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Analyse und Interpretation der Kurzgeschichte "Die Nacht, die Lichter" von Clemens Meyer

Hausarbeit 2018 15 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Autor und sein Werk
2.1 „Ich bin, der ich bin und ich schreibe nun mal.“ – Über den Schriftsteller Clemens Meyer
2.2 Die Nacht, die Lichter – Über den Erzählband und die Titelgeschichte

3. „Ich will Geschichten schreiben, die leuchten“
3.1 Nacht und Lichter als wiederkehrende Elemente
3.2 Analyse und Interpretation von „Die Nacht, die Lichter“
3.3 Bedeutung „Die Nacht, die Lichter“

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

6. Interviews

Einleitung

Ich bin der Meinung, dass in einer Geschichte, die ein sprengendes Ende nimmt, die kleinen Momente des Glücks und der scheinbaren Hoffnung viel heller leuchten, als wenn man diese von Anfang an als Leitmotiv nimmt.1

Geschichten mit sprengenden Enden, kurzen Momenten des Glücks und der scheinbaren Hoffnung gibt es im Erzählband Die Nacht, die Lichter viele. In jeder einzelnen erzählt Clemens Meyer von den Zerwürfnissen seiner vom Schicksal des Lebens geplagten Figuren. So ebnet mir dieses Zitat den Weg in meine Hausarbeit, die sich den zentralen Leitmotiven, Nacht und Lichtern, in „Die Nacht, die Lichter“ befasst.

Der erste Teil dieser Arbeit widmet sich einer Einführung in den Erzählband und seiner gleichnamigen Titelgeschichte2. Dazu wird zunächst notwendigerweise auch die Biographie des Autors Clemens Meyer skizziert.

Der zweite Teil befasst sich mit der Analyse und Interpretation der Kurzgeschichte „Die Nacht, die Lichter“. Nachdem an Textauszügen Nacht und Lichter als Leitmotive wiederkehrende Elemente aufgezeigt werden, geht dieser Teil der Arbeit auf dessen Bedeutung und Wirkung auf den Leser ein. Mit dem Versuch einer Erklärung, die rechtfertigt, aus welchen Gründen die Erzählung „Die Nacht, die Lichter“ als Titelgeschichte des Erzählbandes ausgewählt wurde, das heißt, welche maßgebliche Bedeutung ihr in der Einheit der Erzählungen zukommt, schließt diese Arbeit ab.

Bei dem Erzählband Die Nacht, die Lichter handelt es sich um einen, das nicht allein nur wegen seines Erscheinungsdatums im Jahre 2008, sondern auch wegen seiner noch nicht vollständig erschlossenen Stilistik, der Neueren Deutschen Literatur zugesprochen werden kann. Aus diesem Grund gibt es noch keine einschlägige Sekundärliteratur, die sich eingehend mit der Person Clemens Meyer oder seinen Werken befasst. So stützt sich diese Arbeit auf Auszüge aus Interviews, die Clemens Meyer von 2006 bis 2008 mit der Presse, und damit verschiedensten renommierten Verlagen führte, darunter die Frankfurter und Thüringer Allgemeine Zeitung oder der Stern.

2. Der Autor und sein Werk

2.1 „Ich bin, der ich bin und ich schreibe nun mal.“ – Über den Schriftsteller Clemens Meyer

Die Nacht, die Lichter, mit dem Untertitel Stories, ist Meyers erster Erzählband, der 2008 im Fischer Taschenbuch Verlag erschien. Noch im gleichen Jahr erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie „Belletristik“. Nachdem 2006 sein ebenfalls viel prämierter Debütroman Als wir träumten erschien, gelang Clemens Meyer doch erst mit seinen Kurzgeschichten der Durchbruch in der Welt der Literatur. Seither handelt man ihn, wie der Stern titelte, als „Shooting-Star am Literaturhimmel“3.

Meyer wurde 1977 in Halle geboren, lebt aber schon immer in Anger-Crottendorf, im Osten Leipzigs. Nach seinem Abitur 1996 stand für ihn fest, dass ihn so schnell nichts zurück an einen Schreibtisch fesseln würde, weswegen er zweieinhalb Jahre lang die verschiedensten Jobs annahm, unter anderem als Bauarbeiter, Möbelpacker und Wachmann arbeitete. Doch auch und besonders diese turbulente Zeit ließ ihn nicht vergessen, dass er eigentlich seit seiner Kindheit nichts anderes wollte, als Schriftsteller zu werden. So bewarb er sich mit kleineren Skizzen am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, wurde angenommen und kehrte letztlich 1998 für sein Studium an einen Schreibtisch zurück.

Von sich selbst sagt Clemens Meyer, er sei ein Individualist4. Dass das nicht nur auf seinen Charakter, sondern auch seinen doch ungewöhnlichen Lebensweg zutrifft, beweist zum einen der weit verbreitete Tenor seiner Leserschaft und Kritiker, und zum anderen sein Umgang mit der Presse. Zur Veröffentlichung seines neuesten Werkes Gewalten. Ein Tagebuch im März 2010 schrieb Richard Kämmerlings, Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, über Meyer:

Der Schriftsteller Clemens Meyer ist eine imposante Erscheinung. Mit seiner kräftigen Gestalt, seinen Tattoos, einem grobschlächtigen Habitus und einer kräftigen, in Fankurven trainierten Stimme mit breitem Sächsisch wirkt Meyer im deutschen Literaturbetrieb immer etwas wie ein Hooligan, der sich in die VIP-Loge verirrt hat.5

Wie auch in dieser, drehen sich die Pressestimmen um Clemens Meyer zumeist um seine exzessive, turbulente Jugend, die ihn seine Liebe zu Tätowierungen entdecken ließ und ihm zwei Jugendarrestaufenthalte einhandelte. Auch wenn man ihm anmerkt, dass er es leid ist, zu manchen Themen immer und immer wieder Stellung zu nehmen, steht er zu seiner Vergangenheit wie auch zu seiner oft sehr forschen, kaltschnäuzigen Ehrlichkeit („Wenn ich Scheiße erzählt habe, habe ich eben Scheiße erzählt“6 ). Dies allerdings tut seiner Fähigkeit im Literaturbetrieb keinen Abbruch, denn, so der inzwischen 34-Jährige, „Schreiben ist alles, was ich will und kann“7.

In zahlreichen Interviews erklärt er, dass sein ganzes Leben schon von Literatur begleitet sei, und er seinem literaturbegeisterten Vater und dessen ausgedehnter Bibliothek seine Faszination für die Literatur zu verdanken habe. Die Erfahrungen und Lehren über Menschenkenntnis, die er als einfacher Arbeiter und zeitweiliger Gefängnisinsasse machte, hätten alles weitere getan, und seien das Fundament auf dem er seine Geschichten erfände.8 Dennoch beharrt Meyer stets darauf, dass er nichts von dem was er schreibt auch selbst erlebt habe: „Die eigene Welt meiner Figuren ist nicht meine Welt“9. Seine individuellen Erfahrungen seien „allenfalls der Anfang und der Grund, um zu schreiben“10. Die Parallelität zu seinen Figuren, die Hundebesitzer oder Inhaftierte sind, ist dennoch nicht völlig aus der Luft gegriffen, und lässt sich mit seiner Überzeugung zum Schriftstellersein erklären. „Als Schriftsteller darf man nie zu nah dran sein […] Man darf sich nie von seinen eigenen Gefühlen überwältigen lassen“, erklärt Meyer. Doch er sagt auch, dass er sich bemühe, immer sehr nah an den Figuren zu sein, „um Nähe zu erzeugen“11. Für Clemens Meyer ist sein Dasein als Schriftsteller eine Berufung, keine seiner Statements lassen Zweifel daran:

Wenn ich schreibe ist das […] die Phase im Leben, in der ich ganz nah bei mir selbst bin. […] Es ist das, was ich machen muss. Ich transportiere in dem Sinne die Person Clemens Meyer. Ich bin meine eigene Marke. […] Ich bin, der ich bin und ich schreibe nun mal.12

Mit diesem Wissen um das turbulente Leben Clemens Meyers lässt sich zu seiner Erzählphilosophie leicht eine Quintessenz ziehen. Er selbst sagt, dass er kein Mensch von andauernder Zufriedenheit und Glück sei, doch genau das trüge für einen Schriftsteller maßgeblich dazu bei, ein guter Schriftsteller zu sein. So bringt er es auf den Punkt: „Emile Zola ist durch abgewrackte Gegenden gewandert, um Stoffe zum Schreiben zu finden, ich wohne dort.“

2.2Die Nacht, die Lichter– Über den Erzählband und die Titelgeschichte

In den 15 Erzählungen des Erzählbandes Die Nacht, die Lichter zeichnet Clemens Meyer die Schicksale verschiedenster Anti-Helden ab. So geht es um einen Drogensüchtigen, der auf Entzug seine Freundin erwürgt („Die Flinte, die Laterne und Mary Monroe“), um einen verzweifelten Hartz IV-Hilfe-Empfänger, der bei Pferderennen alles auf eine Karte setzt, um seinen altersschwachen Hund zu retten („Von Hunden und Pferden“), um einen fettsüchtigen Lehrer, der sich Hals über Kopf in die Zuneigung zu einer Schülerin stürzt („Der Dicke liebt“), um einen Knastbruder, der seinem Zellenkollegen den Gefallen tut, dessen Tochter zu besuchen, die inzwischen als Prostituierte arbeitet („Reise zum Fluss“), oder um einen alten, verwaisten Mann, der all seine Tiere umbringt und begräbt („Der alte Mann begräbt seine Tiere“).

Jede der Erzählungen in Die Nacht, die Lichter skizziert ein scharfes Bild der aktuellen sozialen Verhältnisse, wobei Meyer mit ungewöhnlich weisem Einfühlungsvermögen, ohne Wertung, Pathos oder Larmoyanz, einen passgenauen Blick auf die Verhältnisse seiner Figuren wirft. Dabei zeichnen sich seine Erzählungen durch ihre präzise Kürze aus, die zudem direkt und mitreißend geschrieben sind. Der Autor Moritz von Uslar fasst im Spiegel zusammen:

Meyers Kurzgeschichten haben dort ihre Stärke, wo eine Schwäche des Romans liegt: im Aufbau. Sie wirken kunstvoller, durchkomponierter, kompakter. […] Die Mittel der kurzen Form, Lakonie, Spielen mit den Zeitebenen, das Unprätentiöse im Stil – diese Mittel beherrscht er.13

Darunter reiht sich als siebente Geschichte die Erzählung „Die Nacht, die Lichter“ ein. Sie erzählt von einem jungen Mann, der den letzten Abend vor seiner Abreise mit einer alten Bekannten aus seiner Jugend verbringt, die er drei Tage zuvor zufällig traf. Die ihnen noch verbleibende Zeit des letzten Abends verbringen sie in einer Bar und sprechen mehr verlegen und verspannt als vertraut über ihre Vergangenheit, die dem Leser nur über Andeutungen hinaus Platz für Spekulationen lassen. Offensichtlich aber scheint die junge Frau an eine gemeinsame Zukunft zu glauben, bis der Mann in ein Taxi steigt und verschwindet.

So wie „Die Nacht, die Lichter“ zeichnen sich auch die übrigen Kurzgeschichten Clemens Meyers dadurch aus, den Leser mit einem offenen, aber zumeist niederschlagendem Ende allein zu lassen. Für ihn macht es die Spannung aus, von „natürliche[n] Gestalten […], die Probleme haben, die nicht gesellschaftsfähig sind, nicht dazupassen, isoliert sind, alleine sind, nicht die geraden Wege gehen“14 zu erzählen. So gesteht er den Figuren seiner Erzählungen nur selten unverhofftes Glück zu, wodurch sie sich vor allem dadurch auszeichnen, tragisch zu enden. Der Ansicht Clemens Meyers nach, von dessen Leben man wie im vorangegangenen Kapitel erörtert getrost eine ebenbürtige Dramatik zusprechen kann, würden sie dadurch mehr dynamisches und dramatisches Energiepotenzial haben. Es seien besonders die „ungeraden Wege“, die die interessanteren zu beschreiben seien. Doch vor allem aber, und das bestätigt Meyer im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, will er seine Leser mit den für ihn charakteristischen, das Blatt wendenden, letzten Sätzen, „kalt in der Magengrube erwischen“15. So erreiche er, dass seine Geschichten, bei denen er darauf achte, dass sich Bewegung und Entwicklung abzeichne, dem Leser in Erinnerung bleiben, weil sie Mitleid und Mitgefühl auslösten.16

[...]


1 Zit. Meyer, Clemens: „Clemens Meyer – Preise sind kein Maßstab für Qualität“. Persönliches Interview, geführt von Maren Schuster und Martin Paul für Planet Interview, 15.04.2008.

2 Im Folgenden ist der Titel des Erzählbandes kursiv geschrieben, während der Titel der Kurzgeschichte in Anführungszeichen gesetzt ist.

3 In: „Interview Clemens Meyer: ‚Ich bin eben manchmal exzessiver’“. Persönliches Interview, geführt von Martina Sauermann für Stern, 17. März 2008.

4 Vgl. Zit. Meyer, Clemens: „Ich sehe mich als Individualisten“. Persönliches Interview, geführt von Gerrit Bartels für Thüringer Allgemeine Zeitung, 21. Juni 2006.

5 Kämmerlings, Richard: „Overdose jagt die goldenen Peitsche.“ FAZ.net, 17.März 2010.

6 Zit. Meyer, Clemens: „Ich sehe mich als Individualisten“. Persönliches Interview, geführt von Gerrit Bartels für Thüringer Allgemeine Zeitung, 21. Juni 2006.

7 Zit. Meyer , Clemens, wie Anm.3.

8 Vgl. ebd.

9 Zit. Meyer, Clemens, wie Anm.1.

10 Zit. Meyer, Clemens, wie Anm.3.

11 Vgl. Zit. Meyer, Clemens, wie Anm.1.

12 Vgl. Zit. Meyer, Clemens, wie Anm.1.

13 Usler, Moritz von. Herzergreifend echt. In: Der Spiegel 11 (2008), S.157.

14 Zit. Meyer, Clemens: „’Literatur ist nicht planbar!’ - Buchmessepreisträger Clemens Meyer im Interview“. Persönliches Interview, geführt von Kathrin Ruther für mephisto 97.6, 14. März 2008.

15 Zit. Meyer , Clemens: „Ich hab’ es richtig krachen lassen!“. Gesprächsnotiz basierend auf einem Telefonat, geführt von Jan Brandt. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 10 (2008), S. 28.

16 Vgl. Ebd.

Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668876620
ISBN (Buch)
9783668876637
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v458891
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
Schlagworte
analyse interpretation kurzgeschichte nacht lichter clemens meyer

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Titel: Analyse und Interpretation der Kurzgeschichte "Die Nacht, die Lichter" von Clemens Meyer