Jagos gereizt.

1. Einleitung

Die Geschichte von Otello, dem Mohren von Venedig, ist ein das Bühnenpublikum immer wie- der faszinierender Stoff. Dies hängt sicher mit der überragenden Umsetzung und Darstellung des Themas durch Shakespeare zusammen, aber auch mit der meisterhaften Übertragung dieser Geschichte in eine Oper durch Verdi und Boito.

Shakespeares Drama gehörte im 18. und 19. Jh. zu den am häufigsten gespielten Theaterstücken auf den Bühnen Europas. Die Umsetzung in eine Oper lag damit im 19. Jh. „in der Luft“. Die Bedeutung des Dramas scheint aber viele Komponisten zurückgeschreckt zu haben. Auch Verdi1 trug sich erst lange mit dem Gedanken an „Otello“ und musste sogar sanft in die ent- sprechende Richtung durch den Librettisten Boito gedrängt werden, ehe er sich entschloss, die Oper zu schreiben.

In dieser Oper entstehen dramatische Konflikte nicht mehr nur durch äußere Anlässe, sondern aufgrund der seelischen Entwicklung der Helden. Das italienische Publikum liebte dieses Stück und feierte Verdi bei der Uraufführung 1887 an der Mailänder Scala frenetisch. Sie bereiteten ihm einen überwältigenden Empfang und spannten sogar die Pferde seiner Kutsche aus und zogen sein Gefährt mit der Kraft ihrer Arme zum Hotel2.

Es soll die Frage untersucht werden, welche Motive für seine Taten Jago, der Hinterhältigste der handelnden Figuren, hat.

Im Verlauf dieser Analyse werden zuerst verschiedene Deutungsmöglichkeiten der Figur Jagos, wie sie in der Literatur von unterschiedlichen Autoren beschrieben sind, untersucht. Anschlie- ßend wird auf der Basis dieser Arbeiten eine neue Interpretation der Psychologie Jagos darge- stellt und ihre Validität dargelegt.

2. Jago

Der Verlauf der Oper3, sowohl Geschichte als auch Musik, werden von fast nur einer Person gelenkt, und das ist Jago. Verdi selbst überlegte, ob er die Oper nicht nur „Jago“ nennen sollte, da dieser einen weitaus größeren Einfluss auf die Oper hat, als die eigentliche Hauptfigur O- tello. Jago ist ein elender Schurke, der liebenswerte und unschuldige Menschen aus abscheuli- cher Bosheit zugrunde richtet. Er nimmt die Menschen, die für ihn keine sind, sondern analy- sierbare Puppen, auseinander, „er macht sie leiden und schreien und töten“4. Warum fasziniert er aber so? Es ist erstaunlich, wie leicht er die anderen Personen beeinflussen kann. Diese leichte Beeinflussung anderer Personen zeugt von Jagos manipulativer Art. Doch was genau sind Jagos Motive für seine Taten? Offensichtlich wurde er durch die Beförderung Cassios an- statt seiner gekränkt. Doch wieso geht Jago so weit, dass Otello zum Schluss Desdemona und dann sich selbst umbringt5 ? Jago ist ein komplexer Charakter, der viele Fragen aufwirft. Um ihn und seine Motivationen besser zu verstehen, wurden mit der Zeit verschiedene Theorien zu ihm von Kritikern aufgestellt, die im Folgenden dargestellt werden.

2.1. Homosexualität

Ein Ansatzpunkt für Jagos Motive ist eine latent homosexuelle Beziehung zwischen Otello und ihm. Jagos Wunsch nach Otellos Vernichtung könnte durch seine eigene Eifersucht auf Cassio oder Desdemona entstehen. Er spinnt sein Vorhaben so geschickt, dass Cassio zum Schluss von Otello verachtet wird und Desdemona, seine größte Rivalin im Kampf um Otellos Liebe, von ihrem Ehemann selbst ermordet wird. Nur mit einer Sache rechnet Jago nicht: dass seine eigene Frau Otello von seiner Intrige erzählt, welches in Otello Schuldgefühle hervorruft, sodass er Selbstmord begeht. Jagos Plan, Otello für sich zu haben, geht nicht auf. Diese von Jan Burton aufgestellte Theorie erscheint allerdings nicht sehr logisch, zum einen weil Jago Emilia als Frau hat und zum anderen, weil nie irgendwelche Gefühle der beiden für einander gezeigt werden, bis auf ihre Freundschaft. Außerdem findet sich in den Schriften Boitos, Verdis oder Shake- speares kein Hinweis auf eine Beziehung der beiden, welche über ihre Freundschaft hinausgeht. Weiterhin stellt sich die Frage, wie in dem Zusammenhang etwa das Credo von Jago zu bewer- ten ist. In diesem Credo stellt er sich als bösen Menschen dar, der grundlos schon immer böse war. Jago gibt keinen Hinweis auf Zweifel, Unsicherheit oder auf Schuldgefühle, die bei einer erotischen Anziehung Otellos auf Jago sicher aufgetreten wären.

2.2 Nihilismus

Nihilịsmus (lateinisch nihil, „nichts“) ist die Verneinung aller Werte, Ziele, Glaubensinhalte, Erkenntnismöglichkeiten, manchmal auch aller bestehenden Ordnungen und Einrichtungen. Nietzsche sah im Nihilismus eine Beschreibung des geistigen Zustands Europas am Ende des 19. Jahrhunderts6.

Ein Hinweis auf die Psyche Jagos lässt sich in der szenischen Anweisung zu der Oper finden, verfasst von Arrigo Boito. Dort heißt es: „Er sieht das Böse in den Menschen, in sich selbst: ‚ Ich bin ein Bösewicht, weil ich ein Mensch bin‘, er sieht das Böse als Böses in der Natur, in Gott. Er tut das Böse um des Bösen willen, er ist ein Künstler der Hinterlist.“7. Jago zeigt damit eine nihilistische Persönlichkeit auf, indem er alles Gute und Sinnvolle verneint, bleiben ihm nur noch das Böse und seine Triebe, denen er sich vollkommen hingibt. Gerade deshalb genügt ein so kleiner Anlass, wie Cassios Beförderung zum Hauptmann anstatt seiner, um sich an O- tello in dieser Form zu rächen. Dass er keine Beförderung erhalten hat, löst eine narzisstische Kränkung in ihm aus, die größtes Ausmaß erlangt. Er zeigt keine Vernunft oder Mitgefühl auf. Alles worum es ihm geht, ist seine Rache an Otello. Seine hinterhältigen Taten werden durch sein Weltbild ermöglicht. Durch die Verneinung eines Gottes und der Ansicht, der Mensch sei von Natur aus böse, rechtfertigt Jago seine Taten. Er sieht das Böse in sich selbst, aber auch in Otello, da dieser ihn nicht befördert hat. Jago sucht nicht nach rationalen Erklärungen für die Taten anderer, sondern sieht diese gleich als Angriff auf ihn als Person. Seine Einstellung er- möglicht es ihm nicht, normale Beziehungen mit Menschen zu führen, wie man an seiner Ehe mit Emilia sehen kann. Es ist klar, dass Jago Emilia nicht wirklich liebt, es stellt sich sogar die Frage, ob Jago überhaupt einen Menschen lieben kann. Auch Emilia scheint am Ende der Oper, mit der Aufdeckung Jagos Taten, gegenüber Otello ihre Gefühle in Frage zu stellen und handelt lieber vernunftorientiert. Auch freundschaftliche Beziehungen werden mit Jagos Nihilismus auf keine gesunde Weise geführt. Im Verlaufe der ganzen Oper wird Otello von ihm hintergangen, obwohl er dachte, er könnte Jago vertrauen. Jago handelt unmoralisch und selbst als zwei Per- sonen seinetwegen sterben, zeigt er kein schlechtes Gewissen. Interessant ist, dass Jago trotz seines ausgeprägten nihilistischen Verhaltens noch Motivation für Intrigen hat. Er verneint nicht alles Gute, sondern weiß zu schätzen, was ihm Freude macht: der geplante Untergang seiner nahen Bekannten, die ihm seiner Meinung nach Unrecht getan haben. Soviel Aufwand für eine Sache aufzuwenden, die er eigentlich als überflüssig erkennt, ist eine Besonderheit.

2.3 Neid und Eifersucht

Boito gibt einen weiteren Erklärungsansatz für Jagos Handlungen: „ Wenn die Personifizierung einer abstrakten Idee auf dem Theater nicht ein nüchterner, falscher, törichter und veralteter Kunstbegriff wäre, könnte man behaupten, Otello ist die Eifersucht und Jago ist der Neid.8. Seine Überlegung lässt sich mit der Tatsache stützen, dass Jago aus reinem Neid heraus handelt. Dabei unterscheidet Boito selbst genau zwischen Jagos Neid auf Cassio und seinen Hass auf Otello. Er ist neidisch auf Cassio, da er anstatt seiner befördert wurde, er ist aber nicht neidisch auf Otello. Doch wieso beneidet Jago nicht Otello, der so viel mehr Glück mit seiner Stellung, seiner Frau, seinem Lebenslauf hat, als Cassio? Wieso gerade Cassio, der so viel weniger als Otello vorzuweisen hat? Erklärung für dieses Paradox ist, dass Neid aus einem Vergleich heraus entsteht. Damit man neidisch auf eine Person sein kann, muss man sich mit ihr vergleichen können, also auf einer ähnlichen Stufe wie sie stehen. Das Gleiche passiert mit Jago: er kann sich mit Cassio vergleichen, da sie (vor Cassios Beförderung) auf derselben beruflichen Stufe standen und einen ähnlichen Lebenslauf haben. Mit Otello hingegen kann er sich nicht verglei- chen, ist er sogar besonders unvergleichbar. Ihre berufliche Stellung, Ansehen, Lebensge- schichte, Hautfarbe, Charakter und Art zu lieben sind alle sehr unterschiedlich. Jago bleibt nichts anderes übrig, als Otello zu hassen, denn das ist möglich, auch wenn man sich nicht mit der Person vergleichen kann. Durch Jagos Neid wird die Oper erst zu etwas Besonderem. Durch seine Gefühle entstehen erst die Intrigen, die später zu dem grausamen Höhepunkt der Oper führen.

Otello dagegen ist eifersüchtig auf Cassio, da er denkt, seine Frau betrügt ihn mit ihm. Auch Otellos Eifersucht wäre nicht wegzudenken in Verdis „Otello“, denn ohne sie würde Desde- mona nicht sterben und sich daraufhin Otello nicht selber umbringen. Seine starke Liebe zu Desdemona und die Eifersucht, die aus ihr heraus entsteht, macht Otello zu einem schwachen und verwundbaren Charakter. Erst nach seiner emotionalen Verwundung durch Jago ist Otello zu dem fähig, was er tut. Die Eifersucht lässt Otello erst zu einer handelnden Person machen.

Die Oper würde gar nicht in der Weise vorliegen, wäre es nicht für den Neid Jagos und die Eifersucht Otellos.

Wenn die Oper unter diesem Gesichtspunkt betrachtet wird, dass beide Figuren für eine Emo- tion stehen, gibt es die Möglichkeit, zwei Emotionen so zu erleben, wie man es sonst nicht tut. Seltsamerweise werden beide Emotionen häufig nicht getrennt oder sogar verwechselt. Viel- leicht liegt es daran, dass man leichter Eifersucht als Neid empfindet und eher darüber sprechen kann. Das könnte ein Grund dafür sein, dass Jago dem Zuschauer so fremd wirkt. Er verkörpert eine Emotion, der viel zu wenig Beachtung geschenkt wird, der man vielleicht auch gar keine Beachtung schenken möchte.

Die Personifizierung des Neides als Jago erscheint plausibel. Warum wird dann aber immer wieder betont, dass Jago ein Mensch ist9 ?

2.4 Ist Jago das Böse?

Wer oder was ist Jago? Interessant ist das starke Gefühl, welches man schon mit Wissen gleich- setzen kann, dass Jago selbst wenn er befördert worden wäre, wieder unzufrieden geworden wäre. Er hätte sich ein neues Ziel seiner Wünsche gesucht und bei Nichterfüllung dieses Wun- sches genauso gekränkt und bösartig reagiert, wie es von Verdi (und Shakespeare) dargestellt wird. Selbst wenn alle Wünsche Jagos sich erfüllen würden und er am Ende der Herrscher der Welt wäre, würde er in einem finalen endzeitlichen Feuerwerk die ganze Welt aus Bosheit und Wut zerstören. Jago erscheint damit nicht als Mensch. Viele Autoren (z.B. Bachmann), ja sogar Boito selbst haben zwar sein Mensch-Sein immer wieder betont, seine Darstellung in der Oper Verdis ist aber eher die eines Prinzips. Ähnlich wie Desdemona nicht als Mensch dargestellt wird, sondern als Prinzip des Guten, der Barmherzigkeit, der Liebe und Duldsamkeit. Jago ist das Prinzip des Bösen, des Zerstörerischen, des immer mehr Wollens. Damit deutet die Figur des Jago in die Richtung Mephistos. Seine Taten wirken unmenschlich, denn kein normaler Mensch vermag so viel Böses in solchen Intrigen zu spinnen, nur weil er nicht befördert wurde. Er handelt „nicht schurkisch, sondern bestialisch, wenn das nicht ein zu gelinder Ausdruck wäre“10.

Jago will böse sein und weiß, dass er böse ist. Er steht damit im Kontrast zu vielen anderen tragischen Helden Shakespeares und anderer Bühnenautoren. Weder Shakespeares Macbeth noch Hamlet wollen böse sein. Die Situation in denen sich beide befinden, führt aber zu Tragik und damit zum Bösen durch die Umstände und durch falsches, nicht angemessenes Handeln bzw. Nicht-Handeln der Helden. Als weiteres Beispiel kann der griechische Sagenheld Ödipus dienen, auch er will nicht böse handeln, kann aber im Rahmen seiner Möglichkeiten nicht an- ders und wird damit schuldlos schuldig. Selbst bei dem Antihelden Richard III. unterlässt es Shakespeare nicht, die Gründe für dessen Bösartigkeit in einem Monolog zu benennen. Jago aber ist anders. Ist er damit das Böse?

2.5 Jago als Mensch

Wie schon im vorherigen Kapitel ausgeführt, wird Jago von vielen Autoren als Mensch ange- sehen. Zu allererst ist hier das Zeugnis Arrigo Boitos zu nennen11. Nach ihm haben weitere Autoren betont, dass die Figur Jago als Mensch zu betrachten ist. Sehr gut hat Andy Serkis die Grundzüge zum Mensch-Sein Jagos zusammengefasst:

„There are a million theories to Iago's motivations, but I believed that Iago was once a good soldier, a great man's man to have around, a bit of a laugh, who feels betrayed, gets jealous of his friend, wants to mess it up for him, enjoys causing him pain, makes a choice to channel all his creative energy into the destruction of this human being, and becomes completely addicted to the power he wields over him. I didn't want to play him as initially malevolent. He's not the Devil. He's you or me feeling jealous and not being able to control our feelings.“12.

Serkis beschreibt Jago als Menschen, der durch seinen Neid motiviert ist zu diesen schreckli- chen Taten. Zuvor war er ein guter Freund und Soldat, der keiner Fliege etwas zu Leide tun konnte, doch das ändert sich mit der Beförderung Cassios. Jago setzt alles daran, Otello zu zerstören, tut dieses aber auf eine Art, die in der menschlichen Natur liegt und auf seine Art noch nachvollziehbar ist. Er handelt genauso, wie viele andere Personen handeln würden, wenn sie sich hintergangen fühlen und ihre Emotionen überhand gewinnen. Serkis besteht darauf: Jago ist nur ein Mensch, wie du und ich.

2.6 Jago als Psychopath

Es gibt gute Gründe, dass Jago ein Mensch ist und auch gute Gründe, dass er die Personifikation des Bösen darstellt. Gibt es vielleicht eine weitere Möglichkeit, diese Dinge zusammenzufüh- ren? Jago zeigt Merkmale auf, die dafür sprechen, dass er ein Psychopath ist. Psychopaten ha- ben, nach den neuesten Erkenntnissen der Forschung auf diesem Gebiet, ein deutlich gedämpf- tes Gefühlsleben13. Sie empfinden merklich weniger Gefühle als „normale“ Menschen. Das Leben anderer Menschen besitzt für sie keine Wichtigkeit. Und auch ihr eigenes Leben besitzt für sie kaum eine Bedeutung. Dies erscheint seltsam, wird aber durch zahlreiche Forschungs- ergebnisse gezeigt14.

Das Bestehen vieler Kritiker darauf, dass er nicht den Teufel verkörpert, sondern noch ein Mensch ist, der das tut, was für einen Menschen gerade so noch an Boshaftigkeit möglich ist, bestätigt diese Theorie. Denn kein normaler Mensch ist zu den Sachen fähig, die Jago tut. Unter anderem besitzt Jago eine Unfähigkeit aus Situationen zu lernen, was häufig bei Psychopathen anzutreffen ist. Das zeigt sich bei der Beförderung Cassios: er sieht seine Nichtbeförderung sofort als Kritik an seiner Person und lernt nicht aus der Situation, sodass sie zu etwas Größerem ausartet. Er verfällt in ein starres Denkmuster, welches sich nur noch um seine Rache an Otello und auch Cassio dreht. Auch das ist ein Anzeichen einer Psychopathie. Der auffälligste Punkt zur Bestätigung dieser Theorie fällt dem Zuschauer sofort auf. Jago ist so manipulativ, um seine Ziele zu erreichen, wie man es sonst kaum aus Literatur und Oper kennt. In seiner Obsession, Otello zu Grunde zu richten, scheut er vor nichts zurück. Er belügt seine Frau und seine ver- meintlichen Freunde und manipuliert sie dabei so, dass er persönlich an sein Ziel kommt, ohne vor dem Verlust von Menschenleben zurückzuschrecken. Dabei zeigen sich seine fehlende Em- pathie und sein fehlendes Gewissen. Sobald Emilia von den Taten ihres Mannes erfährt, fühlt sie sich schuldig und erzählt Otello von Jagos Intrigen. Es zeigt sich, dass Emilia im Vergleich zu Jago, obwohl sie nicht aktiv etwas zu seinen Verstrickungen beigeführt hat, ein schlechtes Gewissen aufzeigt. Jago hingegen freut sich, dass sein Plan in Erfüllung geht. Dieses fehlende Mitgefühl ist ein weiterer Aspekt der Psychopathie. Genauso zählt ein übersteigertes Selbst- wertgefühl dazu. Durch sein Handeln zeigt er, dass er sich selber wichtiger ist, als die drei Menschen, die sich seinetwegen umbringen. Darüber hinaus denkt er am Anfang, er wäre ein besserer Befehlshaber als Cassio und verdiene diesen Posten mehr. Er kann sich nicht vernünf- tig mit anderen Personen vergleichen, sondern stellt sich von vornherein schon über sie. Ein weiteres Symptom, welches auf einen Psychopathen hinweist, ist das Führen von oberflächli- chen Beziehungen. Jago führt zwar eine Beziehung mit Emilia, die bei genauerem Betrachten aber keine gesunde Basis besitzt. Er erzählt Emilia nichts von seinem Vorhaben und benutzt sie nur, um an Desdemonas Taschentuch zu gelangen. In der Oper geht Jago nicht sehr liebevoll mit seiner Frau um, denn sie scheint nur einen Nutzen für ihn zu haben: ihn an sein Ziel, der Rache an Otello, zu bringen. Emilia weiß nichts von dem Innenleben ihres Mannes, weshalb sie sich so schuldig fühlt, als sie von seinen Intrigen erfährt. Trotzdem ist es erstaunlich, dass es Jago überhaupt möglich ist, wenn auch oberflächliche, Beziehungen mit anderen zu führen, welche den anderen als normal erscheinen. Auch Otello sieht in Jago bis zum Schluss nichts schlechtes, sondern denkt, er gibt ihm freundschaftliche Ratschläge. Jago zeigt sich auf den ersten Anblick sehr charmant und erscheint als Meister im Vertuschen seiner wahren Gefühle. Die Konsequenzen, welche seine Taten haben könnten, sind ihm egal. Er hat keine Angst vor irgendwelchen Strafen. Jago probiert sehr risikofreudig seine Pläne zu verfolgen, welches an- deren Menschen nicht im Traum einfallen würde, da ihnen klar wäre, dass sie ein zu hohes Risiko des Scheiterns haben. Er macht sich keine Gedanken, um das was kommt. Es ist ihm egal, ob er seine Rachepläne wirklich durchführen kann, ohne erwischt zu werden. Selbst wenn er erwischt wird und alles aufgedeckt wird, hat es keine Konsequenzen für ihn, da er keine Angst vor Strafen hat. In der Oper wird Jagos Intrige zum Schluss zwar aufgedeckt, aber die Auswirkungen in Bezug auf ihn nicht benannt.

[...]


1 Für eine ausführliche Darstellung Verdis Lebens und seiner Werke siehe Anhang 1 und 2.

2 vgl. Holzer; G. (2017).

3 Für einen Überblick der Entstehung „Otellos“ und der Handlung der Oper siehe Anhang 3 und 4.

4 Bachmann; I (2017), S.7.

5 Für ein detailliertes Psychogramm Otellos und Desdemonas siehe Anhang 5.

6 vgl. Wissen.de (2018).

7 Titscher, G. (2012), S. 285.

8 Titscher, G. (2012), S. 285.

9 Bachmann, I. (2017), S. 8.

10 Theater Bielefeld (2018).

11 Schwarz, H. (2011), S. 5.

12 vgl. Serkis, A. (2003), S.92 ff.

13 vgl. Dutton, K. (2013), S.219.

14 vgl. Moscovici, C. (2012).

Details

Seiten
26
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668916449
ISBN (Buch)
9783668916456
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457723
Note
Schlagworte
psychologie jago verdis otello

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