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Der mordende Künstler. E.T.A Hoffmanns "Das Fräulein von Scuderi" zwischen Detektivgeschichte und Künstlererzählung

Hausarbeit 2018 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kriminalistische Elemente der Erzählung
2.1 Die Verbrechen
2.2 Olivier Brusson – der unschuldige Verdächtige
2.3 René Cardillac – der unverdächtige Schuldige
2.4 Das Fräulein von Scuderi – die Detektivin

3 Die Künstlerthematik
3.1 Das Fräulein – Künstlerin und Heldin?
3.2 Cardillac zwischen Kunst und Wahnsinn

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„In der Straße St. Honoré war das kleine Haus gelegen, welches Magdaleine von Scuderi, bekannt durch ihre anmutigen Verse, durch die Gunst Ludwig des XIV. und der Maintenon, bewohnte.“1 So behaglich beginnt die Novelle E.T.A. Hoffmanns, bevor das Fräulein Scuderi, „die Liebenswürdigkeit, die Anmut selbst“2, in die Aufklärung einer Mordserie verwickelt wird. In vielen Rückblicken und durch erzählte Vergangenheit lässt sich die Verwicklung der Hauptfiguren in die Verbrechensserie rekonstruieren. Chronologisch beginnt es mit zwei Pariser Verbrechensserien, diversen Gift- sowie Raubmorden, welche die potentiell gefährdeten Opfer dazu veranlassen, ein Bittgedicht an den König zu richten. Auf dieses reagiert die Dichterin mit ihrem berühmten Satz, „Ein Liebhaber, der die Diebe fürchtet, ist der Liebe nicht wert“3, wodurch der Goldschmied Cardillac, der im Verlauf der Geschichte als Raubmörder identifiziert wird, sowie sein Lehrling und Mitwisser Olivier auf sie aufmerksam werden. Mit dem Mord an Cardillac, der Verhaftung Oliviers und der Einmischung der Scuderi wird die Aufklärung der Raubmorde schließlich in Gang gesetzt. Für R. Alewyn gilt die Erzählung als Vorreiter der Detektivgeschichte:

„In dieser Geschichte finden wir […] die drei Elemente zusammen, die den Detektivroman konstituieren: Erstens den Mord, beziehungsweise die Mordserie, am Anfang und dessen Aufklärung am Ende, zweitens den verdächtigen Unschuldigen und den unverdächtigen Schuldigen, und drittens die Detektion, nicht durch die Polizei, sondern durch den Außenseiter, ein altes Fräulein und eine Dichterin.“4

Das Fräulein als Dichterin ist nicht die einzige Künstlerfigur in der Novelle. Der Goldschmied Cardillac und dessen Künstlertum stehen für einige Autoren klar im Mittelpunkt des Geschehens.5 Gommel weist jedoch darauf hin, dass ihr Kernsatz, die beiden Künstler, Detektivin und Mörder, zusammenbringt.6 Ähnlich sieht Landfester die Interdependenz der Hauptfiguren: „[…] der Geschichte eines Künstlers, […], einer Geschichte allerdings, die von der […] Dichterin Madeleine von Scuderi, erst ermittelt werden muß, um erzählt werden zu können.“7 E.T.A. Hoffmann hat oft Künstler zum Gegenstand seiner Literatur gemacht.8 Cardillac kommt dabei eine besondere Rolle zu, da nur hier ein Fall konstruiert wird, „wo das Verbrechen die integrale Kehrseite künstlerischer Begabung ist.“9 In dieser Arbeit soll beleuchtet werden, ob die Kunstthematik zum Entstehen der Verbrechen sowie zu deren Auflösung beiträgt. Durch die doppelte Lesart als Detektivgeschichte sowie Künstlererzählung kommt die Frage auf, ob und worin eine Verbindung dieser beiden Lesarten besteht. Dazu wird anfangs anhand der von Alewyn aufgeführten Elemente des Detektivromans untersucht, inwieweit diese in der Erzählung überzeugend nachzuweisen sind. Im zweiten Teil werden die beiden Künstlerfiguren genauer in den Blick genommen. Dabei stellt sich die Frage, ob die „Gegenspieler“ der Detektivgeschichte, das Fräulein als Ermittlerin und Cardillac als Täter, auch hinsichtlich ihres Künstlerdaseins Gegenspieler sind und deshalb beide erzählerischen Schwerpunkte nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können.

2 Kriminalistische Elemente der Erzählung

2.1 Die Verbrechen

Hoffmanns Erzählung gibt sich nicht mit einer Mordserie zufrieden, sondern schildert gleich mehrere Verbrechen. Als zu Beginn Olivier in einem zwielichtigen Auftritt das Kästchen mit Cardillacs Schmuckgeschenk überbringt, reagieren die Hausangestellten der Scuderi mit äußerster Vorsicht, denn „Gerade zu der Zeit war Paris der Schauplatz der verruchtesten Greueltaten, gerade zu der Zeit bot die teuflischste Erfindung der Hölle die leichtesten Mittel dazu dar.“10 Die verstärkend wirkende Anapher verdeutlicht, dass Oliviers Erscheinung gerade zu der Zeit vor einem komplexeren Hintergrund gesehen werden muss. Dieser wird ausführlich dargestellt – der Missbrauch wissenschaftlicher und handwerklicher Kenntnisse eines Apothekers und Chemikers durch seinen Mitarbeiter Exili, über den der Text klar formuliert: „Diesem diente aber die Goldmacherkunst nur zum Vorwande.“11 Exili entwickelte ein Gift, das geruchs- und geschmacklos sowie nicht nachweisbar tötet. Sein Wissen gibt er an mehrere Schüler weiter, so dass diese zahlreiche Morde begehen können. Diese Mordlust wird vom Erzähler konkret gewertet: „Die Geschichte mehrerer Giftmörder gibt das entsetzliche Beispiel, daß Verbrechen der Art zur unwiderstehlichen Leidenschaften werden. Ohne weitern Zweck, aus reiner Lust daran, wie der Chemiker Experimente macht zu seinem Vergnügen, haben oft Giftmörder Personen gemordet, deren Leben oder Tod ihnen völlig gleich sein konnte.“12 Hier wird das Verbrechen bereits mit dem Begriff der Leidenschaft in Verbindung gebracht. Allerdings bleibt das Motiv unbeachtet, was sich mit der Ermittlung der Scuderi ändern wird. Die Giftmörder bleiben lange Zeit unentdeckt, lassen letztlich jedoch ihr Leben wegen ihrer unzähmbaren Leidenschaft zu morden.13 Die Angst vor dem unsichtbaren Tod hatte sich in die Pariser Gesellschaft geschlichen und bestimmte das tägliche Leben, das nun von Misstrauen und Furcht geprägt war.14 Durch die anhaltenden Morde sah sich der König gezwungen, einen besonderen Gerichtshof, die Chambre ardente, mit dessen Präsident la Regnie zu ernennen. Dessen grausames Ermittlungsvorgehen besitzt vielmehr den Charakter einer Inquisition.15 Nach Nachlassen der Giftmorde fürchten die Pariser jedoch nun Räuber, die Juwelen und Schmuck stehlen: „Noch viel ärger war es aber, daß Jeder, der es wagte, zur Abendzeit Juwelen bei sich zu tragen, auf offener Straße oder in finstern Gängen der Häuser beraubt, ja wohl gar ermordet wurde.“16 Die Opfer werden mit einem Faustschlag niedergestreckt oder mit einem Dolchstoß ins Herz sofort getötet. Wieder geben die Verbrechen Rätsel aus, denn die Polizei, personifiziert durch la Regnie und seinen Beamten Desgrais, kann keinerlei Erfolge bei der Ergreifung der Bande aufweisen: „Als stünden die Gauner mit Geistern im Bunde, wußten sie genau, wenn sich so etwas zutragen sollte.“17 Ein übernatürliches Wissen über Liebhaber, die nachts mit Juwelen in der Tasche ihre Geliebten aufsuchen, wird hier schon angedeutet. Schließlich vermutet man nach mehreren erfolglosen Versuchen, die Täter festzunehmen, ein Mitwirken des Teufels. Der Erzähler greift zum vertraulichen „Wir“, wenn er festhält, wie bei aller Erfolglosigkeit der Polizei der Aberglaube gedeiht.18 Die Reihe der Raubüberfälle kommt erst zu einem Ende, als der stadtbekannte Goldschmied Cardillac erstochen aufgefunden wird.19 Anders als die übrigen Opfer findet man ihn nicht auf der Straße liegend, sondern in seinen privaten Gemächern. Erst nach Auflösung des Falles wird dieser vermeintliche Mord als Notwehr entlarvt. Alle Indizien sprechen gegen Olivier Brusson, der daraufhin als Tatverdächtiger festgenommen wird.

2.2 Olivier Brusson – der unschuldige Verdächtige

Mit seinem mysteriösen Auftritt durchbricht der junge Olivier Brusson direkt zu Beginn der Novelle die nächtliche Behaglichkeit. Er selbst inszeniert sich als hilfesuchend: „von einem Elenden, der schutzlos, verlassen von aller Welt, verfolgt, bedrängt“20. In seinem emotionalen, mal flehenden, mal fordernden Wortwechsel mit der Kammerfrau deutet er mehrfach an, dass er in zwielichtige Machenschaft verwickelt ist.21 Dem Leser ist zu diesem Zeitpunkt noch völlig unklar, welche Rolle Olivier im Geschehen einnimmt – der erste Eindruck lässt Olivier jedoch verzweifelt, impulsiv und durchsetzungsstark, also sehr ambivalent erscheinen. Auch der zweite Auftritt des „todbleichen, gramverstörten“22 jungen Mannes hinterlässt einen verunsichernden Eindruck.23 Dann als tatverdächtiger Mörder Cardillacs festgenommen, sprechen alle Indizien gegen ihn, wie la Regnie detailliert aufschlüsselt: er wird neben der Leiche des Goldschmiedes aufgegriffen, die Tatwaffe befindet sich in seiner Kammer, die Angaben zu seiner Rolle im Geschehen erscheinen unglaubwürdig und mit seiner Verhaftung enden die Raubmorde.24 Olivier selbst beteuert auch unter Androhung von Folter seine Unschuld. Seine Verlobte Madelone, Tochter des Cardillacs, ebenso, sie betont seine Tugend und Frömmigkeit25 und schildert die Ereignisse der Mordnacht ohne Abweichungen von Oliviers Angaben. Nachbarn und Bekannte Oliviers geben ihm außerdem ein gutes charakterliches Zeugnis: „Die Hausleute, die Nachbaren rühmten einstimmig den Olivier als das Muster eines sittigen, frommen, treuen, fleißiges Betragens, niemand wußte Böses von ihm, und doch, war von der gräßlichen Tat die Rede, zuckte jeder die Achseln und meinte, darin liege etwas Unbegreifliches.“26 Trotzdem wirkt Olivier schuldig, sein Schweigen hinsichtlich einiger Details lässt ihn noch verdächtiger erscheinen. Die Fürsprecher lassen leise Zweifel an seiner Schuld aufkommen, die sich jedoch erst verfestigen, als er dem Fräulein – und dem Leser - alle Zusammenhänge anvertraut und in sich schlüssig erklären kann, in diesem Gespräch wird auch die private Verbindung zwischen der Dichterin und dem Tatverdächtigen aufgedeckt, die sich als „Ziehgroßmutter und –enkel“ erweisen. Die Scuderi glaubt ihm, denn es „strahlte der reine Ausdruck des treusten Gemüts aus dem Jünglingsantlitz.“27 Demnach war Olivier Zeuge – und damit Mitwisser - eines Raubmordes seines Lehrmeisters Cardillac. Mehr noch, Cardillac offenbart Olivier anschließend sämtliche Hintergründe seiner Taten. Um seiner geliebten Madelon nicht den verehrten Vater zu nehmen, ideell und tatsächlich, lässt er sich auf einen Handel ein: sein Schweigen für die Hand Madelons.28 Er selbst beschreibt diese Verstrickung in die Verbrechen als „Geschichte meines entsetzlichen, unerhörten Missgeschicks“29, was hinsichtlich der zahlreichen Morde eine sehr eigentümliche Wortwahl darstellt. Er berichtet durchaus auch von Gewissensbissen wegen seiner tatenlosen Mitwisserschaft, die vor dem Hintergrund der liebenden Madelon jedoch stets ins Hintertreffen gerieten.30 Olivier relativiert dieses Vergehen, indem er zwischen dem tatsächlichen Mord und der Mitwisserschaft differenziert: „Ihr seht, mein würdiges Fräulein, daß mein einziges Verbrechen darin besteht, daß ich Madelons Vater nicht den Gerichten verriet und so seinen Untaten ein Ende machte. Rein bin ich von jeder Blutschuld.“31 Der Graf Miossens jedoch, den Cardillac als letztes Opfer zu überfallen versucht hatte und dabei von jenem erstochen wurde, sieht das Schweigen Oliviers durchaus als schwerwiegend an: „`Unschuldig, erwiderte Miossens, unschuldig mein Fräulein, nennt Ihr des verruchten Cardillacs Spießgesellen? – der ihm beistand in seinen Taten? der den Tod hundertmal verdient hat? – Nein in der Tat, der blutet mit Recht“32. Die Scuderi aber glaubt an die Reinheit seines Herzen, dank der unerschütterlichen Liebe zu Madelon, und setzt sich entschieden für seine Freilassung ein. Nach dieser entschlossenen Feststellung hält der Erzähler bezeichnenderweise fest: „Die hellen Strahlen des Morgens brachen durch die Fenster.“33 Symbolträchtig wird so die neue Hoffnung verdeutlicht, die sich damit erfüllt, dass trotz der fehlenden Richtigstellung der Umstände um Cardillacs Tod der des Mordes unschuldige Verdächtige vom König begnadigt wird. Mit dem Akt der Begnadigung, der nur durch einen absolutistischen Herrscher wie Ludwig dem XIV. möglich und nicht mit einem Freispruch vergleichbar ist, lässt die Novelle die Frage nach der eigentlichen Schuld Oliviers ungeklärt.

2.3 René Cardillac – der unverdächtige Schuldige

Den Mörder der Geschichte lernt der Leser zunächst als Goldschmied mit zwielichtigem Ruf kennen, nachdem die Maintenon den überbrachten Schmuck als sein Werk identifiziert hat: „René Cardillac war damals der geschickteste Goldarbeiter in Paris, einer der kunstreichsten und zugleich sonderbarsten Menschen seiner Zeit.“34 Bereits hier wird ein Zusammenhang zwischen Cardillacs Künstlertum und seiner Sonderbarkeit suggeriert: „Hoffmann […] führt den Goldschmied in einer Fremdcharakterisierung durch einen auktorialen Erzähleinschub in die Geschichte ein. Die Worte, mit denen dies geschieht, umreißen die Rätselhaftigkeit eines kaum zu ergründenden menschlichen Charakters“35. Entworfen wird ein Bild von einem klein gebauten, aber breitschultrigen Mann, der trotz seiner rund fünfzig Lebensjahre jugendliche Kraft und Wendigkeit besitzt. Diese Kraft erhält einen teuflischen Anklang, als der Erzähler sie bezeugt sieht durch das „dicke, krause, rötliche Haupthaar und das gedrungene, gleißende Antlitz.“36 Sein guter Ruf geht nicht konform mit seinen körperlichen Merkmalen: „Wäre Cardillac nicht in ganz Paris als der rechtlichste Ehrenmann, uneigennützig, offen, ohne Hinterhalt, stets zu helfen bereit, bekannt gewesen, sein ganz besonderer Blick aus kleinen, tiefliegenden, grün funkelnden Augen hätte ihn in den Verdacht heimlicher Tücke und Bosheit bringen können.“37 Wer mit Hoffmann-Texten vertraut ist, wird bei dem Motiv der Augen hellhörig. Nicht umsonst steht dieser deutungsvolle Satz im Konjunktiv, was ihm fast einen ironischen Unterton gibt. Die weitere Erzählung beweist, dass Cardillac alle diese ihm zugeschriebenen positiven Attribute in Wahrheit nicht erfüllt – im Gegenteil, er handelt gegen das Gesetz, eigennützig und im geheimen Hinterhalt. Im Rahmen seiner Arbeit zeigt er sich durchaus grob, teilweise gewalttätig, undurchsichtig und zutiefst ambivalent.38 Cardillac erscheint zunächst unverdächtig aufgrund seines Rufs als meisterhafter Goldschmied und Künstler – nicht wegen seines untadeligen Charakters. Vielmehr ist fraglich, wie er trotz dieses irritierenden Verhaltens überhaupt zu diesem guten gesellschaftlichen Ruf kommen konnte: „Häme und Böswilligkeit scheinen in Cardillacs Wesen eng neben den im Text auch erwähnten Tugenden zu liegen, die in Wahrheit jedoch nur seinen Ruf ausmachen, den er in der Pariser Gesellschaft hat, nicht unbedingt die Persönlichkeit spiegeln, die direkt dargestellt wird.“39 Seit einiger Zeit sei es aufgefallen, dass er verändert sei.40 Die Erzählung weist einige Textstellen auf, die Cardillac verdächtig erscheinen lassen, er ist unnachvollziehbar gut informiert und scheinbar allgegenwärtig: „Es wurde nach Cardillac geschickt und, als sei er schon auf dem Weg gewesen, trat er nach Verlauf weniger Zeit in das Zimmer.“41 Auch vor der Scuderi und der Maintenon legt Cardillac, „Meister Sonderling“42, wie die Scuderi ihn nennt, ein äußerst merkwürdiges Verhalten an den Tag, das bei dem Fräulein zumindest eine „dunkle Ahnung“43 auslöst, auch wenn sie sich von seinem Ruf blenden lässt. Entlarvt wird Cardillacs Doppelleben letztlich durch seinen Lehrling Olivier, mit dem er einen Handel macht.44 Cardillac geht ruhig und geplant vor, von seiner wilden Leidenschaft ist bei der Verschleierung seiner Taten nichts zu sehen.45 Auch vor Drohungen schreckt er nicht zurück und argumentiert mit seinem guten Ruf: „eigentlich, Olivier, macht es dir Ehre, wenn du bei mir arbeitest, bei mir, dem berühmtesten Meister seiner Zeit, überall hochgeachtet wegen seiner Treue und Rechtschaffenheit, so daß jede böse Verleumdung schwer zurückfallen würde auf das Haupt des Verleumders.“46 Jeck sieht genau darin die Handlungsweise eines Gauners, dieser „missbrauchte die Freiheit, die ihm die bürgerliche Gesellschaft gewährte und erzeugte so Misstrauen in den sozialen und wirtschaftlichen Austausch.“47 Beinahe erleichtert offenbart der Meister seinem Lehrling seine Taten und Beweggründe: „hast mich geschaut in der nächtlichen Arbeit, zu der mich mein böser Stern treibt, kein Widerstand ist möglich.“48 Bezeichnenderweise betitel Cardillac seine Verbrechen als Arbeit, was die Deutung eröffnet, dass seine Kunst als seine Arbeit direkt mit den Verbrechen in Zusammenhang steht. Als Begründung für sein Tun nennt er ein pränatales Trauma, das ihn unter die Kontrolle eines „bösen Sternes“ gab, den er wiederum nicht kontrollieren kann: „ich mußt‘ ihm nachgeben oder untergehen!“49 Der Stern sei es, der die Raubmorde in Auftrag gibt – mit dem Ziel, jedes von ihm gefertigte Schmuckstück wieder in seinen Besitz zu bringen. Cardillac stirbt letztlich bei der Befriedigung seiner mörderischen Leidenschaft, ganz ähnlich wie die Giftmischer zu Beginn der Novelle. Der findige Graf Miossens, der vor allen anderen den Goldschmied als Täter in Verdacht hatte, ist vorbereitet auf einen möglichen Überfall und tötet den Goldschmied auf die gleiche Weise, wie dieser getötet hat – einem Dolchstoß ins Herz. Olivier beobachtet den Vorfall und bringt den Verletzten nach Hause, wo er schließlich verstirbt. Meyer bringt es auf den Punkt, indem er festhält, dass Cardillacs Schein einer bürgerlichen Tugendhaftigkeit auch nach seinem Tod erhalten bleibt.50 Cardillac ist somit für den Leser und für einzelne Figuren der Erzählung entlarvt, den Parisern jedoch bleibt er so unverdächtig wie zuvor, und seine Schuld bleibt unaufgedeckt.

[...]


1 Hier und im Folgenden wird die Novelle nach der Fassung von 1819 zitiert: Hoffmann, E.T.A.: Das Fräulein von Scuderi. Erzählung aus dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten. In: Die Serapionsbrüder. Hrsg. von Wulf Segebrecht unter Mitarbeit von Ursula Segebrecht. Frankfurt am Main: Klassiker Verlag 2008. S. 780. Im Folgenden zitiert mit der vorangestellten Sigle „SCU“ und Seitenzahl.

2 SCU: S. 798.

3 Ebd.: S. 797.

4 Alewyn, Richard: Probleme und Gestalten. Essays. Frankfurt am Main: Insel 1974. S. 353 f.

5 Vgl. Deterding, Klaus: E.T.A. Hoffmanns Leben und Werk. Überblick und Einführung. Würzburg: Königshausen & Neumann 2010. S. 194. Gommel, Caroline: Prosa wird Musik. Von Hoffmanns „Fräulein von Scuderi“ zu Hindemiths „Cardillac“. Freiburg im Breisgau: Rombach 2002. S. 49.

6 Vgl. Gommel 2002: S. 50. Siehe auch Jeck, Thiemo: Die Anfänge der Kriminalpsychologie. Zur Verbindung der Schönen Literatur und der Kriminologie in der Romantik und dem Sturm und Drang. Berlin: Köster 2010. S. 67.

7 Landfester, Ulrike: Um die Ecke gebrochen. Kunst, Kriminalliteratur und Großstadttopographie in E.T.A. Hoffmanns Erzählung Das Fräulein von Scuderi. In: Die Stadt in der Europäischen Romantik. Hrsg. von Gerhart von Graevenitz. Würzburg: Königshausen & Neumann 2000. S. 109.

8 Zu nennen sind beispielsweise Der Sandmann (1816), Die Jesuiterkirche in G. (1816), Lebensansichten des Katers Murr (1819/21).

9 Schmidt, Ricarda: Schmerzliches Sehnen und böser Hohn. Ambivalenzen in Hoffmanns Darstellungen von Künstlern. In: E.T.A. Hoffmann Jahrbuch 17 (2009). S. 22.

10 SCU: S. 785.

11 Ebd.

12 SCU.: S. 786.

13 Vgl. ebd.: S. 787.

14 Vgl. ebd.: S. 788. Siehe auch Langer, Stephanie: Giftmord und Herzstich. Zu E.T.A. Hoffmanns Fräulein von Scuderi. In: Tötungsarten und Ermittlungspraktiken. Zum literarischen und kriminalistischen Wissen von Mord und Detektion. Hrsg. von Maximilian Bergengruen/Gideon Haut/Stephanie Langer. Freiburg im Breisgau: Rombach 2015. S. 136.

15 Vgl. SCU: S. 789.

16 Ebd.: S. 790.

17 Ebd.

18 Vgl. ebd.: S. 793.

19 Vgl. ebd.: S. 809; 816.

20 SCU.: S. 782.

21 Vgl. ebd.: S. 783.

22 Ebd.: S. 806.

23 Vgl. ebd.: S. 807.

24 Ebd.: 814 f.

25 Vgl. ebd.: S. 809.

26 Ebd.: S. 812.

27 SCU: S.821.

28 Vgl. ebd. 829 ff.

29 Ebd.: S. 823.

30 Vgl. ebd.: S. 830.

31 Ebd.: S. 839.

32 Ebd.: S.844.

33 Ebd.: S. 840.

34 SCU.: S. 799.

35 Jeck 2010: S.49.

36 Vgl. SCU: S. 799.

37 Ebd.

38 Vgl. ebd.: S. 800 ff.

39 Gommel 2002: S. 120.

40 Vgl. SCU.: S. 802.

41 Ebd.

42 Ebd.

43 Ebd.: S.805.

44 Vgl. ebd.: 829 ff.

45 Vgl. ebd.: S. 828.

46 Ebd.: S. 829.

47 Jeck 2010: S.21.

48 SCU: S. 831.

49 Ebd.: S. 835.

50 Vgl. Meyer, Herman: Der Sonderling in der deutschen Dichtung. Frankfurt a.M.: Ullstein 1984. S. 112.

Details

Seiten
22
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668874701
ISBN (Buch)
9783668874718
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457994
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
E.T.A. Hoffmann Künstler Mord Wahnsinn Literaturwissenschaft Kunst Wahn Romantik Verbrechen Scuderi Detektiv

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Titel: Der mordende Künstler. E.T.A Hoffmanns "Das Fräulein von Scuderi" zwischen Detektivgeschichte und Künstlererzählung