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Portfolio zur Integration von Geflüchteten in Deutschland

Eine Forschungsarbeit aus ethnologischer Sicht

Forschungsarbeit 2019 24 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Forschungsdesign

2. Teilnehmende Beobachtung

3. Ethnografisches Interview

4. Fragebögen

5. Synthese

6. Inhaltsverzeichnis

1. Forschungsdesign

Während Auswanderungen im 19. Jahrhundert noch freiwillig erfolgten, werden Wanderungsbewegungen im 21. Jahrhundert durch politische Verwerfung innerhalb oder zwischen den Staaten ausgelöst. Eine große Rolle spielen ferner ethnische Konflikte und fundamentalistische Bewegungen, die Mehrheit flieht vor islamistischen Terroristen.

Begriffe wie Kultur, Fremde oder Flüchtling sind im Zuge der aktuellen Flüchtlingskrise in den Fokus der deutschen Öffentlichkeit und auf die politische Agenda gerückt. Während die einen eine herzliche Willkommenskultur praktizieren, hetzen andere mit verbaler und physischer Gewalt gegen die Flüchtlinge. Negativschlagzeilen wie „Flüchtlinge passen nicht ins deutsche System“, und „Flüchtlinge bleiben zu oft unter sich“ schmücken die Titelseiten vieler Medien, wohingegen positive Nachrichten zur Einbürgerung oder besetzten Ausbildungs-, und Arbeitsstellen ausbleiben.

Die Ethnologie, als die Wissenschaft vom kulturellen Fremden, ist prädestiniert Themen wie Fluchtursachen und Migration nachzugehen, aber auch das Verhältnis und Zusammenleben zwischen den zusammenkommenden Menschen zu beobachten, verstehen und zu erklären.

In meinem Forschungsprojekt möchte ich der Frage nachgehen, ob wir bei den Migranten und Migrantinnen, welche seit 2015 in Deutschland leben, von einer erfolgreichen Integration sprechen können und was unsere Gesellschaft denn eigentlich unter „Integration“ versteht. Das Thema ist meines Erachtens aktuell sehr relevant, da der Flüchtlingsstrom aufgrund von Krieg und Verfolgung in deren Heimatländern weiterhin anhält und immer mehr Flüchtlinge in Deutschland ihre Chance auf eine neue Heimat sehen. Aufgrund dieses stetig steigenden Zuwachses kommt es in der Politik immer häufiger zu Debatten, ob Deutschland denn weiterhin Flüchtlinge aufnehmen sollte.

In den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Debatten in Deutschland werden die Begriffe „Migration“ und „Integration“ oftmals sehr eng miteinander in Verbindung gebracht, da immer wieder die Rede davon ist, wie man die Migranten am besten integrieren kann.

„Migranten“, welche durch den anhaltenden Flüchtlingsstrom aus meist muslimisch geprägten Ländern gleichzeitig immer ein Bild des Islams aufkommen lassen, werden von unserer Gesellschaft zunehmend als die „Anderen“ wahrgenommen. Deren Normen und Werte seien unvereinbar mit der deutschen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit (Eikmann 2010: 34). Diese Meinung vertreten leider immer mehr Menschen aus den verschiedensten Milieus in

Deutschland und entziehen sich somit dem klassischen „Rechts-Links-Schema“ (Bühl 2010: 155).

Die von Paul Mecheril entwickelte Migrationspädagogik setzt sich unter anderem genau mit dem Problem auseinander, wie Zugehörigkeiten entstehen und was es bedeutet Zugehörigkeit zugeschrieben zu bekommen, ohne aktiv Einfluss darauf nehmen zu können. „Zugehörigkeit ist weitgehend keine ‚autonome’ Entscheidung“ (Mecheril 2010: 36), sondern immer von Strukturen abhängig, die dem Individuum vorgegeben werden. Die Festlegung, wer einer Gruppe selbstverständlich zugehörig ist und wer nicht, findet in den unterschiedlichen Lebenswelten statt. Bei der Frage, wer sich als „Deutsche/r“ bezeichnen „darf“ und wer nicht, ist neben formellen Kriterien, wie beispielsweise dem deutschen Pass insbesondere das Aussehen, der Klang des Namens sowie der Habitus entscheidend. Dass diese informellen Kriterien, die aus „Imaginationen, Mythen und auch Rassismen“ (Mecheril 2010: 40) resultieren, eine besonders dominante Rolle, bei der Zuschreibung einer Zugehörigkeit spielen, hängt damit zusammen, dass der Mensch immer nach Unterschieden und Unterscheidungen trachtet. Sobald eine Person „von Normalitätsvorstellungen im Hinblick auf Biografie, Identität und Habitus“ (Mecheril 2010: 38) abweicht wird sie ausgegrenzt und als „Migrant“ und somit als „Anderer“ abgestempelt. Die Bezeichnung „Normalitätsvorstellung“ weist schon darauf hin, dass das, was als normal angesehen wird, nicht allgemein gültig- sondern von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich ist. Wenn eine Person eine „Grenze“ überschreitet, sieht sie sich daher immer auch mit neuen „Normalitätsvorstellungen“ konfrontiert, an welche sie sich erst gewöhnen muss. Weit verbreitet ist die Auffassung, dass Migranten sich vollständig an die herrschende „Dominanzstruktur“ (Mecheril 2010: 47) assimilieren sollen, was für die Betroffenen allerdings schwer zu bewältigen ist, da durch ihre eigene Kultur und die darin enthaltenen „Landkarten der Bedeutung“ (Mecheril 2010: 94), für sie ein Sinn konstituiert- und eine Identität entwickelt wurde, welche nun aufgegeben werden muss. Es muss außerdem berücksichtigt werden, dass Kultur nicht beliebig veränderbar ist, da sie sich „im jeweils gegebenen geschichtlich und gesellschaftlich bestimmten ‚Feld der Möglichkeiten und Zwänge’ entwickelt“ (Mecheril 2010: 94) Auf diese Weise rücken auch die Geschichte, die Sprache und die Kultur von Minderheiten in der Migrationsgesellschaft in den Blick (vgl. Mecheril 2010: 49). Die Anerkennung von Differenzen ist deshalb besonders wichtig, weil der Andere dadurch als handlungsfähiges Subjekt ernst genommen wird (Mecheril 2010: 183).

Martin Sökefeld schreibt in seinem Buch „Translokalität und Identität“, dass MigrantInnen und ihre Nachkommen selbst wenn sie sich stärker auf ihre Aufnahmegesellschaft beziehen, deren Sprache perfekt beherrschen und keinerlei Rückwanderungspläne verfolgen, immer noch auf ihre fremde Herkunft zurückgeworfen werden.

Ob dem so ist und wie weit die Integration der Flüchtlinge bisher stattgefunden hat, möchte ich anhand verschiedener Methoden aufzeigen.

Zunächst werde ich anhand einer teilnehmen Beobachtung auf dem Ausländeramt der Stadt L.-E., die Interaktion zwischen Flüchtlingen mit Angestellten der Stadt L., beobachten und protokollieren. Dieses Feld scheint mir besonders geeignet zu sein, da ich sowohl das Verhalten der Flüchtlinge gegenüber dem Angestellten, als auch andersrum, das Verhalten des Angestellten gegenüber dem Flüchtling beobachten und analysieren kann.

Da ich eng mit Ehrenamtlichen des AK Asyls L.-E. in Kontakt stehe, möchte ich in der Flüchtlingsunterkunft in L.-E./O. meine zweite Methode, das ethnografisches Interview, mit einigen Bewohnern, aber auch Ehrenamtlichen und weiteren zivilen Personen durchführen. Besonders die Vorstellungen und Meinungen zu Flüchtlingen und ihrer Integration seitens der deutschen Gesellschaft ist hierfür sehr relevant, da sie durchaus daran beteiligt sind, ob eine Integration erfolgreich stattfinden kann oder nicht.

Mithilfe einiger Fragebögen, welche ich in sowohl in der Asylunterkunft O., als auch S. verteilen werde, erhoffe ich mir ehrliche Antworten seitens der Mitarbeiter des AK-Asyls, um somit besser nachvollziehen zu können, was ihrer Meinung nach getan werden muss, um ein Teil unserer Gesellschaft zu werden.

2. Teilnehmende Beobachtung

Für meine teilnehmende Beobachtung habe ich das Ausländeramt der Stadt L.-E. gewählt. Dieses Feld scheint mir sehr geeignet zu sein, da ich sowohl das Verhalten der Flüchtlinge, der Mitarbeiter, als auch die Interaktion beider Seiten beobachten und protokollieren kann.

Schon beim Betreten des Gebäudes wurde offensichtlich, wie viele Personen auf einen Termin beim Ausländeramt warteten. Ich betrat das mir zugewiesene Büro und stellte mich kurz nochmals Herrn S., welchem ich über die Schulter blicken durfte, vor.

Als erstes betrat ein älteres Paar, afghanischer Abstammung, den Raum und zeigte sich bereits zu Beginn sehr höflich. Sie reichten zunächst mir die Hand und dann Herrn S. und warteten, bis er ihnen mit einer Handbewegung deutlich machte, sich zu setzen. Was mir schon hier auffiel waren die freundliche Begrüßung und ihre Zurückhaltung. Die Frau des Mannes ist erst seit ein paar Wochen in Deutschland und wollte ihre Aufenthaltsgenehmigung beantragen, allerdings fehlten zwei Dokumente zur Beantragung der Genehmigung, weshalb Herr S. sie kurz darauf wieder wegschicken musste. Beide entschuldigten sich vielmals, wobei mir erst auffiel, wie gut die Deutschkenntnisse des Mannes waren. Die Frau sagte hin und wieder auch Wörter auf Deutsch, aber sie wird in dieser kurzen Zeit vermutlich noch keine Grundkenntnisse erlangt haben. Herr S. schien sich auch nicht unbedingt anzustrengen, die Informationen langsam und deutlich zu vermitteln, sondern unterhielt sich mit dem Ehemann sehr umgangssprachlich. Auch Herr S. schien sehr positiv gestimmt, obwohl er mir, nachdem beide den Raum verlassen hatte, mitteilte, dass 90% ohne die benötigten Dokumente kommen, obwohl ihnen das wohl mitgeteilt wird.

Nach dem Besuch des Ehepaars kam ein jüngerer Mann ins Büro, der auf den ersten Blick sehr schüchtern wirkte und wohl nicht richtig wusste, wie er sich verhalten solle. Auch er setzte sich erst nachdem Herr S. ihm mit einer Geste, die Erlaubnis mitteilte. Der junge Mann war ebenfalls Afghane und zeigte uns einen Brief, indem ihm mitgeteilt wurde, dass er nicht länger in Deutschland bleiben dürfe. Er schien sehr verzweifelt und zeigte uns anhand seines Arbeitsvertrages bei Burger King, dass er seit 2016 einen festen Arbeitsplatz habe und zusätzlich dreimal die Woche einen Sprachkurs belege, was man natürlich sofort hörte. Auch er sprach sehr flüssig und verstand alles was Herr S. ihm mitteilte.

Da in einem Raum zwei Mitarbeiter für die Ausländer zuständig waren, bekam ich vom Nebentisch mit, dass es sich auch hier um dasselbe Problem handelte. Allerdings zeigte sich die Mitarbeiterin sehr genervt, da der Mann ihr gegenüber nur sehr brüchig redete. Mehr konnte ich allerdings nicht aufschnappen.

Mit dem Verweis auf einen Rechtskurs und dem Ratschlag sich an den Kollegen zu wenden, schickte Herr S. ihn fort. Der junge Afghane wirkte allerdings nicht sehr zuversichtlich und erzählte uns, dass die vergangene Woche zwei seiner Mitbewohner aus der Asylantenunterkunft in O., abgeschoben wurden. Auch sie hatten wohl feste Arbeit und besuchten Sprachkurse. Herr S. erklärte am Ende nochmals genau wie er vorgehen solle und an welchen Mitarbeiter er sich wenden müsse.

Als ich auf die Uhr schaute sah ich das bereits eine halbe Stunde vergangen war und ich nicht mehr viel Zeit hatte, da meine Aufenthaltszeit auf eine Stunde beschränkt war.

Bei Herrn S. Kollegin ging es mittlerweile etwas angespannter zu, da der Mann wohl nicht einsehen wollte, dass sein Praktikum nicht ausreiche, um eine verlängerte Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen. Sie wiederholte immer wieder dieselben Informationen, die sie ihm nahelegte und letztendlich hatte er es auch eingesehen, dass sie nichts weiter für ihn machen könne.

Herr S. erklärte mir, dass vielen die Abschiebung drohe und er es schrecklich findet ihnen in dieser Sache nicht wirklich weiterhelfen zu können. Er berichtete aber auch von vielen Ehrenamtlichen, welche die Flüchtlinge in ihrem Rechtsverfahren unterstützten und teilweise sogar schon erfolgreich waren.

Von draußen war in diesem Moment ein Streit zu vernehmen, der offensichtlich zwischen Flüchtlingen stattfand, da wir nichts verstehen konnten. Herr S. stand direkt auf und fragte nach, worum es denn ginge. Anscheinend wollte ein Syrer direkt ins Büro ohne davor einen Zettel zu ziehen, weshalb sich der Syrer der rechtmäßig dran war, aufregte. Herr S. konnte beide schnell besänftigen und der andere Mann entschuldigte sich. Dennoch konnte ich die Blicke von einem älteren, deutschen Ehepaar sehen, welche sich über die Situation aufregten und etwas zueinander sagten.

Unser nächster Besucher war der Syrer von draußen, 27 Jahre alt. Auch er sprach sehr gut Deutsch und wollte seine Aufenthaltsgenehmigung verlängern, da er einen Studienplatz an der Universität Stuttgart erhalten hat. Auch er zeigte sich sehr bemüht alles richtig zu machen und war überdurchschnittlich höflich bei der Konversation mit Herrn S. und bedankte sich am Ende unzählige Male.

Meine Zeit war dann auch schon um, allerdings setzte ich mich noch eine halbe Stunde in den Wartebereich vor den Büros um so noch einen kleinen Einblick in den Umgang der Flüchtlinge unter sich und möglicherweise auch mit Einheimischen zu bekommen.

In der halben Stunde passierte aber sehr wenig. Alle schienen sich angemessen zu verhalten, keine Streitereien waren zu hören und Kontakt zwischen Flüchtlingen und Einheimischen fand nicht statt.

3. Ethnografisches Interview

Die Kontaktdaten meiner beiden Interviewpartner habe ich von einer Mitarbeiterin des AK- Asyls bekommen. Da sich nach meinem ersten Gespräch herausgestellt hat, dass mein Diktiergerät aufgrund des Speichers nicht aufzeichnen konnte, habe ich beide Interviews schriftlich festhalten müssen.

Meine Fragen im groben Überblick:

- Seit wann sind Sie in Deutschland und woher kommen Sie ursprünglich?
- Können Sie mir ein bisschen was darüber erzählen, wie die erste Zeit nach Ihrer Ankunft in Deutschland für Sie war? Wie haben Sie sich gefühlt? Hatten Sie Unterstützung von der Stadt? Von Ehrenamtlichen? Anderen? Oder waren Sie viel auf sich alleine gestellt?
- Haben Sie Deutschunterricht bekommen? Finanzierung?
- Was machen Sie zwischenzeitlich? Job, Ausbildung, Schule?
- Haben Sie das Gefühl von unserer Gesellschaft akzeptiert zu werden oder fühlen sie sich hier immer noch „fremd“?
- Haben Sie jemals negative Erfahrungen gemacht? Wenn ja, welche und wie haben Sie sich in der Situation verhalten?
- Was machen Sie in ihrer Freizeit?
- Haben Sie auch deutsche Freunde? Oder machen Sie eher was mit ihren Mitbewohnern? Falls ja, hätten Sie gerne mehr Kontakt zu Deutschen? Möglicherweise Schwierigkeiten erste Kontakte zu knüpfen?
- Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Über den AK-Asyl habe ich die Kontaktdaten von drei Flüchtlingen bekommen, allerdings haben sich nur zwei dazu bereiterklärt das Interview zu geben.

Mein erster Interviewpartner war A. (19) aus Afghanistan. Zu Beginn erzählt er von seiner 56 Tage langen Reise nach Deutschland und wie er es hierherschaffte. Ich hatte das Gefühl er war froh mit jemandem darüber reden zu können und schien auch ziemlich traurig darüber zu sein, dass der Rest seiner Familie nicht mitkonnte. Auf meine Frage wie die Zeit nach seiner Ankunft hier war und ob er Unterstützung bekam, reagierte er sehr positiv. Er erzählte, dass sie zunächst in Containern in E. untergebracht wurden, welche wohl nicht sehr einladend aussahen, für die erste Zeit jedoch ausreichend waren. A. hat sehr viel Unterstützung von Ehrenamtlichen bekommen, die ihn direkt nach seiner Ankunft 2015 mit Klamotten und Schuhwerk ausstatteten und auch in der darauffolgenden Zeit jederzeit ihre Hilfe anboten. Einer der Ehrenamtlichen war ehemaliger Fußballtrainer des TVE-E. und verhalf A. in die Fußballmannschaft, in der er jetzt seit drei Jahren Mitglied ist. Er erzählte, dass er viele deutsche Freunde durch den Fußball dazugewonnen hat und deshalb viel mit ihnen zusammen unternimmt. Für kommenden Februar ist sogar ein Kurzurlaub an die Ostsee geplant. Meine Frage, ob er denn auch mit Deutschen in Kontakt steht, oder eher mit seinen Mitbewohnern etwas in der Freizeit unternimmt hatte sich damit direkt zu Beginn geklärt.

A. antwortet auf meine Frage, ob er denn Deutschunterricht bekommen habe / noch hat, dass sie alle die ersten zwei Deutschkurse bei der VHS finanziert bekommen haben, allerdings alle weiteren aus der eigenen Tasche bezahlen mussten/müssen. Er schien sehr unglücklich darüber und erzählte, dass er schon 700 € in Deutschunterricht investiert habe. Das sei der auch der Grund warum er gerade keinen mehr machen kann. Sein Deutsch war trotzdem schon sehr gut und ich hatte keinerlei Probleme mit ihm zu kommunizieren. Er fügte allerdings hinzu, dass zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen ab nächster Woche zweimal die Woche Nachhilfe anbieten.

An der Wand von A. entdeckte ich zwei Urkunden und Teamfotos vom TVE-E., woraufhin er nochmals von seinem Team und dem bevorstehenden Turnier am nächsten Tag erzählte. Er schien sehr glücklich zu sein. Trotzdem schob ich an dieser Stelle meine Frage bezüglich der negativen Erfahrungen / Erlebnisse ein, was er direkt verneinte. Er wiederholte, dass alle sehr nett zu ihm sind.

Als ich ihn fragte, ob er denn einen Job habe, oder zur Schule gehe, wirkte er dagegen gleich viel bedrückter. Er erzählt mir, dass er Arbeit hatte, welche allerdings befristet war und er auf der Suche nach einer Ausbildung sei. Ab 15.01.2019 hat er einen Nebenjob im Hotel „M.“ in E., was für mich sehr positiv klang, jedoch erzählte er mir, dass er schon sein erstes Interview hatte und bald das zweite kommt. Ich verstand im ersten Augenblick nicht was er mir vermitteln wollte. Mit Interview meinte er die erste Anhörung vor Gericht. Da er aus Afghanistan kommt, wurde ihm ein Abschiebeantrag zugestellt. Er sagt, wenn er keine Ausbildung findet muss er gehen. Nach einer kurzen Pause gesteht er mir, dass er einen riesigen Fehler gemacht habe. Letztes Jahr hatte er bei einer Heizungsbaufirma ein zweiwöchiges Praktikum und wurde danach wohl von seinem Chef gefragt, ob er denn seine Ausbildung dort anfangen möchte. A. wirkte ziemlich geknickt. Er fügte nochmals hinzu, dass er selbst schuld sei, er aber zu diesem Zeitpunkt die Hoffnung hatte, er finde einen Beruf der mehr zu ihm passt. Außerdem hätte er einen weiteren Sprachkurs bestehen müssen um dort anfangen zu können, wofür wiederum das Geld fehlte. Aber er hofft, dass er vielleicht noch etwas findet vor der zweiten Anhörung.

Nach unserem Interview unterhielten wir uns noch ein wenig, wobei wir auf das Thema Wohnungsmarkt kamen und er mir erzählte, dass er schon lange auf der Suche nach einer Einzimmerwohnung oder einem WG-Zimmer sei, er ohne Aufenthaltsgenehmigung aber keine Chance habe, was ich sehr unfair fand. Denn in der jetzigen Unterkunft sind die Umstände wirklich unmöglich. Er teilt sich mit einem Syrer das Zimmer, mit dem er sich wohl auch sehr gut versteht, aber er sagt, dass die Zimmernachbarn links und rechts so laut wären und er nie zum Lernen kommt.

Nachdem wir uns verabschiedet haben ging ich zu meinem zweiten Interviewpartner, I. (27), welcher aus Syrien hierherkam.

Er bot mir direkt einen Tee und Gebäck an, was das Ganze etwas auflockerte.

Ich erklärte auch ihm um was es genau geht und stieg dann direkt mit der ersten Frage ein. Auch er erzählte mir zunächst etwas über seine Flucht aus Syrien und wie er es hergeschafft hat. In seiner Heimat wurde er wohl von der Polizei so zugerichtet, dass er 8 Monate nicht mehr laufen konnte und erst dann flüchten konnte. Inzwischen geht es seinem Bein aber wieder sehr gut, da er in Deutschland wohl direkt ärztlich behandelt wurde.

Auf meine Frage, wie die Zeit nach seiner Ankunft hier war, antwortet er, dass es zunächst sehr schlimm war, da die Umstände in den Containern wohl katastrophal waren. Er erzählte, dass er 18 Monate dort untergebracht wurde und es sehr kalt war. Außerdem beschwerte er sich über die Afrikaner, die mit ihm dort gewohnt haben, da deren Verhalten wohl sehr unsittlich war und sie jede Nacht laut Musik gehört haben und betrunken waren. Auf meine Nachfrage, ob er denn Unterstützung bekam, reagierte er allerdings sehr positiv. Er erzählte mir, dass auch er direkt mit dem Nötigsten ausgestattet wurde und von Anfang an einen Sprachkurs belegt habe.

Auf meine nächste Frage bezüglich Arbeit/Ausbildung ging er selbst über, indem er mir erzählte, dass er durch eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des AK-Asyls eine Ausbildung als Koch vermittelt bekommen hat. Damit hatte sich auch meine Frage bezüglich Deutschunterrichts erledigt, da er für eine Ausbildung B2 erreicht haben muss oder diesen währenddessen ablegen. Seine Ausbildung macht er bei der „S.“ in S. und ist sehr zufrieden. Er erzählt mir, dass seine Kollegen sehr nett seien und ihn von Anfang an in ihre Gespräche integriert haben. Das Praktische macht ihm wohl am meisten Spaß, die Schule sei wegen der sprachlichen Barriere teilweise sehr schwer für ihn. Sein Deutsch klingt allerdings sehr gut, weshalb ich mir sicher bin, dass er die Ausbildung gut meistern wird.

Ich hakte an dieser Stelle noch ein bisschen nach und wollte wissen, ob er mit seinen Kollegen auch in seiner Freizeit was unternehme. I. meinte daraufhin, dass sie leider nur sehr selten was machen, da die anderen wohl sehr beschäftigt seien. Aber manchmal würden sie nach ihrer Schicht noch was zusammen trinken gehen. Er schien sehr zufrieden mit seiner Arbeit.

Ich zog meine Frage, ob er sich in unserer Gesellschaft akzeptiert fühle, oder immer noch „fremd“ fühlt, vor, da sie gerade gut ins Gespräch passte. Er sagte alle seien ihm gegenüber bisher nett und hilfsbereit gewesen, er habe aber von Bekannten, welche in anderen Städten untergebracht wurden, viel Negatives gehört. Wiederholte daraufhin nochmal wie gut unsere Stadt sei und dass er sehr glücklich ist hierhergekommen zu sein.

Ich hatte an diesem Punkt eigentlich keine Frage mehr übrig, da er auf alle Punkte selbst eingegangen ist, allerdings interessierte mich, ob er auf Wohnungssuche ist oder weiterhin in der Flüchtlingsunterkunft bleiben möchte.

I. erzählte mir, dass er gerne mit einem Freund aus derselben Unterkunft in eine Wohnung ziehen würde, sie bisher allerdings nur Absagen aufgrund ihrer Herkunft bekommen haben. Das tat mir sehr leid, weshalb ich an diesem Punkt nicht weiter nachhaken wollte.

Um mir ein Bild seitens der ehrenamtlichen Helfer machen zu können, habe ich noch ein Interview mit einer Mitarbeiterin des AK-Asyls organisieren können. Sie sagte mir, dass sie leider nicht viel Zeit habe, weshalb ich mich auf ein paar wenige Fragen beschränkte.

Ich: Okay, super, dass das noch so spontan geklappt hat, ich fange am besten direkt an, seit wann sind Sie denn schon ehrenamtlich aktiv beim AK-Asyl?

Frau S.: Ähm du darfst mich gerne duzen. Genau ich bin jetzt glaube ich ungefähr seit einem Jahr, ich habe ja im Januar letztes Jahr war das, da habe ich angefangen.

Ich: Ok, dann würde ich gerne wissen, was du unter einer gelungenen Integration verstehst. Ja, kannst du da irgendwie ein paar Punkte nennen, was du als erfolgreiche Integration bezeichnen würdest?

Frau S.: Ja, ich finde das immer ein bisschen schwierig, aber ich glaube der allerwichtigste Punkt überhaupt ist die Sprache, ich merk das auch total, sobald die Flüchtlinge, mit denen ich zusammenarbeite einfach besser Deutsch sprechen können sind die ja also ist einfach keine Unsicherheit mehr da, weil einfach diese Sprachbarriere nicht so extrem ist. Deshalb da fällt es Ihnen viel leichter auf Leute zuzugehen. Das erzählen sie mir dann auch beim Einkaufen und so weiter und sofort wenn man Erledigungen machen muss. Da fällt es natürlich viel leichter sich zu integrieren in eine Gesellschaft, wenn man die Sprache spricht, also das kennt man ja auch von sich selber, wenn man im Ausland ist oder so und man kann die Sprache nicht, da fängt man dann auch nicht an irgendwie groß mit Einheimischen zu sprechen, deshalb genau, also sprach ist das A und O auch für die Ausbildung natürlich oder beziehungsweise für Jobs, wenn man sich bewirbt, was auch ein ganz, ganz wichtiger Punkte ist um sich zu integrieren, da da ist es natürlich auch der wichtigste Punkt bei der Bewerbung, dass man einfach gut deutsch spricht, genau.

Ich: Ok, gut, ja, ich würde gerne wissen, ob sie denken, dass es trotz der unterschiedlichen Religionen und Kulturen möglich ist sich zu integrieren oder würdest du sagen, wenn sie ihre beibehalten und sich auf unsere Traditionen beispielweise nicht einlassen, ist es nicht möglich sich zu integrieren?

Frau S.: Also, da würde ich auf jeden Fall sagen, dass es nicht stimmt, also ich bin der Meinung, dass es auch funktionieren kann, wenn jeder seine eigene Kultur mit ins Land bringt, oder bestimmte Dinge auch beibehält, gerade sowas wie Feiertage. Wir haben hier auch in Deutschland so viele türkischstämmige Menschen, da ist das Zuckerfest beispielsweise auch immer ganz groß und das heißt deshalb ja nicht, dass wir uns gegenseitig einschränken was die Feiertage angeht, also, ich glaube absolut, dass es nebeneinander irgendwie existieren kann, die verschiedenen Kulturen und Religionen. Das muss halt so sein, dass jeder irgendwie respektiert wird, dass einfach so ein Respekt untereinander herrscht, also bei uns ist ja zum Beispiel auch an Weihnachten, also da muss ja dann auch niemand arbeiten gehen und das gilt ja dann auch für alle und ich habe da auch im Asylkreis bzw. im Flüchtlingsheim ganz ganz viel auch, da habe ich sogar Weihnachtsgeschenke gekriegt. Also da ist es so, dass es auch positiv aufgenommen wird.

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668927476
ISBN (Buch)
9783668927483
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457888
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Schlagworte
portfolio integration geflüchteten deutschland eine forschungsarbeit sicht

Autor

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Titel: Portfolio zur Integration von Geflüchteten in Deutschland