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Fußball in Südamerika

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 28 Seiten

Sport - Sportgeschichte

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Erster Teil: Geschichte des Fußballs in Südamerika
1. Die Verbreitungsphase des Fußballspiels
2. Der Weg in die Welt
3. Internationale Erfolge
4. Aktuelle Strukturprobleme des Fußballs in Südamerika

Zweiter Teil: Gesellschaftliche Bedeutung von Fußball
1. Die Bedeutung von Fußball im Alltag
2. Die Bildung nationaler Identität durch Fußball
3. Fußball als Mittel der Integration

Schlussbetrachtung

Anhang:
Länderinformationen
Argentinien, Brasilien und Uruguay bei den FIFA-Weltmeisterschaften
Literaturverzeichnis

Einleitung

Fußball ist die weltweit beliebteste Sportart. Das Spiel ist in den verschiedensten Teilen der Erde zu einem wichtigen Bestandteil der Populärkultur geworden, das große Anziehungskraft und Faszination ausübt. Das Fußballgeschehen wird von einer starken Medienpräsens begleitet und talentierte Spieler können dabei zu internationalen Stars werden. Die Fußballweltmeisterschaft ist der größte globale Wettkampf, der einer einzelnen Sportart gewidmet ist.

In Argentinien, Brasilien und Uruguay ist keine andere Sportart so verbreitet und genießt so große Popularität wie Fußball. Seit seinen Anfängen lieferte der argentinische Fußball durch regen Austausch wichtige Impulse für das Spiel. Brasilien ist die erfolgreichste Fußballnation in der Geschichte des Spiels und qualifizierte sich als einzigstes Land für alle bisherigen Weltmeisterschaften. Die internationalen Erfolge Uruguays machen das Land mit seinen nur drei Millionen Einwohnern zur am meisten disproportionalen Fussballnation.

In der vorliegenden Arbeit sollen Geschichte und Bedeutung des Fußballspiels in den drei Ländern behandelt werden. Als vorbereitende Literatur dienten dabei neben populärwissenschaftlichen Darstellungen ausschliesslich Werke, die sich speziell mit dem südamerikanischen Fußball befassen. Zahlreiche Aufsätze befassen sich mit der Rolle des Fußballs in Südamerika, aber die Zahl der zum Thema veröffentlichten Monographien ist recht klein. Als besonders hilfreich hervorzuheben sind darunter die Bücher von Janet Lever und Tony Mason.

Im ersten Teil der Arbeit werden chronologisch die wichtigsten historischen Stationen der Geschichte des südamerikanischen Fußballs wiedergegeben – von der Anfangs- und Konsolidierungsphase des Spiels bis hin zu aktuellen Tendenzen und Problemen. Dabei soll aufgezeigt werden, welche Akteure sich auf nationaler Ebene herausbilden und wie sich deren Kontakte zu anderen Fußballnationen gestalten. Wie verläuft die Entwicklung vom Fußball als Freizeitbeschäftigung gehobener Gesellschaftskreise hin zum Spiel der Massen? Und welche Entwicklungen innerhalb des Spiels wirken sich auf den Erfolg der südamerikanischen Mannschaften aus?

Im zweiten Teil der Arbeit wird Fußball als gesellschaftliches Phänomen betrachtet. Dabei soll zunächst der Frage nachgegangen werden, welche Rolle das Spiel im Alltagsleben einnimmt. Wie äußert sich im städtischen Raum die unbestreitbare Popularität des Spiels? Besonders das Stadion als ein Ort der Begegnungen einzelner Mannschaften untereinander und mit den Zuschauern ist dabei von Bedeutung. Wo liegen hierbei die Unterschiede zu Europa? Und welche Funktionen erfüllt der Stadionbesuch für die Zuschauer?

Unter den vielfältigen gesellschaftlichen Bedeutungen des Fußballspiels sind es besonders zwei Funktionen, die mir wichtig erscheinen und die in der Arbeit näher untersucht werden. Zum einen ist dies die Bedeutung von Fußball als ein Mittel zur Bildung nationaler Identität. Hierbei ergeben sich Möglichkeiten der Instrumentalisierung seitens der Politik, deren Methoden und Folgen betrachtet werden. Wie äußert sich ein Zusammenhang zwischen dem nationalen Selbstverständnis und fußballerischen Erfolgen? Und welche Rolle übernehmen dabei herausragende Spielertalente, die zu Heldenfiguren aufsteigen?

Als zweiter gesellschaftlicher Wirkungsbereich von Fußball wird dessen Potenzial als ein Medium der Integration behandelt. Zum einen geht es dabei um die Bedeutung von Fußball im sozialen Zusammenleben, zum anderen soll das Spiel als Mittel zur Bildung nationaler Einheit und Integration betrachtet werden. Wie weit gehen die integrativen Potenziale des Spiels und auf welchen Ebenen sind sie wirksam?

Erster Teil: Geschichte des Fußballspiels in Südamerika

1. Die Verbreitungsphase des Fußballspiels

In Südamerika befindet sich die Wiege des Fußballspiels am Rio de la Plata, der Argentinien von Uruguay trennt. Dort liegen sich die Hauptstädte Buenos Aires und Montevideo gegenüber, die im ausgehenden 19. Jahrhundert zu Zentren europäischer Emigration wurden. Und von dort aus verbreitete sich Fußball auf dem gesamten Kontinent. Zunächst waren es britische Matrosen und Emigranten, die das Spiel bekannt machten. Ausgehend von den britischen Schulen und Sportvereinen erlangte Fußball schnell große Beliebtheit bei den jungen Männern der städtischen Elite. In vielen Namen der entstandenen Fußballvereine (z.B. Corinthians, River Plate) spiegelt sich noch heute die Bedeutung des britischen Einflusses während der Verbreitungsphase des Fußballspiels.

Im Jahr 1865 wurde in Argentinien der erste Fußballverein des Kontinents gegründet, der Buenos Aires Football Club. Bald kamen weitere Vereine hinzu und 1883 entstand in Buenos Aires die erste Fußballliga Amerikas.

In Uruguay gründete sich 1886 der Albion Football Club, der erste offizielle Fußballverein des Landes. Wenig später entstanden in Montevideo mit Peñarol (1891) und Nacional (1899) die beiden Vereine, die noch heute das Fußballgeschehen in Uruguay dominieren.

Auch in Brasilien waren es zunächst Briten, die das Spiel verbreiteten. Der erste Fußballverein des Landes war der 1895 gegründete São Paulo Athletic Club. Auch die erste brasilianische Regionalliga entstand in São Paulo, hier schlossen sich 1901 fünf Vereine zusammen. Vier Jahre später folgte Rio de Janeiro mit einer eigenen Fußballliga.

Um die Jahrhundertwende war Fußball bei den südamerikanischen Eliten zu einem festen Bestandteil der Freizeitkultur geworden. Der britische Einfluss im Fußball war schon stark zurückgegangen, doch war es immer noch nicht zu direkten Begegnungen mit dem Mutterland des Fußballs gekommen. Dies änderte sich 1904 mit dem Besuch des englischen Vereins Southhampton in Argentinien. Es kam zu verschiedenen Begegnungen, welche die Engländer alle souverän gewannen. In Buenos Aires redete man viel über das fußballerische Können der Gäste und die Partien fanden großen Publikumsandrang. Beim Auftaktspiel der Gäste gegen Alumni befand sich unter den Zuschauern sogar der Staatspräsident.

Solche Besuche ausländischer Teams zogen viele Zuschauer an und bewirkten eine Popularisierung des Fußballspiels. Zugleich war die Überlegenheit der Gäste eine große Herausforderung für die einheimischen Vereine.

Auch Nottingham Forest aus England kamen an den Rio de la Plata und besuchten auch Uruguay. Wieder gewannen die Gäste alle Spiele. Schließlich kam es 1906 zum ersten argentinischen Sieg über einen Gegner aus Übersee, als vor über 10 000 Zuschauern Alumni mit 1:0 gegen ein Amateurteam aus Südafrika gewann. Allerdings siegten die Gäste in allen weiteren Spielen, auch auf der Fortsetzung ihrer Reise, die sie als erstes ausländisches Fußballteam nach Brasilien führte.

Das erste Länderspiel zwischen Argentinien und Uruguay fand 1901 statt und bedeutete den Beginn der klassisch gewordenen Fußballrivalität zwischen den Nachbarländern. Mit dem Lipton Cup (seit 1905) und dem Newton Cup (seit 1906) entstanden jährliche Wettkämpfe zwischen beiden Ländern. In der Folgezeit kam es am Rio de la Plata zu mehr Begegnungen wie in jedem anderen internationalen Fußballderby: beim Aufeinandertreffen während der Olympiade 1928 waren bereits 100 Spiele zwischen Argentinien und Uruguay gespielt.[1]

Auch zwischen anderen Ländern des Kontinents kam es zu Begegnungen. Ab 1910 spielten die besten südamerikanischen Vereinsmannschaften im jährlich ausgetragenen Copa Libertadores um den Meistertitel. Im Jahr 1916 wurde der CONMEBOL[2] gegründet, der erste kontinentale Fußballverband überhaupt, der fortan die südamerikanischen Interessen innerhalb des Weltfußballverbandes FIFA vertrat. Nach dem Zusammenschluss der nationalen Fußballverbände in dieser Dachorganisation kam es vermehrt zu Spielen zwischen den einzelnen Nationalmannschaften. Dabei stellte die seit 1916 unregelmäßig stattfindende Südamerikanische Meisterschaft das wichtigste Turnier dar.

In Brasilien brauchte es länger, bis die Fußballvereine allen sozialen und ethnischen Gruppen zugänglich wurden. Die Teilnahme von schwarzen Spielern an wichtigen Spielen stieß lange auf den Widerstand der weißen Eliten, die Kontrolle über die Vereine ausübten.[3] Sogar der Staatspräsident schaltete sich ein, indem er 1921 die Auswahl schwarzer Spieler für die Südamerika-Meisterschaft verbat.

Als 1923 der Verein Vasco da Gama in die erste Liga Rio de Janeiros aufstieg und dort im gleichen Jahr die Meisterschaft gewann, bewirkte dies die Gründung einer separaten Liga durch die anderen Vereine Rios. Denn in der Mannschaft befanden sich Spieler aus unteren sozialen Schichten und gleich mehrere Schwarze, die außerdem vom Verein inoffiziell bezahlt wurden. Allerdings avancierte Vasco da Gama schnell zum Publikumsliebling, so dass die anderen Vereine bei ihren Spielen einen Rückgang der Zuschauerzahlen erlitten und die Mannschaft 1925 wieder in ihre Liga aufnahmen.

Bei der Verbreitung der bedeutenden Fußballvereine findet sich die für Südamerika in vielen Bereichen typische Konzentration auf die Hauptstädte, wo die besten Vereine entstanden.

In Uruguay sind es die beiden großen Vereine aus Montevideo, Peñarol und Nacional, die das nationale Fußballgeschehen dominieren.

In Rio de Janeiro gibt es zwölf professionelle Fußballvereine, darunter Fluminense, Flamengo, Vasco da Gama und Botafogo, die zu den Besten des Landes gehören, ebenso wie Corinthians, Palmeiras, Sao Paulo und Portuguesa aus Sao Paulo.

Buenos Aires rühmt sich, die Stadt mit den meisten Fußballstadien zu sein: es gibt dort allein 19 Profi-Stadien[4] und die dort ansässigen Vereine San Lorenzo, Independiente, River Plate, Boca Juniors, Racing Club und Velez Sarsfield gelten als die Besten in Argentinien.

Durch diese starke räumliche Konzentration guter Vereine erlangten die innerstädtischen Spiele größere Bedeutung als Begegnungen zwischen Vereinen verschiedener Städte. Noch heute sind bei nationalen Fußballbegegnungen die Spiele zwischen Teams der gleichen Stadt die Klassiker, die am meisten Zuschauer finden.

2. Der Weg in die Welt

In den Zwanziger Jahren hatte das Fußballspiel die sozialen Grenzen überwunden und war in allen gesellschaftlichen Gruppen etabliert. Seine Beliebtheit sowie seine Popularität wuchsen stetig weiter. Was einst als ein Freizeitvergnügen für Amateure gehobener gesellschaftlicher Schichten begann, war nun zum Spiel der Massen geworden. Dies äußerte sich in steigenden Zuschauerzahlen bei den Spielen, aber auch in einer wachsenden Präsens von Fußball im Alltag, die durch Berichterstattung in den Zeitungen und die Bereitstellung von Spielflächen begünstigt wurde.

Im städtischen Bereich wurden viele Parks und Fußballplätze angelegt: allein in Montevideo stieg die Zahl öffentlicher Fußballplätze von zwei im Jahr 1913 auf 118 im Jahr 1929 an.[5]

Ein Netzwerk von Fußballvereinen mit einer festen Anhängerschaft hatte sich gebildet. Auf nationaler Ebene belebten regelmäßige Partien den Wettbewerb und ließen die Qualität des Spiels steigen. Auch auf kontinentaler Ebene kam es zu vielen Spielen. Doch geschahen diese Entwicklungen unbemerkt von der Weltöffentlichkeit. Der südamerikanische Fußball wurde noch nicht außerhalb des Kontinents wahrgenommen.[6]

Dies änderte sich 1924 mit der Teilnahme Uruguays an den olympischen Spielen in Paris. Das Fußballturnier im Rahmen der Olympiade war der bedeutendste Wettkampf des Weltfußballs. Dem kleinen Außenseiter aus Übersee gelang es, mit einer Tordifferenz von 17:2 (in vier Spielen) das Finale zu erreichen. Das Finalspiel gegen die Schweiz fand in Paris vor 41 000 Zuschauern statt und Uruguay gewann mit einem 3:0 die Goldmedaille.

Die als kunstvoll, professionell und unterhaltsam angesehene Spielweise Uruguays imponierte dem europäischen Publikum und der olympische Fußballerfolg erfüllte die damals etwa 1,7 Millionen Einwohner des Landes mit Stolz. Bei ihrer Rückkehr nach Montevideo empfing man die Spieler wie Helden und die Regierung rief einen Nationalfeiertag aus.

Nach dem beeindruckenden Auftreten Uruguays bei der Olympiade war in Europa das Interesse am südamerikanischen Fußball geweckt. So kam es, dass 1925 gleich mehrere Vereine auf einer Europareise ihr Können zeigten. Nacional aus Montevideo besuchte neun europäische Länder und in 38 Spielen (Torbilanz 130:30) verlor die Mannschaft nur fünfmal, sieben Partien endeten unentschieden. Die Boca Juniors aus Buenos Aires verloren von dreizehn Spielen in Spanien nur drei, von fünf Spielen in Deutschland und einem in Frankreich gewannen sie alle.[7] Der AC Paulistano aus São Paulo spielte in Frankreich und in der Schweiz zehn Partien und verlor davon nur eine.

[...]


[1] Vgl. Mason, Tony, Passion of the people? Football in South America, London u.a. (Verso) 1995, S.36

[2] Confederación Sudamericana de Fútbol. Mitglieder sind Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Ecuador, Kolumbien, Paraguay, Peru, Uruguay und Venezuela.

[3] Vgl. Mason, Passion of the people? S.49

[4] Vgl. Kleemann, Silke, Gesellschaftliche Aspekte des Fußballs in Argentinien, Germersheim/Rhein (Centro de Estudios Latinoamericanos) 1999, S.121

[5] Vgl. Giulianotti, Richard, Built by the two Varelas. The rise and fall of football culture and national identity in Uruguay, in: Culture, Sport, Society, 2/3 (1999) S.138

[6] Südamerika wird hier und in der Folge synonym für Argentinien, Brasilien und Uruguay verwendet.

[7] Vgl. Mason, Passion of the people? S.48

Details

Seiten
28
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638431323
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45786
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,7
Schlagworte
Fußball Südamerika Sport Nation

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