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"Volksbeschluß über die Ehrungen für Samos Bürger, nicht Bürger (Fremder)". Eine Quelleninterpretation

Essay 2015 7 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Die vorliegende Quelle ist eine Inschrift auf einer Marmorstele an der Akropolis in Athen und stammt aus dem Jahr 403/402 v. Chr. Das erhaltende Original befindet sich heute im Akropolismuseum in Athen. Bei der Inschrift handelt sich um eine ionische Schrift im stoichedon. Sie ist eine von mehreren Beschlüssen die Samos betreffen und bezeugt eine Schlacht in der das Volk der Samier und die Athener Verbündete waren. Wegen ihrer Entschlossenheit und ihren Leistungen wird den Samiern daraufhin das athenische Bürgerrecht als Zeichen ihrer Wertschätzung verliehen. Für meine Interpretation beschäftige ich mich mit der Übersetzung von K. Brodersen / W. Günther / H.H. Schmitt: Historische griechische Inschriften in Übersetzung. Bd. 1: Die archaische und klassische Zeit, Darmstadt 1992.

Die Quelle beginnt mit der Aufzählung der anwesenden Personen. Anwesend sind die Vertreter der Samier, der inhabende der Prytanie, der Archon und der Epistates. Zuerst wird den Gesandten der Samier und allen anderen Samiern ein großes Lob ausgesprochen, weil sie sich durch ihre Entschlossenheit, ihren Einsatz und ihre Leistungen verdient gemacht haben. Sie haben nicht nur zu ihrem eigenen Nutzen, sondern auch zum Nutzen der Athener gehandelt.

„Lob aussprechen soll man den Gesandten der Samier, sowohl denen, die früher gekommen sind als auch denen die jetzt eingetroffen sind, und dem Rat, der Strategoi und allen anderen Samiern, weil sie sich verdient gemacht haben und entschlossen sind, alles Gute zu tun nach Kräften, und Lob für ihre Leistungen, weil sie in unseren Augen richtig gehandelt haben zum Nutzen der Athener und der Samier“1.

Um den Samiern ihre Wertschätzung zu beweisen bieten sie ihnen das athenische Bürgerrecht an, mit dem Zusatz, dass diese trotzdem nach ihren eigenen Gesetzen leben dürfen. „Sie sollen unter ihren eigenen Gesetzen leben…“2

Außerdem sollen ausgehandelte Friedensbedingungen nicht nur für die Athener, sondern ebenfalls für die Samier gelten. Im Gegenzug sollen sich die Samier im Kriegsfall ebenfalls rüsten. Die Samier sind Verbündete der Athener, die im Kriegsfall bereit sind für Athen zu kämpfen.

„Was den Frieden anbelangt, soll er, wenn er eintritt, zu denselben (Bedingungen) wie für die Athener auch für die jetzigen Bewohner von Samos sein. Wenn Krieg geführt werden muß, sollen sie sich rüsten nach besten Kräften und im Einvernehmen mit den Strategoi“3.

Die Position des Strategoi war aber trotzdem weiterhin den Athenern vorbehalten. Wenn die Athener irgendwohin eine Gesandtschaft hinschicken, sollen die aus Samos Anwesenden ein Mitglied stellen dürfen, wenn sie es wünschen, und ihre „förderlichen Ratschläge erteilen dürfen“ 4.

Außerdem sollen die Kriegsschiffe (Trieren), die vor Samos liegen, den Samiern zur Verfügung gestellt werden und diese dürfen sie nach Belieben umbauen und aufrüsten.

„Die Trieren die vor Samos liegen, soll man ihnen zur Verfügung stellen, nachdem sie diese so ausgerüstet haben, wie sie es für gut befinden“5.

Des weiteren sollen die Beschlüsse des Rates auf einer Stele aus Marmor festgehalten werden und diese auf der Akropolis aufgestellt werden. In Samos soll das Gleiche passieren.

„Aufschreiben lassen soll die Beschlüsse der Schriftführer des Rats zusammen mit den Strategoi auf einer Stele aus Marmor und sie aufstellen lassen auf der Polis, die Hellenotamiai sollen den Geldbetrag zur Verfügung stellen. Aufschreiben sollen sie in Samos in derselben Weise auf ihre Kosten“6

Die Inschrift ist ein Volksbeschluss der Athener und eine Absichtserklärung den Samiern das athenische Bürgerrecht zu verleihen. Er versucht die Dankbarkeit der Athener gegenüber den Samiern herauszustellen, denn die Samier werden hoch gelobt für ihre vollbrachten Taten und ihren Mut.

Es wird nicht darauf eingegangen, in welcher Schlacht die Samier die Athener unterstützt und sich damit das Bürgerrecht verdient haben. Allerdings waren die Samier einer der wichtigsten Verbündeten der Athener während des Peloponnesischen Kriegs. Die Samier sollen dafür das athenische Bürgerrecht erhalten, aber dennoch weiterhin ein selbstverwaltender eigener Staat bleiben. Allerdings sollen nur jene Samier das Bürgerrecht erhalten die den Athenern „wohlgesonnen“ waren.

Zeitlich gesehen geschieht dies kurz vor Ende des peloponnesischen Krieges. Das Bündnis zwischen Athen und Samos ist eines der wichtigsten für Athen, da die Samier eine eigene Flotte für den Seebund stellten.

Zu dieser Zeit besaß Athen zwischen 30.000 und 50.000 wehrfähige Bürger. „Die absolute Zahl der Bevölkerung Attikas ist für keine Periode des antiken Athen“7 bekannt. Laut Bleiken könnte die gesamte bürgerliche Bevölkerung auf 100.000 bis 150.0008 Menschen geschätzt werden, während die Gesamtzahl aller in Attika wohnenden Menschen, Mitte des 5. Jahrhunderts, auf etwa 250.0009 geschätzt werden kann.

In Athen gab es drei verschiedene Bevölkerungsgruppen. Die unterste Bevölkerungsschicht waren die Sklaven. Bei ihnen gibt es die größte Unsicherheit bei der Berechnung ihrer Anzahl. Sklaven waren persönlich unfrei, denn sie gehörtem einen Herrn. Außerdem besaß ein Sklave weder juristische noch politische Rechte. Zum anderen gab es noch die freien Sklaven, welche schon das juristische Recht besaßen, aber nicht das politische Recht und darum auch keine Ämter bekleiden konnten. Durch ihre Freilassung wurden sie „nicht Bürger, sondern Fremder“10. Freigelassene Sklaven waren unter den Bewohnern Attikas eine unauffällige Minderheit.

Die zweite Bevölkerungsgruppe waren die Metöken. Sie bildeten in Athen eine besondere Bevölkerungsgruppe, denn sie waren zwar frei und in Athen ansässig, allerdings hatten sie nur juristische, jedoch keine politischen Rechte. Meist waren sie Griechen die kein athenisches Bürgerrecht besaßen, also „fest ansässige Fremde“11. Die Metöken waren eine Gruppe von freien Menschen in Attika. Sie mussten eine geringe Kopfsteuer bezahlen und sie arbeiteten meistens in handwerklichen Berufen oder betrieben Handel. Diese Kopfsteuer war die deutlichste Abgrenzung zu einem athenischen Bürger. Kam ein Metöke dieser Steuer nicht nach, wurde er in die Sklaverei verkauft. Außerdem mussten sie sich vor Gericht durch jemanden mit athenischem Bürgerrecht vertreten lassen. Trotz der Unterschiede zu athenischen Bürgern wurden die Metöken im Kriegsfall wie ganz normale Bürger eingezogen.

[...]


1 BRODERSEN, K. / GÜNTHER, W./ SCHMITT, H.H.: Historische griechische Inschriften in Übersetzung. Bd. 1: Die archaische und klassische Zeit, Darmstadt 1992. Zeile 7 - 10

2 Ebd. Zeile 15

3 BRODERSEN, K. / GÜNTHER, W./ SCHMITT, H.H.: Historische griechische Inschriften in Übersetzung. Bd. 1: Die archaische und klassische Zeit, Darmstadt 1992. Zeile 21 - 23

4 Ebd. Zeile 25

5 Ebd. Zeile 25 - 27

6 Ebd. Zeile 38 - 40

7 BLEICKEN, JOCHEN: Die athenische Demokratie, 4. Auflage, 1995. Seite 99

8 Vgl. BLEICKEN, JOCHEN: Die athenische Demokratie, 4. Auflage, 1995. Seite 100

9 Vgl. BLEICKEN, JOCHEN: Die athenische Demokratie, 4. Auflage, 1995. Seite 101

10 BLEICKEN, JOCHEN: Die athenische Demokratie, 4. Auflage, 1995. Seite 112

11 BLEICKEN, JOCHEN: Die athenische Demokratie, 4. Auflage, 1995. Seite 100

Details

Seiten
7
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668896215
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v458762
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal – Geschichtswissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
Athen Volksbeschluss Bürger Fremde Quelleninterpretation Ehrungen für Samos Samos Kultur Gesellschaft Kultur und Gesellschaft in klassischer Zeit

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