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Beziehungen und "Vitamin B" - Schlüsselqualifikationen bei der heutigen Stellensuche?

Oder: die Stärke von (schwachen) Beziehungen bei der Jobsuche

©2005 Hausarbeit 24 Seiten

Zusammenfassung

1. EINLEITUNG

Betrachtet man in Stellenanzeigen die Anforderungsprofile der Arbeitgeber, stellt man sehr häufig fest, dass die Bewerber neben Abschlüssen und Diplomen auch über so genannte „Schlüsselqualifikationen“(1) wie Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Flexibilität, Kommunikations- und Kontaktfähigkeit und soziale Kompetenzen verfügen müssen. Angesichts fast 4,8 Millionen registrierter Arbeitsloser(2) auf dem deutschen Arbeitsmarkt und lahmender Konjunktur sind es de facto allerdings auch (oder gerade?) Beziehungen, die bei der Jobsuche eine scheinbar immer größere Bedeutung gewinnen. Den Stellensuchenden werden Beziehungen als „das A&O“(3) , Kontakte im Allgemeinen gar als „Karrierebeschleuniger“(4) angepriesen; im Volksmund hat sich für dieses Phänomen der Ausdruck „Vitamin B“(5) etabliert.
Die vorliegende Arbeit versucht herauszufinden, ob und warum Beziehungen bei der Stellensuche so hilfreich erscheinen: Zählt es vielleicht sogar als Qualifikation, Beziehungen vorweisen zu können? Hierzu soll zunächst der schillernde Begriff der „Beziehungen“ im Kontext der Netzwerk-Theorie definiert und wichtige Grundbegriffe erläutert werden, bevor Punkt 3 genauer zwischen starken und schwachen Beziehungen differenziert und deren jeweilige Merkmale und Vorteile für den Stellensuchenden gegenüberstellt. Hier soll die vermeintliche Paradoxie der Stärke schwacher Beziehungen beschrieben und erklärbar gemacht werden.
Anhand diverser Studien – insbesondere der von Mark Granovetter aus dem Jahre 1973 - zeigt Punkt 4 exemplarisch die empirische Relevanz des Themas auf, bevor unter Punkt 5 die gewonnenen Erkenntnisse kurz zusammengefasst werden.
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(1) Vgl. o.V.: „Richtig bewerben – Schlüsselqualifikationen“, http://www.jobware.de/ra/rb/rb/7.html.
(2) Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): „Registrierte Arbeitslose-Deutschland“, http://www.destatis.de/indicators/d/arb110ad.htm (18.08.05).
(3) Vgl. o.V.: „Bewerbung“, http://www.karrierefuehrer.de/bewerbung/vitaminb.html (18.06.05).
(4) Vgl. o.V.: „Networking – Kontakte als Karrierebeschleuniger“, http://www.stellenmarkt.de/karrieretipps/networking1.htm (18.06.05).
(5) Vgl. Hohn, Hans-Willy: „Soziale Netzwerke und Kooperation im Betrieb - Funktionen informeller Rekrutierung im dualen System der industriellen Arbeitsbeziehungen“ in Deeke, Axel/Fischer, Joachim/Schumm-Garling, Ursula (Hrsg.): „Arbeitsmarktbewegung als sozialer Prozess“, S. 83.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Beziehungen im Rahmen der Netzwerk-Theorie

3. Starke vs. schwache Beziehungen – Charakteristika und Vorteile

4. Empirische Relevanz

5. Schlussbemerkung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die „verbotene Triade“ nach Granovetter

Abbildung 2: Graphische Darstellung einer Brückenbeziehung

Abbildung 3: Nutzenfunktion in Abhängigkeit vom Status

Abbildung 4: Studie von Mark Granovetter - Befragungsergebnisse

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Wohlfahrtssurvey – Wege der Stellenfindung (1)

Tabelle 2: Wohlfahrtssurvey – Wege der Stellenfindung (2)

Tabelle 3: Sozioökonomisches Panel 1985

Tabelle 4: IAB-Befragung zur Stellenfindung, Herbst 1985

Tabelle 5: Untersuchung des WSI – Erfolgreiche Vermittlungswege bei der Stellensuche

1. Einleitung

Betrachtet man in Stellenanzeigen die Anforderungsprofile der Arbeitgeber, stellt man sehr häufig fest, dass die Bewerber neben Abschlüssen und Diplomen auch über so genannte „Schlüsselqualifikationen“[1] wie Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Flexibilität, Kommunikations- und Kontaktfähigkeit und soziale Kompetenzen verfügen müssen. Angesichts fast 4,8 Millionen registrierter Arbeitsloser[2] auf dem deutschen Arbeitsmarkt und lahmender Konjunktur sind es de facto allerdings auch (oder gerade?) Beziehungen, die bei der Jobsuche eine scheinbar immer größere Bedeutung gewinnen. Den Stellensuchenden werden Beziehungen als „das A&O“[3], Kontakte im Allgemeinen gar als „Karrierebeschleuniger“[4] angepriesen; im Volksmund hat sich für dieses Phänomen der Ausdruck „Vitamin B“[5] etabliert.

Die vorliegende Arbeit versucht herauszufinden, ob und warum Beziehungen bei der Stellensuche so hilfreich erscheinen: Zählt es vielleicht sogar als Qualifikation, Beziehungen vorweisen zu können? Hierzu soll zunächst der schillernde Begriff der „Beziehungen“ im Kontext der Netzwerk-Theorie definiert und wichtige Grundbegriffe erläutert werden, bevor Punkt 3 genauer zwischen starken und schwachen Beziehungen differenziert und deren jeweilige Merkmale und Vorteile für den Stellensuchenden gegenüberstellt. Hier soll die vermeintliche Paradoxie der Stärke schwacher Beziehungen beschrieben und erklärbar gemacht werden.

Anhand diverser Studien – insbesondere der von Mark Granovetter aus dem Jahre 1973 - zeigt Punkt 4 exemplarisch die empirische Relevanz des Themas auf, bevor unter Punkt 5 die gewonnenen Erkenntnisse kurz zusammengefasst werden.

2. Beziehungen im Rahmen der Netzwerk-Theorie

Die Netzwerk-Theorie versteht unter dem Begriff der „Beziehungen“ verschiedenartige Ausprägungen von Verbindungen zwischen zwei Individuen.[6] Diese Verbindungen, oft auch als „Relationen“ bezeichnet, lassen sich hinsichtlich „ihres Inhaltes, ihrer Intensität und ihrer Form unterscheiden.“[7] Die Klassifikation der Inhalte reicht hierbei von der Transaktion begrenzter Ressourcen (z.B. Kauf, Geschenk) über Gefühls- und Verwandtschaftsbeziehungen bis hin zu Machtbeziehungen. Beziehungs- oder Relationsintensitäten werden nach ihrer Häufigkeit, ihrer Wichtigkeit für den Akteur oder nach dem Ausmaß des Ressourcentransfers (in Geld oder anderen Einheiten) bestimmt.

Mark Granovetter konkretisiert diese Maßgrößen der Intensität und unterscheidet zwischen starken und schwachen Beziehungen: nach ihm sind es vier Faktoren, von denen die Stärke einer Beziehung zwischen zwei Individuen (vermutlich linear) abhängt:

- die gemeinsam verbrachte Zeit,
- die emotionale Intensität,
- die Intimität (im Sinne gegenseitigen Vertrauens) und
- die Reziprozität, also die Gegenseitigkeit der Beziehung.[8]

Sozial starke Beziehungen sind folglich Beziehungen zu Familienmitgliedern, eng Vertrauten und guten Freunden. Neben einer relativen Dauerhaftigkeit zeichnen sich solche Beziehungen durch das genannte Kriterium der Gegenseitigkeit und ein häufiges, vor allem außerberufliches Zusammensein bzw. Interagieren aus.[9]

Sozial schwache Beziehungen sind andererseits Verhältnisse zu bloßen Bekannten bzw. Personen, die man nur flüchtig kennt und selten zu Gesicht bekommt.

Neben den genannten vier Faktoren sind es laut Bernd Wegener die so genannten „Beziehungsfoci“[10], die über die Stärke und Schwäche von Beziehungen entscheiden. „Foci“ sind im Rahmen der Netzwerk-Theorie das, was eine Beziehung ausmacht und worauf sie sich letztendlich begründet: sie können durch Liebe, Familie, Nachbarschaft, aber auch durch Arbeitsplatz, Freizeittreffpunkte und Mitgliedschaft in einer Organisation bestimmt sein.

Je mehr Foci die Grundlage für eine Beziehung bilden und je mehr diese Foci miteinander verträglich sind, umso stärker ist die Beziehung.[11]

Implikationen der Beziehungsstärke – Ähnlichkeit und gemeinsame Freunde

Die Existenz starker und schwacher Beziehungen (bzw. deren Unterscheidung) legt die Frage nahe, welche Implikationen für die beteiligten Individuen daraus resultieren:[12]

Nach Granovetter wirkt sich die Stärke einer Beziehung sowohl auf die Freundeskreise als auch auf die Ähnlichkeit der involvierten Individuen aus: Je stärker die Beziehung zwischen zwei Personen A und B ist, desto größer ist der Anteil der Personen aus S, die sowohl zu A als auch zu B in einer (starken oder schwachen) Beziehung stehen.[13] Mit anderen Worten: mit steigender Intensität einer Beziehung steigt die Anzahl der gemeinsamen Freunde. Besteht keine Beziehung zwischen A und B, ist eine Überschneidung der Freundeskreise unwahrscheinlich; bei einer starken Beziehung hingegen ist die größte Überschneidung zu erwarten.

Die oben erwähnte Hypothese der Freundeskreise wird laut Granovetter dadurch untermauert, dass die Stärke einer Beziehung zwischen zwei Individuen auf deren Ähnlichkeit schließen lässt. Je stärker eine Beziehung zwischen den Individuen A und B, umso ähnlicher sind sie sich.

Die Kombination der beiden genannten Implikationen resultiert für Granovetter in dem Phänomen der „verbotenen Triade“[14]. Wenn auch der Begriff stilistisch etwas übertrieben scheint, ist der Kerngedanke dennoch nachvollziehbar: Man nehme an, zwischen A und B sowie zwischen A und C bestehe eine starke, zeitintensive Beziehung, wie in Abbildung 1 schematisch dargestellt. In dieser Konstellation ist zu vermuten, dass auch B und C in Interaktion treten und eine Bindung erzeugen. Des Weiteren folgt aus diesem Szenario, dass auch B und C einander sehr ähnlich sind. Die Wahrscheinlichkeit einer Freundschaft nach einem Aufeinandertreffen der beiden Akteure ist deshalb vermutlich sehr hoch.

Abbildung 1: Die „verbotene Triade“ nach Granovetter

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: eigene Erstellung in Anlehnung an Granovetter, Mark S.: „The Strength of weak ties“ in: American Journal of Sociology 78 (1973), S. 1360-1380, S. 1363)

Granovetter verweist an dieser Stelle auf Heider und Newcomb, deren „Theorie der kognitiven Balance“[15] seine Aussagen bestätigt: das angenommene Szenario – A und B sowie A und C haben eine starke Beziehung miteinander, B und C wissen voneinander, ohne in einer (positiv beurteilten) Beziehung zueinander zu stehen – übt einen Druck auf B und C aus, dies zu ändern. Je stärker die Beziehung, umso größer ist der Druck.

Als Kritik bleibt anzumerken, dass Granovetters vier Faktoren, mit denen er die Stärke einer Beziehung charakterisiert, lediglich idealtypische Randpositionen definieren können. Zwischen einer „typischen“ starken und einer „typischen“ schwachen Beziehung existiert eine Vielzahl von Beziehungen, die nicht ohne weiteres einem der Typen zugeordnet werden kann.

3. Starke vs. schwache Beziehungen – Charakteristika und Vorteile

Nachdem im vorangegangenen Abschnitt Faktoren und Implikationen der Beziehungsstärke vorgestellt wurden, soll nun untersucht werden, welche Charakteristika im Einzelnen starke im Gegensatz zu schwachen Beziehungen auszeichnen - insbesondere soll der Nutzenaspekt unterschiedlich starker Beziehungen geprüft werden.

Starke soziale Beziehungen sind in erster Linie von einem starken intrinsischen Nutzen gekennzeichnet: gerade im Rahmen eng vertrauter Freunde sichern sie Intimität, Selbstidentifikation und gegenseitige Hilfsbereitschaft;[16] sie schirmen vor Vereinzelung ab, gewährleisten die Kohärenz einer Gruppe und erfüllen außerdem das individuelle Bedürfnis nach Geselligkeit und emotionaler Unterstützung. Die dadurch entstehende Homogenität und Kohäsion wirkt jedoch gleichzeitig abspaltend und „fragmentiert den Gesellschaftsaufbau im ganzen.“[17]

Das Entstehen schwacher Beziehungen führt Wegener auf die Arbeitsteilung und die damit verbundene Spezialisierung zurück: Im Zuge der Arbeitsteilung, dem Aufeinander-Abstimmen von Arbeitsvorgängen, seien ausdifferenzierte Rollen entstanden.[18] Diese bringen nur bestimmte Aspekte der handelnden Person ins Spiel, die „Interaktionspartner“ kennen sich folglich nur ausschnitthaft und funktionsbezogen. Eine solche Konstellation wird von Granovetter als „Brückenbeziehung“ (Abb. 2) bezeichnet; sie liegt dann vor, wenn eine Beziehung zwischen zwei Personen die einzige Verbindung zwischen zwei Gruppen bzw. Netzwerken darstellt.[19] Informationen zwischen den Gruppen können folglich nur über die Brücke fließen. Nach Granovetter sind alle Brückenbeziehungen schwache Beziehungen.[20]

Schwache Beziehungen ermöglichen demzufolge die Überwindung einer größeren sozialen Distanz. Werden beispielsweise neue Informationen über schwache Beziehungen vermittelt, erreichen sie eine größere Zahl von Akteuren als würden sie über starke Beziehungen vermittelt. Als Beispiel nennt Granovetter die Verbreitung eines Gerüchtes: Angenommen, eine Person erzähle ein Gerücht seinen engen Freunden, und diese wiederum ihren eigenen engen Freunden. Aufgrund der Überschneidung der Freundeskreise hören manche innerhalb dieses Netzwerks das Gerücht dadurch mehrmals; jeweils von verschiedenen Mitgliedern.

[...]


[1] Vgl. o.V.: „Richtig bewerben – Schlüsselqualifikationen“, http://www.jobware.de/ra/rb/rb/7.html.

[2] Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): „Registrierte Arbeitslose-Deutschland“, http://www.destatis.de/indicators/d/arb110ad.htm (18.08.05).

[3] Vgl. o.V.: „Bewerbung“, http://www.karrierefuehrer.de/bewerbung/vitaminb.html (18.06.05).

[4] Vgl. o.V.: „Networking – Kontakte als Karrierebeschleuniger“, http://www.stellenmarkt.de/karrieretipps/networking1.htm (18.06.05).

[5] Vgl. Hohn, Hans-Willy: „Soziale Netzwerke und Kooperation im Betrieb - Funktionen informeller Rekrutierung im dualen System der industriellen Arbeitsbeziehungen“ in Deeke, Axel/Fischer, Joachim/Schumm-Garling, Ursula (Hrsg.): „Arbeitsmarktbewegung als sozialer Prozess“, S. 83.

[6] Vgl. Jansen, Dorothea: „Einführung in die Netzwerkanalyse” (2003), S. 44.

[7] ebenda, S. 59.

[8] Vgl. Granovetter, Mark S.: „The Strength of weak ties“ in: American Journal of Sociology 78 (1973), S. 1360-1380, S. 1361.

[9] Vgl. Wegener, Bernd: „Vom Nutzen entfernter Bekannter“ in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 39 (1987), S. 278-301, S. 279.

[10] Vgl. ebenda, S. 281.

[11] Wegener verwendet hierfür die Bezeichnungen „Fokusrestriktivität“, „Fokuspluralität“ und „Fokusverträglichkeit“.

[12] Zur Vereinfachung wird im Folgenden von den Individuen A und B sowie der Menge aller übrigen Individuen S (=C,D,E,…) die Rede sein.

[13] Vgl. Granovetter, Mark S.: „The Strength of weak ties“ in: American Journal of Sociology 78 (1973), S. 1360-1380, S. 1362.

[14] Ebenda, S. 1363.

[15] Vgl. Granovetter, Mark S.: „The Strength of weak ties“ in: American Journal of Sociology 78 (1973), S. 1360-1380, S. 1362.

[16] Vgl. Wegener, Bernd: „Vom Nutzen entfernter Bekannter“ in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 39 (1987), S. 278-301, S. 289.

[17] Vgl. ebenda, S. 284.

[18] Vgl. ebenda.

[19] Vgl. ebenda, S. 279.

[20] Vgl. Granovetter, Mark S.: „The Strength of weak ties“ in: American Journal of Sociology 78 (1973), S. 1360-1380, S. 1364.

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638432535
ISBN (Paperback)
9783640862344
DOI
10.3239/9783638432535
Dateigröße
687 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Trier – Lehrstuhl für Soziologie im Schwerpunkt Arbeit, Personal, Organisation
Erscheinungsdatum
2005 (Oktober)
Note
1,3
Schlagworte
Beziehungen Vitamin Schlüsselqualifikationen Stellensuche Netzwerke Unternehmensverflechtung

Autor

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