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Die Wächterfunktion der Medien in Deutschland

Welche Rolle spielen durch investigativen Journalismus aufgedeckte politische Medienskandale?

Hausarbeit 2017 22 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung und Erkenntnisinteresse
1.2 Relevanz und Forschungsstand

2 Politische Medienskandale
2.1 Vom Skandal zum Medienskandal
2.2 Verlaufsphasen des Medienskandals
2.3 Der politische Medienskandal und seine Funktionen

3 Investigativer Journalismus in Deutschland
3.1 Was ist investigativer Journalismus?
3.2 Problematik investigativer Recherchemethoden
3.3 Chancen des investigativen Journalismus

4 Investigativer Journalismus im politischen Medienskandal
4.1 Die Selbstreinigungskräfte der Demokratie
4.2 Investigativer Journalismus, die Wächterfunktion S.18 der Medien und die Inszenierungsspirale

5 Ausblick und Fazit

6 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Fragestellung und Erkenntnisinteresse

Heute steht die Zukunft des politischen Journalismus aus der Sicht vieler kritischer Beobachter auf dem Spiel: Der fehlende investigative Anspruch der meisten Journalisten führe zu einer politischen Medienkultur, die die Selbstinszenierung von Politikern be- günstige, Journalismus nicht länger von PR trenne und Medienskandale, wenn auch unfreiwillig, zugunsten politischer Akteure produziere (vgl. Leif 2005, S.45). Das Selbstverständnis deutscher Journalisten ist dabei größtenteils ein vermittelndes und informierendes (vgl. Höhn 2009, S. 93). Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich daher mit der besonderen Rolle des investigativen Journalismus mit Hinblick auf seine Wir- kung auf die Demokratie und erörtert die Bedeutung durch investigative Berichterstat- tung ausgelöster Medienskandalen für die Wächter- oder Kontrollfunktion der sogenannten vierten Macht, der Medien. Politische Medienskandale, die durch investi- gativen Journalismus ausgelöst werden, nehmen in der Geschichte vieler Demokratien einen besonderen Stellenwert ein und führen nicht selten zu strukturellen Veränderun- gen auf politischer Ebene. Ihnen vorausgehende, investigative Methoden zur Beschaf- fung potentiell skandalträchtiger Informationen bewegen sich hingegen oft zwangsläufig in einem rechtlichen Spannungsfeld der demokratischen Schutzgüter Per- sönlichkeitsrecht und Pressefreiheit. Im Folgenden soll zunächst unter Einbezug von Theorien der Skandalforschung untersucht werden, wie politische Medienskandale ent- stehen, strukturell verlaufen und sich funktional auf die Demokratie auswirken. In ei- nem zweiten Schritt werden die Problematik und Notwendigkeit investigativer Recherche aus medienwissenschaftlicher, medienrechtlicher und medienethischer Per- spektive gegenübergestellt und diskutiert. Abschließend beschäftigt sich die Arbeit mit der Kernfrage der Rolle durch investigativen Journalismus ausgelöster politischer Me- dienskandale in demokratischen Systemen und bezieht diese Ergebnisse durch eine Verknüpfung der beiden ersten Kapitel auf die aktuelle Situation des politischen Journa- lismus in Deutschland.

1.2 Relevanz und Forschungsstand

Sowohl der investigative Journalismus als auch der politische Medienskandal sind von großer Bedeutung für die Erfüllung der Kontroll- und Kritikfunktion der sogenannten vierten Macht, der Medien: Der investigative Journalismus gelangt durch sorgfältige, aufwändige Recherche in Bereiche, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind; reiner Meinungs- oder Recherchejournalismus, der in Deutschland besonders verbreitet ist, kann das nicht leisten (vgl. Höhn 2009, S.12). Politische Medienskandale sind für viele Skandalforscher Ausdruck in einer funktionierenden Demokratie: Sie wirken normver- stärkend, politisierend (vgl. Höhn 2009, S.44) und führen zur Aktualisierung von sozia- lem Kapital bzw. politischer Macht (vgl. Burkhardt 2006, S.114). Der Zusammenhang von politischen Medienskandalen und investigativem Journalismus ist bisher nur in ei- ner einzigen Publikation thematisiert worden. Sebastian Höhn erörtert darin die Rolle des investigativen Journalismus im politischen Medienskandal exemplarisch am CDU- Spendenskandal. Die Bedeutung des investigativen Journalismus für politische Medi- enskandale und damit für die Demokratie in Deutschland wird oft reklamiert, aber we- nig bis gar nicht erforscht. Daher ist es für eine Zusammenfassung des Forschungsstandes sinnvoller, sich auf die einzelnen Ansätze und Disziplinen zu kon- zentrieren, die sich zumindest partiell mit der Fragestellung und den Themen dieser Arbeit beschäftigt haben. Investigativer Journalismus ist bisher sehr selten zum Gegen- stand sozialwissenschaftlicher Arbeiten geworden. Wenn überhaupt wird er am Rande erwähnt, beispielsweise bei Steffen Burkhardt (2006), der sich mit Medienskandalen aus soziologischer und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive auseinander- setzt. Burkhardt sieht den investigativen Journalismus als historischen Erstverursacher des politischen Medienskandals in modernen Mediengesellschaften und bezieht sich dabei auf die sogenannten „Muckrackers“, die es sich in den USA der 1950er Jahre zur Aufgabe machten, gesellschaftliche Missstände durch investigative Recherche aufzude- cken (vgl. Burkhardt 2006, S. 106). Auch in Publikationen, die sich kritisch mit der Medienökonomie des politischen Journalismus in Deutschland auseinandersetzen, wird die Rolle investigativer Recherche hin und wieder thematisiert. Dort wird oft bemän- gelt, dass investigativer Qualitätsjournalismus trotz seiner Bedeutung für die Wächter- funktion der Medien kaum praktiziert wird, da er im Gegensatz zur PR-nahem und Meinungsjournalismus kein besonders wirtschaftliches Modell sei. Beispiele hierfür sind der Sammelband „Journalismus ist kein Geschäftsmodell“ von Frank Lobigs und Gerret von Nordheim, aus dem Jahr 2014 oder auch „Qualitätsjournalismus in der Kri- se“, ebenfalls ein Sammelband, herausgegeben von der Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik. In den Rechtswissenschaften wird dieses Genre des Journalismus auch in der deutschsprachigen Literatur eingehender thematisiert, das Spannungsfeld zwischen Pressefreiheit und Persönlichkeitsrecht ist hier Ausgangspunkt der Auseinan- dersetzung. Die Skandalforschung hat Medienskandale bisher vor allem aus kommuni- kationswissenschaftlicher und soziologischer Perspektive untersucht, besonders Sighard Neckel (1989) und Steffen Burkhardt (2006) liefern hier interessante Theorien und An- sätze, insbesondere das Skandalphasenmodell nach Burkhardt (2006) und die funktiona- listische Betrachtung der Auswirkung politischer Medienskandale nach Neckel (1989) sind für diese Arbeit von großer Relevanz.

2. Politische Medienskandale

2.1 Vom Skandal zum Medienskandal

Der Begriff Skandal leitet sich vom griechischen Wort „skandalon“ ab, das ursprünglich so viel bedeutete wie „Stellholz einer Tierfalle“, später dann einfach „Falle“(vgl. Burk- hardt 2006, S.63). Sighard Neckel prägte den treffenden Ausdruck des „Stellhölzchens der Macht“ (Neckel 1989 S. 55-80). Dieser Ausdruck fasst die wesentlichen Merkmale des Skandals zusammen: Um einen Skandal zu erzeugen, bedarf es eines angenomme- nen, unterstellten oder tatsächlichen moralischen Verstoßes eines Akteurs, der eine öf- fentliche Rolle besitzt, sowie die Existenz einer – wie auch immer gearteten – Öffentlichkeit. „Skandale sind spezifische Kommunikationsprozesse, die durch die vermeintliche Berührung mit dem Stellhölzchen der Macht ausgelöst werden“ (Burk- hardt 2006, S.74.). Die spezifische Beschaffenheit der Öffentlichkeit in modernen Ge- sellschaften lässt den Skandal zum Medienskandal werden. Medienskandale müssen dabei als „Konstrukte der medialen Kommunikation“ (Burkhardt 2006, S. 57) verstan- den werden und nicht als Skandale, „die lediglich von Medien aufgegriffen werden und losgelöst von ihnen existieren“ (ebd.). Medienskandale werden also von Journalisten produziert und inszeniert, über die Massenmedien verbreitet und durch die spezifischen technischen und institutionellen Voraussetzungen der Mediengesellschaft ermöglicht.

„Medienskandale sind komplexe Kommunikationsprozesse, die als Sinnerzeu- gungsmechanismen Deutungszusammenhänge produzieren und damit Beiträge zur Konstruktion von kollektiver Wirklichkeit in ihren Bezugssystemen leisten.“ (Burkhardt 2006, S.47)

2.2 Verlaufsphasen des Medienskandals

Noch vor seiner Publikation durchläuft der Medienskandal die präskandalöse Phase. Neben einem wahrgenommenen, vermuteten oder erfundenen Missstand für die Entste- hung eines Medienskandals ist außerdem der journalistische Selektionsprozess anhand möglichst hoher Nachrichtenfaktoren Grundvoraussetzungen für eine Publikation. Die- se ergeben sich durch vermeintliche oder tatsächliche moralische Verfehlungen be- stimmter Akteure: Durch Skandalisierer angegriffene Institutionen und Akteure vertreten oder behaupten immer einen gewissen moralischen Anspruch, der ihre Macht in der Gesellschaft legitimiert und fördert. Die vermeintlichen oder tatsächlichen Ver- fehlungen solcher Akteure werden als Missstände in Form eines Machtmissbrauchs erachtet und können damit als vermeintliche Berührung mit dem „Stellhölzchen der Macht“ zum medienwirksamen Thema des Skandals werden (vgl. Burkhardt 2006 S.106). Burkhardt sagt an anderer Stelle sehr treffend, Skandale vereinbarten das öko- nomische Prinzip mit dem investigativen Anspruch des Beobachtungssystems (Burk- hardt 2006, S.106).

Es folgt die Publikation; und damit der Eintritt in den öffentlichen Diskurs. Skandalöse Informationen werden dabei in der Regel kontextuell negativ verzerrt und damit mora- lisch stark aufgeladen dargestellt: Einige Beispiele hierfür nennt Kepplinger und fasst diese Strategien der Darstellung unter dem Begriff „Horror Etiketten“ zusammen (vgl. Kepplinger 2001, S.36f.) Zwei besonders oft genutzte Horror Etiketten nach Kepplinger sind wohl optische Übertreibungen und Verbrechens-Assoziationen, also die Unterma- lung von Ereignissen mit symbolisch einschlägigem Bild- und Videomaterial; und im zweiten Fall die Kriminalisierung von Normverletzungen als drastischer Verstoß gegen moralische Grundsätze (vgl. ebd.).

Einmal publiziert treten die potentiellen Medienskandale nun in die Rezeptionsphase ein. Dabei wird oft beobachtet, dass die Rezeption der primären Informationen für die öffentliche Wahrnehmung als Skandal eine geringere Rolle spielt als die Reaktion der skandalisierten Akteure: Einmal in ein schlechtes Licht gerückt, wirken Versuche, sich gegen die Behauptungen der Skandalisierer zu verteidigen, im Auge der Öffentlichkeit wie „Notlügen“. (vgl. Burkhardt 2006, S.78). Burkhardt, Keller und besonders Imhof vermuten, dass diese Eigenschaft der Rezeption von Skandalen auf die Selbstwahrneh- mung der Öffentlichkeit als mündiger Schiedsrichter über „falsch“ und „richtig“ im Sinne der Aufklärung zurückzuführen ist. So heißt es bei Imhof: „Indem die Aufklärung der Herrschaftsgewalt des Ancien Régime ein räsonierendes Publikum gegenüberstellt, wird der Anspruch auf die Vernünftigkeit und Tugendhaftigkeit alles Politischen ge- setzt.“ (Imhof 2002, S.77).

Anschließend beginnt im typischen Verlauf der sogenannte „Schmähdiskurs“, im Zuge dessen sich Teile der Öffentlichkeit über den moralischen Verstoß empören und so ihre Ablehnung gegenüber dem Skandalisierten zum Ausdruck bringen (vgl. Thompson 2000, S.20). Diese Phase des Skandalverlaufs ist in einer Mediengesellschaft besonders brisant, da sich die Reaktionen über sogenannte neue Medien - besonders über das In- ternet - unkontrolliert, schnell und weit verbreiten können. Burkhardt spricht hier von einem Effekt, der sich mit der Streuwirkung von Viren vergleichen ließe (vgl. Burk- hardt 2006, S.79.). In der letzten Phase des Skandalverlaufs zeigt sich die Wirkung des Schmähdiskurses: Skandalisierte Akteure können nun symbolisch oder sogar materiell sanktioniert werden, in vielen Fällen beläuft sich diese Sanktionierung auf eine Schädi- gung der Reputation: Je höher die Erwartungen an das moralische Verhalten der Skan- dalisierten dabei ausfallen, desto schädigender ist der Medienskandal in der Regel für die betroffenen Akteure. Politische, moralische und religiöse Institutionen haben dem- nach mit einem größeren Schaden zu rechnen als Akteure, die geringere moralische Ansprüche an das eigene Verhalten behaupten.

Der typische Skandalverlauf kann also komprimiert in drei Phasen beschrieben werden: Zunächst muss ein „Schlüsselreiz“ gegeben sein. Dieser kennzeichnet sich durch seine vermeintliche moralische Anrüchigkeit und hat seinen Eigenschaften als mediales Er- eignis dank gegebener Nachrichtenwertfaktoren das Potential dazu, erfolgreich publi- ziert zu werden. In der zweiten, der Rezeptionsphase kommt es zum Schmähdiskurs und damit zur unkontrollierten Verbreitung der publizierten Informationen und Mei- nungen. Abschließend zeigt sich die Wirkung des Skandals auf den Skandalisierten, diese ist abhängig von (1) der Intensität und Extensität des Schmähdiskurses, (2) dem Verhalten des Skandalisierten in Interdependenz mit der Öffentlichkeit (3) der Aufar- beitung des Skandals durch das Mediensystem und dem potentiell angewandten Dees- kalationsverfahren. Burkhardt schreibt an diese Stelle dem Medienjournalismus eine besondere Rolle bei der Aufarbeitung von Medienskandalen zu, so sieht er in ihm eine Art Selbstbeobachtungssystem des Selbstbeobachtungssystems, das kritisch über me- diale Prozesse berichtet und debattiert und Skandale so entschärfen kann, (vgl. Burk- hardt 2006, S.335).

2.3 Der politische Medienskandal und seine Funktionen

Der politische Skandal unterscheidet sich durch die Involviertheit politischer Akteure vom „einfachen“ Skandal. Die Autoren sind sich dabei nicht einig, ob ein Skandal im Privatleben eines Politikers ebenfalls ein politischer Skandal ist, da Politiker als Perso- nen Vorbildfunktionen besitzen und die moralische Integrität ihrer Parteien gewährleis- ten repräsentieren sollten. In diesem Kontext soll es jedoch vor allem um die politisch- strukturellen und Folgen von politischen Medienskandalen gehen, die das System oder eine Institution an sich erschüttern und die Neuaushandlung oder Aktualisierung von politischer Macht anstoßen können (vgl. Höhn 2009, S.37) und nicht um Einzelschick- sale, die in einer Demokratie in der Regel nur minimale strukturelle Veränderungen evozieren. Die Voraussetzung für die Entstehung eines politischen Medienskandals las- sen sich auf die oben bereits genannten Voraussetzungen für die Entstehung eines „ein- fachen“ Skandals übertragen. Spezifischer ist die Voraussetzung für einen politischen Medienskandal geschaffen, „wenn Ziel- und Machtstreben (policy und politics) sich über das machtbegrenzende Regelwerk (polity) hinwegsetzen, also mit der politischen Kultur kollidieren“ (Höhn 2009, S.37).

Eine weitere Voraussetzung für die Entstehung eines politischen Skandals stellt wie beim Medienskandal die Existenz einer Öffentlichkeit dar, die über Mittel und Wege verfügt, Informationen zu erhalten und darauf zu reagieren. Hier ist die Grenze zum Medienskandal fließend. „Erst durch die Pressefreiheit kann eine kritische, partizipa- tionsorientierte Öffentlichkeit hergestellt werden, die eine Kernvoraussetzung für das Entstehen eines Skandals (...) ist.“ (Höhn, 2009 S. 38)Im Umkehrschluss bedeutet für viele Autoren, dass das Ausbleiben von politischen Skandalen ein Zeichen für die defekte politische Kontrollfunktion in einer Demokratie ist und nicht etwa ein Zeichen dafür, dass sie (die Demokratie) besonders gut funktio- niert. Diese These lässt sich nicht immer bestätigen, sie trifft jedoch in den meisten Fäl-len zu, wenn man die Medien als vierte Gewalt und als feste Kontrollinstanz politischen Handelns anerkennt und damit nicht von einem Komplettversagen spricht, wenn staatli- che Kontrollinstanzen versagen. Damit wäre bereits die erste - und für den Kontext der Forschungsfrage wichtigste Funktion des politischen Medienskandals genannt, die Kon- trollfunktion (Schmitz 1989, S.109) In vielen prominenten Beispielen zeigt sich, dass sobald mehrere oder sogar alle Akteure ein Interesse daran haben, der Öffentlichkeit bestimmte Informationen zu vorzuenthalten, eine Art „Kontrollvakuum“ durch das Ausbleiben einer Opposition entsteht. Die Flick-Affäre ist ein Beispiel für eine solche Ausgangssituation, bei der die politische Opposition „ausfällt“ und die Staatsanwalt- schaft als Kontrollinstitution einspringen muss. Diese untersteht allerdings der Wei- sungspflicht und ist nicht dazu bestimmt, skandalträchtige Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen und als wirksamen Skandal zu inszenieren. Sie ist damit auf die Unterstützung der Medien angewiesen (vgl. Höhn, 2009, S.38). Damit einher geht die Signalfunktion (vgl. ebd. S.109 und S.122) politischer Medienskandale. Sie weisen die Öffentlichkeit auf einen potentiellen Missstand auf politischer Ebene hin und gene- rieren so Aufmerksamkeit für politische Vorgänge. Skandale wirken also auch ganz allgemein politisierend (vgl. Burkhardt 2006, S.290), gleichzeitig üben sie damit eine Protestfunktion aus (vgl. Höhn, 2009, S.38). Skeptiker warnen in diesem Kontext oft vor der Gefahr der Politikverdrossenheit aufgrund der starken negativen Verzerrung des Images politischer Akteure durch Medienskandale. Es konnte bisher jedoch kein statis- tischer Zusammenhang bewiesen werden, der diese Vermutung bestätigt (vgl. Höhn 2009, S.46). In der Etablierungsphase üben politische Medienskandale eine „Herr- schaftsfunktion“ (vgl. Schmitz 1981, S.109) auf politisch-struktureller Ebene aus. Sie führen zu einer Neuaushandlung politischer Macht, aktualisieren so das soziale Kapital der Akteure und führen damit zu einer Aktualisierung der Hierarchie. Das wohl bekann- teste Beispiel für einen solchen Vorgang ist der Rücktritt Nixons als Klimax der Etab- lierungsphase der Watergate-Affäre. In dieser Skandalphase zeigt sich eine weitere Funktion: Die Stärkung politischer und staatlicher Institutionen. Durch das Finden einer Lösung werden die durch den Skandal zunächst geschwächten und in Ungnade gefalle- nen Institutionen gewissermaßen „gereinigt“: „Der Skandal bestätigt als Institution die Regeln politischer Delegation und das System der politischen Symbolik gerade dadurch, dass er sie zeitweise außer Kraft setzt“ (Neckel 1998, S.76). Das im besten Fall erfolgreiche (oder als erfolgreich inszenierte) Krisenmanagement der betroffenen Institutionen lässt sie letztendlich gestärkt aus dem Skandal hervorgehen.

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Details

Seiten
22
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668882751
ISBN (Buch)
9783668882768
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459414
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Medienrecht Medienskandal politischer Medienskandal investigativer Journalismus Wächterfunktion vierte Gewalt vierte Macht Inszenierungsspirale

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