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Die Geschichte der (Spät-)Aussiedler in Nachkriegsdeutschland. Ein Beispiel gelungener Remigration?

Facharbeit (Schule) 2018 20 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Kontext
2.1 1763-1871: Einlandungsmanifest Katharinas II. und das Einleben der Deutschen in Russland
2.2 1871-1945: Von Alexander II. bis zum Stalinismus
2.3 Auswanderung in die Bundesrepublik Deutschland

3. Art der Migration

4. Aufnahmeverfahren

5. Integrationshilfen

6. Integrationsprobleme
6.1 Sprach-/ und Lesekompetenz
6.2 Isolation
6.2.1 soziale Abschottung
6.2.2 Koloniebildung

7. Vorurteile
7.1 Kriminalität
7.2 Leben auf Kosten des Staates
7.2.1 Reichtum
7.2.2 Rente
7.2.3 Häuserbau

8. Beispiele gelungener Integration

9. Fazit

10. Literatur- und Quellennachweis

1. Einleitung

"Dort waren wir die Deutschen [...], hier sind wir die Russen" 1

Mit diesem Satz wehklagen die meisten Russlanddeutschen über ihre missliche Lage, ob zu damaligen Zeiten in Russland oder auch nun in Deutschland.2 Aufgrund meiner eigenen russlanddeutschen Wurzeln bin ich weitaus interessiert, mehr über die Geschichte meiner Vorfahren zu erfahren. Ich will die Geschichte und die Leiden der Russlanddeutschen in sowjetischen Zeiten auf den Grund gehen und dem Leser veranschaulichen, wie es überhaupt zu einer deutschen Bevölkerung in Russland kam. Ich werde jedoch nur grob auf das Leben der Deutschen in Russland eingehen, da eine genauere Betrachtung viel zu sehr von meinem Thema ablenken würde, in welchem ich mehr auf das Leben in Deutschland eingehen will. Abschließen werde ich den historischen Kontext mit der Auswanderung der Deutschen aus Russland. Ich werde mich in dieser Facharbeit primär dem Schlagwort „Integration“ zuwenden, da diese, ob sie denn nun gelungen ist oder nicht, ausschlaggebend für die Antwort auf die Frage ist, ob man die russlanddeutsche Remigration in verschiedener Hinsicht als gelungen ansehen kann oder nicht. Deshalb widmen wir uns vor allem den Integrationshilfen/- problemen und den damit verbundenen Vorurteilen gegenüber den Russlanddeutschen. Mit den Vorurteilen werden wir uns mit einer Statistik kritisch auseinandersetzen, um so ein neutrales Bild darüber zu bekommen. Um im Endeffekt ein Fazit zu erhalten, welches sowohl die gute als auch schlechte Seite der Remigration mit einschließt, betrachten wir auch das Gelungene an der Remigration genauer.

In dieser Facharbeit werde ich häufig den Begriff „Integration“ verwenden, weshalb ich ihn genauer erläutern möchte. „Integration“ ist in unserem Falle das Einbinden von Migranten in die Gesellschaft. Dieses Einbinden kann man grob in zwei verschiedene Arten aufteilen: einmal die sozial/ kulturelle Integration, die beispielsweise die Kommunikation und das Zusammenleben zwischen Migranten und Einheimischen betrifft, und die wirtschaftliche Integration, die mehr auf das Verhältnis zwischen Migrant und Arbeit eingeht.

2. Historischer Kontext

2.1 1763-1871: Einlandungsmanifest Katharinas II. und das Einleben der Deutschen in Russland

Es begann schon in dem frühen 13. Jahrhundert, in dem sich Deutsche in das Gebiet des heutigen Russlands niederließen. Diese waren zumeist Bauern, Handwerker und Kaufleute, die angeworben wurden, wobei sie nach vollendeter Arbeit jedoch das Land wieder verließen.3

Aufgrund des Fachkräftemangels in Russland publizierte die damalige Zarin Katharina II., eine aufgeklärte Absolutistin, das sogenannte „Einladungsmanifest“ vom 22. Juli 1763, welches vor allem ausländische Siedler anwarb, die folglich mit einer Reihe von Privilegien ausgestattet wurden.4 Diese Einladung gilt als eine ihrer ersten Amtshandlungen, nachdem sie durch einen Staatsstreich und der Abdankung ihres Mannes Peters III. an die Macht kam.5 Der Zweck des Manifestes bestand darin, wirtschaftliche und sozial-kulturelle Fortschritte zu erreichen, da vor allem deutsche Bauern als sehr erfahren im landwirtschaftlichen Bereich galten. Das „Einladungsmanifest“ erregte vor allem in Bayern, Rheinland, Baden, Hessen und der Pfalz großes Aufsehen.6 Die Einladung in den Gebieten Russlands einzuwandern, wurde mit großer Freude aufgenommen, da viele Deutsche in diesem Zeitraum unter den vielen Religionskriegen und den Folgen des Siebenjährigen Krieges, welcher von 1756 bis 1763 andauerte, litten. Den angeworbenen Deutschen wurden unter anderem Religionsfreiheit, 30 jährige Steuerfreiheit, finanzielle Starthilfe, Befreiung vom Militärdienst, lokale Selbstverwaltung und Sprachfreiheit zugesichert.7 Diese Versprechungen wurden primär durch Kirchen und Zeitungen verbreitet. Daraufhin wanderten deutsche Bauern, Handwerker und Kaufleute nach Russland aus, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Man schätzt die Gesamtzahl der Auswanderer im Zeitraum von 1764 bis 1767 auf etwa 30.000.8 Jedoch betraten nach der langen Reise viele Auswanderer in diesen Jahren den russischen Boden nicht, da sie infolge von Krankheiten und Hunger schon auf der Hinreise starben. Die Überlebenden wurden zunächst in das Wolgagebiet, der Schwarzmeerregion und die Stadt Saratow gebracht. Nach der Ankunft erhielten sie je nach Standort zumeist 30 oder 70 Hektar Land zur Verfügung, welches sie dann bebauen sollten.9 Jedoch war die Enttäuschung nach der Ankunft groß, da sie feststellen mussten, dass ihnen manche der versprochenen Freiheiten und Privilegien gewährt wurden. Ihnen wurde beispielsweise verwehrt, ihre erlernten Handwerksberufe in ihren neuen Wohnorten auszuführen. Auch das Gebiet, in welches sie kamen, konnten sie nicht frei wählen, sondern sie wurden gezielt in den Ländereien, in denen die Russen am meisten Unterstützung benötigten, niedergelassen. So wurden ihnen nicht nur die versprochenen Freiheiten und Privilegien verwehrt, sondern auch die erhoffte, aber nicht vorhandene Infrastruktur, die vielen Seuchen, die Klimaänderung und auch die Vielzahl von feindlichen Überfällen machten die Einwanderer zu schaffen.10 Die Wirtschaft konnte so nicht ihren Lauf nehmen und eine Entwicklung schien in weiter Ferne zu sein.

Nach diesen anfänglichen Schwierigkeiten konnten sie, durch die Hilfe der russischen Regierung, in ihrem neuen Gebiet Fuß fassen, sodass man es schon fast als „Wohlstand“ bezeichnen könnte.11 Statt einer Stagnation blühte die Wirtschaft in den deutsch-russischen Gebieten regelrecht auf. Es zeigten sich überwiegend in dem Wolgagebiet große Erfolge: die Einwanderer entwickelten sich wirtschaftlich gesehen rasant durch die neuen Errungenschaften in der Agrarwirtschaft, wodurch sie schon nach kürzester Zeit mit dem russischen Markt kooperierten. Aber auch die Bevölkerungsanzahl stieg stetig, da die durchschnittliche Familie um 1816 aus etwa sieben Leuten bestand.12 So arbeiteten die fleißigen Bauern, Handwerker und die geschickten Kaufleute auf den Höfen, in ihren eigenem Handwerksbetrieb oder auf dem russischen Markt. Sie besaßen eine gut ausgebaute Infrastruktur mit ihren eigenen deutschen Zeitungen, Kirchen und sogar eigenen deutschen Schulen. Man zählte in der Mitte der 1860er-Jahre im gesamten russischen Reich 900.000 Menschen deutscher Herkunft. Folglich wurden die Kolonien der deutschen Einwanderer so weit ausgedehnt, sodass sie im 19. Jahrhundert von der nördlich gelegenen Stadt St. Petersburg bis zum südlichen Tiflis reichten.13 Man schätzt die Zahl der deutschen Kolonien im Zeitraum von 1763 bis 1862 auf mehr als 3.000.14

2.2 1871-1945: Von Alexander II. bis zum Stalinismus

Nach jahrelangem Wohlstand, Wirtschaftswachstum, solider Bevölkerungsentwicklung und einer scheinbar gute Stellung im russischen Reich wendete sich das Blatt überwiegend unter der Herrschaft Alexander II..15 Die Reputation der Deutschen ging in den 1870er Jahren allmählich verloren, da vor allem ihr Reichtum den Neid der Russen, von denen manche sogar auf den Feldern der Einwanderer arbeiteten, auf sich zog. Es verschlechterte sich aber nicht nur die inländische Beziehung der fleißigen Deutschen und Russen, sondern auch die politische Relation zwischen Deutschland und Russland begann schrittweise zu bröckeln, was das gegenseitige Feindbild nochmals betonte. Aufgrund des verlorenen Krimkrieges im Jahre 1856 versuchte der Kaiser Alexander II. das Reich mit verschiedenen Reformen zu stärken, welche primär die deutsche Bevölkerung, die Russland im Krimkrieg materielle Hilfe geleistet hatte, beeinflusste. So wurden beispielsweise die versprochenen Privilegien, welche Katharina II. in dem „Einladungsmanifest“ den deutschen Einwanderern gewährte, fast komplett abgeschafft.16 Es mussten alle deutschen Einwanderer Steuern zahlen und auch das ihnen so wichtige Selbstbestimmungsrecht, welches ihnen unter anderem erlaubte, ihren eigenen Dorfführer ohne staatlichen Einfluss zu wählen, wurde abgeschafft. Sie wurden gezwungen, Wehrdienst zu leisten, nicht nur um im Militär auszuhelfen und dem Staat damit Hilfe zu leisten, sondern die Regierung hatte auch die Absicht die kulturell abgeschotteten Deutschen durch die Kommunikation und der Gemeinschaft mit den Russen ihre Sprache näher zu bringen, da die meisten Deutschen die russische Sprache nicht beherrschten.17 Es folgte zulasten der Einwanderer der Versuch der „Russifizierung“, also die Maßnahmen, die Deutschen in die Kultur und Sprache der Russen zu integrieren.18 Aus diesem Grund wurde angeordnet, dass viele Deutsche ihr Dorf zeitweilig verlassen müssten, um im Kontakt mit den Russen zu kommen und auch an deutschen Schulen wurde Russisch 1891 zum Pflichtfach. Den Deutschen in Russland gefielen jedoch diese Veränderungen nicht, da insbesondere die pazifistischen Mennoniten die Wehrpflicht aus religiösen Gründen ablehnten. Folgendermaßen entschieden sich etwa 300.000 Deutsche, darunter eine Menge Mennoniten, nach Süd- oder Nordamerika auszuwandern.19

Das wahre Grauen und die schrecklichen Leiden der Deutschen in Russland begannen jedoch erst zu späteren Zeiten. Grund für dieses Leid stellte wesentlich die „Entkulakisierung“ dar: die Kulaken, also die wohlhabenden und zu meist selbstständigen Bauern, wurden enteignet, exekutiert oder deportiert.20 Es entstanden durch die Enteignung und der Forderung von viel zu hohen Abgaben viele Hungersnöte auf dem sowjetischen Gebiet, welche eine Vielzahl von Toten zur Folge hatte. Davon betroffen waren vor allem die deutschen Einwanderer. Es kam ab der Machtübernahme Josef Stalins im Jahre 1927 aber noch zu viel schlimmeren Verbrechen: die Deutschen in Russland, welche nicht nur als wohlhabend galten, sondern auch zu Zeiten des Deutsch-Sowjetischen Krieges als mögliche Staats- und Volksfeinde angesehen wurden, brachte man in die sogenannte „Trudarmee“, in der sie harte körperliche Arbeiten unter schlechten klimatischen Bedingungen vollbringen mussten. Diese Arbeiter waren zu meist an der Entwicklung von „Industrieanlagen, Bahnlinien, Straßen, Kanälen sowie im Bergbau“21 beteiligt, weit entfernt von der Front, um so sicher zu gehen, dass sie sich nicht gegen Russland im Krieg mit Deutschland stellen würden. Um einen möglichen Verrat auszuschließen, exekutierte man schon bei einem kleinen Verdacht die Betroffenen. Andere wurden wiederum nach Sibirien deportiert, wo sie sich wieder einmal neu aufbauen mussten. Dies hielt bis zum Kriegsende stand.

[...]


1 http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/russlanddeutsche/249842/geschichte-der-russlanddeutschen-ab-mitte-der-1980er-jahre/ 05.03.2018

2 http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2013/07/482247/aussiedler-sind-enttaeuscht-dort-waren-wir-deutsche-hier-sind-wir-russen// 23.02.2018

3 Vgl. Petrova, Alena: Zur kulturellen Identität der Russlanddeutschen. o.O., o.J., S. 2

4 Vgl. Karlin, Elisabeth/ Feustel, Natalie/ Sonntag, Anna: Die Russlanddeutschen. Deutsche Geschichte in Russland, o.O, o. J., S. 3-4

5 http://www.dw.com/de/russlanddeutsche-und-katharina-die-gro%C3%9Fe/a-16960108; 23.01.2018

6 http://wolgadeutsche.org/katharina-die-grosse-und-das-einladungsmanifest/ 26.01.2018

7 Vgl. Radenbach, Niklas/ Stephan, Viola/ Rosenthal, Gabriele: Brüchige Zugehörigkeiten. Wie sich Familien von "Russlanddeutschen" ihre Geschichte erzählen, Frankfurt am Main, 2011, S. 40

8 http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56417/russlanddeutsche?p=all/ 01.02.2018

9 http://www.dw.com/de/russlanddeutsche-und-katharina-die-gro%C3%9Fe/a-16960108/ 06.02.2018

10 http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56417/russlanddeutsche?p=all7 06.02.2018

11 Vgl. Petrova, Alena: Zur kulturellen Identität der Russlanddeutschen. o.O., o.J., S. 5

12 http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/russlanddeutsche/252006/von-der-anwerbung-unter-katharina-ii-bis-1917/ 06.02.2018

13 http://www.dw.com/de/russlanddeutsche-und-katharina-die-gro%C3%9Fe/a-16960108/ 06.02.2018

14 http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56417/russlanddeutsche?p=all7 06.02.2018

15 Vgl. Frank, Fabian: Soziale Netzwerke von (Spät-)Aussiedlern . Eine Analyse sozialer Unterstützung aus sozialarbeiterischer Perspektive, Freiburg, 2011, S.41

16 Vgl. Petrova, Alena: Zur kulturellen Identität der Russlanddeutschen. o.O., o.J., S. 5-6

17 Vgl. Karlin, Elisabeth/ Feustel, Natalie/ Sonntag, Anna: Die Russlanddeutschen. Deutsche Geschichte in Russland, o.O, o. J., S. 5

18 Vgl. Radenbach, Niklas/ Stephan, Viola/ Rosenthal, Gabriele: Brüchige Zugehörigkeiten. Wie sich Familien von "Russlanddeutschen" ihre Geschichte erzählen, Frankfurt am Main, 2011, S. 41

19 http://www.kfi.nrw.de/zuwanderung/Aufnahmeverfahren_Spaetaussiedler/Geschichte_Russlanddeutsche/index.php/ 06.02.2018

20 http://www.russlanddeutschegeschichte.de/geschichte/teil3/stalin/entkula.htm/ 06.02.2018

21 http://www.kfi.nrw.de/zuwanderung/Aufnahmeverfahren_Spaetaussiedler/Geschichte_Russlanddeutsche/index.php/ 06.02.2018

Details

Seiten
20
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668881617
ISBN (Buch)
9783668881624
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v458234
Note
2,3
Schlagworte
geschichte spät- aussiedler nachkriegsdeutschland beispiel remigration

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Titel: Die Geschichte der (Spät-)Aussiedler in Nachkriegsdeutschland. Ein Beispiel gelungener Remigration?