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Die Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 12 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. John Bowlby und die Ursprünge der Bindungstheorie

3. Definition von Bindung und Bindungstheorie

4. Mary Ainsworth und die „Fremde Situation“
4.1. Die einzelnen Phasen der „Fremden Situation“
4.2. Die Klassifikationen der kindlichen Bindungsqualität
4.3. Andere Möglichkeiten der Bindungsklassifikation

5. Das Konzept der Feinfühligkeit

6. Bindungs- und Explorationssysteme

7. Entwicklung von Bindung im Verlauf des Lebens

8. Bindung und Schule

9. Persönliches Fazit: Was hat mir die Auseinandersetzung mit dem Thema gebracht?

10. Bibliographie

1. Einleitung

Ich werde zunächst einen kurzen geschichtlichen Abriss über die Entstehung und Entwicklung der Bindungstheorie, eng geknüpft an die biographischen Daten ihres Begründers John Bowlby, geben. Im weiteren Verlauf möchte ich dann einige Merkmale aufzeigen, nach denen die Bindung einer Person klassifiziert werden kann. Diese Informationen halte ich für bedeutsam im Hinblick auf eine Lehrertätigkeit, da auch der Lehrer im Umfeld zwischen Institution Schule, Familie und Kind agiert. Einige Ansätze, wie dieses Wissen auch im schulischen Alltag zur Anwendung kommen könnte, möchte ich anschließen.

2. John Bowlby und die Ursprünge der Bindungstheorie

Die Bindungsforschung ist ein relativ junges Forschungsfeld innerhalb der Psychologie.

Die Bindungstheorie beschäftigt sich vorrangig mit dem Bindungsverhalten – und der daraus resultierenden Bindungsqualität – das ein Säugling zu seiner direkten Bezugsperson (Mutter oder Vater) entwickelt. Als grundlegender Zeitraum, in dem sich die Bindungsqualität ausprägt, gilt das erste Lebensjahr des Säuglings. Nach diesem Jahr kann das Bindungsverhalten eines Säuglings bereits als sicher, unsicher oder desorganisiert eingestuft werden (siehe 4.2.).

Obwohl die Bindungsforschung mittlerweile seit einigen Jahrzehnten existiert, hat sie in ihren Anfängen doch ein eher stiefmütterliches Dasein gefristet. Erst in den letzten Jahren hat sie auch in der Psychoanalyse wachsendes Interesse erregt. Dornes führt diese Entwicklung auf ein „Gefühl der Desorientierung in einer unübersichtlich gewordenen Welt“ (Dornes 2000, S. 37) zurück, dass Begriffe und Zustände wie Bindung und Sicherheit wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken lässt. So scheint die Bindungstheorie einen „zentralen Affekt und eine zentrale Besorgnis des heutigen Menschen zu thematisieren“ (ebd., S. 38).

Als Begründer und einer der wichtigsten Vertreter der Bindungstheorie gilt John Bowlby (1910-1993). Er begann als junger Mann ein Medizinstudium, dass er aber bald zugunsten einer Hospitation an einer Schule für verhaltensgestörte Kinder abbrach. Hier machte er erste Erfahrungen in der Beobachtung von Kindern und Jugendlichen, die seinen weiteren Lebensweg maßgeblich beeinflussten. Er beobachtete, dass frühkindliche Deprivation[1] nicht zwangsläufig eine Persönlichkeit unwiderruflich prägen musste, sondern dass trotz der frühkindlichen Erfahrung eine abweichende Persönlichkeitsentwicklung möglich war (siehe auch Punkt 7).

Hierauf ging Bowlby nach London, beendete dort sein Medizinstudium und ließ sich u.a. von Melanie Klein zum Erwachsenenpsychiater ausbilden. In den folgenden Jahren arbeitete er an der Tavistock Clinic als Psychiater und baute dort zusammen mit Esther Bick ein Ausbildungsprogramm für Kinderpsychotherapie auf.

1951 wurde Bowlby beauftragt, im Namen der World Health Organisation (WHO) einen Bericht „über die Situation der vielen heimatlosen und verwaisten Kinder in der Nachkriegszeit zu verfassen“ (Brisch 1999, S. 32). Bowlby veröffentlichte die Ergebnisse der Untersuchung in populärer Fassung als Buch unter dem Namen „Mütterliche Fürsorge und seelische Gesundheit“ und wurde damit schnell zu einem bekannten und fachlich respektierten Mann. Das Buch verkaufte sich allein in englischer Sprache 500 000 mal und wurde in 10 Sprachen übersetzt. „In dieser Monographie beschreibt Bowlby die nachteiligen Folgen, die entstehen, wenn Kinder ohne ihre Mütter in Institutionen aufwachsen, in denen ihre emotionalen und kognitiven Bedürfnisse nur unzureichend befriedigt werden“ (Dornes 2000, S. 41). Die Ergebnisse aus diesem Bericht ermutigten ihn, seine Theorie weiter zu verfolgen und zu differenzieren (vgl. Brisch 1999, S. 32-33). Zu dieser Zeit lernte er auch Mary Ainsworth an der Tavistock Clinic kennen.

Seine Theorie, die er seit Anfang der 1940er Jahre entwickelte, unterschied sich von der damals in voller Entwicklung befindlichen Psychoanalyse in einem zentralen Punkt: während die Psychoanalyse vorrangig (und leicht verallgemeinernd gesprochen) das Unterbewusste, den Todestrieb und den Sexualitätstrieb und ihre Integration oder Behinderung durch äußere Faktoren als wegweisend und ursächlich für die Entwicklung ansahen, bildeten für Bowlby Erlebnisse aus der realen Welt die zentrale Quelle, die den Säugling in seinem Verhalten prägten. „Eine der zentralen Aussagen von Bowlbys Theorie ist, daß der menschliche Säugling die angeborene Neigung hat, die Nähe einer vertrauten Person zu suchen. Fühlt er sich müde, krank, unsicher oder allein, so werden Bindungsverhaltensweisen wie Schreien, Lächeln, Anklammern und Nachfolgen aktiviert, welche die Nähe zur vertrauten Person wiederherstellen sollen“ (Dornes 2000, S. 44).

Im Gegensatz zur Psychoanalyse stellte Bowlby nicht allein die Innenwelt in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen, sondern maß den realen Erlebnissen und der Außenwelt entscheidende Bedeutung für die Entwicklung eines Individuums zu. Das trug ihm den Vorwurf von Seiten der Kleinianer in der Psychoanalytischen Gesellschaft ein, er „habe die Poesie aus der Psychoanalyse vertrieben [...] – und die Phantasie!“ (Dornes 2000, S. 43). Bowlby war in dieser Hinsicht wesentlich pragmatischer als viele seiner Kollegen. Vielen galt er, auch aufgrund dessen, dass Teile seiner Theorie eng mit der Ethologie verknüpft waren, als Behaviourist. So wurde Bowlby besonders von denen geschätzt, denen die Psychoanalyse zu spekulativ und unwissenschaftlich erschien, der Behaviourismus aber zu langweilig (vgl. ebd., S. 44).

In den nächsten Jahren nahmen neuere Entwicklungen in der Ethologie[2] Einfluss auf Bowlbys Denken. Einige Arbeiten von Konrad Lorenz waren in englischer Übersetzung erschienen und Tinbergen hatte seine Instinktenlehre (1951) verfasst. Bowlby lehnte die Triebtheorie, „insbesondere die Relativierung libidinöser/sexueller Bedürfnisse zugunsten von Bindungsbedürfnissen“ (Dornes 2000, S. 43) als grundlegende Motivation des menschlichen Handelns ab. Die Relativierung der zentralen Theorie der Psychoanalyse brachte ihn innerhalb der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft in Verruf. Der Bezug zur Ethologie bestärkte noch ein Kriterium, dass ohnehin in der Bindungstheorie schon von Bedeutung war: die direkte Beobachtung eines Kindes, also eine sozusagen realitätsnahe Auswertung seines Verhaltens anstatt das in der Psychoanalyse zu findende Deuten von Nicht-Sichtbarem wie Symbolen, Phantasien, Träumen deren Bezug zum Unbewussten.

Zwischen 1957 und 1960 schrieb Bowlby dann drei Aufsätze, die er in den Jahren von 1969 bis 1980 zu drei Büchern ausweitete: „Bindung“ (deutsch: 1975), „Trennung“ (deutsch: 1976) und „Verlust“ (deutsch: 1983). In ihnen stellt er die erste komplette, ethologisch inspirierte Revision seiner Theorie dar. Die drei Bücher bilden sein Hauptwerk und befassen sich ausführlich mit den Grundsteinen seiner Beobachtungen und Theorie. Ein Vortrag, den er auf Grundlage dieser Aufsätze vor der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft hielt, wurde stark kritisiert und führte zur Abkehr Bowlbys von dieser Gesellschaft.

Bindungsverhaltensweisen existieren als Teil des evolutionären Erbes von Geburt an und werden im Verlauf des ersten halben Jahres immer spezifischer auf eine oder mehrere Hauptbezugspersonen ausgerichtet (vgl. Dornes 2000, S. 44). Dabei geht es dem Säugling zunächst darum, Sicherheit zu erlangen. Aus den Erfahrungen, die ein Säugling im ersten Lebensjahr von seiner Bezugspersonen vermittelt bekommt, bildet sich „ein Gefühl der Bindung oder Gebundenheit, das, je nach Erfahrung, verschiedene ‚Färbungen’ annehmen kann, die als unterschiedliche Qualitäten von Bindung betrachtet werden“ (Dornes, S. 44).

Weiterhin sah Bowlby Bindung nicht als ein Phänomen, dessen Grundsteine bereits in den ersten Lebensjahren unwiderruflich gelegt werden, sondern als einen lebenslangen Prozeß, in dessen Verlauf sich durch positive und stabile Bindungserlebnisse oder auch Trennungs- und Verlusterfahrungen die Bindungsqualität einer Person entscheidend beeinflussen können. Die einmal als Säugling erworbene Bindungsqualität entwickelt sich im Laufe des Lebens zu einer Bindungsrepräsentanz. Diese Bindungsrepräsentanz stellt die im späteren Leben durch weitere Erfahrung erworbenen Bindungsverhalten dar, so daß die einmal als Säugling erworbene Bindungsqualität nicht statisch bleibt.

Die Forschungen Bowlbys zeichnen sich durch ausdauernde Neugier und einen auch im Alter nicht nachlassenden Forscherdrang aus. Im hohen Alter durfte Bowlby dann noch miterleben, wie die Resultate seiner Forschungen in die angewandte Therapie Eingang fanden. In späten Jahren war Bowlby sehr an der therapeutischen Umsetzung seiner Theorie interessiert.

[...]


[1] Die Nicht-Erfüllung, das Versagen der Erfüllung von Bedürfnissen

[2] Tierverhaltensforschung

Details

Seiten
12
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638432108
ISBN (Buch)
9783638820868
Dateigröße
917 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45883
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin
Note
1,7
Schlagworte
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