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Hermann Nitsch und Sigmund Freud. Das Orgien Mysterien Theater als kollektive Psychoanalyse?

Eine theaterwissenschaftliche Untersuchung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 19 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Thematische Eingrenzung und Vorgehensweise

II. Hermann Nitsch und Sigmund Freud – das Orgien Mysterien Theater als kollektive Psychoanalyse?

1. Zur Theorie der Psychoanalyse nach Freud
1.1. Die Neurose in Freuds Psychoanalyse
1.2. Psychoanalyse als Kulturtheorie – kollektive Psychoanalyse

2. Hermann Nitschs Orgien Mysterien Theater in Theorie und Praxis
2.1. Aktionen des Orgien Mysterien Theaters in praktischer Durchführung
2.2. Zum psychoanalyt.Ansatz: Die Neurose in der Theorie des O.M. Theaters

3. Das Orgien Mysterien Theater als kollektive Psychoanalyse
3.1. Die Neurose Religion und ihre Überwindung
3.2. Katharsis

III. Das Orgien Mysterien Theater im Laufe der Zeit

IV. Literaturverzeichnis

Nitsch und Freud - das Orgien Mysterien Theater als kollektive Psychoanalyse?

I. Thematische Eingrenzung und Vorgehensweise

Hermann Nitschs Theorie des Orgien Mysterien Theaters fordert, durch den theatral-rituellen Akt kollektive, also gesamtgesellschaftliche, Neurosen aufzudecken und im Abreaktionsprozess durch Freisetzung und Ausleben von Trieben zu lösen. Sigmund Freud verspricht eben diese Behandlung und Auflösung von Neurosen beim Individuum mittels der Psychoanalyse. Bei der Lektüre Nitschs theoretischer Schriften zu seinem Theater fallen immer wieder Begrifflichkeiten ins Auge, die der Psychoanalyse von Sigmund Freud entstammen und von diesem zu Beginn des 20. Jahrhunderts etabliert wurden. Ein zentraler Terminus der Psychoanalyse ist die Neurose. Sie soll anhand Freuds Schriften zur Psychoanalyse definiert werden.

Im Folgenden liegt der Fokus dann auf Nitschs Theater und dessen Theorie und versucht zu erläutern, was die Neurose bei Nitsch ausmacht und wie das Orgien Mysterien Theater (O.M. Theater) diese gleichsam behandelt. Zusammenhänge und Unterschiede des Begriffs der Neurose bei Freud und Nitsch sollen herausgearbeitet werden. Das O.M. Lesebuch1 vereint umfassend die zentralen Überlegungen und Theorien Nitschs und dient für die Arbeit als Textgrundlage.

Vor allem ist beim Vergleich der theoretischen Ansätze Freuds und Nitschs der Übergang von der individuellen zur kollektiven Neurose interessant und steht im Mittelpunkt der Ausführungen. Hierzu ist auch der praktische Ablauf des Orgien Mysterien Theaters zu betrachten. Durch die unterschiedlichen Beteiligungsstufen der Spielteilnehmer – als Akteur, passiver Akteur, Teilnehmer und auch als Rezipient der medialen Berichterstattung – ergibt sich eine interessante Struktur des Mit-Wirkens. Darüber hinaus lohnt auch ein Blick auf die zentrale Präsenz des menschlichen Körpers in den Aktionen.

Schließlich gipfeln die Aktionen des Orgien Mysterien Theaters gemäß der Theorie im Grundexzess und bewirken somit eine Katharsis beim Rezipienten. Hier stellt sich die Frage, wo dies bei den Neurosen ansetzt und inwieweit diese geheilt werden.

II. Hermann Nitsch und Sigmund Freud – das Orgien Mysterien Theater als kollektive Psychoanalyse?

Von Beginn an durchziehen Hermann Nitsch Überlegungen und Ausführungen zu seinem O.M. Theater Bezüge zu Sigmund Freuds Psychoanalyse und greifen dessen Terminologie auf. Ausgangspunkt für Nitsch war immer das Lebensbejahende, er beschäftigte sich intensiv mit Nietzsches Lehre und besonders natürlich mit dem Dionysischen, das auch einen zentralen Aspekt des O.M. Theaters darstellt. Hierüber gelangte der junge Nitsch zur Beschäftigung mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds, die sich mit der Verdrängung und Unterdrückung eben dieser lebensbejahenden Triebe und Wünsche befasst.2

1. Zur Theorie der Psychoanalyse nach Freud

Denkt man an Freud, kommt einem wohl zuerst der Ödipus-Komplex in den Sinn. Immer wieder führt Freud die verhängnisvolle Konstellation vom Sohn, der unwissend seine Mutter liebt und den Vater tötet, an und projiziert dieses Begehren der Mutter und Verabscheuen des Vaters auf jeden Menschen im Kindesalter. Für Freud ist dies der Kernkomplex jeder neurotischen Veranlagung. Unbewusste seelische Vorgänge, Widerstände und Verdrängung sowie die Bedeutung des Sexualtriebes und seiner Unterdrückung konstituieren die Grundpfeiler der Psychoanalyse. Diese Vorgänge äußern sich in Form von Neurosen, Zwangshandlungen und Hysterie, in Phobien, Hemmungen oder sexuellen Perversionen.3 Die Leistung der Psychoanalyse besteht nun darin, diese Verhaltensmuster durch Bewusstmachen der Verdrängungen zu durch-brechen. Hierfür bedient sie sich der Methode der Assoziation – durch freies Assoziieren und Lenkung durch den Psychoanalytiker deckt der Patient selbst Unter-drücktes auf und wird sich des Verdrängten bewusst.

1.1. Die Neurose in Freuds Psychoanalyse

Fixpunkt aller seelischen Unterdrückungsmechanismen in der Psychoanalyse sind die Neurosen. Sie stellen Ersatzhandlungen für unzureichend verdrängte Triebe und Neig-ungen dar, die vor sich und der Gesellschaft verleugnet werden.4 Vor allem die von der Gesellschaft stigmatisierten Sexualtriebe sind von einer misslingenden Verdrängung betroffen und äußern sich besonders stark in neurotischen Symptomen wie Zwangs-handlungen. Die Neurose schafft somit Ersatzbefriedigung für den unbewussten, verdrängten Trieb. Innere seelische Konflikte zwischen den psychischen Instanzen Ich, Es und Über-Ich, zwischen erotischen und aggressiven Triebkomponenten des Libido-haushaltes dienen Freud als Erklärungsansatz der Neurosen.5 Überhaupt macht Freud die stark ausgeprägte menschliche Libido dafür verantwortlich, Neurosen zu erzeugen.6

Der Versuch des Psychoanalytikers, diese verdrängten Strukturen aufzudecken, ruft beim Patienten Widerstand hervor, den es gemeinsam durchzuarbeiten gilt. So entdeck-ten Analytiker und Patient gemeinsam die verdrängten Triebregungen: „Theoretisch kann man es dem 'Abreagieren' der durch die Verdrängung eingeklemmten Affektbeträge gleichstellen, ohne welches die hypnotische Behandlung einflußlos blieb.“7 Um den neurotischen Zwang zu beheben, gilt es, den Patient zur Erinnerung des Verdrängten zu befähigen und der Erinnerung beziehungsweise der unterdrückten Triebregung mittels Übertragung Raum zu geben.

1.2. Psychoanalyse als Kulturtheorie – kollektive Psychoanalyse

Seine Ansätze und Theorien überträgt Freud schließlich vom Individuum auf die moderne Gesellschaft, die als ganze neurotische Veranlagungen und Züge aufweist. Er schlägt den Bogen von einer individuellen psychologischen Analyse zu einer gesamtgesellschaftlichen, folglich kollektiven Betrachtungsweise. Hierbei sieht er die Kultur als Ausdruck dieser kollektiven Triebverdrängung an: „Es ist ja die Hauptaufgabe der Kultur, ihr eigentlicher Daseinsgrund, uns gegen die Natur zu verteidigen.“8 Zudem trägt die Religion zur Unterdrückung von Triebregungen bei und lenkt den Triebverzicht um als Opfergabe für eine Gottheit. Im religiösen Zeremoniell sieht Freud neurotische Zwangshandlungen, die sich in Form von Ritualen und Wiederholungen manifestieren.

Dadurch, dass Freud bei jedem Menschen das Erfahren des Ödipus-Komplexes annimmt, steht für ihn die sich daraus (in unterschiedlich starker Ausprägung natürlich) entwickelnde Neurose am Beginn der Menschheitsgeschichte und setzt sich von Generation zu Generation fort. Da jeder Mensch von Verdrängung und dadurch bedingten neurotischen Äußerungen betroffen ist, gilt es, der gesamten Gesellschaft dies bewusstzumachen. Erst durch allgemeine Anerkennung der Unterdrückung und Ver-leugnung von Trieben, die jedem innewohnen, kann diese kollektive Neurose aufgelöst werden. Überhaupt kann die individuelle Neurose nur in Zusammenschau mit der kollektiven Neurose geheilt werden:

„Die Kranken können ihre verschiedenen Neurosen [...] nicht bekannt werden lassen, wenn allen Angehörigen und Fremden, vor denen sie ihre Seelenvorgänge verbergen wollen, der allgemeine Sinn der Symptome bekannt ist, und wenn sie selbst wissen, daß sie in den Krankheitserscheinungen nichts produzieren, was die anderen nicht sofort zu deuten verstehen.“9

Dennoch äußert Freud selbst Zweifel an der konkreten Umsetzung und Durchführ-barkeit einer kollektiven Psychoanalyse der gesamten Gesellschaft, da anders als beim Individuum der Vergleich zu einer als normal zu konstatierenden Folie wegfällt und zudem bislang keine Autorität zur Durchführung vorhanden ist.10

2. Hermann Nitschs Orgien Mysterien Theater in Theorie und Praxis

Die wiederkehrende Bezugnahme zur Freudschen Psychoanalyse in Hermann Nitschs theoretischen Werken und Äußerungen zum O.M. Theater legt nahe, dies als einen Versuch der Umsetzung einer kollektiven Psychoanalyse zu betrachten; zumal schon Sigmund Freud die Kunst als „Ersatzbefriedigungen für die ältesten, immer noch am tiefsten empfundenen Kulturverzichte“11 bezeichnete. Die Kunstform des O.M. Theaters gibt in Nitschs Augen den Rahmen für eine in Bahnen gelenkte Abreaktion und gesteuerten Triebdurchbruch, wodurch Verdrängtes und Unterdrücktes zu Bewusstsein gelangt. Die sinnliche Wahrnehmung auf allen Ebenen führt die Mitwirkenden zurück zu ihrem ureigenen Ich und ursprünglichsten Bewusstsein als Mensch, so der Anspruch Nitschs.

Im Zentrum der Aktionen beziehungsweise des O.M. Theaters überhaupt stehen der Sexual- sowie der Todestrieb, die schon bei Freud als am stärksten unterdrückt galten. Sie sollen hier durch die theatrale Aktion aufgedeckt und ins Bewusstsein gebracht werden.

2.1. Aktionen des Orgien Mysterien Theaters in praktischer Durchführung

Ausweidung von Tierkadavern, sadomasochistisch anmutende Praktiken, Imitation von Geschlechtsverkehr, Beschütten mit Blut und anderen Sekreten, Bestäuben mit stark riechenden Pudern, Fühlen und Wühlen mit bloßen Händen, Darstellung von Kreuzig-ungen, dazu Lärmmusik und ekstatische Schreie, Zerstampfen und Verspritzen von Früchten, rituell anmutende Zeremonien und Choreographien – dies sind nur einige der Bestandteile des Orgien Mysterien Theaters. Von Beginn seiner künstlerischen Entwick-lung an verfolgte Hermann Nitsch das Konzept des O.M. Theaters, erweiterte es beständig und erklärte jede seiner aufgeführten Aktionen als Teil dieses so betitelten Gesamtkunstwerkes. (Hier darf der Begriff des Gesamtkunstwerkes jedoch nicht analog zu Wagners Gesamtkunstwerk verstanden werden. Nitsch bezeichnet über die Addition von Musik, Darstellung und Text das Wirken einer alle wahrnehmenden Sinne ansprechenden Aktion als Gesamtkunstwerk. Die bedeutungstragende Komponente von Sprache, Symbolik oder Musik spielt hier wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle, vielmehr steht der direkte Sinneseindruck im Mittelpunkt.) Alle bei der Aktion Anwesenden bezeichnet Nitsch als Spielteilnehmer, um die Distanz des gewöhnlichen Zuschauers zu negieren und den Spielraum mit Möglichkeiten zur Interaktion und sinnlichem Miterleben zu vergrößern. Es ist darüber hinaus zwischen aktiven und passiven Akteuren zu unterscheiden – während die aktiven Akteure die Aktions-partituren ausführen, die tatsächlichen Handlungen begehen, er“leiden“ die passiven Akteure eben diese. Meist sind sie mit verbundenen Augen an Kreuze oder Balken gefesselt körperlich präsent, ohne jedoch ihre Passivität aufzugeben. Die aktiven Akteure unterstehen einer relativ strengen Hierarchie und arbeiten dem jeweils höher stehenden Akteur zu. Den gemäß der Partitur nicht aktiv eingebundenen Spielteil-nehmern, also den Zuschauern, ist es freigestellt, inwieweit sie sich auf ein Mitmachen, eine aktive Teilnahme einlassen.

Im Mittelpunkt steht das sinnliche Erleben. Unbekannte Klänge der von Nitsch selbst komponierten und oftmals auch dirigierten Lärmmusik fordern das Ohr, dazwischen Schreie und Lautäußerungen der Akteure, die ohne Vorgabe der Partitur getätigt werden und sich bloß aus dem Spielverlauf von selbst ereignen, Düfte von Blumen, Pudern, tierischen Substanzen regen den Geruchssinn an, ebenso wie Früchte oder Blut, was auch verzehrt wird. Am stärksten ist wohl der optischen Eindruck in Form von harmonisch, oftmals symmetrisch arrangierten Tableaux, altarähnlichen Tischen, Holz-kreuzen und daran gefesselten Akteuren oder Tierkadavern. Dazu fließt überall das frische, intensiv rote Blut, das geradezu omnipräsent zu sein scheint. Gänzlich neue Eindrücke dürfte der Tastsinn erfahren, da der körperliche Kontakt mit Tierkadavern, deren Aufklaffen, Ausweiden und Zerteilen ganz sicher keine alltägliche Erfahrung darstellt. Die streng arrangierten zeremoniellen Handlungen stehen in starkem Kontrast zu den triebhaften Durchführungen:

„die gliederung der aktionsabläufe ist logisch und rational, aber in der durchführung steigt der anteil an irrationalismen und aleatorischen momenten; inszenierung und chaotik überlagern einander. […] das ist die basis der ritualisierung. der verzicht auf die finalität der katastrophe ermöglicht ihre rezeption und die überführung in das ritual.“12

[...]


1 Hermann Nitsch: O. M. Theater. Lesebuch. 2. Aufl. Wien u.a. 1985.

2 Vgl. Hermann Nitsch: Leben und Arbeit. Aufgezeichnet von Danielle Spera. 2. Aufl. Wien 2005, S. 44.

3 Vgl. Sigmund Freud: „Psychoanalyse und Libidotheorie“. In: Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet, Bd. 13: Jenseits des Lustprinzips/Massenpsychologie und Ich-Analyse/Das Ich und das Es. Hrsg. v. Anna Freud, London 1943, S. 223, 226.

4 Vgl. Sigmund Freud: „Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie.“ In: Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet, Bd. 8: Werke aus den Jahren 1909-1913. Hrsg. v. Anna Freud, London 1943, S. 112.

5 Vgl. Sigmund Freud: „Über libidinöse Typen.“ In: Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Chronolo-gisch geordnet, Bd.14: Werke aus den Jahren 1925-1931. Hrsg. v. Anna Freud, London 1943, S. 513.

6 Vgl. Freud, Sigmund: „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. XXVI: Die Libidotheorie und der Narzißmus.“ In: Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet, Bd. 11. Hrsg. v. Anna Freud, London 1943, S. 429.

7 Vgl. Freud, Sigmund: „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten.“ In: Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet, Bd. 10: Werke aus den Jahren 1913-1917. Hrsg. v. Anna Freud, London 1943, S. 136.

8 S. Sigmund Freud: „Die Zukunft einer Illusion.“ In: Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Chronolo-gisch geordnet, Bd. 14: Werke aus den Jahren 1925-1931. Hrsg. v. Anna Freud, London 1943, S. 336.

9 S. Sigmund Freud: „Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie.“, S. 112.

10 Vgl.Freud, Sigmund: „Das Unbehagen in der Kultur.“ In: Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Chro-nologisch geordnet, Bd. 14: Werke aus den Jahren 1925-1931. Hrsg. v. Anna Freud, London 1943, S. 505.

11 S. Sigmund Freud: „Die Zukunft einer Illusion.“, S. 335.

12 S. Arnulf Rohsmann: „hermann nitsch. der transformierte exzeß.“ In: Hermann Nitsch. O.M. Theater. Mit Beiträgen von Arnulf Rohsmann, Giuseppe Zigaina und Hanno Millesi. Hrsg. v. Arnulf Rohs-mann, Klagenfurt 1994, S. 8.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668896772
ISBN (Buch)
9783668896789
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457978
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Theaterwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
psychoanalyse nitsch freud theater performance performativität orgien mysterien theater rezeptionsanalye theatralität

Autor

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Titel: Hermann Nitsch und Sigmund Freud. Das Orgien Mysterien Theater als kollektive Psychoanalyse?