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"I Am Body" - Die Erfahrung des Körperlichen als sinn- und identitätstiftendes Moment in Will Selfs Great Apes

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 13 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhalt

0 Einleitung

1 Ontologie und Anthropologie

2 Verlust

3 Disintegration

4 Körper

5 Verschwimmen der Grenzen

6 Pluralisierung

7 Quellennachweis

0 Einleitung

In Der Mensch als Affe schreibt Horst-Jürgen Gerigk: „Der Mensch als Affe ist der bildliche Ausdruck für das Unbehagen in der Kultur“[1]. Der Affe halte dem Menschen einen Spiegel vor und zeige ihm auf satirische Art, wie es in seinem Innern, hinter der Fassade der Zivilisation, wirklich aussieht. Er sei ein Sinnbild für das Gefühl, daß unser Verständnis vom Menschen als privilegiertem Lebewesen auf Sand gebaut ist.

Auch in Great Apes stehen Affen metaphorisch für eine fortschreitende Zersetzung des menschlichen Selbstverständnisses. In dieser Arbeit versuche ich, drei wesentliche Aspekte von Selfs Roman herauszuarbeiten:

(1) Great Apes beschreibt den Protagonisten in einer Identitätskrise.
(2) Diese Identitätskrise entsteht durch die Entfremdung vom eigenen Körper sowie den Verlust des menschlichen Selbstverständnisses in der modernen Welt.
(3) Die Hinwendung zurück zum Körper wird in diesem Zusammenhang als eine sinnstiftende Alternative gesehen.

1 Ontologie und Anthropologie

Brian McHale beschreibt postmoderne Literatur als dominant ontologisch. Das bedeutet nicht, daß andere philosophische Fragen ausgeblendet werden oder unbe­deu­tend sind, sondern daß sich in der Postmoderne der Zugang zu komplexen Problemen und Themen pri­mär über ontologische Fragestellungen erschließt. Als Beispiele führt er an: „Which world is this? What is to be done in it? Which of my sel­ves is to do it?”.[2] Aus diesen Leitfragen ergeben sich zwangsläufig anthro­polo­gische Fragen wie „Was ist der Mensch?“, „Was ist die Rolle des Menschen in der Welt?“. Die Fragen berühren wiederum als dritte Disziplin die Ethik, welche McHale bereits in seiner Frage „What is to be done in it?“ mit eingeschlossen hat.

Will Selfs Great Apes wird sowohl von ontologischen als auch anthropolo­gi­schen Fragen dominiert. Entwurzelung und Entfremdung von Gesellschaft und Zivilisation finden Ausdruck in Simons Wahrnehmung seiner Umwelt, die von Ablehnung, Abscheu und stiller Verzweiflung geprägt ist. Auch die Verwandlung in Affen steht metaphorisch, in überzeichneter Form, für diesen Verlust. Der Leser wird also auf zwei Ebenen mit Entfremdung konfrontiert: zum einen mittels der durch Simons Augen erlebten Spaltung, zum anderen durch den unerklärlichen, jegliche Logik entbehrenden plot twist. Der Übergang in die Affenwelt wird nicht aufgelöst und bleibt, abgesehen von seiner parodistischen und metaphorischen Komponente, genauso wenig wissenschaftlich begründet wie Kafkas Verwandlung. Self geht es dabei um die Übertragung der Entfremdung von der Hauptfigur auf den Leser. Das, was wir vorher nur als Wahrnehmung des Protagonisten erlebt haben, bekommen wir nun am eigenen Leib zu spüren.

Simons Verunsicherung, die wir als die eigene empfinden sollen, entspringt einer postmodernen, pluralisierten Weltsicht. Great Apes ist in mehrfacher Hinsicht davon durchzogen. Der Roman wird mit einem Zitat von Lévi-Strauss eingeleitet.[3] Lévi-Strauss ist der Begründer des französischen Strukturalismus und einer der bedeutendsten Anthropologen und Ethnologen. In Die elementaren Strukturen der Verwandt­schaft führt er die Entstehung der Kultur auf das Inzestverbot zurück, welches er als eine globale Regel betrachtet, der alle Menschen intuitiv zustimmen. In der Affen­welt wird auch dieser universale Nenner nichtig, es wird sozusagen das ursprünglichste Element menschlichen Selbstverständ­nisses annuliert.

Lévi-Strauss untersucht ferner das Verhältnis zwischen den sogenannten primitiven und den zivilisierten Völkern. In Das wilde Denken stellt er die These auf, daß es keinen qualitativen Unterschied im Denken der Naturvölker und dem der Zivilisation gibt: die Denkstrukturen funktionieren analog und sind ineinander übersetzbar. Lévi-Strauss’ Theorie widerlegt die Annahme, daß es einen fundamentalen Fort­schritt vom „wilden“ zum aufgeklärten Denken gebe. An dieser Stelle setzt auch Selfs Satire von den gebildeten, gelehrten Affen („great apes“) an.

Alles in allem werden zwei Grundannahmen der Aufklärung und unseres traditionellen Selbstverständnisses in Frage gestellt. Erstens die Son­der­stellung des Menschen: In der Welt der Affen werden menschliche Institutionen und Verhaltens­weisen mit Fäkalien, Gewalt und Sex entwürdigt. Self folgt der Tradition von Darwin, Freud und auch Lévi-Strauss, die den Menschen Stück für Stück vom Sockel gehoben und ihn immer weiter in die Nähe der Natur, des Tieres oder des sogenannten Primitiven gerückt haben.

Zweitens die Vorstellung einer Entwicklung, bzw. eines Fortschritts der menschlichen Gesell­schaft. Die These, daß es keine entscheidende Evolution des menschlichen Geistes gebe, spiegelt sich in Simons Fixierung auf das Körperliche, das Naturhafte wider.

2 Verlust

Simon steht paradigmatisch für die postmoderne Situation des Menschen. Er ist gezeichnet von Entfremdung und Abscheu vor seiner Umgebung. Das modische high life stößt ihn ab. Er mokiert sich beispiels­weise über die „shaven heads of a posse of style-victim cycle couriers“.[4] Auch seine Freunde und deren Partys erscheinen ihm trivial und ziellos:

Yes, we, they, us, we are children. Children playing like chimpanzees in the jun­gle gym of the night. [...] We are allowed to come here and behave thus, while elsewhere meaning resides.[5]

Verlust ist ein zentrales Motiv in Great Apes. Die Zeit zwischen der Scheidung von seiner Frau und Sarah empfindet Simon als „dark age“.[6] Die Tatsache, daß er sich in dieser Zeit unfähig fühlte seiner künstlerischen Betätigung jedweden Sinn abzugewinnen, zeigt seine Abhängigkeit von Anderen. Simons Sinnsuche knüpft bei seinen Mitmenschen an; die wichtigste Rolle spielen in diesem Zusammenhang seine Kinder. Als die wichtigsten traditionellen Sozialisierungsinstanzen werden oft Familie und Religion ge­nannt. Simons Familie aber ist zerbrochen, er klammert sich verzweifelt an die Erinne­rungen an seine Kinder. Die Religion kann ihm ebenfalls kei­nen Rückhalt bieten: „Sod the Father. Sod the Son, and piss on the Holy Ghost.“[7]

Ideelle Werte finden keinen Platz in der Welt wie sie von Simon prä­sen­tiert wird. Seine Beschreibung von London kreist fast ausschließlich um Materielles, sei­ne Wahrnehmung wird von körperlichen Aspekten dominiert. Mißstände werden als „amputation“[8] empfunden, die Beziehung zu seinen Kindern als eine sich endlos deh­nende Nabelschnur beschrieben.[9] Im Gegensatz zu Sarah spricht Simon nie von Liebe. Lie­be empfindet er nur unter Einwirkung von Ecstasy: „This very deep love he felt for [the girl]. Simon was, he realised, coming up on the E.“[10] Dieses vermeintlich tiefe Em­pfin­den ist jedoch ebenso trivial wie unbeständig.

Insgesamt erlebt Simon den Verlust eines sinnstiftenden frame of reference. Im postmodernen Verständnis der Welt gibt es keine fixen Bezugspunkte, von denen aus man endgültige Aussagen über Wahrheit oder Falschheit treffen könnte. ‚Wahr’ und ‚falsch’, ‚real’ und ‚irreal’ sind Begriffe, die nur innerhalb von Systemen Geltung haben. Diese sogenannte Kohärenztheorie läßt sich folgendermaßen auf den Punkt bringen:

The theory holds that the truth, or falsity, of a belief can be determined by dis­covering whether or not it meets the appropriate test coherence. [...] Truth is constituted by coherence amongst beliefs.[11]

Demnach lassen sich Aussagen die in der Menschenwelt wahr sind, nicht auf die Affenwelt anwen­den. Selbstverständlichkeiten wie „Menschen sind intelligenter als Affen“ haben dort keine Gültigkeit mehr. Das Einzige, das Simon bleibt, ist zu lernen, ein Affe zu sein, so wie er zuvor gelernt hat, ein Mensch zu sein. Darüberhinaus kann es keine Auflösung in dem Konflikt zwischen Menschen- und Affenwelt geben. Die Frage, welche Welt denn nun die echte sei, wird nicht beantwortet, weil sie nicht beantwortet werden kann.

3 Disintegration

Das Gefühl der Verlorenheit wird von Simon als physischer Schmerz empfun­den. Die Entfremdung durch die Großstadt erscheint in seinen Bildern als eine Verkrüp­pe­lung:

He hadn’t painted pictures that displayed the ideal couched within the real flesh, the real bone, the real blood. He had painted the unreal, the twisting and distressing of that body by the metropolis, [...].[12]

Simon erlebt diese Orientierungslosigkeit als Amputation, bzw. als Auflösung des Körpers („dis­corporation“[13] ). Die Menschen erinnern ihn an die gesichtslosen, willen­losen Skla­ven aus Langs dys­topi­schem Film „Metropolis“. Er beschreibt sie als „in­sectoid“[14], als leere exoskel­eta­le Hüllen. Sie scheinen körperlos, auf ein gepanzertes Äußeres re­du­ziert, welches nichts mit der weichen Verletzlichkeit des menschlichen Kör­pers gemein hat. Der exoskeletale Panzer kann nach Bedarf als Exuvie abgeworfen, ge­häu­tet und erneuert werden, was das Gefühl von Unbeständigkeit, Austauschbarkeit und Identi­täts­losigkeit bestärkt.

Heiner Keupp zufolge besitzen moderne Menschen keine einheitliche Identität. Nachdem wich­tige Sozialisierungsinstanzen in der westlichen Welt ihren Einfluß verloren haben und es somit keine ein­heitliche Sozialisierung geben kann, setzen sich Identitäten wie Flickenteppiche zu­sammen. Sie unterliegen nicht mehr einigen wenigen übergeordneten Leitideen, sondern werden nach Belieben zusammengestellt. Diese Patchwork-Identitäten sind variabel und zu einem großen Teil durch Werbung, Medien und Vorbilder aller Art beeinflusst. Simon greift diese An­sicht auf, wenn er seinen Widerwillen gegen fashion victims kundtut. Daß er selbst auch an dieser Form der Ich-Bildung und Selbstbestätigung teilhat, wird darin deutlich, daß das Wie­derer­kennen von Marken ihm entscheidend dabei hilft, nicht den Verstand zu verlieren und schließlich die Affen-Welt als die seine zu akzeptieren.

Die Auflösung des Körpers wird parallel gesetzt zur Auflösung der Identität, der Wirklichkeit und auch der Zivilisation. Die Zersetzung der Gesellschaft findet sowohl in Simons Fantasie als auch in Wirklichkeit statt. Seine Vision von einem plötzlichen Ausbruch von Ebola bei Ikea oder der Überfall serbischer Freischärler auf einen Nachtclub soll die Zerbrechlichkeit der westlichen Zivilisation zeigen. Zurück zur Barbarei und zum Chaos scheint es nur ein kleiner Schritt zu sein. Bei seinem Spaziergang durch London träumt er davon, wie King Kong den Oxford Circus heimsucht. Gleichzeitig fallen ihm Schlagzeilen von Massakern, von Akten roher Gewalt, in Ruanda und Jugoslawien ins Auge. Simon stellt sich vor, wie seine Kinder mit Macheten bewaffnet aufeinander losgehen. Ähnlich wie in Sarah Kane’s Blasted werden die Grenzen zwischen Krieg und Gewalt im privaten Umfeld vermischt. Die allgegenwärtige Zerstückelung des Körpers, der stets drohende Zerfall der Zivilisation und der Verlust von Halt und Identität werden als ein und das selbe dargestellt.

4 Körper

Aus Simons Sicht tritt in der modernen Welt an die Stelle des Körpers, sinnbildlich für den Verlust von Identität und Einzigartigkeit, eine Hülle. Der Kör­per, mit seiner Verwundbarkeit und mit allen seinen ‚unangenehmen’ und von der Ge­sell­schaft gemiedenen Begleit­erscheinungen, verschwindet. Als die Braith­waites Sarah begrüßen, in­ter­agieren sie demonstrativ nur noch mit dem Raum den ihr Körper ausfüllt, nicht mit ihrer Per­son selbst.[15]

Simon jedoch hängt am Körperlichen, er bezeugt eine „love affair with the human body“.[16] Für ihn stellt es ein sinn- und identitätsstiftendes Moment dar. Die Erinnerungen an seine Kinder krei­sen um Defäkation, Sekrete und Krankheiten, also Dinge, die auschließlich leben­digen Körpern zukommen, die in der Öffentlichkeit jedoch tabuisiert sind.

If they swooned in babyish fevers, hallucinating concepts and visions [...] he hallucinated with them.[17]

Asleep under flowered counterpanes, their gummy mouths stickily exhaling, stickily exhaling [...].[18]

‘Wipe my bum, Daddy... Wipe my bum!’[19]

Angesichts des Fehlens von jeglichem transzendenten, ideellen oder phi­loso­­phi­schen Bezugsrahmen zieht es Simon zu einem unleugbaren Aspekt sei­nes Mensch-Seins. Der Körper mit seinen Bedürfnissen und Zwängen ist eine stän­dige Erinnerung an sein Mensch-Sein und die Tatsache, daß er am Leben ist, ein unentbehrliches Kriterium für Authentizität.

5 Verschwimmen der Grenzen

Sowohl zu seinen Kindern als auch zu Sarah fühlt sich Simon über das Körper­liche hingezogen. Es stellt sich Frage, ob seine Gefühle für Sarah nicht von ihrer Ähnlichkeit mit ihnen herrühren: sie wird vornehmlich als klein, zerbrechlich aber dennoch lebhaft beschrieben. In einer Szene geht Simons Verwirrung so weit, daß er nicht deutlich trennen kann, wen er nun vor sich hat: „Should he stick his finger up her arsehole, or get a tissue and wipe it?“[20] Fürsorge für die Kinder und Sex, beides festgemacht an körperlichen Einzelheiten, vermag Simon nicht mehr zu trennen.

Schließlich fügen sich Kinder, Sarah und die Affen zu einer Art Trias zusammen: Simon bezeichnet Sarah als „monkey“[21], in seinem Traum erscheint sie ihm als Affe. Außerdem ist er sich bald nicht mehr sicher, wie viele Kinder er tatsächlich hat. Zu Beginn der Handlung berichtet er, er habe zwei Kinder, später nennt er drei. In der Affenwelt erfährt er, daß er einen Menschen adoptiert hat. Wenn man umgekehrt davon ausgeht, daß dieser in der Menschenwelt ein Affenjunges war, stellt man fest, daß im Laufe der ersten fünf Kapitel die Grenzen zwischen Menschen und Affe nach und nach verschwinden. Die Körperhüllen werden austauschbar: sie können von Affen genauso gut ausgefüllt werden wie von Sarah oder den Kindern.

Die Affen stellen eine Übersteigerung des Körperlichen dar. Der imaginäre King Kong im Oxford Circus brüllt, sich auf die Brust trommelnd: „I am body. I am the body.“[22] Das Körperliche, das von unserer Gesellschaft gemieden wird (also körperliche Gewalt, Defäkation, offener Geschlechtsverkehr, etc.), dominiert in der Affenwelt. Selbst der, laut Lévy-Strauss, erste gemeinsame Nenner aller menschlichen Kulturen, das Inzest-Verbot,[23] hat in der Affenwelt keine Geltung.[24]

McHale faßt diese Merkmale zusammen als carnivalization. Im wahrsten Sinne des Wortes werden Institutionen und, sinnbildlich dafür, menschliche Körper auf den Kopf gestellt, die Hierarchie der Körperteile ins Gegenteil verkehrt. Simon hegt die Befürchtung, daß sich sein Anus selbständig machen könnte:

Simon’s bum exercised him nowadays, as if his arsehole was haltingly learning to talk, in order to inform him that his days were numbered.[25]

Self stellt damit eine Verbindung her zu Burroughs’ Naked Lunch, wo sich diese Revolte tatsächlich vollzieht, und das Hinterteil schließlich triumphierend verkündet: 'It's you who will shut up in the end. Not me. Because we don't need you around here any more. I can talk and eat and shit.'[26]

In Naked Lunch stehen Affen ebenfalls metaphorisch für den Verlust menschlicher Identität. In der Stadt Interzone verwandeln sich Mitglieder der untersten sozialen Schicht, also diejenigen, die am wenigsten Halt haben—sowohl materiell als auch ideell—in Paviane (baboons). Diese „Entmenschlichung“ geht so weit, daß sie von der Oberschicht teils als Sklaven, teils als Haustiere gehalten werden. Sie zeigen keine menschlichen Gefühle.

And my baboon assistant leaped on the patient and tore him to pieces. Baboons always attack the weakest party in an altercation. Quite right too. We must never forget our glorious simian heritage.[27]

Dr. Benway, der diese Situation schildert, hebt die enge Verwandschaft zwischen Affe und Mensch hervor. Die Übergänge erscheinen fließend, es gibt keine scharfe Trennung zwischen Mensch und Tier. Bei Burroughs verwandeln sich Menschen zu wilden Tieren und beginnen einander zu zerfleischen. In Great Apes geschieht dies, mit Blick auf Ruanda und Jugoslawien, ebenfalls. Was Benway als „glorious“ bezeichnet, wird die meisten Menschen mit Entsetzen erfüllen, so auch Simon.

6 Pluralisierung

Die Versuche Simons, sich mit allen Mitteln, sowohl durch seinen Verstand als auch durch Flucht oder Aggression, der Affenwelt zu entziehen, sind zum Scheitern verurteilt. Es gibt für ihn nicht die geringste Chance sich zu behaupten, da ihm jegliche Basis entzogen ist. Sein Körper ist zu schwach um sich gegen die anderen Affen zu behaupten, und für jedes seiner Argumente haben seine Mit-Affen ein besseres. Aber auch der Leser steckt in diesem Dilemma. Er ist am Ende des Romans genausowenig wie Simon in der Lage zu entscheiden, welche der Welten die echte ist. Die Tatsache, daß der Protagonist in der fremden Welt stecken bleibt und sich schließlich mit ihr abfindet, mag ihn geneigt machen, sie ebenfalls als die wahre anzunehmen. Auch das aus der Affenperspektive verfaßte Vorwort soll den Leser ein Stück in diese Richtung führen. Für die Echtheit der Menschenwelt spricht dann höchstens noch, daß wir ihre Realität für gewöhnlich nicht anzweifeln. Ebendies will Self uns jedoch nahelegen, denn damit soll das Fehlen eines allgemeingültigen frame of reference deutlich gemacht werden. Der von Archimedes geforderte feste Punkt im All, von welchem aus man die Dinge objektiv beurteilen könnte, existiert nicht.

Zima zufolge ist die postmoderne Erkenntnistheorie gekennzeichnet von einer „drastischen Pluralisierung und Partikularisierung“.[28] Vernunft, Wahrheit, Realität, etc. stellen demnach keine absoluten Werte mehr da, sie sind abhängig von ihrem jeweiligen Bezugsrahmen. Insofern sind beide Welten real solange sich Simon in ihnen aufhält. Sie sind koexistierende Universen. Simon, sowie dem Leser, nützt es daher nicht, nach einem Wie und Warum zu fragen. Es kommt allein darauf an, die Situation, wie sie sich im Moment darstellt, zu bewältigen.

Dies ist die weltanschauliche Grundlage für Great Apes. Simon befindet sich in einer Identitätskrise, die sich zurückführen läßt auf das Fehlen eines allgemeingültigen, sinnstiftenden Rahmens, sei er philosophischer, sozialer, religiöser Art: es gibt keine absolute Wahrheit, keine Wirklichkeit, die nicht von Menschenhand konstruiert ist. Das Körperliche hingegen ist ein wesentlicher, unleugbarer Aspekt von Simons Mensch-Seins, es erweist sich jedoch als ein zwei­schnei­diges Schwert. Der Übergang in die Affen-Welt ist ein Befreiungsschlag und gleichzeitig ein Horror-Szenario. Die Welt des Großen Affen Zack Busner ist keine Lösung—auch dort gibt es „bonobism“ und Massaker—sondern nur eine Projektion des Dilemmas: Das Mensch-Sein kann durch die Körperlichkeit garantiert werden; aber die zentrale Frage der Anthropologie, wie Immanuel Kant sie formuliert hat, was denn der Mensch eigentlich ist, bleibt nachwievor offen.

7 Quellennachweis

Self, Will. Great Apes. London: Bloomsbury, 1997.

Burroughs, William S. Naked Lunch. London: Flamingo, 1993.

Gerigk, Horst-Jürgen. Der Mensch als Affe. Hürtgenwald, Guido Pressler Verlag, 1989.

Keupp, H. et al. Identitätskonstruktionen: Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek: Rowohlt, 2002.

Lévy-Strauss, Claude. Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1993.

McHale, Brian. Postmodernist Fiction. New York, NY: Methuen, 1987.

Walker, Ralph C. “Theories of Truth” in: Hale, B. und Wright, C. A Companion to the Philosophy of Language. Oxford u.a.: Blackwell, 1997.

Zima, Peter. Moderne, Postmoderne. Tübingen u.a.: Francke, 1997.

[...]


[1] Gerigk, 32.

[2] McHale, 6.

[3] Self, 5.

[4] ebd., 27.

[5] ebd., 53.

[6] ebd., 22.

[7] ebd., 26.

[8] ebd., 12.

[9] ebd., 13.

[10] ebd., 53.

[11] Walker, 310f.

[12] Self, 22.

[13] ebd., 12.

[14] ebd., 24.

[15] ebd., 18.

[16] ebd., 6.

[17] ebd., 12.

[18] ebd., 53.

[19] ebd., 61.

[20] ebd., 65.

[21] ebd., 62, etc.

[22] ebd., 26.

[23] Lévy-Strauss, 55.

[24] Self, 141.

[25] ebd., 11.

[26] Burroughs, 110.

[27] ebd., 37.

[28] Zima, 162.

Details

Seiten
13
Jahr
2003
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45797
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Anglistisches Seminar
Note
1,5
Schlagworte
Body Erfahrung Körperlichen Moment Will Selfs Great Apes Postmodern Ethics Aesthetics

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