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Digitalisierung. Welche Chancen und Risiken hat sie für den Journalismus?

von Lina Holl (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 53 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Traditionelles Berufsbild Journalist
2.1 Definition
2.2 Ausbildung
2.3 Kommunikationsabsichten

3 Forschungsdesiderat

4 Forschungsdesign
4.1 Methodisches Vorgehen
4.2 Leitfaden
4.3 Pretest
4.4 Durchführung und Auswertung
4.5 Interviewpartner

5 Auswertung
5.1 Berufsbild des Journalisten
5.2 Struktur der Redaktion
5.3 Interaktion mit den Rezipienten
5.4 Steigender Aktualitätsdruck
5.5 Chancen der Digitalisierung
5.6 Risiken der Digitalisierung

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

8 Leitfaden

9 Transkribierte Interviews

1 Einleitung

Die Digitalisierung hat einen enormen Einfluss auf die Kommunikation der Menschen. Ein Bereich, der sehr stark von diesen Veränderungen betroffen ist, ist der Journalismus. Das Internet eröffnete den Redaktionen eine Vielzahl an neuen Vertriebswegen, mit denen sie die Menschen mit ihren Beiträgen erreichen können. Der schnelle technologische Wandel bringt stetig neue Innovationen hervor, wie Endgeräte oder verbesserte Vertriebskanäle. Die Journalisten müssen diese neuen Trends rechtzeitig erkennen und für ihre Arbeit nutzen, um die breite Masse erreichen zu können. Das Berufsbild des Journalisten ist durch diese fundamentalen und schnellen Veränderungen im Wandel.

Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, in wie weit sich die Rolle des Journalisten durch dir Digitalisierung verändert hat. Dabei wird sich auf die Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland konzentriert. Um die Forschungsfrage zu beantworten, soll auf die Veränderungen in den Bereichen des Berufsbildes, der Struktur der Redaktionen, der Interaktion mit den Rezipienten und des Aktualitätsdruckes eingegangen werden. Aus den dargelegten Bereichen ergeben sich einige Vor- und Nacheile für die Arbeit des Journalisten sowie Fragen über die Meinung und Bewertung des veränderten Rolle des Journalisten. Um diese zu beantworten soll zunächst eine Vorstellung des traditionellen Berufsbildes des Journalisten stattfinden. Traditionell bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das Berufsbild vor oder am Anfang der Digitalisierung thematisiert wird. Aus der fundierten Literatur und empirischen Studien aus den Jahren 1993 und 2005 wird daraufhin das Forschungsdesiderat vorgestellt. Um dieses mittels qualitativen Informationen zu schließen, sollen anschließend Experteninterviews mit drei Journalisten aus öffentlich-rechtlichen Nachrichtenredaktionen in Deutschland mittels eines leitfadenbasierten Fragebogens stattfinden. Die erlangten Daten werden abschließend miteinander verglichen und diskutiert.

2 Traditionelles Berufsbild Journalist

Zu Beginn soll versucht werden eine Definition des traditionellen Berufsbildes der Journalisten zu formulieren.

2.1 Definition

Eine allgemeine Definition von Journalismus zu formulieren erweist sich als kompliziert, da „Journalismus eben nicht gleich Journalismus [ist]“ (Mast 1999, 32). Denn das Berufsverständnis eines Redakteurs, der bei einer Boulevardzeitung arbeitet, unterscheidet sich von dem eines Redakteures, einer internationalen Zeitung (vgl. ebd.) Doch auch in diesen heterogenen Verständnissen, lassen sich allgemein gültige Gemeinsamkeiten erkennen.

Die Definition eines Journalisten kann anhand des Berufes festgemacht werden. Dazu ist zunächst zu erwähnen, dass der Beruf des Journalisten in Deutschland frei ist. Das bedeutet, dass sich jeder nach Artikel 5 des Grundgesetztes auf die Meinungsfreiheit beziehen kann, sich Journalist nennen kann und als Journalist arbeiten darf ohne zuvor eine spezielle Ausbildung oder Prüfung absolvieren zu müssen (vgl. Weischenberg et al 2006, 13). Laut Brendel (1976, 16) ist Journalismus, der „Haupt- oder Nebenberuf von Personen, die sich mit dem Sammeln, Sichten, Prüfen und Verbreiten von Nachrichten oder mit der Kommentierung aktueller Ereignisse befassen“. Zudem ist die „Periodizität des Mediums“ (ebd.) ein Kriterium für journalistisches Arbeiten, um das Schreiben von Büchern aus der Definition auszuschließen. Somit ist Journalist, wer fest oder frei angestellt ist bei der „Presse und Rundfunk, Agenturen [oder] Pressedienste[n]“ (Koszyk/Pruys 1981, 96, zit. in: Scholl/Weischenberg 1998, 28). Die hauptsächlichen Tätigkeiten von Journalisten bestehen aus: „Recherchieren, Dokumentieren, Auswählen, Redigieren, Formulieren, Kommentieren, Bewerten, Bearbeiten, Präsentieren, Planen und Organisierung“ (vgl. Mast 1999, 35ff).

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit der Definition über die den Journalisten zugewiesenen Aufgaben, welche aus gesellschaftlichen, historischen, rechtlichen und ethischen Vorgaben entstanden sind“ (vgl. Scholl/Weischenberg 1998, 29). Dies sind Leitbilder, an denen sich die Journalisten bei ihrer Arbeit orientieren und dabei wissen, dass sie diese Ziele nie ganz erreichen können (vgl. Mast 1999, 32). Zu diesen gehören „Information, Kritik und Kontrolle sowie (politische) Bildung und Erziehung“ (Scholl/Weischenberg 1998, 29). Aufgrund ihrer Kontrollfunktion, gilt Journalismus auch als vierte Gewalt mit Funktion als „Wachhunde der Gesellschaft“ (Mast 1999, 33). Durch die Erfüllung dieser Aufgaben soll der Journalismus „Orientierungs- und Integrationsleistung erbringen“ (ebd.).

Die Erfüllung dieser Aufgaben ist für Journalisten in Deutschland durch die normative Grundlage realisierbar, welche hauptsächlich auf der Meinungs- und Pressefreiheit (Art. 5 GG) aufbauen. Durch Verankerung im Grundgesetz und im Presserecht, stehen Journalisten Privilegien zu, wie beispielsweise der Auskunftsanspruch (§ 4 Thüringer Pressegesetz), Informantenschutz oder Zeugnisverweigerungsrecht. Ebenfalls gesetzlich geregelt sind die Anforderungen an die Presse. Diese sind unter anderem die journalistische Sorgfaltspflicht (§ 5 TPG) und die Offenlegungspflicht (§ 8 TPG).

Journalisten sind in ihrer Arbeit um objektive Berichterstattung und eine größtmögliche Neutralität bemüht, die keinerlei persönliche Meinung oder Wertung enthält. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die neutrale Verbreitung von Informationen an die Menschen der Gesellschaft (vgl. Mast 1999, 32f). Dies soll nach den „Kriterien wie Wahrheit, Vollständigkeit, Transparenz und Neutralität [geschehen]“ (Scholl/Weischenberg 1998, 181). Zusätzliche Anforderungen an Journalisten sind, eine gute Allgemeinbildung und die handwerkliche Beherrschung der journalistischen Tätigkeiten, wie das Selektieren von Informationen und das Organisieren der Arbeit (vgl. Mast 1999, 38). Laut Weischenberg et al. (2006, 13) sind „[g]ut ausgebildete, mutige, reflektierende Personen, die uns ins richtige Bild setzen können, Orientierung geben, glaubwürdig sind und frei von Vorurteilen [sind]“ die richtigen Journalisten für die Gesellschaft.

2.2 Ausbildung

Da der Beruf Journalist in Deutschland frei zugänglich ist (vgl. Weischenberg et al. 2006, 13) gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten um diesen Beruf ausüben zu können. Angebote zur Ausbildung zum Journalist sind unteranderem „Volontariate, Journalistenschulen oder die Journalistik-Studiengänge der Universitäten“ (Mast 1999, 15 f). Während der journalistischen Ausbildung war es notenwendig sich individuell für einen Ausspielweg zu entscheiden (Mast 1999, 15 f). Im Jahr 1998 waren laut einer Studie von Scholl/Weischenberg (1998, 224) die Journalisten durchschnittlich 37 Jahre alt und zu 2/3 männlich. Von den befragten Personen haben 2/3 einen Hochschulabschluss absolviert.

2.3 Kommunikationsabsichten

Genauere Informationen über das traditionelle Berufsbild der Journalisten in Deutschland lassen sich aus einer der ersten repräsentativen Befragung von deutschen Journalisten entnehmen. In ihrer Studie „Journalismus in Deutschland“ befragten Armin Scholl und Siegfried Weischenberg im Jahr 1993 rund 1300 Journalisten schriftlich und telefonisch zu ihrem Beruf.

Ein interessanter Aspekt des Berufsbildes stellen die Ergebnisse der Kommunikationsabsichten der Journalisten dar. Hierbei wurden die Journalisten gebeten die einzelnen Kommunikationsabsichten zu bewerten, wobei 1 der Skala „trifft überhaupt nicht zu“ und 5 der Skala „trifft voll und ganz zu“ bedeutet. Alle Kommunikationsabsichten wurden sowohl für das Rollenverständnis als Journalist und als auch für die Handlungsrelevanz erhoben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Kommunikationsabsichten 1993 (Scholl/Weischenberg 1998, 165)

Die repräsentativen Daten belegen, dass die primäre Absicht der Journalisten das neutrale und präzise Informieren des Publikums sei. Gefolgt von der Erklärung und Vermittlung komplexerer Sachverhalte und das Publikum möglichst schnell zu informieren (Scholl/Weischenberg 1998, 164).

Es lassen sich Unterschiede in den Ergebnissen des Rollenverständnisses und der Handlungsrelevanz erkennen. Die wichtigste Handlungsrelevanz ist laut den Ergebnissen von Scholl/Weischenberg „Nachricht ohne Bestätigung des faktischen Inhalts nicht zu bringen“. Gefolgt von „Publikum möglichst schnell informieren“ und „Unterhaltung und Entspannung bringen“. Ein interessantes Ergebnis lässt sich bei der Kommunikationsabsicht „Nachricht ohne Bestätigung des faktischen Inhalts nicht zu bringen“ erkennen, welcher mit 3.62 einen relativ niedrigen Zustimmungsgrad in dem Rollenverständnis erlang hat. Die hohe Standardabweichung belegt, dass es sich um die umstrittenste Absicht handelt. Der hohe Zustimmungsgrad in der Handlungsrelevanz sagt aus, dass bei Journalisten in der Praxis diese Absicht einen hohen Stellenwert einnimmt. Laut Scholl/Weischenberg (1998, 16) „[…] werden hiermit bereits ethische Fragen berührt, unter welchen Umständen die Sorgfaltspflicht zugunsten des Aktualitätsangebots zurückgenommen werden kann“.

Ansonsten ist zu sehen, dass die Kommunikationsabsichten der Journalisten auch mit den Absichten und Funktionen des Journalismus (vgl. Kapitel 2.1) übereinstimmen.

3 Forschungsdesiderat

Durch die zunehmende Digitalisierung haben sich die Rahmenbedingungen der journalistischen Arbeit und die Anforderungen an die Journalisten stark verändert. Zudem wurden durch das Internet neue Aufgabengebiete erschlossen. Die vorliegende Seminararbeit soll die Forschungsfrage beantworten, in wie weit sich die Rolle der Journalisten durch die Digitalisierung verändert hat. Ausgehend von den vorrangegangenen theoretischen Grundlagen und empirischen Studien, bilden sich einige Unterfragen heraus, die zur Beantwortung der Forschungsfrage beitragen sollen.

- Wie hat sich das Berufsbild der Journalisten, seine Aufgaben und Anforderungen durch die Digitalisierung verändert?
- Wie haben sich die Strukturen und der Aufbau der Redaktionen durch die Digitalisierung verändert?
- Wie wird mit der schnelleren Interaktion mit den Rezipienten umgegangen?
- Wirkt sich der steigende Aktualitätsdruck negativ auf den journalistischen Inhalt und die Sorgfalt der Recherchen aus?
- Welchen Risiken und Chancen sehen Journalisten durch die neuen technologischen Rahmenbedingungen für ihre Arbeit?

4 Forschungsdesign

4.1 Methodisches Vorgehen

Um das der vorliegenden Studie zugrundeliegende methodische Vorgehen zu erläutern, muss zunächst zwischen der Art der Messung, qualitativ oder quantitativ, unterschieden werden. Bei einer quantitativen Untersuchung wird das Ziel verfolgt, repräsentative Aussagen über quantitative Merkmalsverteilungen in der Grundgesamtheit treffen zu können (vgl. Zerr 2003, 9). Dabei stehen wenige Merkmale im Fokus, welche auf einer zahlenmäßigen breiten Basis mittels Zahlenwerten erhoben werden (vgl. Brosius et al. 2016, 4). Ein qualitatives Verfahren betrachtet hingegen ein komplexes Phänomen aufgrund von subjektiven Begründungen von wenigen Teilnehmern (vgl. ebd). Auch in der vorliegenden Arbeit wird ein komplexes Phänomen betrachtet, welches sich nur schwer durch Zahlenwerte begründet lässt. Es bedarf vielmehr subjektive und detaillierte Begründungen, Meinungen und Erfahrung einzelner Journalisten über die aktuelle Situation in der Redaktion eines deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders. Daher wird im Folgenden eine qualitative Messung und Auswertung durchgeführt. Die notwendigen Daten zur Beantwortung der Forschungsfrage, werden mittels einer Befragung erhoben. Nach Möhring und Schlütz (2010, 14) stellt „[d]ie Befragung […] das einzig sinnvolle Verfahren zur Ermittlung von Meinungen, Wissen und Wertvorstellungen [dar].“ Um sicherzustellen, dass die Methode wiederholbar ist und die Daten vergleichbar sind, wird die Methode des Leitfadeninterviews durchgeführt (vgl. Flick 2016, 184). Der Leitfaden soll dem Gespräch eine Struktur geben und dafür sorgen, dass alle wichtigen Fragen gestellt werden (vgl. Mayer 2013, 37). Eine Form des Leitfadeninterviews ist das in der vorliegenden Studie durchgeführte Experteninterview. Dabei stehen die Befragten nicht als Privatperson im Mittelpunkt, sondern sie repräsentieren eine Gruppe (vgl. Flick 2016, 214), in diesem Fall die Berufsgruppe der Journalisten in einem deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunksender. Da es sich hier um eine qualitative Untersuchung handelt, wird ein halb-standardisiertes Interview durchgeführt (vgl. Brosius et al 2016, 107). Das bedeutet, der Interviewer kann von dem Leitfaden abweichen und wenn nötig detaillierter bei dem Befragten nachfragen (vgl. Mayer 2013, 36f). Die Experteninterviews sollen telefonisch durchgeführt und aufgezeichnet werden, um anschließend transkribiert und ausgewertet werden zu können. Die Interviewpartner sollen Experten auf ihrem Gebiet sein. Durch die Ausübung des Berufs Journalist in einer Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders über mehrere Jahre, ist diese Anforderung erfüllt.

4.2 Leitfaden

Aufbauend auf den theoretischen Vorüberlegungen, wird der Leitfaden des Experteninterviews erstellt. Dabei wurde unterschieden zwischen Testfragen und Funktionsfrage. Mit Testfragen werden die für die Studie relevanten Informationen erhoben, während Funktionsfragen vor allem für den Aufbau und die Struktur des Interviews verwendet werden (vgl. Brosius et al. 2016, 98ff.).

Zu Beginn wird eine Eisbrecherfrage, ein Subtyp einer Funktionsfrage, gestellt, um eine lockere Interviewsituation zu schaffen. Diese Antworten finden bei der späteren Auswertung keinerlei Beachtung, sondern dienen ausschließlich der Einstimmung auf das Gespräch (vgl. ebd., 101). Für die vorliegende Studie wurde die Eisbrecherfrage „Auf welchem Endgerät lesen Sie die Nachrichten?“ gewählt. Dies sollte auf das Thema Journalismus und Digitalisierung einstellen.

Der weitere Leitfaden wurde unterteilt in fünf Unterkapitel, die jeweils einen anderen Themenbereich abdeckten. Die Unterkapitel lauten Struktur der Redaktion, Interaktion mit den Rezipienten, Steigender Aktualitätsdruck, Berufsbild des Journalisten und Persönliche Fragen.

In den einzelnen Unterkapiteln wurden sowohl Sachfragen, als auch Meinungs- und Einstellungsfragen gesellt, welches Subtypen von Testfragen sind (vgl. ebd. 98f).

Beispiele für gestellte Sachfragen sind:

„Auf welchen Kanälen veröffentlichen Sie Ihre Beiträge online?“

„Wo bekommen Sie die Informationen über die nachrichtenrelevanten Ereignisse her?

„Wie wird entschieden über welche Themen berichtet wird und auf welche Art und Weise berichtet wird?“

„Findet die Recherchearbeit bei Ihnen automatisiert oder zum Teil automatisiert statt?“

Diese Fragen sollen die Befragten beantworten können, „ohne groß nachdenken [zu müssen]“ (ebd.).

Beispiele für verwendete Meinungs- und Einstellungsfragen sind:

„Sind Sie der Meinung, dass sich der Aktualitätsdruck negativ auf die Qualität der Recherche oder Qualität des Inhaltes ausüben kann?“

„Wie bewerten Sie die Möglichkeit der schnelleren Kommunikation mit den Lesern?“

„Die Digitalisierung hat die Rolle oder das Berufsbild des Journalisten in den letzten Jahren stark beeinflusst. Welche Chancen sehen Sie in dieser Entwicklung für den Journalismus? Welche Risiken sehen Sie?“

Bei diesen Fragen soll etwas über dir persönliche Meinung und Einschätzung der Journalisten herausgefunden werden.

Das Kapitel mit den persönlichen und soziodemographischen Fragen gehört zu den Funktionsfragen und wurde bewusst an das Ende des Gesprächs gesetzt. Dies soll verhindern, dass der Befragte das Gespräch früher beendet, da die Fragen einerseits als langweilig empfunden werden können, andererseits als zu persönlich eingestuft werden können (vgl. ebd. 104).

Beispiele für gestellte soziodemographische Fragen sind:

„Wie lautet Ihre genaue Berufsbezeichnung?“

„Wie lange arbeiten Sie bereits als Journalist?“

„Wie alt sind Sie?“

Diese Fragen sollen zur Orientierung dienen und sicherstellen, dass es sich bei den Befragten um Experten aus dem Journalismus handelt.

Insgesamt wurde darauf geachtet, bei den Experteninterviews vermehrt offene Fragen zu stellen (vgl. Mayer 2013, 43). Der gesamte Leitfaden kann im Anhang der Seminararbeit eingesehen werden.

4.3 Pretest

Vor der tatsächlichen Durchführung der Experteninterviews, wurde ein Pretest durchgeführt. Dieser soll die Verständlichkeit und Formulierung der Fragen im Leitfaden überprüfen (vgl. Brosius et al. 2016, 131). Nach der Durchführung des Pretests am 3. Februar 2017 mit einem Masterstudenten der TU Ilmenau, wurde einige Formulierungen der Fragen angepasst und die Reihenfolge der Fragen teilweise verbessert.

4.4 Durchführung und Auswertung

Die Durchführung der Interviews fand zwischen dem 9. Februar 2017 und 21. Februar 2017 statt. Ein Interview wurde face-to-face durchgeführt, die anderen telefonisch. Nach dem ersten Interview, welches face-to-face stattfand, musste der Fragebogen leicht überarbeitet werden, da wichtige Aspekte von dem Befragten genannt wurden, die noch nicht im Fragebogen aufgenommen waren. Dabei handelte es sich um die Struktur der Redaktion. Da durch das Anpassen des Fragebogens nun alle Experten sich zu der Struktur der Redaktion äußern konnten, hat dies keinen Einfluss auf die Ergebnisse. Die Interviews wurden mit Einwilligung der Beteiligten aufgenommen, transkribiert und anschließend anonymisiert.

Um die, im Forschungsdesiderat vorgestellten Unterfragen zu beantworten (vgl. Kapitel 3) werden die Fragen aus dem Leitfaden den einzelnen Unterfragen zugeordnet. Zur Beantwortung der Frage bezüglich des Berufsbildes der Journalisten werden die Antworten auf die Fragen 15 bis 20 herangezogen. Die aktuelle Struktur der Redaktionen soll mittels der Fragen 1 bis 7 beantwortet werden. Einschätzungen der Experten über die veränderte Form der Interaktion mit den Rezipienten sollen die Fragen 8 bis 11 geben. Der steigende Aktualitätsdruck wird anhand eines aktuellen Beispiels in dem Fragen 13 und 14 thematisiert. Die Chancen und Risiken, die die Journalisten in der Entwicklung des Journalismus sehen, werden mit den Fragen 12 und 19 erfasst. Anschließend werden die Antworten der Experten miteinander vergleichen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede benannt und das Ergebnis diskutiert.

4.5 Interviewpartner

Insgesamt wurden drei Journalisten interviewt, die jeweils in der Redaktion eines deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders arbeiten. Zwei der befragten Experten sind weiblich und ein Experte ist männlich. Im Folgenden werden die Experten als E1 bis E3 bezeichnet. Ein Experte gab als Berufsbezeichnung Redaktionsleitung an, ein Experte CvD und die dritte befragte Person ist als Korrespondentin tätig und für die Koordination in der Redaktion zuständig. Zwei der Befragten sind bei demselben Rundfunksender, nämlich dem Mitteldeutschem Rundfunk (MDR) angestellt. Jedoch in unterschiedlichen Formaten und auch an unterschiedlichen Standorten. Der dritte Experte ist bei der ARD angestellt. Alle Experten sind in Nachrichtenredaktionen tätig. Bei einem Experten werden mit den Nachrichten hauptsächlich die Bürger aus einem Bundesland angesprochen, bei dem zweiten Experten werden die Bürger aus drei Bundesländern angesprochen und bei dem dritten Experten werden die Bürger aller Bundesländer Deutschlands angesprochen. Die befragten Journalisten sind durchschnittlich 46 Jahre alt und arbeiten durchschnittlich seit 24 Jahren als Journalist. Die geringste Berufserfahrung der Befragten liegt bei 18 Jahren und die höchste bei 30 Jahren. Die Ausbildung der Experten ist unterschiedlich. Alle Drei haben die Schule mit Abitur abgeschlossen. Ein Experte hat anschließend ein Volontariat absolviert und ist bei dem Sender geblieben. Ein anderer Experte hat zunächst studiert und ist daraufhin mit einem Volontariat bei dem Sender eingestiegen. Der dritte Experte hat eine Redaktionsausbildung an einer Journalistenschule und gleichzeitig ein Studium absolviert. Die Befragten sprechen alle Deutsch und Englisch. Einer der Befragten spricht zusätzlich Russisch und einer Französisch und Italienisch.

Zwei der drei Experten haben sich bei der Berufswahl bewusst für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk entschieden. Als Begründung wurde genannt, dass bei dem Sender „eine Vielfalt geboten [wurde], die es wo anders kaum gab“ (E1). Außerdem können die Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sich mehr Zeit nehmen und seien nicht „Quotengetrieben“ (E2). Dadurch können sie über die Themen berichten, die wirklich wichtig sind und „die Menschen da draußen wissen [müssen], um auch zu wissen wie wir als Gesellschaft funktionieren“ (E2). Der dritte Experte hat sich nicht bewusst für öffentlich-rechtlichen Rundfunk entschieden, sondern wollte weiterhin Qualitätsnachrichten machen.

5 Auswertung

5.1 Berufsbild des Journalisten

Um das Berufsbild des Journalisten aus der Sicht von der Experten zu erfassen, wurde gefragt was ein Journalist mitbringen müsse um von den Experten eingestellt zu werden. Die Eigenschaft, die ein Journalist vor allem aufweisen muss ist Neugier (E1, E2). Er muss Antworten hinterfragen und „[darf] sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden geben“ (E2). Außerdem muss er „für den Journalismus brennen“ (E1) und „ein sehr gutes Allgemeinwissen aufweisen“ (E1). Von Vorteil ist darüber hinaus auch das Verfügen über ein „Spezialwissen […]. Dabei kann es sich auch um etwas wie Jura, Biologie oder Theologie handeln“ (E1). Denn „[w]enn jemand ein großes Interesse in einem Gebiet aufweist, können [die anderen Mitarbeiter der Redaktion] davon nur profitieren“ (E1). Ein Journalist muss die Fähigkeiten besitzen, zu wissen wie Themen korrekt recherchiert werden, Informationen eingeordnet und validiert werden und er muss „komplexe Thematiken erfassen […] und für den Bürger verständlich machen [können]“ (E3).

Die Funktionen, die der Journalismus heute einnimmt, ist die eines „Stützpfeilers der Gesellschaft“ (E2). Der Journalist muss immer darauf bedacht sein, „diese Werte […] zu wahren und zu verteidigen.“ Dies können Journalisten leisten, indem sie „ganz viel zur Pluralität dieser Gesellschaft beitragen“ (E2). Eine weitere Funktion ist das „verständliche [Berichten] über die Probleme“ (E3).

Die Ausbildung, die ein Journalist heute absolviert haben muss ist „ein Volontariat und „gerne ein Studium“ (E2). Das wichtigste an der Ausbildung ist jedoch für Experte 2, dass diese trimedial stattfindet. Denn „[e]s reicht heute nicht mehr nur für eine Zeitung geschrieben zu haben oder ein bisschen Fernsehen gemacht zu haben“ (E2). Journalisten müssen mindestens zwei Ausspielwege beherrschen, wovon einer auf jeden Fall online sein sollte. Auch für Experte 3 ist eine „professionelle journalistische Ausbildung“ (E3) wichtig.

Alle drei Experten sind sich einig, dass die Anforderungen an die Journalisten an den letzten Jahren angestiegen sind. Die „Journalisten müssen flexibler sein. Sie müssen offen für neue Möglichkeiten und Entwicklungen sein und auch Verständnis dafür haben“ (E1). Außerdem müssen sie zumindest zwei Ausspielwege beherrschen (vgl. E2). Des Weiteren merkt Experte 3 an, dass sich im Beruf der Journalisten eine „laufende Beschleunigung beobachten [lässt]“ (E3). Der Journalist muss heute „immer schneller auf hoch komplexe Nachrichten reagier[en]“. Diese Beschleunigung kommt zum einen durch die Digitalisierung aber auch durch die Globalisierung, da diese die Komplexität von Themen enorm vergrößert. Als Beispiel führt E3 das Thema Flüchtlinge an. „Da macht es eigentlich keinen Sinn nur über die deutsche Situation zu reden, weil es weltweit ein Thema ist. Es müssen also auch internationale Zusammenhänge erkannt und erklärt werden“ (E3).

Zusammen mit dem Berufsbild hängt auch, wer sich in der heutigen Zeit als Journalist bezeichnet. Da es sich dabei nicht um eine feste Berufsbezeichnung handelt (vgl. Kapitel 2.2), nennen sich einige Blogger und YouTuber ebenfalls Journalist. Für die Experten gehört zu journalistischer Arbeit Qualität (E1), Hintergrundinformationen (E2) und professionelle Aufbereitung der Informationen (E3). Verbreiten die YouTuber und Blogger diese Qualität, dann sieht E1 kein Problem darin, sie als Journalisten zu bezeichnen. Für Experte 2 sind YouTuber und Blogger ohne journalistische Ausbildung keine Journalisten. Laut ihm gehört zum Journalismus mehr als nur das Verbreiten der subjektiven Wahrnehmung eines einzelnen. „Journalismus muss erklären warum ein Thema ist wie es ist. Dafür braucht es ein journalistisches Verständnis, das über die eigene Meinung hinausgeht“ (E2). Außerdem erfährt man in einer journalistischen Ausbildung „auch was da auch an Verantwortung mit dranhängt“ (E2). Experte 3 unterscheidet auch klar zwischen Journalismus und Youtuber/Bloggern und spricht sich dafür aus, dass „in Schulen die Medienkompetenz intensiv behandelt […] und auch als Schulfach unterrichtet [werden soll]“. Denn nur so können sie User zwischen subjektiver Information und „professionell aufbereiteter Information“ unterscheiden.

Auf die Frage, ob dich das Berufsansehen verändert hat, dadurch dass sich Blogger und YouTuber als Journalisten bezeichnen, gibt es unterschiedliche Meinungen der Experten. Experte 1 merkt dazu an, dass das Ansehen des Berufs nie hoch war. Außerdem könne er als Journalist das nicht beurteilen, das müsse von den Rezipienten aus gesehen werden. Eine ähnliche Meinung vertritt Experte 3, welcher sagt, dass der Beruf Journalist „nie in Gänze angesehen war“. Eine Verschlechterung des Ansehens wird von E3 nicht gesehen und sagt, dass er glaube „die BILD Zeitung [habe] im Laufe der Jahre dem Ansehen der Journalisten viel mehr geschadet“. Experte 2 ist hingegen der Ansicht, „dass das Bild verändert ist“. Dies wird damit begründet, dass die journalistische Arbeit schon immer sehr öffentlich war und viele Menschen eine Meinung dazu haben. Durch die Vielzahl an Plattformen im Internet können heute die Menschen einer sehr breiten Masse ihre Meinung präsentieren. Durch diese Entwicklung, „stehen [die Journalisten] natürlich in einem besonderen Fokus, wo die Menschen denken „na ok das kann ich ja auch alles schreiben“. Dass es aber nicht das schreiben alleine ist, sondern noch sehr viel mehr, damit muss man schon umgehen“ (E2).

Für die Zukunft sind alle drei Experten sehr zuversichtlich und sagen, dass der Beruf des Journalisten auch in 30 Jahren noch wichtig sein. Außerdem sagen sie, dass der Beruf nie völlig von Algorithmen abgelöst werden wird. Wichtige Faktoren für Journalismus seien Neugier und „eine Idee, die auch immer mit Emotionen verbunden ist“ (E1). Dies könne nicht von einem Algorithmus abgenommen werden. Auch für Experte 2 ist die Emotion ein wichtiger Faktor des Journalismus. Für die Zukunft sagt Experte 2, dass der Umgang mit Recherche und Informationen wichtiger werden würde. Experte 3 fügt dem noch hinzu, dass persönliche Gespräche mit beispielsweise Politikern ein wesentlicher Bestandteil des Berufes sei, was nicht maschinell geschehen könne.

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Details

Seiten
53
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668893719
ISBN (Buch)
9783668893726
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457962
Institution / Hochschule
Technische Universität Ilmenau
Note
1,0
Schlagworte
Journalismus Digitalisierung Zukunft Social Bots

Autor

  • Lina Holl (Autor)

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