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Das Wald-Motiv im Text "Herzog Ernst B" und die Lotmansche Raumtheorie

Eine literaturwissenschaftliche Analyse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. LOTMAN

3. „HERZOG ERNST“: GENRE, INHALT UND STRUKTUR

4. DER WALD
4.1. ALLGEMEINES, STRUKTUR
4.2.DETAILLIERTE ANALYSEN DER WALDSZENEN
4.2.1. ERSTESZENEN: ÜBERGANG UND ANKUNFT IN ARIMASPI
4.2.2. WEITERE SZENEN: KÄMPFE IN ARIMASPI
4.2.3. LETZTE SZENE – RÜCKKEHR INS RÎCHE

5. FAZIT

6. LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

„Die Natur ist nicht Objekt der Betrachtung, sondern sie lebt in engster Einheit mit dem Menschen, dessen Lebensempfindungen sie versinnbildlicht.“ 1

Dieses Zitat von Marianna Stauffer illustriert die Relevanz der Natur in der Literatur und kann zu- gleich als Ausgangspunkt dieser Arbeit herangezogen werden. Der Wald, um den es hier gehen wird, als ein Raum mit einer Vielzahl von Bedeutungsebenen müsste, so die These, beim „Herzog Ernst“ als einem Werk, was die Entwicklung des Protagonisten als Thema hat, müsste den Weg der Selbstfindung illustrieren oder zumindest unterstützen. Angenommen wird, dass das Vorkommen des Waldes im „Herzog Ernst B“ in seiner Semantisierung analog zur Entwicklung des Protagonis- ten steht. Dass er durch den Wald lernt oder mit dem Wald wächst. Dass der Wald die Entwick- lungssprünge des Helden umrahmt.

Die angesprochene Vielzahl von Bedeutungsebenen des Waldes weisen unterschiedliche Konnota- tionen auf. Da ist der negativ besetzte Raum der Dunkelheit und Herberge des Unheimlichen, aber auch der Ort des Abenteuers und der Jagd. Schon Vergil hat zwischen dem lichten Hain oder dem locus amoenus, und dem wilden, eher unheimlichen Wald unterschieden.2 Am Wald wird Fort- schritt sichtbar, aber auch teilweise unbegründete (rückschrittliche?) Angst. Der Wald ist vielseitig, er ist groß und mächtig und wird wohl ob seiner Kraft und Dichte nicht zufällig eingesetzt sein, oder etwa doch?

Zur Analyse des Waldes wird in dieser Arbeit die Raumtheorie des baltischen Strukturtheoretikers Lotman herangezogen. Um die vorliegenden vermutlich unterschiedlichen semantischen Aufladun- gen des Waldes im „Herzog Ernst“ greifbar zu machen, ist diese strukturelle Herangehensweise von großem Vorteil. Bewegungen und Oppositionen im Text, die somit in die Betrachtung einfließen, lassen eine fundierte Untersuchung des Motivs und seiner Ausprägungen zu.

Zunächst wird die Raumtheorie nach Jurij M. Lotman kurz vorgestellt, um anschließend in das me- diävistische Werk „Herzog Ernst B“ einzuführen. Dabei werden Genre, Inhalt und Struktur kurz erläutert. Nach diesen Grundlagen kommt es zum eigentlichen Kern der Arbeit, der Analyse des Waldes und seines Vorkommens im „Herzog Ernst B“. Die Arbeit schließt mit einem kurzen Fazit.

2. Lotman

Jurij M. Lotman gilt mit seiner strukturalen Erzähltheorie als einer der wichtigsten Vertreter des sowjetischen Strukturalismus. In seinem Werk „Die Struktur literarischer Texte“ beschreibt er, wie die Struktur des Raumes in einem Text ein Modell der Welt, ein Weltbild, ein Wertesystem abbil- det.3

„Was ist der Nutzen einer solchen Charakterisierung? Er liegt darin, daß mit der Anwendung des Lotmanschen Modells der enge Zusammenhang zwischen der im Text entworfenen Topologie und Topographie und der Sinnkonstitution dieses Textes sichtbar wird.“4

Gerade auch in der Analyse mittelhochdeutscher Literatur findet die Raumtheorie Lotmans An- klang. Stock bezieht sich in seinem Werk „Kombinationssinn“ wie folgt auf den Strukturalisten:

„[...], daß die – meist sehr deutlich markierten - Raumgrenzen, welche die Helden zu überwinden haben, immer auch klassifikatorisch-semantische Grenzen sind, genauso wie die Räume, in denen die Helden sich bewegen, >semantische Felder< sind, die gewisse grundlegende Semantisierungen haben.“5

Die Anwendung des Lotmansche Raummodell eignet sich für die Analyse eines Raummotivs, wie die hier vorliegende Arbeit es sich als Thema gesetzt hat. Neben der semantischen Aufladung des Waldes wird auch die Funktion des Raumes an sich untersucht. Daher sind die Kriterien der Kom- bination, der Sujethaftigkeit sowie der oppositionellen Aufladung höchst relevant. Die Bewegungen in diesem und Abgrenzungen zu anderen Räumen kann weiteren Aufschluss auf den Text geben.

Eine der basalen Kriterien für den literarischen Text liegt nach Lotman im Sujet. So geht er davon aus, dass sujetlose Texte einen klar klassifikatorischen Charakter haben indem sie eine bestimmte Welt und deren Organisation und Ordnung bestätigen. Die Elemente im Text sind zumeist in einer binären Opposition angelegt, die unter keinen Umständen überschritten werden können.6 Der sujet- hafte Text hingegen basiert auf der Überschreitung dieser oppositionellen Welteinteilung. Er negiert sozusagen die sujetlose Konvention und befragt deren Ordnung.7 Im „Herzog Ernst“ ist die Sujet- haftigkeit durch die topographische Gestaltung offensichtlich herausgearbeitet. Dies wird in Kapitel 4.2.1. näher beschrieben. Grundsätzlich lässt sich weiter sagen, dass die Durchdringung des Orient- raumes und die Begegnung mit dem Fremden bereits ein starkes Hinweis auf das Vorhandensein des Sujets bilden. Binäre Opposition wie „Fremd“ vs. „Heimat“ werden aufgeweicht und bisweilen überschritten.

Das zweite wichtige Charakteristikum des erzählenden Textes ist die Ordnung der Elemente, die Komposition. Dabei ist hier vor allem der Aspekt der Äquivalenzrelationen von Interesse, d.h. die Frage nach Wiederholungen, Ähnlichkeiten und anderen Verbindungen der Textelemente.8 Die Betrachtung eines Motives und seine unterschiedlichen semantischen Aufgeladenheiten greift daher den kompositorischen Akt der Wiederholung auf. Eine Analyse, die den Aspekt der Wiederholun- gen des Motivs im Text beachtet, kann so Aufschluss auf die innere Struktur des Werkes geben, kann „[...] sich grundsätzlich möglicher Strukturierungsleistungen des Textes [zu] versichern, um dann weitergehende Thesen über Sinnbildungsprozesse auf eine gefestigte Grundlage stellen zu können.“9 Wichtig ist die ganzheitliche Betrachtung eines Elementes, nicht nur die Analyse seiner Funktion im nahen Kontext sondern auch in der übergreifenden Textstruktur. Nicht zu viel vorweg- nehmend sei an dieser Stelle gesagt, dass diese strukturierende Relation vor allem im letzten Teil des hier untersuchten Werkes von Relevanz ist, wenn durch das erneute Einsetzten des Waldmotivs eine Verknüpfung zur Reise und Selbstbehauptung des Protagonisten gemacht wird.

Ausgehend von diesen beiden Grundlagen der Struktur des Textes müssen seine Elemente auf ihre Semantisierung hin untersucht werden. Dabei ist die räumliche Komponente von hoher Bedeutung, d.h. insbesondere Oppositionen und Bewegungen sollten in Betracht gezogen werden. Wer bewegt sich wohin, wo tauchen Grenzen auf, welche Konnotation tragen Bereiche.

„[...] hinter der Darstellung von Sachen und Objekten, in deren Umgebung die Figuren des Textes agieren, zeichnet sich ein System räumlicher Relationen ab, die Struktur des Topos. Diese Struktur des Topos ist einerseits das Prinzip der Organisation und der Verteilung der Figuren im künstleri- schen Kontinuum und fungiert andererseits als Sprache für den Ausdruck anderer, nichträumlicher Relationen des Textes. Darin liegt die besondere modellbildende Rolle des künstlerischen Raumes im Text.“10

Mit Hilfe dieser Methodik kann sich der strukturelle Aufbau neu erschließen und somit die Bedeu- tungsebene des Textes erfasst werden. So soll im Folgenden die Konzeption des Raumes und seine Semantisierung Teil der Analyse sein.

3. „Herzog Ernst“: Genre, Inhalt und Struktur

„Herzog Ernst“ ist eines der fünf Werke,11 die im Allgemeinen zur Spielmannsdichtung gezählt werden. Sie vereint stoffliche Parallelen wie die Orientreise und Brautentführung (wovon „Herzog Ernst“ jedoch ausgenommen ist), sowie stilistische und erzähltechnische Anspruchslosigkeit.12 Wei- ter ist ihre Entstehung und Autorschaft bis heute nahezu unbekannt, wobei von der namensgeben- den Theorie, die Versgedichte seien von Spielmännern verfasst, inzwischen allgemein Abstand ge- nommen wird. Weit höheren Anklang findet die Zuschreibung der Autorenschaft an Geistliche, die mit diesen Epen das „niedere Publikum“ erreichen wollten.13 Wohl verbunden mit der Anonymität des Verfassers neigen Spielmannsepen zu einer hohen Anzahl von Überarbeitungen und Neufas- sungen. Dies lässt sich auch am „Herzog Ernst“ beobachten, von dem es allein sechs (mittelhoch-) deutsche (A, B, D, F, G, KI) sowie zwei lateinische Fassungen gibt (C, E).14

„Herzog Ernst“, dessen erste Fassung A dem Ende des 12. Jahrhunderts zugeordnet wird,15 erzählt die Geschichte des bayrischen Herzog Ernst, der durch eine Intrige seinen Platz im rîche verliert. Nach langem Kampf gegen seinen Stiefvater Kaiser Otto und dem Verlust der ihm zur Verfügung stehenden Mittel verlässt er das Land und begibt sich auf Kreuzzug.

Die Zweiteilung der Geschichte bezeichnet ein herausstechendes Merkmal dieses Werkes . Allge- mein wird diese Trennung als der Reichsteil (ca. bis V. 1972) und Orientteil (Rest) bezeichnet.16

Dabei werden die Erlebnisse des Herzog Ernst im Orientteil als Bewährungsproben bewertet, und die über die Zeit erreichte Charakterveränderung und Bestätigung des ritterlichen Ethos des Herzog Ernstes führt erst dazu, eine Rückkehr möglich zu machen. Die Rückkehr in das rîche löst dann die Geschichte des ersten Teiles auf und bildet einen Abschluss.17

Die zweiteilige Struktur des Werkes wird durch eine Art „Wiedergeburt“ des Herzog Ernst ausge- löst. Nach dem Verlassen des rîches und der desaströsen Begegnung mit Grippia und seinen Be- wohnern (durch leichtsinnige Neugier löst Herzog Ernst einen verlustreichen Kampf mit den Kra- nichschnäblern aus) sieht sich der Held am Magnetberg mit seinem kaum ausweichlichen Tod kon- frontiert und entkommt nur durch die List seines Begleiters, den mit ihm durch die Schwertleite verbundenen Graf Wetzel. Nach diesen Erlebnissen durchquert Ernst mit seinen Begleitern einen unterirdischen Fluss, wo er den Waisen, den zukünftigen Stein der Herrscherkrone findet und ge- langt durch eine enge Öffnung hinaus in die Welt. Diese Szene (V. 4405 – 4485) hat große Ähn- lichkeit mit einer Geburt und bildet so einen symbolisch stark besetzten Ausgangspunkt für den zweiten Teil. Nun baut sich Herzog Ernst in Arimaspi, dem eben erreichten Land, eine große Repu- tation als Herrscher auf und verbringt dort viele Jahre, in denen er sich als gerechter und mutiger Herzog beweist. Recht plötzlich zieht er dann weiter und kommt nach kurzem Umweg über das Mohrenland in Jerusalem an, wo er wieder sehr erfolgreich kämpft und zu hohen Ansehen kommt. Nachdem Otto von seinen Taten zuhören bekommt, bittet er ihn, zurückzukommen. Herzog Ernst kommt dieser Bitte ohne langes Zögern nach. Nach kurzem Aufenthalt in Italien ist der Orientteil nahezu beendet. Herzog Ernst kommt in Bayern an, erfährt durch eine List seiner Mutter Gnade und versöhnt sich mit seinem Stiefvater, Kaiser Otto.

4. Der Wald

Betrachtet man nun das Vorkommen des Waldes und seine Symbolik, ist von großem Interesse für diese Arbeit, ob die Struktur des Raumes essentiell mit der Struktur des Textes zusammenhängt, ja die Bedeutung des Textes durch die Wahl des Motives verstärkt wird. Dies soll im Folgenden un- tersucht werden.

4.1 . Allgemeines, Struktur

Im höfischen Versroman gilt der wilde Wald als eines der Hauptmotive, so wächst nicht nur Per- ceval im Wald auf, auch die Artusritter kommen häufig mit dem Wald in Berührung.18 Weiter wird der Waldraum häufig mit Prüfungen der Aventiureritter in Verbindung gebracht, sowie seine Fä- higkeit zum Zufluchtsort erwähnt. Dennoch geht Schmid-Cadalbert davon aus, dass der wilde Wald primär als Raumschwelle fungiert, als Übergang zwischen dem diesseitigen Ort und der jenseitigen Welt.19 Dabei bezieht er sich jedoch durchgängig auf den „wilden“ Wald. Im „Herzog Ernst“ hin- gegen ist der Wald zumeist unbestimmt. Einzig in vereinzelten Szenen wird er als kreftig oder dicht bezeichnet. Dennoch könnten Teile der Schmid-Cadalbertschen Analyse auch auf diesen Raum zutreffen.

Der Wald in „Herzog Ernst“ wird ausschließlich im Singular mit Artikel benutzt. Dabei wird zu keinem Zeitpunkt eine Lokalisierung vorgenommen, weiter wird der Wald selten greifbar gemacht (d.h. kaum Adjektive oder ähnliche Beschreibungen). Es ist ein ungestalteter Raum, der kaum per-spektivische Anhaltspunkte gibt.

[...]


1 Stauffer 1959: 9

2 Stauffer 1959: 12

3 Lotman 1972: 312

4 Stock 2002: 19

5 Stock 2002: 19

6 Lotman 1972: 336-7

7 Lotman 1972: 338

8 Stock 2002: 24

9 Stock 2002: 24

10 Lotman 1972: 330

11 Neben „König Rother“, „Orendel“, „St. Oswald“ und „Salman und Morolf“

12 Behr 2003: 474

13 Tekinay 1980: 144

14 Behr 2003: 475

15 Tekinay 1980: 145

16 So gesehen bei Stock, Simon-Pelanda, Stein etc.

17 Zuweilen wird die Rückkehr ins rîche als dritter und somit separater Teil bewertet, wie bspw. Tekinay 1980: 145

18 Schmid-Cadalbert 1989: 24

19 Schmid-Cadalbert 1989: 46

Details

Seiten
16
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668902282
ISBN (Buch)
9783668902299
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v458948
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Sprachwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
raumsemantik wald herzog ernst spielmannsdichtung

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