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Die weltanschaulichen Grundlagen des "medialen Schreibens" in R.M. Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge". Spiritismusrezeption des Autors

Hausarbeit 2018 24 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II. Grundlagen der spiritistischen Philosophie Carl du Prels
2.1. Subjektbegriff - Das transzendentale Subjekt
2.2. Okkulte Erkenntnistheorie
2.3. Die sinnlich/übersinnliche Wirklichkeitskonzeption Carl du Prels

III. Die Weltanschaulichen Grundlagen der "künstlerischen Medialität" in den "Aufzeichnungen " - Wirklichkeitsbegriff
3.1. Rilkes Wirklichkeitsbegriff
3.2. "Der wichtigste Wink meines Lebens" - Die Integration des Übersinnlichen in den Wirklichkeitsbegriff Malte Laurids Brigges
3.3. "Die Zeitfolgen spielten durchaus keine Rolle für ihn"- Die Figur des Grafen Brahe als Personifikation eines ganzheitlichen Weltverständnis

IV. Die Weltanschaulichen Grundlagen des "künstlerischen Mediumismus" in den "Aufzeichnungen " - Subjektbegriff und Erkenntnistheorie
4.1. Zum Einfluss okkulter Erkenntnistheorie und Subjektkonzeption auf das Denken Rilkes
4.2. "Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste" - Das transzendentale Subjekt in den Aufzeichnungen
4.3. Zum Verhältnis zwischen Rilkes Subjektbegriff und Erkenntnistheorie und dem poetologischen Imperativ der "künstlerischen Medialität"

V. Konklusion

VI. Literaturverzeichnis

Primärtexte

Sekundärliteratur

I Einleitung

In seinem erstmals 1910 erschienenen Roman die "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" fingiert Rainer Maria Rilke das Tagebuch des fiktiven dänischen Dichters Malte L. Brigge. Dabei löst er sich von der Idee eines konventionellen Handlungsverlaufs. Die Tagebuchfragmente des autodiegetischen Erzählers Malte sind weder kausal noch chronologisch miteinander verknüpft, so dass keine stringente, paraphrasierbare Erzählung entsteht. Die assoziativ miteinander verbundenen Aufzeichnungen schwanken zwischen Maltes Gegenwart in der unheilschwangeren Kulisse der Pariser Großstadt, Szenen aus der Kindheit des Protagonisten und ins allgemein Historische reichende Reflexionen.1

Im Rahmen dieser Abhandlung soll der Themenkomplex des "Spiritismus" innerhalb der "Aufzeichnungen" in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt werden, denn die Poetik, die Rilke im Rahmen der "Aufzeichnungen" entwirft scheint in nicht geringem Maße durch das Ineinandergreifen ästhetischer und spiritistischer Diskurse geprägt zu sein.2

Insbesondere neuere Forschungsergebnisse weisen auf den Einfluss okkulter Praxis und Axiomatik auf die programmatische Ausrichtung zahlreicher Maler und Autoren um die Jahrhundertwende hin.3 Um das Jahr 1900 ist die Verbindung zwischen Kunst und Medialität ein weitverbreiteter Topos. Seine spezifische Ausprägung erfährt das zeitgenössische Verständnis "künstlerischer Medialität" jedoch durch seine gedankliche Nähe zum okkultistischen Diskurs.4 Dabei zeitigt die ästhetische Adaption spiritistischer Theorie u.a. ein verändertes Bild des Künstlersubjekts. Der Künstler tritt an die Stelle des spiritistischen Mediums. Daraus folgt, dass die Leistung des künstlerischen Schaffensprozesses in die Sphäre des Unbewussten verlegt wird.5

Auch in den "Aufzeichnungen" ist die Problematik des Schreibens im Angesicht des Gefühls der schöpferischen Krise ein zentrales Thema. Gleichzeitig findet sich hier die Idee der "künstlerischen Medialität" wieder. Der 28-jährige Dichter Malte ist auf der Suche nach einem neuen Weg des literarischen Ausdrucks. Das für den Roman zentrale Motiv des Sehenlernens, wird zur Chiffre für Maltes Ringen um neue Ausdrucksformen. Der Rilkesche Protagonist konstatiert, "Ich glaube, ich müßte anfangen, etwas zu arbeiten, jetzt, da ich sehen lerne"6 Seine Suche nach einer neuen Form des literarischen Schreibens kulminiert schließlich im poetologischen Imperativ der Écriture automatique.

Noch eine Weile kann ich alles aufschreiben und sagen. Aber es wird ein Tag kommen, da meine Hand weit von mir sein wird, und wenn ich sie schreiben heißen werde, wird sie Worte schreiben, die ich nicht meine.7

In dieser für die Poetik der Aufzeichnungen zentralen Stelle tauchen wesentliche Momente des zeitgenössischen Verständnisses der "künstlerischen Medialität" wieder auf. Rilke bricht hier mit dem konventionellen Begriff des Autors. Die Wörter des Dichters sind nicht länger, die von ihm bewusst intendierten.8 Der künstlerische Schaffensprozess entgleitet dem Willen des Schreibenden. Analog zum spiritistischen Medium erscheint der Rilkesche Dichter als "passives Sprachrohr", oder "willenloser" Resonanzkörper einer von ihm nicht zu kontrollierenden Instanz.9

Es ist vor allem, die aus dem spiritistischen Diskurs stammende Praxis des automatischen Schreibens, die im Zentrum der Poetik der "Aufzeichnungen" steht.10 Ab Mitte des 19. Jahrhunderts ist das automatische Schreiben in spiritistischen Séancen und parapsychologischen Experimenten gängige Praxis. Dabei postulieren die Spiritisten, dass die Produkte des automatischen Schreibens weit über das geistige Niveau der Medien hinausgehen würden.11 Die Erklärungen dieses Phänomens unterscheiden sich voneinander. Einige verweisen dabei auf die bisher ungeklärten Fähigkeiten des menschlichen Unterbewusstseins, während andere den unmittelbaren Einfluss verstorbener Seelen für möglich halten.12

Rilke, der bereits im Jahr 1897 mit dem spiritistischen Philosophen Carl du Prel in brieflicher Korrespondenz steht, partizipiert schon als junger Mann am okkulten Diskurs.13 Aus Tagebucheinträgen geht hervor, dass Rilkes Interesse am automatischen Schreiben schon früh einsetzt.14 Doch auch im weiteren Lebensverlauf des Autors bleibt seine Faszination ungebrochen. Auf Schloss Duino wird er selbst zum Teilnehmer spiritistischer Séancen, später unternimmt er den Versuch in den Besitz einer Planchette zu gelangen. Die Autorenschaft des Gedichtzyklus "Aus dem Nachlaß des Grafen C.W" etwa weist Rilke ganz von sich. In einem Brief an die Fürstin von Thurn und Taxis erklärt er "ich bin's nicht, es war so völlig 'Auftrag'"15

Nachdem im Vorangegangen die Poetik der Aufzeichnungen in ihren Grundzügen dargestellt wurde, wird sich die vorliegende Abhandlung im weiteren Verlauf v.a. auf die weltanschaulichen Grundlagen konzentrieren auf denen diese basiert. Auf der einen Seite soll der Spiritismus als wesentlicher Einfluss auf das Rilkesche Weltverständnis verifiziert werden. Auf der anderen Seite wird die These aufgestellt, dass der poetologische Imperativ der Écriture automatique in engem Zusammenhang mit den weltanschaulichen Grundlagen des Dichters steht. Wirklichkeits- und Subjektkonzeption sowie erkenntnistheoretische Reflexionen und Poetologie scheinen unauflöslich ineinander verschränkt zu sein.

Um Momente der spiritistischen Weltanschauung im Denken Rilkes nachweisen zu können, wird die Untersuchung mit einem kursorischen Überblick der wichtigsten Begriffe und Axiome der Philosophie Carl du Prels eröffnet. Das Werk du Prels erweist sich für diese Aufgabe besonders geeignet, da du Prel wie kaum ein anderer Autor das theoretische Gerüst des Spiritismus um die Jahrhundertwende prägt.16 Gleichzeitig ist Rilkes Rezeption verschiedener Werke du Prels historisch verbürgt.17 Das darauffolgende Kapitel widmet sich dem Rilkeschen Wirklichkeitsbegriff. Dabei soll der Einfluss spiritistischer Axiomatik herausgearbeitet werden. In einem abschließenden Kapitel sollen Subjektbegriff und Erkenntnistheorie Rilkes untersucht werden. Erneut wird die Verifizierung des spiritistischen Einflusses in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Nachdem die Eckpfeiler der Rilkeschen Weltanschauung herausgearbeitet wurden, kann nun der Blick auf das Verhältnis in dem sie zu den poetologischen Reflexionen des Autor stehen gerichtet werden.

II. Grundlagen der spiritistischen Philosophie Carl du Prels

2.1. Subjektbegriff - Das transzendentale Subjekt

Im Zentrum der Subjektkonzeption du Prels steht das Axiom, dass das menschliche Individuum sich nicht in seiner materiellen Erscheinung erschöpft, sondern sich gleichzeitig auf einer ihm unbewussten seelischen Ebene fortsetzt. Du Prel findet für diesen verborgenen Teil des Ichs den Begriff des "transzendentalen Subjekts"18 In seiner Philosophie gewinnt diese, unbewusste seelische Sphäre des Menschen metaphysische Qualitäten. Dabei bestimmt du Prel das Subjekt aus einem monistischen Blickwinkel. Er löst die Spannung zwischen Leib und Seele auf, indem Leibliches und Seelisches als identisch begriffen werden. Das Psychische wird dabei zum dominierenden "schöpfenden" Prinzip.19 Du Prel begreift die Seele als Lebenskraft. Sie ordnet Moleküle und Atome so an, dass sich aus ihnen der Leib formt.20 "Wir müssen der Seele die organisierende Fähigkeit zusprechen, vermöge welcher sie den Leib zu bilden vermag."21 Die Seele wird zum metaphysischen Grund auf dem die physische Manifestation des menschlichen Subjekts basiert.22

Gleichzeitig grenzt sich du Prel von pantheistischer Vorstellungen ab. Er stellt das Postulat des "metaphysischen Individualismus" auf. Das transzendentale Subjekt ist nicht identisch mit einer kollektiven Weltseele. Vielmehr erscheint es als individueller Bestandteil des Subjekts.23 Es ist nicht einfach "blinder Wille zum Leben", sondern verfügt über ein eigenes Bewusstsein. Die Seele ist vorstellend.24

Die Seele verfügt also sowohl über organisierende, als auch über vorstellende Fähigkeiten. Sie erschafft den physischen Leib, doch die irdische Erscheinungsform des Menschen ist für du Prel im Grunde nichts anderes als eine relativ stabile Materialisierung der vorstellenden und unsterblichen Seele. Diese ist sowohl vor dem irdischen Dasein des Subjekts, als auch nach dem Tod existent.25 Gleichzeitig begreift du Prel den physischen Leib als eine Schranke, die das Subjekt an das Alltagsbewusstsein kettet, und ihm damit den Zugang zu seinem transzendentalen Seelenkern versperrt. Im Umkehrschluss kann das Individuum in allen Bewusstseinszuständen in denen die Ratio als dominantes Erkenntnisprinzip umgangen wird (somnambule Trance, Hypnose, Traum.) auf die unbewusste, seelische Ebene seines Selbst zugreifen. Dabei hebt du Prel hervor, dass die Bewusstseinstätigkeit der Seele sich "qualitativ und quantitativ vom [wachen, alltäglichen; A.B.] Gehirnbewusstsein"26 absetzt. Durch den Rückgriff auf das transzendentale Subjekt kann das Individuum zu Erfahrungen und Erkenntnissen gelangen, die über das Leistungsvermögen des Alltagsbewusstseins weit hinaus gehen. In diesen Bewusstseinszuständen können sowohl die konventionellen Kategorien Raum und Zeit als auch die Grenzen des eigenen physischen Leibes transzendiert werden (bspw. durch prophetische Träume, oder das "Fernsehen").27

2.2. Okkulte Erkenntnistheorie

Grundlegend für die erkenntnistheoretischen Überlegungen du Prels ist das Axiom, dass die Wirklichkeit sich nicht in den materiellen Erscheinungen der manifestierten Welt erschöpft, sondern ebenso aus immateriellen, übersinnlichen Komponenten besteht. Die vollzählige Wirklichkeit stellt sich du Prel als eine Einheit aus sinnlichen und übersinnlichen Phänomene dar.28

Du Prel postuliert, dass der Realitätsbegriff des Menschen einzig durch die Organisation seiner Sinne bestimmt wird.29 Dabei geht er davon aus, dass das Alltagsbewusstsein des Menschen ihm nur einen beschränkten Blick auf die Wirklichkeit ermöglicht. "[U]nsere Sinne, vermöge ihrer geringen Zahl und Leistungsfähigkeit, [sind; A.B.] weit mehr Schranken als Vermittler der Erkenntnis"30 Die immaterielle Sphäre der Wirklichkeit, die für du Prel gleichberechtigt neben der materiellen Sphäre der Wirklichkeit existiert, bleibt dem Alltagsbewusstsein verschlossen, weil das Individuum im wachen Zustand nicht auf die feineren Sinne des transzendentalen Subjekt zugreifen kann.

Außerdem adaptiert du Prel die Fechnerische Theorie der Empfindungsschwelle. Theodor Fechner ging davon aus, dass Umweltreize erst dann in das menschliche Bewusstsein dringen, wenn sie eine gewisse Intensität angenommen haben. Erst mit einer bestimmten Stärke ist es dem Reiz möglich die Empfindungsschwelle, deren Empfindlichkeit wiederum von der Organisation der Sinnesorgane abhängig ist zu überschreiten. Reize, die nicht intensiv genug sind um die Empfindungsschwelle des menschlichen Sensoriums zu überwinden, können folglich nicht wahrgenommen und verarbeitet werden.31

Konstitutiv für das du Prelsche Verständnis der Empfindungsschwelle ist die Möglichkeit ihrer dynamischen Verschiebung. Die Schärfung der Sinnesorgane, zeitige die Herabsetzung der Empfindungsschwelle und ermögliche somit die Wahrnehmung feinerer Reize.32 Der erweiterte Bewusstseinszustand von Somnambulen gilt du Prel als Beweis für die Beweglichkeit der Empfindungsschwelle. Sowohl in somnambuler Trance als auch nach dem Tod würde sich diese soweit verschieben, dass das Individuum auf das Potential des transzendentalen Subjekts zugreifen könne. Das Subjekt erhält so Zugriff zu Wissens- und Erfahrungsräume, die ihm im wachen Zustand nicht zugänglich sind. Es erblickt kraft des transzendentalen Subjekts die vollzählige Wirklichkeit, die sowohl materielles als auch immaterielles vereint.33

2.3. Die sinnlich/übersinnliche Wirklichkeitskonzeption Carl du Prels

Du Prel postuliert, dass Diesseits und Jenseits weder zeitlich noch räumlich getrennte Sphären seien, sondern gleichzeitig nebeneinander bestehen würden.34 Bereits im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts begannen nonduale Jenseitskonzeptionen zunehmend an Bedeutung zu gewinnen. Diese Vorstellungen korrespondierten mit der Überzeugung, dass beide Sphären lediglich als zwei verschiedene Bewusstseinszustände begriffen werden müssten.35 Um das Jahr 1900 ist die erkenntnistheoretische Jenseitskonzeption fester Bestandteil des spiritistischen Ideenkanons.36

Du Prel verortete das menschliche Subjekt bereits zu Lebzeiten in beiden Sphären. [D]er Mensch [berührt, A.B.] gleichzeitig die beiden Existenzweisen [...], die irdische und die transzendentale.37 Auf der einen Seite verankere ihn seine leibliche Erscheinung im Diesseits. Auf der anderen Seite gehöre das menschliche Subjekt kraft seines transzendentalen Seelenkerns auch der jenseitigen Welt an. Die Zugehörigkeit des Subjekts knüpft sich einzig und allein an die Form der subjektiven Anschauung.38 Das nachfolgende Zitat ist sinnfälliger Ausdruck der sinnlich/übersinnlichen Wirklichkeitskonzeption du Prels.

[W]ir [müssen; A.B.] zunächst immer bedenken, daß vom Diesseits und Jenseits nicht im räumlichen, sondern nur im subjektiven, erkenntnistheoretischen Sinne die Rede sein kann. Kant hat gesagt, das Jenseits sei nicht ein anderer Ort, sondern ein anderer Zustand; Hellenbach sagt, Geburt und Tod seien ein Wechsel der Anschauungsformen, und diese zwei Aussprüche lassen sich kurz und bündig in einem Satz zusammenfassen: das Jenseits ist das anders angeschaute Diesseits.39

Aus dieser Überzeugung entwickelt du Prel eine Unsterblichkeitslehre die sich von den Dogmen religiöser Glaubenssysteme absetzt. Das Wegfallen jedweder Transzendenz zeitigt die Möglichkeit, das Wissen um die Unsterblichkeit aus dem eigenen Inneren zu gewinnen.40 Im Moment des Todes vollziehe sich die Auflösung des physischen Leibes des Subjekts, die jedoch für den transzendentalen Seelenkern des Menschen folgenlos bleibt, da die Aufrechterhaltung der Fähigkeiten des transzendentalen Subjekts nicht an die Funktion des physischen Körpers geknüpft sind.41 Der Tod verliert seinen Schrecken, da er nur den Übergang in die Existenzweise des transzendentalen Subjekts bedeutet.42 "Der Spiritismus endlich lehrt, daß der Tod, [...] nur die Doppelheit dieses Verhältnisses zur Natur wieder auflöst, nicht aber das ganze Wesen."43

Im Moment des Todes vollzieht sich simultan zur Auflösung des physischen Leibes das Wegfallen der Empfindungsschwelle. Dem Subjekt eignet nun die allumfassende Wahrnehmung des transzendentalen Subjekts, welches sich nach dem Tod des physischen Leibes einen Astralkörper schafft, dessen Sinnesorgane unendlich fein ausgebildet sind.44

III. Die Weltanschaulichen Grundlagen der "künstlerischen Medialität" in den "Aufzeichnungen " - Wirklichkeitsbegriff

Im vorangegangen Kapitel konnte auf der Grundlage der Philosophie Carl du Prels ein Überblick über die wesentlichen Momente der spiritistischen Weltanschauung geschaffen werden. Im Folgenden wird der Wirklichkeitsbegriff Rilkes im Hinblick auf den möglichen Einfluss spiritistischer Philosophie untersucht. Dabei sollen in einem ersten Schritt die wesentlichen Momente des Rilkeschen Wirklichkeitsverständnisses herausgearbeitet werden. Während sich die darauf folgenden Abschnitte der Aufgabe widmen diese im Roman selbst zu verifizieren.

3.1. Rilkes Wirklichkeitsbegriff

Bereits in den nachfolgenden Zeilen offenbaren sich die Parallelen zwischen der Rilkeschen und der du Prelschen Wirklichkeitskonzeption. Im Jahr 1925, ungefähr ein Jahr vor seinem Tod schreibt Rilke an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz, Der Tod ist die uns abgekehrte, von uns unbeschienene Seite des Lebens: wir müssen versuchen, das größeste Bewusstsein unseres Daseins zu leisten, das in beiden unabgegrenzten Bereichen zu Hause ist, aus beiden unerschöpflich genährt [...] Die wahre Lebensgestalt reicht durch beide Gebiete, das Blut des größesten Kreislaufs treibt durch beide: es gibt weder Diesseits noch Jenseits, sondern die große Einheit.45

Diese Worte des Dichters gemahnen an das du Prelsche Aperçu "das Jenseits ist das anders angeschaute Diesseits."46 Analog zu du Prel spricht sich Rilke vehement für die Aufhebung der dichotomischen Trennung zwischen der diesseitigen und jenseitigen Sphäre aus. Auch bei Rilke werden die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits fließend.47 Gleichzeitig knüpft der Dichter ebenfalls die sich subjektiv bietende Realität an die Wahrnehmung des Subjekts. Entsprechend der du Prelschen Position ist das Subjekt auch bei ihm bereits zu Lebzeiten in beiden Sphären der Wirklichkeit verankert "Die wahre Lebensgestalt reicht durch beide Gebiete"48. Der Tod erscheint lediglich als "die uns abgekehrte unbeschienene Seite des Lebens".49

[...]


1 Priska Pytlik, Okkultismus und Moderne ein kulturhistorisches Phänomen und seine Bedeutung für die Literatur um 1900, Paderborn 2005, S. 171 - 172.

2 Gísli Magnússon, Dichtung als Erfahrungsmetaphysik, Esoterische und okkultistische Modernität bei R.M.Rilke. Würzburg 2009, S. 324.

3 Moritz Baßler, Immaterielle Sinnlichkeit - Ästhetik der emphatischen Moderne. In: Monika Fick/ Sybille Gößl [Hrsg.], Der Schein der Dinge, Einführung in die Ästhetik. Tübingen 2002, S. 96 - 115, Zitat S. 99.

4 Magnússon, Dichtung, S. 324 - 325.

5 Baßler, in: Fick/Gößl [Hrsg.], S. 99 - 101.

6 Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Stuttgart 1997, S. 19.

7 Rilke, Aufzeichnungen, S. 47 - 48.

8 Pytlik, Okkultismus, S. 192.

9 Ebd. S. 186 - 187.

10 Georg Braungart, Spiritismus um 1900. In: Wolfgang Braungart/Gotthard Fuchs/ Manfred Koch [Hrsg.] Ästhetische und religiöse Erfahrungen der Jahrhundertwenden Bd.2, Paderborn 1998, S. 85 - 93, Zitat: S. 92.

11 Pytlik, Okkultismus, S. 188

12 Braungart, in: Braungart/Fuchs/Koch [Hrsg.],S. 91.

13 Ebd. S. 91.

14 Pytlik, Okkultismus, S. 187.

15 Rainer Maria Rilke/Marie von Thurn und Taxis, Briefwechsel. Bd. II, Frankfurt am Main 1986, S. 644.

16 Pytlik, Okkultismus, S. 50

17 Braungart, in: Braungart/ Fuchs/Koch [Hrsg.],, S. 91.

18 Monika Fick, Spiritismus, Okkultismus, Gnostizismus und Rilkes Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. In: Werner Frick/Ulrich Mölk, Europäische Jahrhundertwende - Literatur, Künste, Wissenschaften um 1900 in grenzüberschreitender Wahrnehmung. Göttingen 2003, S. 127 - 142, Zitat: S. 130.

19 Monika Fick, Sinnenwelt und Weltenseele, Der psychophysische Monismus in der Literatur der Jahrhundertwende, Tübingen 1993, S. 12 - 13.

20 Ebd., S 127.

21 Carl du Prel, Das Rätsel des Menschen, Einleitung in das Studium der Geheimwissenschaften, Leipzig 1893, S. 26.

22 Priska Pytlik, "Bürger zweier Welten". Metaphysischer Individualismus und die Neubewertung von Diesseits und Jenseits. Carl du Prels Spiritismus-Theorie. In: Moritz Baßler/ Bettina Gruber/Martina Wagner-Engelhaaf, Gespenster/ Erscheinungen/Medien. Würzburg 2005, S. 141 - 152, Zitat: S. 146.

23 Pytlik, Okkultismus, S. 50.

24 Fick, Sinnenwelt, S. 123

25 Pytlik, in: Baßler,/Gruber/Wagner-Engelhaaf [Hrsg.], S. 150.

26 Carl du Prel, Entdeckung der Seele durch die Geheimwissenschaften, Leipzig 1894, S. 5.

27 Fick, in: Frick/Mölk [Hrsg.],, S. 130.

28 Magnússon, Dichtung, S. 289.

29 Fick, in: Frick/Mölk [Hrsg.],, S. 131

30 Carl du Prel, Der Spiritismus, Leipzig 1893, S. 15.

31 Fick, in: Frick/Mölk [Hrsg.], S. 131.

32 Ebd., S. 131.

33 Pytlik, in: Baßler/Gruber/Wagner-Engelhaaf [Hrsg.], S. 149.

34 Ebd., S. 149.

35 Diethard Sawicki, Leben mit den Toten, Geisterglauben und die Entstehung des Spiritismus in Deutschland 1770 - 1900, Paderborn 2002, S. 20.

36 Magnússon, Dichtung S. 285.

37 Du Prel, Das Rätsel, S. 44.

38 Pytlik, in: Baßler/Gruber/ Wagner-Engelhaaf, S. 149 - 150.

39 Carl du Prel, Der Spiritismus, S. 20 -21.

40 Monika Fick, Sinnstiftung durch Sinnlichkeit: Monsitisches Denken um 1900. In: Braungart/Fuchs/Koch [Hrsg.], S. 69 - 84, Zitat: S.76.

41 Pytlik, in: Baßler/Gruber/Wagner-Engelhaaf [Hrsg.], S. 150.

42 Fick, in Braungart/Fuchs/Koch [Hrsg.], S. 77.

43 Carl du Prel, Der Spiritismus. S. 13.

44 Fick, in: Frick/Mölk[Hrsg.], S. 131.

45 Rainer Maria Rilke, in: Briefe Bd. 3, Hrsg. vom Rilke-Archiv in Weimar in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, Frankfurt am Main 1986, S. 896.

46 Carl du Prel, Der Spiritismus, S. 21.

47 Magnússon, Dichtung, S. 178.

48 Rilke, Briefe Bd. 3, S. 896.

49 Ebd. S. 896.

Details

Seiten
24
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668900783
ISBN (Buch)
9783668900790
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v458150
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Peter Szondi Institut
Note
1,0
Schlagworte
Rainer Maria Rilke Spiritismus Okkultismus Carl du Prel Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Autor

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Titel: Die weltanschaulichen Grundlagen des "medialen Schreibens" in R.M. Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge". Spiritismusrezeption des Autors