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Politeness in English and Mexican Spanish - Focus on Refusals and Compliment Responses

Examensarbeit 2004 102 Seiten

Anglistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

1. Forschungsanliegen

THEORETISCHER TEIL

2. Grundpositionen der Sprechakttheorie
2.1. Sprechakttypen
2.2. Weiterentwicklung der Sprechakttheorie
2.3. Taxonomie illokutionärer Akte
2.4. Indirekte Sprechakte

3. Ausgewählte Prinzipien und Maximen verbaler Kommunikation
3.1. Bedeutungnn
3.2. Konversationale Implikaturen, Kooperationsprinzip und Maximen

4. Höflichkeit als Gegenstand der Linguistik
4.1. Begriff der Höflichkeit
4.2. Höflichkeit aus Sicht des ‚Face’-Konzepts
4.3. Höflichkeit aus Sicht der Konversationsmaximen
4.4. Interkulturelle Pragmatik
4.5. Forschungsgegenstand: Komplimenterwiderungen und Ablehnungen
4.5.1.Komplimente und deren Erwiderungen
4.5.2. Anfragen und Ablehnungen

EMPIRISCHER TEIL

5. Methodik der Untersuchung
5.1. Methodische Vorüberlegungen und Hypothesen
5.2. Planung und Durchführung der Datenerhebung
5.3. Verarbeitung und Analyse des Datenmaterials

6. Ergebnisse
6.1. Komplimenterwiderungen
6.2. Ablehnungen

7. Diskussion
7.1. Komplimente und Komplimenterwiderungen
7.1.1. Geschlechtsspezifische Unterschiede
7.1.2. Kulturspezifische Faktoren
7.1.3. Aufbau und Durchführung der Datenerhebung
7.2. Ablehnungen und andere Anfrageerwiderungen
7.2.1. Geschlechtsspezifische Unterschiede
7.2.2. Versuchsleitereffekt
7.2.3. Aufbau und Durchführung der Datenerhebung

8. Fazit

9. Summary

10. Bibliographie

Anhang
A. Interviewanleitung
B. Soziale Distanz-Skala und Sympathie-Skala
C. Transkription sämtlicher Interviews
D. Erklärung

Danksagung

In Dankbarkeit an alle, die mich in den letzten Monaten geliebt, unterstützt und/ oder ertragen haben.

1. Forschungsanliegen

„Writing an introduction to politeness is like being in mortal combat with a many-headed hydra. You’ve barely severed one head when a few more grow in its place” (Watts 2003: XI).

Diese Metaphorik veranschaulicht nicht nur die auftretenden Schwierigkeiten beim Verfassen einer jeden Einleitung, sondern die ausgesprochene Komplexität des Forschungsgegenstandes an sich. Höflichkeit gehört wohl zu den zwischenmenschlichen Phänomenen, von denen jeder eine gewisse, oft sehr persönliche Vorstellung hat, ohne sie jedoch umfassend und allgemeingültig definieren zu können.

In der linguistischen Forschung (vor allem Pragmatik und Soziolinguistik) wurden in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Untersuchungen zur Realisierung von Sprechakten in verschiedenen Sprachen und Kulturkreisen durchgeführt, um Höflichkeit im Spannungsfeld von Gesellschaft, Kultur und Individualität zu betrachten. Dabei wurden fächerübergreifende Erkenntnisse, u.a. aus der Soziologie, Ethnologie oder Anthropologie, herangezogen.

Aufgrund der Annahme, dass Individuen im Laufe ihrer Sozialisation Höflichkeit verstehen und anwenden lernen, ergeben sich notwendigerweise Komplikationen beim Eintritt in einen anderen Kulturkreis. Neben der fremden Sprache begegnet man unbekannten Umgangsformen, deren Verhaltensregeln erkannt und gegebenenfalls angewandt werden müssen. Der Nutzen von kontrastiven Studien liegt im Allgemeinen darin, gesellschaftlich bedingte Sprachbarrieren aufzuzeigen und zu erklären, um nicht zuletzt kulturelle Unterschiede verstehen und überwinden zu können.

Die vorliegende Studie soll einen Beitrag zur Erforschung interkulturellen Lebens leisten, indem Komplimenterwiderungen und Ablehnungen unter mexikanischen Studierenden der ‚Universidad Autónoma del Estado de Morelos’ analysiert und mit Erkenntnissen aus dem englischsprachigen Raum verglichen werden. Die grundlegende Fragestellung lautet, welche Strategien mexikanische Studierende zur Erwiderung der genannten Sprechakte anwenden.

Im Laufe meines zehnmonatigen Aufenthalts an dieser Universität bin ich des Öfteren auf kulturell bedingte Unterschiede gestoßen, die sich ebenfalls in der sprachlichen Höflichkeit abzeichneten. Zudem stelle ich auch im täglichen Miteinander mit meinem mexikanischen Partner fest, welch hohen Stellenwert Höflichkeit als eine Form von Respekt und Anerkennung in der mexikanischen Kultur innehat.

Im Rahmen der vorliegenden Studie ist es nicht möglich, generelle Aussagen über Höflichkeit im mexikanischen Spanisch zu treffen, jedoch kann die exemplarische Analyse an einer begrenzten Sprechgruppe einen Einblick in herrschende Konventionen geben. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass ich in Deutschland aufgewachsen bin, entsprechend deutscher gesellschaftlicher Normen geprägt wurde und daher der ‚deutsche Blickwinkel’ in die Interpretation zwangsläufig mit einfließt.

Der Aufbau der vorliegenden Arbeit ist in zwei Haupteile gegliedert. Im Theorieteil werden sprachphilosophische Arbeiten zur Sprechakttheorie und die Maximen von Grice umrissen, um die historische Entwicklung der Forschung nachzuzeichnen. Im Mittelpunkt stehen jedoch die kanonischen Werke von Brown/ Levinson (‚face’) und Leech (Konversationsmaxime), da eine quantitative Einschränkung der umfangreichen Forschungsliteratur notwendig war.

Im empirischen Teil folgt nach einer Erläuterung der methodischen Vorgehensweise die Darstellung der Ergebnisse. Abschließend werden die Resultate in Hinblick auf die genannten Theorien und mit Hilfe persönlicher Erkenntnisse über die mexikanische Gesellschaft diskutiert.

Theoretischer Teil

2. Grundpositionen der Sprechakttheorie

Der bedeutende Sprachphilosoph John L. Austin entwickelt in seinen Vorlesungen (posthum 1962 als “How to do things with words“ veröffentlicht) die grundlegenden Annahmen der Sprechakttheorie. Im Gegensatz zum logischen Positivismus (vgl. Levinson, 1994: 228) vertritt er die Ansicht, Sprache werde nicht nur deskriptiv gebraucht, sondern sei ebenfalls eine Art Werkzeug, um Handlungen zu vollziehen. Sprechen sei Handeln.

Anfangs unterscheidet Austin zwischen konstativen und performativen Äußerungen. Konstative würden Tatsachen bezeichnen, deren Wahrheitsgehalt als wahr bzw. falsch beurteilt werden könne. Performative[1] dagegen würden eine Handlung implizieren, die gelingen bzw. scheitern könne. In seiner Theorie der Fehlschläge definiert er Gelingensbedingungen (‚felicity conditions’), die „korrekte sprachliche Formen einer Äußerung sowie die äußeren Umstände, die Teilnehmer sowie deren Überzeugungen und Einstellungen“ umfassen (Nixdorf 2002: 19). Eine performative Äußerung sei nicht gelungen (‚unhappy’), falls von den Kommunikationspartnern allgemein akzeptierte Gesprächskonventionen verletzt würden (vgl. Austin 1962: 14f.).

2.1. Sprechakttypen

Aufgrund wachsender Zweifel an der Dichotomie der Äußerungsklassen gelangt Austin zu der Annahme, dass jede Sprachäußerung eine ausgeführte Handlung sei. Mit dem Ziel, komplexe Sprachhandlungen in einzelne Faktoren aufzuspalten, unterscheidet er folgende Sprechakte (Levinson: 236 ff.):

(i) lokutionärer Akt: Äußerung eines Satzes mit determiniertem Sinn und determinierter Referenz
(ii) illokutionärer Akt: durch Äußerung eines Satzes etwas feststellen, anbieten, versprechen, usw. mittels der konventionellen Kraft, die mit ihr (oder mit ihrer expliziten performativen Paraphrase) verbunden ist
(iii) perlokutionärer Akt: das Hervorbringen von Wirkungen auf die Adressaten durch Äußerung des Satzes, wobei die Wirkungen von den Äußerungsumständen abhängig sind

2.2. Weiterentwicklung der Sprechakttheorie

Austins Schüler John R. Searle systematisiert dessen Ausführungen zur Sprechakttheorie und entwickelt sie weiter. Seine zentrale These lautet (1969: 36f.):

[…] speaking a language is performing speech acts according to rules. The form this hypothesis will take is that the semantic structure of language may be regarded as a conventional realization of a series of sets of underlying constitutive rules, and that speech acts are acts characteristically performed by uttering expressions in accordance with these sets of constitutive rules.

Im Gegensatz zu regulativen Regeln, die eine bestehende Verhaltensform regulieren, werde durch konstitutive Regeln ein Verhalten erst ermöglicht, beispielsweise das Spielen eines Brettspiels oder eben sprachliche Kommunikation. Sprache beruht demnach auf Konventionen.

Zur Analyse dieser Regeln definiert Searle verschiedene Gelingensbedingungen (Propositionaler Gehalt, Einleitungsbedingungen, Aufrichtigkeitsbedingungen und essentielle Bedingungen, vgl. Levinson 1994: 239ff.) und Klassifikationen. Er verwirft Austins lokutiven Akt und unterscheidet neben dem illokutionären und perlokutiven Akt den Äußerungsakt (reine grammatikalische Äußerung) und den propositionalen Akt (Ausdruck von Referenz und Prädikation).

2.3. Taxonomie illokutionärer Akte

In Anlehnung an Austin[2] versucht Searle die kommunikativen Funktionen von Äußerungen zu klassifizieren, indem er folgende Taxonomie illokutionärer Akte erstellt (vgl. 1979: 12f.):

(i) Assertiva: Ausdruck eines Sachverhalts (entweder wahr oder falsch)
(ii) Direktiva: Versuch des Sprechers, den Adressaten zu einer Handlung zu veranlassen
(iii) Kommisiva: Festlegung des Sprechers auf eine bestimmte Handlung
(iv) Expressiva: Ausdruck eines psychischen Zustands in Bezug auf Sachverhalt
(v) Deklarativa: Herstellung eines neuen Sachverhalts durch erfolgreichen Vollzug

Dass diese Klassifikation weder erschöpfend noch endgültig ist oder andere Einteilungen ebenfalls möglich sind, zeigen zahlreiche Kritiker (u.a. Ballmer 1979, Traugott/ Pratt 1980, Wierzbicka 1987, Levinson 1994). Im Gegenzug versucht Searle in Zusammenarbeit mit Vanderbeken (1985) eine auf der modernen Logik basierende formale Theorie der illokutionären Akte aufzustellen. Als Hauptkriterien der Einordnung nennen sie den illokutionären Zweck (‚illocutionary point’), die Anpassungsrichtung (‚direction of fit’) und die Aufrichtigkeit bzw. den psychischen Zustand des Sprechers. Der illokutionäre Zweck sei das Charakteristikum eines illokutionären Aktes, z.B. ist der Zweck einer Beschreibung oder einer Feststellung die Wiedergabe der Realität (vgl. 1985: 37). Bei der Anpassungsrichtung ‚Wort zu Welt’ entspreche die Proposition der Realität (Assertiv), wobei im Fall von ‚Welt zu Wort’ die Welt dem Wort angeglichen werden müsse (Kommisiva oder Direktiva). Das dritte Kriterium unterscheidet, ob der ausgedrückte psychische Zustand (Meinung, Intention, Wunsch, etc.) der Wahrheit entspricht oder nicht.

Es gilt darauf hinzuweisen, dass eine Äußerung mehr als eine illokutionäre Kraft besitzen kann. Beispielsweise kann Ich komme zu dir nach Hause eine reine Feststellung (Assertiv), ein Versprechen (Kommisiv) oder eine Drohung (Kommisiv) sein. Es scheint, dass

[…] the determination of the exact nature of the illocutionary force of an utterance requires certain information about the speaker, hearer, and the objects of reference in the world of utterance which can be conveniently explained using the notion of a possible world. (Searle/ Vanderbeken, 1985: 28)

Zudem helfen Indikatoren (‚illocutionary force indicating devices’) wie Betonung, Satzstellung, etc. bei der Entschlüsselung des Sprechaktes. Die Klassifizierungsproblematik kann an dieser Stelle jedoch nicht ausführlicher behandelt werden.

2.4. Indirekte Sprechakte

In seinen sprechakttheoretischen Betrachtungen zu Ausdruck und Bedeutung (1979, d1982) setzt sich Searle u.a. mit dem Phänomen auseinander, dass die wörtliche Bedeutung einer Äußerung und das tatsächlich Gemeinte oftmals nicht übereinstimmen. Möglich sei ebenfalls, dass zwar eine Übereinstimmung vorliegt, jedoch die Absicht des Sprechers über die wörtliche Bedeutung hinausgehe. In seinen Ausführungen zur wörtlichen Bedeutung äußert Searle (1982: 140):

Die wörtliche Bedeutung eines Satzes muss scharf davon unterschieden werden, was ein Sprecher mit dem Satz meint, wenn er ihn äußert, um einen Sprechakt zu vollziehen, denn was der Sprecher mit seiner Äußerung meint, mag sich auf vielerlei Weise von der wörtlichen Satzbedeutung unterscheiden.

In Folge dessen differenziert Searle zwischen direkten Sprechakten, deren Bedeutung für den Adressaten eindeutig und offensichtlich ist und indirekten Sprechakten, bei denen „ein illokutionärer Akt indirekt, über den Vollzug eines andern, vollzogen“ wird (Searle 1982: 52). Dessen Bedeutung müsse der Adressat erschließen, und zwar nicht nur bei metaphorischem oder ironischem Sprachgebrauch. Die Äußerung Die Ampel ist grün! ist augenscheinlich eine Zustandsbeschreibung (Assertiv), anhand derer der Sprecher indirekt seinen Wunsch ausdrückt, der Fahrer des Autos solle losfahren (Direktiv). Bei indirekten Sprechakten ergibt sich demnach für den Adressaten eine Diskrepanz zwischen dem wörtlichen sekundären illokutionären Zweck und dem primären illokutionären Zweck, also der letztendlichen Absicht des Sprechers.

Hauptgegenstand seiner Betrachtungen sind indirekte Direktiva (z.B. Kannst du bitte die Tür schließen?), deren Gebrauch Searle in hohem Maße auf das Bedürfnis des Sprechers zurückführt, höflich[3] zu sein (im Vergleich dazu der direkte Imperativ: Mach die Tür zu!). Formulierungen mit Modalverben würden dem Adressaten zumindest scheinbar die Option offen lassen, mit einem Nein zu antworten und seien somit Ausdruck von Höflichkeit. In diesem Zusammenhang beschäftigt er sich ebenfalls mit der Frage, ob manche Formulierungen eher gebräuchlich und somit konventionalisierter seien als andere. Er weist zudem darauf hin, dass sich die Formen indirekter Sprechakte von einer Sprache zur anderen unterscheiden und deshalb Probleme bei der Übersetzung auftreten könnten. Dies mag die Schlussfolgerung zulassen, dass diese Probleme auf interlingualer Ebene zu Missverständnissen zwischen verschiedenen Kulturen führen. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird auf die kulturellen Aspekte der kommunikativen Interaktion noch näher eingegangen.

Searle versucht in seinen Ausführungen zu klären, wie der Sprecher über das Gesagte und dessen Bedeutung hinaus eine weitere Bedeutung kommunizieren und der Adressat diese entschlüsseln könne. Am Beispiel einer Aufforderung (X: Komm, wir gehen heute Abend ins Kino.) und deren indirekter Erwiderung (Y: Ich muss für eine Prüfung lernen.) entwickelt Searle seine Annahmen über den Entschlüsselungsprozess, wobei er grundsätzlich ein gemeinsames Hintergrundwissen von Sprecher und Adressat voraussetzt. Zudem zieht er Erkenntnisse der Sprechakttheorie und Gricesche Kommunikationsprinzipien zu Rate, um den Verstehensprozess[4] des Adressaten nachzuzeichnen (Searle 1979: 33f.).

Um Searles Erklärung zu folgen und indirekte Sprechakte detaillierter nachzuvollziehen, werden im Folgenden zunächst die Griceschen Kommunikationsprinzipien vorgestellt.

3. Ausgewählte Prinzipien und Maximen verbaler Kommunikation

Aus indirekten Äußerungen ergibt sich für die Pragmatik eine Problemstellung, die Traugott/ Pratt folgendermaßen formulieren (1980: 236f.):

Why doesn´t a hearer, on encountering an obviously inappropriate utterance, simply decide that the speaker is using the language inappropriately, and leave it at that? What motivation is there for seeking a message behind the literal message?

Grice hat sich in seinen sprachphilosophischen Arbeiten u.a. dieser Problemstellung gewidmet. Einerseits entwickelt er in seinem Aufsatz „Meaning“ (Erstveröffentlichung 1957) seine Ansichten über ‚Intendieren, Meinen und Bedeutung’[5], andererseits führt er in „Logic and Conversation“ (1967) in seine Theorie der Konversationsimplikaturen ein.

3.1. Bedeutungnn

Auf eine ausführliche Darstellung seiner Bedeutungstheorie muss an dieser Stelle verzichtet werden, jedoch sind grundlegende Aspekte zu nennen, da durchaus ein Zusammenhang zwischen beiden Theorien gesehen werden kann (vgl. Levinson 1994: 103f.).

Grice differenziert zwischen Äußerungen mit natürlicher Bedeutung, d.h. der Sprecher äußere sich dem Adressaten gegenüber direkt mit einer klar erkennbaren Absicht, wohingegen ein Sprecher mit der Äußerung einer nicht-natürlichen Bedeutung (‚meaningnn’) den Adressaten zum Erschließen seiner Absichten bewegen möge. Er nennt notwendige Bedingungen für eine Äußerungsbedeutung, wobei er die Sprecherabsicht als entscheidend ansieht. „Danach fragen, was S [der Sprecher] meint, heißt, nach einer Bestimmung der intendierten Wirkung fragen“ (1979: 11). Eine Äußerung habe erst dann Bedeutung, falls der Sprecher mit seiner Äußerung eine bestimmte Wirkung bei dem Adressaten erzielen wolle und gleichzeitig beabsichtige, der Adressat solle jene Absicht erkennen. Auch wenn dieses Bedeutungskonzept in einigen Punkten Anlass zu Kritik[6] bietet, hat Grice einen entscheidenden Beitrag zur Theorie des Sprachgebrauchs geleistet.

3.2. Konversationale Implikaturen, Kooperationsprinzip und Maximen

Grices Implikaturtheorie liefert wichtige Grundannahmen für die darauf folgende Theorie der indirekten Sprechakte von Searle. Grice geht davon aus, dass Kommunikationspartner ein generelles Bedürfnis haben, ein gemeinsames kommunikatives Ziel zu verfolgen und deshalb miteinander kooperieren. Auf Grund dessen formuliert er das Kooperationsprinzip (KP): „Mache deinen Gesprächsbeitrag jeweils so, wie es von dem akzeptierten Zweck oder der akzeptierten Richtung des Gesprächs, an dem du teilnimmst, gerade verlangt wird” (1979: 248).

Dieses generelle Prinzip[7] lässt sich nach Grice in die vier folgenden Maximen aufspalten, deren Befolgung eine effiziente Kommunikation ermöglichen (vgl. 1979: 249 f.):

(i) Qualitätsmaxime

Verfasse deinen Gesprächsbeitrag der Wahrheit entsprechend, d.h. äußere nichts, wofür du keine Beweise hast oder was du für falsch hältst.

(ii) Quantitätsmaxime

Gebe in deinem Beitrag nicht mehr und nicht weniger Informationen, als für den aktuellen Gesprächskontext notwendig ist.

(iii) Relevanzmaxime

Sei relevant.

(iv) Modalitätsmaxime

Formuliere deinen Beitrag eindeutig und methodisch nachvollziehbar.

Ein Sprecher könne jedoch mit seiner Äußerung eine oder mehrere dieser Maximen verletzen und so scheinbar gegen das KP verstoßen. Dass dennoch eine erfolgreiche Kommunikation zu Stande kommt, führt Grice auf ‚konversationale Implikaturen’ zurück. Der Sprecher füge in seiner Äußerung eine andere bzw. zusätzliche Bedeutung hinzu (meinen vs. sagen), ohne dabei das KP zu verletzen, da er davon ausgehe, der Adressat könne ihn verstehen. „Implikaturen sind Folgerungen, die sich aus zweierlei Quellen speisen: dem Inhalt dessen, was gesagt worden ist, und spezifische Annahmen über den kooperativen Charakter der normalen Interaktion“ (Rolf 1994: 14).

Zusammenfassend bedeutet dies für den Erschließungsprozess eines indirekten Sprechaktes, dass der Adressat davon ausgehen kann, der Sprecher werde mit einer relevanten Aussage reagieren, solange jener an einer erfolgreichen Kommunikation interessiert ist (KP). Die Aussage erscheint jedoch irrelevant, sobald der Sprecher eine oder mehrere der genannten Konversationsmaximen verletzt. In diesem Fall kann bzw. muss der Adressat schlussfolgern, dass neben dem Gesagten noch etwas anderes gemeint ist, d.h. der sekundäre illokutionäre Witz entspricht nicht dem primären illokutionären Witz. Mit der zusätzlichen Hilfe des (gemeinsamen) Hintergrundwissens kann der Adressat in der Regel den indirekten Sprechakt und somit die Kommunikationsabsicht erschließen.

Es ist jedoch nicht nur von Interesse, wie indirekte Sprechakte formuliert bzw. interpretiert werden, sondern auch warum sich Kommunikationspartner unter bestimmten Bedingungen für eine offensichtliche Verletzung des KPs und anderer Konversationsmaximen entscheiden. Nicht nur Searle weist darauf hin, dass es sich in vielen Fällen um eine Frage der Höflichkeit handle, wenn der Sprecher seine Äußerung nicht direkt formulieren wolle oder könne. Im folgenden Kapitel werden zunächst grundlegende Annahmen der Höflichkeitstheorie dargestellt, um im Anschluss die Analyse (teils indirekter) Sprechakte am Beispiel von Komplimenterwiderungen und Ablehnungen in diesen Kontext einzubetten.

4. Höflichkeit als Gegenstand der Linguistik

4.1. Begriff der Höflichkeit

Die Forschung verschiedenster Fachbereiche (u.a. Linguistik, Soziologie, Anthropologie) hat in den letzten Jahren vermehrtes Interesse an dem Phänomen Höflichkeit im sozialen Miteinander gezeigt. Die vorliegende Arbeit rückt das Teilgebiet ‚verbale Höflichkeit’ in den Mittelpunkt, wobei die Forschungsdiskussion zu ausgewählten Sprechakten anhand theoretischer und empirischer Arbeiten nachgezeichnet wird. Um es plakativ zu formulieren: Was ist Höflichkeit? Und INWIEFERN und WARUM äußert sich WER WIE in WELCHEM KONTEXT gegenüber WEM höflich?

Bereits die Definition von Höflichkeit und damit Abgrenzung von anderen Aspekten der menschlichen Interaktion ist in der Forschungsliteratur strittig. In Wörterbüchern finden sich für den linguistischen Kontext nur sehr oberflächliche Definitionen.

polite: 1) having good manners; courteous 2) cultivated, cultured

(The Oxford Encyclopedic English Dictionary 1991: 1121)

Eine ethymologische Bestimmung liefert ebenfalls nur erste Ansatzpunkte. Der englische Begriff ‚polite’ leitet sich ab von dem lateinischen Partizip II ‚politus’ (‚poliert’). Watts folgert daraus: „The etymological roots of the term polite and politeness are thus to be found in notions of cleanliness, a smooth surface and polished brightness which can reflect the image of the beholder“(2003: 33).

Generell geht die Forschung davon aus, dass Höflichkeit als soziales Phänomen an den Fürstenhöfen des Mittelalters entstanden ist, um sich gegenüber dem Verhalten der unteren Bevölkerungsschicht abzugrenzen.[8] Die Bezeichnungen im Spanischen (‚cortesía’), Deutschen (‚Höflichkeit’) und Niederländischen (‚hoffelijkheid’) sowie Lehnwörter des Englischen wie ‚courtesy’ oder ‚courteous’ würden darauf hinweisen, dass deren Wurzeln zumindest im europäischen Sprachraum im Leben am Hofe zu suchen sind (vgl. Haverkate 1994: 11). Entsprechende Wörterbucheinträge lauten:

cortesía: Demostración o acto con que se manifiesta la atención, respeto o afecto que tiene una persona a otra. (Diccionario de la lengua española 2001: 346)

höflich: [mhd. Hoflich, hovelich = hofgemäß, fein, gesittet u. gebildet]: (in seinem Verhalten anderen Menschen gegenüber) aufmerksam u. rücksichtsvoll, so, wie es die Umgangsformen gebieten. (Duden Universalwörterbuch. 2001: 793)

Eine umfassende Definition von Höflichkeit liefert Koike (1989: 189):

Politeness is defined as the communication of respect for the social relationship between speaker and listener through the use of communicative strategies recognized by the society as carrying a particular illocutionary force.

Fraser (1990) gibt in seinem Aufsatz ‚Perspectives on Politeness’ einen kritischen Überblick über die relevante Forschungsliteratur zum Thema Höflichkeit, indem er vier hauptsächliche Forschungsperspektiven unterscheidet.

Höflichkeitsforschung aus der Sicht sozialer Normen (‚social-norm view’) reflektiere das historische Verständnis von Höflichkeit, größtenteils im anglophonen Raum (vgl. 1990: 220). Höflichkeitsnormen seien u.a. anhand von Etikettebüchern verbreitet worden, in denen Benimm-Regeln bezüglich des zu wählenden Sprachstils, des Formalitätsgrades etc. für ein angemessenes Verhalten in der Gesellschaft definiert wurden. Dieser normative Ansatz finde jedoch kaum mehr Beachtung in der modernen Forschung.

Frasers (1975) eigener Ansatz, Höflichkeit baue auf einer Art Vertrag auf (‚conversational-contract view’), stimmt prinzipiell dem Griceschen KP und Goffmans ‚face’-Konzept zu, differenziert sich jedoch in einigen Punkten. Aus Sicht des Autors herrscht zwischen Kommunikationspartnern ein ‚conversational contract’ (vgl. 1990: 233), d.h. eine soziale Vereinbarung über das Ausmaß an Rechten und Pflichten, das je nach Kontext variiert und verhandelt werden könne. Höflichkeit bestehe darin, sich in dem jeweiligen Kontext angemessen zu verhalten, ohne die Rechte und Pflichten der Mitmenschen zu verletzen. Somit sei Höflichkeit nicht „a deviation from maximally efficient effort“, sondern darin inbegriffen (vgl. 1990: 232).

Die zwei übrigen Perspektiven spielen eine wichtige Rolle für die Analyse des vorliegenden Datenmaterials, sodass Höflichkeit aus Sicht des ‚Face’-Konzepts (‚face-saving-view’, 1990: 228 f.) von Brown/ Levinson (1978, 1987) sowie aus der Sicht der Konversationsmaximen (‚conversational-maxim view’, 1990: 222f.) nach Lakoff (1973,1975) und Leech (1983) in den folgenden Kapiteln dargestellt werden.

4.2. Höflichkeit aus Sicht des ‚Face’-Konzepts

Einer der einflussreichsten Beiträge zur Höflichkeitsforschung, der zahlreichen empirischen Arbeiten als Erklärungsmodell dient, ist das ‚Face’-Konzept[9] von Brown/ Levinson (1978, 1987). Erklärtes Ziel ist die Entwicklung eines formalen Modells zu interkulturellen Universalien der Höflichkeit, wobei fiktive Beispiele des Englischen, Tzeltal (Maya-Sprache aus Chiapas/ Mexiko) und Tamil (Dialekt im Süden Indiens) herangezogen werden.

Als generellen Rahmen ihrer Theorie nennen Brown/ Levinson die Implikatur-Theorie und die Konversationsmaximen von Grice. Ihr Ansatz stellt eine Ergänzung dar, denn

One powerful and pervasive motive for not talking Maxim-wise is the desire to give some attention to face. […] Politeness is then a major source of deviation from such rational efficiency, and is communicated precisely by that deviation (1987: 94).

Grundsätzlich gehen die Autoren von drei Hauptstrategien aus, der positiven (‚expression of solidarity’), der negativen (‚expression of restraint’) sowie der ‚off-record’-Höflichkeit (‚avoidance of unequivocal impositions’). Bezüglich positiver Höflichkeit benennen Brown/ Levinson 15 Strategien, deren gesamte Darstellung in diesem Rahmen zu weit führen würde (vgl. 1987: 101f.). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Sprecher einerseits eine gemeinsame Basis anstreben sollte (z.B. “Bringe dein Interesse an dem Adressaten zum Ausdruck“ oder „Vermeide Unstimmigkeiten“ mittels ‚white lies’ und Heckenausdrücken/ ‚hedges’) und andererseits seinen Kooperationswillen verdeutlichen sollte (z.B. „Begründe dein Handeln“ oder „Bekunde dein Interesse an den Bedürfnissen des Adressaten“). Mit der Anwendung negativer Höflichkeit strebe der Sprecher an, durch Zurückhaltung und die Formalität seiner Äußerung die Handlungsfreiheit des Adressaten nicht einzuschränken. Dazu werden zehn Strategien formuliert, die besagen, dass der Sprecher beispielsweise mittels impersonaler Ausdrücke oder Entschuldigungen seinen Einfluss auf den Adressaten zurücknehmen und ihn zu keiner Handlung zwingen sollte (vgl. 1987: 129f.).

Grundlegend für ‚off-record’-Höflichkeit sei Indirektheit. Entsprechend werden 15 Strategien genannt, durch deren Gebrauch der Sprecher direkte FTAs vermeiden kann, z.B. mit Hilfe von Anspielungen, Metaphern oder Generalisierungen (vgl. 1987: 211).

Die Verwendung der genannten Strategien sei an gesellschaftliche Faktoren gebunden, beispielsweise an den Status der Beteiligten oder an „the potential offensiveness of the message content” (1987: 2).

Der Begriff ‚face’[10] wurde den Arbeiten des Soziologen Erving Goffman (erster Aufsatz zu ‚face’ in 1955) entnommen, dessen Forschungsanliegen es ist zu erklären, „wie sich Menschen in der Interaktion Achtung erweisen und sich selbst als achtbare Gesellschaftsmitglieder darstellen“ (Auer 1999: 151). Goffmanns Definition lautet (1967: 5):

Face is an image of self - delineated in terms of approved social attributes - albeit an image that others may share, as when a person makes a good showing for his profession or religion by making a good showing for himself.

Goffmanns ‚Face’-Konzept baut auf gesellschaftlichen Werten auf, denen er in der sozialen Interaktion eine zentrale Rolle zuschreibt. ‚Gesichtswahrendes Verhalten’ impliziere Höflichkeit, Anstand und Respekt gegenüber den Mitmenschen, wobei jedes Mitglied einer sozialen Gruppe gleichzeitig Würde, Stolz und Haltung anstrebe, um das eigene ‚face’ zu wahren (vgl. Auer 1999: 150). So existiert im Englischen sowie im Deutschen die Redewendung ‚to lose/ save one’s face’ bzw. ‚das Gesicht verlieren/ wahren’.

Brown/ Levinson übernehmen Goffmanns duale Struktur des ‚face’ und definieren es folgendermaßen (1987: 62):

Negative face: the want of every ‘competent adult member’ that his actions be unimpeded by others.

Positive face: the want of every member that his wants be desirable to at least some others.

Im Gegensatz zu Goffmann, der von einer Abhängigkeit des ‚face’ von gesellschaftlichen und kulturellen Werten ausgeht, postulieren die Autoren dessen Universalität. Das Wertesystem des ‚face’ könne zwar variieren, jedoch sei das grundlegende Bedürfnis, ‚face’ zu bewahren, universell. Mögliche Differenzen der Interaktion führen sie auf die Existenz eines kulturspezifischen ‚Ethos’ zurück, „the affective quality of interaction characteristic of members of a society“ (1987: 243). Unterschieden werden beispielsweise Kulturen, die sich durch ein freundliches, affektives Miteinander auszeichnen, wohingegen andere Kulturen eher einen formalen oder gar misstrauischen Charakter aufweisen würden.

Das ‚Face’-Modell von Brown/ Levinson lässt sich in den folgenden fünf Grundsätzen zusammenfassen (vgl. 1987: 59f.):

(i) Jedes Mitglied einer sozialen Gruppe (‚Model Person’, MP) ist eine rational handelnde Person und besitzt ein positives (Bedürfnis nach sozialer Anerkennung) und ein negatives (Bedürfnis nach Handlungsfreiheit) ‚face’.
(ii) Im Rahmen der sozialen Interaktion sind Sprecher sowie Adressat an der Wahrung der gegenseitigen Bedürfnisse interessiert, d.h. bei der Verfolgung der eigenen Bedürfnisse sollen die des Gegenübers nach Möglichkeit nicht verletzt werden.[11]
(iii) Manche Sprechakte bedrohen oder verletzen das eigene ‚face’ oder das des Gegenübers (‚Face Threatening Acts’/ FTAs).
(iv) Ein Sprecher ist grundlegend daran interessiert, den FTA so mäßig wie möglich zu gestalten.
(v) Zur Abschwächung der FTAs verfügt der Sprecher über Strategien, um das gesichtsbedrohende Potential des Sprechaktes einzuschränken oder auszuschalten.

Der Klassifizierungsversuch von Brown/ Levinson liefert eine Übersicht von Sprechakten, die einen (meiner Einschätzung nach nur möglichen) FTA beinhalten (vgl. 1987: 65). Bei der Einordnung sei ausschlaggebend, ob jeweils das positive bzw. negative ‚face’ des Sprechers oder des Adressaten betroffen sei. Beispielsweise bedeute die kritische Bemerkung Deine Handschrift ist eine einzige Katastrophe! eine Bedrohung für das positive ‚face’ eines Schülers, da der Lehrer seine Unzufriedenheit über dessen Fähigkeiten äußert. Das Aussprechen einer Drohung (Sei jetzt endlich still, sonst fliegst du raus.) wäre eine Bedrohung für das negative ‚face’ des Adressaten, da seine Handlungsfreiheit gefährdet ist. Es könne bei der Einordnung auch zu Überschneidungen kommen, da manche FTAs gleichzeitig beide ‚faces’ bedrohen.[12]

Die Annahme der Universalität und besonders die Existenz des negativen ‚face’ (z.B. in asiatischen Kulturen) werden in zahlreichen darauf folgenden Arbeiten vehement kritisiert (vgl. u.a. Mao 1994; Wierzbicka 1991; Watts 2003) und teilweise anhand empirischer Befunde entkräftet. Dazu Ide (1989: 241):

In a Western society where individualism is assumed to be the basis of interactions, it is easy to regard face as the key of interaction. On the other hand, in a society where group membership is regarded as the basis of interaction, the role or status defined in a particular situation rather than face is the basis of interaction.

Márquez-Reiter weist darauf hin, dass selbst innerhalb einer Sprache und eines Kulturkreises unterschiedliche Interpretationen des ‚face’-Konzepts und dessen Anwendungsmöglichkeiten formuliert wurden (vgl. 2000: 20).

Watts kritisiert ebenfalls die Annahme der Universalität, indem er auf die unterschiedlichen Konnotationen des Begriffs ‚Höflichkeit’ in verschieden Sprachen hinweist (vgl. 2003: 15). Im Griechischen impliziere der Begriff ‚Höflichkeit’ Wärme, Freundlichkeit und einen gewissen Grad an Intimität, wohingegen man im englischsprachigen Raum Aufmerksamkeit, Altruismus, Moral und Formalität damit verbinde. Jedoch stimmt er einer Universalität insofern zu, dass „cooperative social interaction and displaying consideration for others seem to be universal characteristics of every socio-cultural group“ (2003: 14). Die eigentliche Universalität bestehe in der Tatsache, dass das Konzept Höflichkeit interkulturell derart ambivalent sei.

Bisweilen erscheint Brown/ Levinsons Einstufung der FTAs in manchen Fällen überzogen negativ. Der Ansatz, Kommunikation bestehe aus einem ‚ewigen Ringen’ um das eigene Image und das des anderen, scheint mir diesem zentralen Mittel sozialer Interaktion nicht gerecht zu werden. Es scheint unangebracht, praktisch jeden Sprechakt als FTA anzusehen. Kasper formuliert daher treffend, dass die Autoren Kommunikation anscheinend als ein „fundamentally dangerous antagonistic behaviour“ ansehen und dass besonders die Annahme der negativen Höflichkeit problematisch sei, da „[it] derives directly from the high value placed on individualism in Western culture“ (1990: 195).

Meiner Meinung nach ist es schwer nachvollziehbar, inwiefern das Formulieren eines Dankes das negative ‚face’ des Sprechers bedroht. Aus der Sicht der Autoren akzeptiere der Sprecher dem Adressaten gegenüber eine Schuld und demütige somit sich selbst. Angesichts einer Situation, in der ein Sprecher sich für das Schließen des Fensters bedankt, kann in den meisten Kulturen wohl kaum von einem Schuldeingeständnis noch von einer Demütigung gesprochen werden, insbesondere wenn es sich um eine Anweisung und nicht um eine Bitte gehandelt hat. Beim Bedanken handelt es sich oftmals um eine ritualisierte Äußerung, die ihre gesichtsbedrohende Wirkung, falls jemals besessen, schon längst verloren hat. In dem gerade genannten Fall ist der Dank sicherlich ein Ausdruck von Höflichkeit, dessen Ausbleiben negativ auffallen würde.

Des Weiteren wird das Unterbreiten eines Vorschlags als ein FTA für das negative ‚face’ des Adressaten gewertet. Jedoch findet sich leicht ein Gegenbeispiel, in dem der Adressat im Vorfeld um den Rat des Sprechers bat und deshalb diesen nicht als Bedrohung ansehen würde. Dies weist darauf hin, dass eine generelle Einstufung von Sprechakten als FTA problematisch ist, da einerseits der jeweilige Kontext zur Interpretation herangezogen werden muss. Andererseits ist die individuelle Interpretation des Adressaten ausschlaggebend, die jedoch in dem Ansatz von Brown/ Levinson kaum Beachtung findet.

Ausgehend von der Annahme, dass Sprecher FTAs in der Regel abschwächen möchten, benennen Brown/ Levinson fünf Strategien zur Ausführung von FTAs (vgl. 1987: 60):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die ‚bald-on-record’ Strategie wird angewandt, sobald der Sprecher keine Gefahr für die ‚faces’ aller Beteiligten sieht und somit seine Äußerung ohne ‚redressive action’ klar und eindeutig formulieren kann. Zudem sind direkte Formulierungen im Fall von Kritik, Anweisungen oder auch Warnungen beabsichtigt.

Positive sowie negative Höflichkeitsstrategien beinhalten eine Art der Wiedergutmachung, die dem Adressaten anzeigen soll, dass der Sprecher die gegenseitigen Bedürfnisse anerkennt und schützen möchte, denn „face redress is one of the basic motives for departing from the maximally efficent talk that [Grices] Maxims define“ (1987: 271). Absicht positiver Höflichkeitsstrategien sei es, beispielsweise mittels Lob dem Adressaten seine Anerkennung auszusprechen und ihm seine Zugehörigkeit zu der angestrebten Gruppe zu bestätigen. Negative Höflichkeitsstrategien würden verdeutlichen, dass der Sprecher die persönliche Handlungsfreiheit des Adressaten respektiere. Eine mögliche Strategie sei, sich bei Anfragen pessimistisch zu geben.

Falls der Sprecher seiner Äußerung ein hohes gesichtsbedrohendes Potential zuschreibe, wende er die ‚off-record’ Strategie an, indem er seine Absicht z.B. durch Anspielungen nur indirekt formuliere und die Interpretation teilweise dem Adressaten überlasse. So lasse er sich Optionen offen, da der Inhalt seiner Äußerung „to some degree negotiable“ ist (vgl. 1987: 69).

Sobald der Sprecher jedoch die Bedrohung als zu groß einschätze, werde er den FTA gemäß der fünften Strategie nicht formulieren und das Schweigen vorziehen.

Die Nummerierung der Strategien bezieht sich auf den Höflichkeitsgrad, den sie implizieren. Je größer das gesichtsbedrohende Potential sei, desto höher die Nummer der ausgewählten Strategie. Die genannten Strategien werden in manchen Gesprächssituationen jedoch bewusst um der Dringlichkeit, Effizienz oder auch einer gezielten Beleidigung willen vernachlässigt.

Watts kritisiert die binäre Darstellung der Strategien, da dadurch impliziert werde, dass sich der Sprecher rational nur für eine Strategie entscheide und die Anwendung mehrerer Strategien ausgeschlossen werde (vgl. 2003: 86f.). Gleichzeitig versäumt es Watts jedoch, seinen Einwand unterstützende Beispiele zu nennen.

Die Entscheidung, welche Strategie in der momentanen Situation angebracht sei, treffe der Sprecher aufgrund ‚soziologischer Implikationen’ (vgl. 1987: 74f.). Das benötigte Ausmaß an ‚face work’ werde durch drei soziale Variablen bestimmt, deren Gültigkeit als kulturübergreifend eingeschätzt wird. Die Variable D (‚social distance’), deren Werte auf einer horizontalen Skala verteilt seien, veranschauliche die soziale Distanz zwischen Sprecher und Adressat. Die Variable P (‚power’) sei Ausdruck der relativen Macht des Sprechers gegenüber dem Adressaten (vertikale Skala). Der Grad der Zumutung, die der FTA impliziere, ergebe sich aus der Variablen R (‚ranking of imposition’). Anhand der Variablen D und P könne man Rückschlüsse auf das ‚Ethos’ einer Gesellschaft ziehen (vgl. 1984: 243f).

Das Potential (‚weightiness’) des FTAs könne mit folgender Formel ‚berechnet’ werden:

Wx = D (S,H) + P (H,S) + Rx (X ist der jeweilige FTA)

Trotz der umfassenden Kritik erfüllt der Ansatz von Brown/ Levinson „the criteria for empirical theories, such as explicitness, parsimony, and predictiveness“ (Kasper 1994: 3208) und wird auch der vorliegenden Untersuchung zu Grunde gelegt.

4.3. Höflichkeit aus Sicht der Konversationsmaximen

Lakoff (1973, 1975) war eine der ersten Linguistinnen, die die Griceschen Konversationsmaximen mit dem Phänomen ‚Höflichkeit’ systematisch in Beziehung setzte. Aus ihrer Absicht, Richtlinien zu formulieren, die die ‚pragmatische Kompetenz’ eines Sprechers bewerten lassen, resultieren zwei übergeordnetete pragmatische Regeln. Erstens müsse der Sprecher seine Äußerungen klar verständlich und zweitens höflich formulieren. Die erste Regel beinhaltet die Befolgung der Griceschen Maximen der Quantität, Qualität und Relevanz. Die zweite Regel umfasst drei Anweisungen an den Sprecher, nämlich dem Adressaten nichts aufzudrängen, ihm Entscheidungsfreiheit zu lassen und freundlich zu sein, um den Adressaten ‚glücklich’ zu machen (vgl. Lakoff 1975: 293-298). Ein zufriedener Adressat sei das Ziel der Höflichkeit (vgl. Fraser 1990: 224). An Lakoffs Ansatz wird u.a. kritisiert, dass sie weder ihr Verständnis von Höflichkeit definiere (vgl. Fraser 1990: 223) noch die Bedeutung des Phänomens in den Rahmen sozialer Interaktion einordne (vgl. Brown 1976: 246). Dem ist entgegenzustellen, dass Lakoff zumindest begründet, warum Höflichkeit sich in einer Gesellschaft etabliert, nämlich „in order to reduce friction in personal interaction“ (1975: 64).

Lakoff formuliert in „Language and Woman’s Place“ (1975) eine einflussreiche und gleichzeitig kontrovers diskutierte Arbeit zu geschlechtspezifischen Unterschieden des höflichen Sprachgebrauchs. Sie postuliert, dass Frauen sich in der Regel höflicher seien als Männer und zwar aufgrund ihrer Unsicherheit. Paradoxerweise kritisieren gerade Brown/ Levinson, deren ‚Face’-Konzept auf Universalien aufbaut, dass diese Aussage nicht generalisiert werden sollte. Es müsse differenziert werden, zu wem, wann und in welchem Kontext Frauen höflicher seien (vgl. 1987: 29f.).

Ebenfalls auf Grundlage des Griceschen KP sowie der Sprechakttheorie entwickelt Leech (1983) einen Ansatz zur Höflichkeit der interpersonalen Rhetorik, wobei im Gegensatz zu Brown/ Levinson das Hauptaugenmerk auf dem Adressaten liegt. Grundsätzlich unterscheidet Leech zwischen der Absicht, die der Sprecher mit seiner Äußerung verfolgt (‚illocutionary goal’) und seiner sozialen Haltung (‚social goal’, vgl. Márquez-Reiter 2000: 8).

Leechs Ausgangspunkt sind seine Kritikpunkte an dem Griceschen Modell. Erstens schließt er sich der Kritik an, das KP könne nicht in Bezug auf alle Kommunikationsformen generalisiert werden. Zweitens spricht er sich (ebenfalls im Gegensatz zu Brown/ Levinson) gegen eine Universalität des höflichen Sprachgebrauchs aus und betont soziale, kulturelle sowie individuelle Unterschiede:

Indeed, one of the main purposes of socio-pragmatics […] is to find out how different societies operate maxims in different ways, for example by giving politeness a higher rating than cooperative in certain situations, or by giving precedence to one maxim of the PP rather than another (1983: 80).

Drittens liefere das KP keine befriedigende Erklärung für die Analyse zahlreicher Sprechakte, in denen sich das Gesagte von dem Gemeinten unterscheide („the relation between sense and force“, 1983: 79). Ein Beispiel:

Lehrer: Ich freue mich schon auf das Pergamonmuseum und den anschließenden

Stadtbummel.

Hansi: Ja, der Stadtbummel wird bestimmt cool.

Der Schüler verletzt mit seiner Äußerung offensichtlich die Qualitätsmaxime, da er das Museum nicht benennt. Leech würde an dieser Stelle argumentieren, dass der Schüler dies aus Höflichkeit macht, um seine Abneigung gegen den Museumsbesuch nicht direkt auszudrücken.[13]

Als Ergänzung zu dem Griceschen KP formuliert Leech das Höflichkeitsprinzip (HP). Beide Prinzipien sieht er in einem komplementären Verhältnis, wobei es die regulative Aufgabe des HP sei, “to maintain the social equilibrium and the friendly relations which enable us to assume that our interlocutors are being cooperative in the first place“ (1983: 82).

Höflich zu sein bedeute für den Sprecher einen Konflikt zwischen dem KP und dem HP. Eine adäquate Äußerung löse diesen Konflikt, sei jedoch stets kontextabhängig. Die Problematik wird aufgrund Leechs Annahme verstärkt, Höflichkeit sei in hohem Maße asymmetrisch, d.h. eine höfliche Äußerung gegenüber dem Adressaten sei gleichzeitig unhöflich gegenüber dem Sprecher und umgekehrt.

Eine mögliche Lösung, die auch im Rahmen der vorliegenden Arbeit eine Rolle spielt, seien ‚white lies’ (vgl. 1983: 82f)[14]. Beispielsweise könne ein Sprecher im Sinne einer höflichen Absage vorgeben, eine Einladung aufgrund anderer Verpflichtungen nicht wahrnehmen zu können, d.h. der Sprecher verschweige dem Adressaten absichtlich die Wahrheit (z.B. fehlendes Interesse, Antisympathie) zugunsten einer (Not)Lüge. In diesem Fall dominiere das HP über das KP, sodass eine bewusste Missachtung der Qualitätmaxime gerechtfertigt erscheine.[15]

Leech weist generell darauf hin, dass das KP oder dessen Maximen bei einer höflichen Äußerung nur scheinbar verletzt werden. In der Absicht, höflich zu sein und somit eine positive Gesprächsatmosphäre herzustellen, verfolge der Sprecher indirekt auch das KP, nämlich die Konversation aufrecht zu erhalten und beider Absichten zu realisieren.

Der Autor unterscheidet zudem zwischen einer positiven und einer negativen Form von Höflichkeit. Bei der Erstgenannten sei die Absicht des Sprechers, den Anteil höflicher Illokutionen zu erhöhen, wobei negative Höflichkeit[16] einen geringeren Anteil unhöflicher Illokutionen impliziere. Oftmals sei die Anwendung ‚metalinguistischer Strategien’ (1983: 140f.) angebracht. Beispielsweise könne mit Hilfe von Heckenausdrücken (‚hedged performatives’) wie Dürfte ich mal fragen…? die Unhöflichkeit einer Äußerung abgemildert werden. Der Grad der relativen Höflichkeit, für die sich ein Sprecher letztendlich entscheide, ergebe sich aus den jeweils herrschenden kulturellen, sozialen und individuellen Standards. Innerhalb der illokutionären Funktionen unterscheidet Leech zwischen den vier Typen[17] ‚Kompetitiv’, ‚Konvivial’, ‚Kollaborativ’ und ‚Konfliktiv’, deren Kriterium es sei, „how they relate to the social goal of establishing and maintaining comity” (1983: 104f.).

Analog zu Grice spaltet Leech das Höflichkeitsprinzip in sechs Maximen auf, deren Gestalt sich aus seiner Sicht aus der Asymmetrie von Höflichkeit ergibt. Die folgende Auflistung nennt die jeweiligen Maximen sowie die Illokutionären Akte, bei denen sie eine Rolle spielen (vgl. Leech 1983: 132).

(i) Takt (‚Tact Maxim’)

(Impositiva[18] und Kommissiva)

(a) Verringere den Aufwand (‚cost’) deines Gegenübers
(b) Erhöhe den Gewinn deines Gegenübers

(ii) Großzügigkeit (‚Generosity Maxim’)

(Impositiva und Kommissiva)

a) Verringere deinen eigenen Gewinn
b) Erhöhe deinen eigenen Aufwand

(iii) Anerkennung (‚Approbation Maxim’)

(Expressiva und Assertiva)

a) Verringere Kritik an deinem Gegenüber
b) Verstärke Lob für deinen Gegenüber

(iv) Bescheidenheit (‚Modesty Maxim’)

(Expressiva und Assertiva)

a) Verringere Selbstlob
b) Verstärke Eigenkritik

(v) Zustimmung (‚Agreement Maxim’)

(Assertiva)

a) Verringere Unstimmigkeiten zwischen dir und deinem Gegenüber
b) Vergrößere Übereinstimmungen zwischen dir und deinem Gegenüber

(vi) Sympathie (‚Sympathy Maxim’)

(Assertiva)

a) Verringere Antipathie zwischen dir und deinem Gegenüber
b) Vergrößere Sympathie zwischen dir und deinem Gegenüber

Dabei sei der Teil a) jeweils wichtiger als b), da Leech der Vermeidung von Unwillen und somit negativen Höflichkeitsformen einen höheren Stellenwert zuschreibt als der positiven Höflichkeit.

In seinen Ausführungen geht Leech detailliert auf die Taktmaxime ein, da er diese Maxime als die Wichtigste in anglophonen Gesellschaften ansieht. In deren Rahmen entwirft Leech fünf Skalen (‚pragmatic scales’), anhand derer der Adressat (und der Linguist) den Höflichkeitsgrad einer Äußerung (insbesondere Direktiva) entnehmen könne. Die Skalen verweisen wiederum auf die asymmetrische Natur der Höflichkeit, z.B. besage die Kosten-Nutzen-Skala, je höher die Kosten (Aufwand) für den Adressaten, desto unhöflicher sei das Direktiv. Dies impliziere, dass durch gesteigerte Kosten für den Sprecher das Direktiv höflicher sei. Bezüglich der Indirektheitsskala äußert Leech: „Indirect illocutions tend to be more polite (a) because they increase the degree of optionality, and (b) because the more indirect an illocution is, the more diminished and tentative its force tends to be“ (1983: 108).

Anhand der Optionalitätsskala lasse sich die Entscheidungsfreiheit einstufen, die der Sprecher dem Adressaten zugestehe. Je höher die Optionalität für den Adressaten, desto höher sei der Grad der Höflichkeit. Des Weiteren habe das soziale Verhältnis der Interagierenden einen wichtigen Einfluss auf den Grad der Höflichkeit, denn

the overall degree of respectfulness, for a given speech situation, depends largely on relatively permanent factors of status, age, degree of intimacy, etc., but also, to some extent, on the temporary role of one person relative to another (1983: 126).

Die Autoritätsskala veranschaulicht das hierarchische Verhältnis der Interagierenden und somit das relative Recht des Sprechers, ein Direktiv zu äußern. Inwieweit Sprecher und Adressat in einem persönlichen Verhältnis stehen, sei auf der Soziale-Distanz-Skala abzutragen. Mittels der Skalen analisiert Leech nicht nur den Höflichkeitsgrad einer Äußerung, sondern liefert ebenfalls einen Erklärungsansatz, warum eine Formulierung höflicher sei als die andere. Zusammenfassend kommt er zu dem Schluss, je höher die Skalenwerte für Kosten/ Nutzen, Distanz und Autorität ausfallen würden, desto größer müssten die Werte auf der Optionalitäts- und Indirektheitsskala sein.

Zudem formuliert Leech ein weiteres, sekundäres Kommunikationsprinzip: das Ironieprinzip (vgl. 1983: 82f). Ironie sei eine Ausbeutung des HP, da der Sprecher sich in einer Gesprächssituation derart übertrieben höflich äußere, dass der Adressat dies als ironisch interpretieren könne bzw. müsse. Meiner Meinung nach zeigt die Erfahrung aus der alltäglichen Kommunikationspraxis, dass Anwendung und Interpretation von Ironie oftmals nicht nur von dem situativen und gesellschaftlichen Kontext abhängig sind, sondern auch von der individuellen Sprachkompetenz der Beteiligten.

Die Tatsache, dass Leech keine genaue Anzahl an Prinzipien und Maximen nennt, die zur Analyse von Höflichkeit notwendig sind, gibt Anlass zu zahlreicher Kritik (vgl. Brown/ Levinson, Fraser 1990, Márquez-Reiter 2000). Márquez-Reiter kritisiert des Weiteren, dass Leech zwar interkulturelle Unterschiede einräume, sein Ansatz sich jedoch nur in beschränktem Maße in differenzierten interkulturellen Studien anwenden ließe. In der Tat sollte ein Sprechakt anhand von Maximen und Skalen nicht grundsätzlich als höflich bzw. unhöflich eingestuft werden, ohne dabei den umfangreichen Kontext der Äußerung zu beachten. Dazu Koike: „An act is not inherently polite or deferent, but is construed as such according to its context and the rules of conduct and expectations established by that society“ (1989: 189).

Dennoch beinhaltet Leechs Theorie zahlreiche Aspekte, die im Rahmen der vorliegenden Arbeit von großem Nutzen sind. Besonders der vorher genannte Kritikpunkt, die Anzahl der Maximen sei scheinbar unbegrenzt, eröffnet meiner Meinung nach Interpretationsmöglichkeiten in interkulturellen Studien.

So könnte eine zusätzliche ‚Kontextmaxime’, zugegebenermaßen eine sehr umfangreiche Maxime, lauten:

Formuliere deine Äußerung derart, dass sie dem momentanen situativen, kulturellen, sozialen und interpersonalen Kontext entspricht.

[...]


[1] Begriff abgeleitet von dem englischen Verb to perform: „it indicates that the issuing of the utterance is the performing of an action“ (Austin 1962: 6)

[2] ‘Verdictives, Exertives, Commissives, Behabitives, Expositives’ (vgl. Austin: 151). Searle kritisiert jedoch, dass sich Austins Klassifikation zu sehr an illokutiven Verben als an illokutionären Akten orientiert.

[3] Im Gegensatz zu Searle, der das Prinzip der Höflichkeit nur marginal behandelt, spielt im Rahmen der vorliegenden Arbeit Höflichkeit eine zentrale Rolle bei der Betrachtung von indirekten Sprechakten, und zwar im Zuge von Komplimenterwiderung und Ablehnung.

[4] Searle lenkt ein, dass der Verstehensprozess nicht derart detailliert und bewusst verläuft, jedoch soll dessen exemplarische Darstellung den Vorgang verdeutlichen.

[5] Der Titel der deutschen Übersetzung (1979) verdeutlicht die Mehrdeutigkeit von ‚meaning’.

[6] Wright (1979) kritisiert beispielsweise Grices Definition von Äußerung, da diese sich nicht auf rein sprachliche Handlungen beschränke, sondern jegliche ‚Kommunikationsmittel’ (z.B. ein Bild malen oder winken) einbeziehe (1979: 373f.). Zudem entgegnet er, es müsse zunächst die Äußerung erkannt werden, die Sprecherabsicht sei dabei sekundär. Verständnisschwierigkeiten ließen sich somit auf die Wahl der falschen (konventionellen) Äußerung zurückführen und nicht auf eine mangelhaft ausgedrückte Absicht (vgl. 1979: 379). Nach Wright ist eine erfolgreiche Kommunikationshandlung von der Kombination aus konventionaler Äußerung, Absicht, Erwartungen und Kontext abhängig.

[7] Grice stellt das KP und die im Folgenden dargestellten Konversationsmaximen hauptsächlich für informative und effiziente Kommunikation auf. Jedoch wäre es sehr idealistisch davon auszugehen, dass Menschen generell dazu bereit sind, miteinander zu kooperieren. Maximen sind keine Regeln, sondern eher als Richtlinien zu verstehen. Der entscheidende Unterschied ist dabei, dass verletzte Regeln nicht zum Erfolg führen, wohingegen nicht befolgte Maximen zu einem anderen Ergebnis führen.

[8] Auch in der heutigen Zeit dient Höflichkeit als Abgrenzungsmittel und verstärkt dadurch das Gefühl der Gruppenidentität. Der Zusammenhang zwischen Höflichkeit und Solidarität wird zu einem späteren Zeitpunkt noch näher erläutert.

[9] Watts kritisiert, dass das ‘Face’-Konzept nicht automatisch mit ‚Höflichkeit’ gleichzusetzen sei, da „supportive facework aims at avoiding conflict and aggression and, if possible, at creating comity amongst the participants, but it does not automatically involve (im)politeness“ (2003: 133).

[10] Da sich keine zufrieden stellende Übersetzung des Begriffs ‚face’ zu finden scheint, wird im Folgenden die englische Bezeichnung beibehalten. In der deutschen Forschungsliteratur treten unterschiedliche Begriffe auf, z.B. ‚Gesicht’, ‚Selbstkonzept’ oder ‚Selbstimage’, werden jedoch dem facettenreichen ‚Face’-Konzept nicht gerecht, da beispielsweise die moralische Komponente vernachlässigt wird (vgl. Auer 1999: 150).

[11] Brown/ Levinson beziehen dieses Argument auf die Motivation und Realisierung von Kommunikation und sehen es daher als eine Weiterentwicklung des Griceschen KP.

[12] Die in dem Rahmen dieser Arbeit relevanten FTAs (Anfragen, Komplimente, Erwiderungen) werden in Kap. 4.5. näher erläutert.

[13] Allerdings wird an diesem Beispiel deutlich, dass der Grad an Höflichkeit von der individuellen Wahrnehmung und Interpretation sowie dem situativen und sozialen Kontext abhängig ist. Zudem können verschiedene Faktoren (z.B. nonverbale Kommunikation oder ‚illocutionary force indicating devices’ wie Intonation) dazu beitragen, dass eine theoretisch, d.h. gemäß linguistischer Prinzipien und Maximen, höfliche Äußerung dennoch als Ironie und/ oder Affront interpretiert wird.

[14] Im Vergleich dazu Brown/ Levinsons ‘on/off record’-Strategien (1978: 134f.).

[15] Auf die moralische Diskussion, wo Höflichkeit endet und Unaufrichtigkeit beginnt, möchte ich mich an dieser Stelle nicht weiter einlassen.

[16] Negative Höflichkeit im Sinne von Leech ist nicht gleichzusetzen mit der von Brown/ Levinson. Bei Leech geht es nicht um die eingeschränkte Handlungsfreiheit des anderen, sondern lediglich darum, die negativen Illokutionen zu reduzieren.

[17] Diese Kategorien werden in der Beschreibung der Ablehnungen und Komplimentserwiderungen näher erläutert.

[18] Entspricht in etwa Searles Terminus ‚Direktive’ (vgl. dazu Leech 1983: 106).

Details

Seiten
102
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638432429
Dateigröße
664 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45924
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Englische Sprachwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Politeness English Mexican Spanish Focus Refusals Compliment Responses

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Titel: Politeness in English and Mexican Spanish - Focus on Refusals and Compliment Responses