Lade Inhalt...

Empathie in der Mensch-Tier-Beziehung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 18 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Veränderungen in Mensch-Tier-Beziehungen

3. Unterschiede in Mensch-Tier-Beziehungen
3.1 Unterschiedliche Empathie von unterschiedlichen Handlungstypen
3.2 Unterschiedliche Empathie gegenüber unterschiedlichen Tieren

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Täglich begegnen uns Tiere in unterschiedlichsten Situationen. Als Haustier, in der freien Natur, als Sportgerät, als Unterhaltungsattraktion, als Arbeitshilfe der Polizei oder des Rettungsdienstes, als Assistenztier für Behinderte aber auch als Grundstoff für Kleidung und Nahrung. Auch in der Forschung sind Tiere allgegenwärtig, wenn auch nicht im Alltag sichtbar.1 Trotz der vielen Berührungspunkte zwischen Mensch und Tier spielt diese Beziehung in der Soziologie oft eine untergeordnete Rolle. Dies ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass Fragestellungen die menschliche Spezies betreffend den Geistes- und Sozialwissenschaften, die nichtmenschliche Spezies betreffend aber den Naturwissenschaften zugeordnet werden. Aufgrund ihrer biologischen Klassifizierung wird Tieren ihre Individualität, Subjektivität und Intentionalität aberkannt und ihr Verhalten nicht als soziales Handeln erfasst. Dies widerspricht allerdings dem erweiterten Soziologieverständnis von Wieses, das besagt, Soziologie sei die Lehre von den Einwirkungen der Lebewesen aufeinander. Sie behandele den Zusammenhang der lebendigen Geschöpfe.2

Um die Empathie in der Mensch-Tier-Beziehung zu untersuchen ist zunächst die Erläuterung des Begriffes „Empathie“ notwendig. Empathie, häufig auch „Mitgefühl“ genannt, ist die Fähigkeit, sich in die Gefühle anderer hineinzuversetzen und so einen Perspektivwechsel zu vollziehen. Dies tritt besonders in Situationen auf, in denen ein anderes Lebewesen leidet. Wichtig ist eine Unterscheidung zwischen Sympathie und Empathie. Sympathie bedeutet das Teilen von Emotionen anderer. Empathie ist objektiver und zeichnet sich durch großes Einfühlungsvermögen aus.3 Mitgefühl steht in der Hierarchie der Gefühle an der Spitze und bezeichnet den höchsten Grad der gefühlsmäßigen Vorstellungskraft.4 In der Mitleidsethik Schopenhauers geht Empathie auf eine tiefe Verbundenheit zwischen Lebewesen zurück, denn man identifiziert sich mit dem Anderen und dessen Angelegenheiten, werden zu den eigenen. Die Grundlagen zur Empathiefähigkeit sind in der Biologie zu finden, jedoch braucht es ein soziales Gerüst mit verschiedenen Entwicklungs- und Lernphasen.5 Dies wirft die Frage auf, ob Tiere ebenfalls Empathie empfinden können, der aber im Rahmen dieser Arbeit nicht nachgegangen wird. Diese Eingrenzung des Themas ist ein Beispiel für den Anthropozentrismus, der die westliche Mensch-Tier-Beziehung prägt. Der Anthropozentrismus ist eine weitgehend anerkannte Anschauung und stellt den Menschen in den Mittelpunkt der Wahrnehmung. In unserer Gesellschaft geht der Anthropozentrismus soweit, dass Tiere vor dem Gesetz als Sache deklariert werden.6 Diese Arbeit soll das Mensch-Tier-Verhältnis untersuchen und der Frage nachgehen, welche Rolle die Empathie in der Entstehung und Entwicklung verschiedener Mensch-Tier-Beziehungen spielt. Im ersten Teil der Arbeit werden die Veränderungen der Mensch-Tier-Beziehungen erforscht, die im Laufe der Zeit stattfinden. Im zweiten Teil wird den Unterschieden in Mensch-Tier-Beziehungen nachgegangen. Der erste Unterpunkt überprüft, ob verschiedene Handlungstypen unterschiedlich stark Empathie gegenüber Tieren empfinden. Es wird der Frage nachgegangen, ob beispielsweise Männer anders empfinden als Frauen, welche Personen mehr Empathie erleben als andere. Wodurch kann die Entwicklung der Empathiefähigkeit bei Kindern gefördert werden? Der zweite Unterpunkt durchleuchtet die Tatsache, dass unterschiedlichen Tieren, sei es auch von derselben Tierart, je nach Kontext unterschiedlich behandelt werden. Was macht ein Tier zu einem Nahrungsmittel, Schädling oder Familienmitglied? In einem Fazit werden die Ergebnisse zusammengefasst und gedeutet.

2. Veränderungen in Mensch-Tier-Beziehungen

Tiere begleiten den Menschen durch die gesamte Geschichte, als Gefahr, Beschützer oder Leidensgenosse.7 Mensch-Tier-Verhältnisse sind historisch gewachsene Verhältnisse, die nicht als starr oder „naturgegeben“ betrachtet werden sollten. Sie sind stets in Bewegung und werden durch menschliches Handeln immer wieder neu produziert.8

Die Mensch-Tier-Beziehung ist vor 10.000 Jahren durch folgende Merkmale geprägt: Das Schicksal der Menschen noch eng mit dem der Tiere zusammen. Tiere verkörpern Reichtum und werden nur in Notfällen und zu besonderen Anlässen geschlachtet. Schlachtungen sind notwendig, müssen jedoch eigenhändig durchgeführt werden und sind somit dem Menschen sehr präsent. Er erlebt Geburt, Leben, Fortpflanzung und Schlachtung der Tiere. Sie werden als Lebewesen im Ganzen wahrgenommen, nicht nur als Produkte einzelner Arbeitsschritte.9 Vor 6.000 bis 5.000 Jahren beginnt man Tiere als Lasten- und Reittiere zu nutzen sowie zur Bestellung der Felder.10 Die ersten Vegetarier nennen sich Pythagoräer, denn schon Platon (*427/278 v. Chr.) und Pythagoras (*570v. Chr.) ernähren sich vegetarisch und glauben an die Seelenwanderung, die, bezeichnenderweise, entweder, wenn man als Tier wiedergeboren wird, als Bestrafung verstanden wird, oder als Belohnung, wenn man als Mensch wiedergeboren wird. Eine Gegenbewegung findet durch die Stoa statt, die einen strengen Anthropozentrismus vertreten und den Leib-Seele-Dualismus und somit eine stärkere Abgrenzung zwischen Mensch und Tier hervorbringen.11 Im römischen Reich werden sowohl Tiere als auch Menschen bei Zirkusspielen bestialisch behandelt und lassen zu Unterhaltungszwecken ihr Leben.12 Auch in der Bibel taucht die Mensch-Tier-Beziehung auf, als Gott den Menschen aufträgt, die Tiere zu benennen und die gemeinsame Rettung auf der Arche Noah verdeutlicht eine gemeinsames Schicksal und eine Verbundenheit.13 Lange Zeit repräsentiert Viehbesitz Reichtum und der Verzehr von Fleisch bleibt der wohlhabenden Bevölkerungsschicht vorbehalten. Im Zuge der Industrialisierung wächst die Bevölkerung und der Fleischkonsum steigt. Die technischen Neuerungen legen den Grundstein für die heutige Intensivtierhaltung, indem sie den Preis senken und Tierprodukte als Massenware verkäuflich machen. Das Tier wird nicht mehr als individuelles Lebewesen wahrgenommen sondern als Lieferant für das neue Grundnahrungsmittel Fleisch.14 Nicht nur in der Fleischproduktion, sondern auch im Transportwesen wird das Tier aus der Öffentlichkeit verdrängt.15

Auch die Essgewohnheiten ändern sich. Seit den 1980er Jahren, in denen der Fleischverzehr mit 100kg pro Jahr und Person auf seinem Höhepunkt war, sinkt der Fleischkonsum zunehmend. Ein Entschluss zur vegetarischen Ernährung hängt sehr stark mit der ethischen und moralischen Einstellung zusammen. Auch Fleischkonsumenten achten zunehmend auf die Herkunft der Produkte. So steigt im Jahr 2011 die Nachfrage nach Ökofleischwaren um 30%, wobei das Hauptargument der Käufer eine artgerechte Tierhaltung ist. Dennoch macht der gesamte Marktanteil der Ökofleischwaren am Fleischmarkt insgesamt, je nach Tier, nur zwischen 1-5% aus.16

Ein anderer Bereich, in dem 2010 knapp drei Millionen Wirbeltiere wie Mäuse, Ratten, Meerschweinchen, Kaninchen und Hamster, aber auch Hunde verwendet werden, sind Tierversuche. Darin zeigt sich ein konstanter Anstieg von 100.000 Viersuchstieren pro Jahr.17 Auch in der Lehre werden lange Zeit Tierversuche durchgeführt. Nach Studentenprotesten in den 1980er Jahren sinkt die Anzahl der Tierversuche immer weiter und es werden vermehrt Computersimulationen und Lehrfilme eingesetzt.18 Weitere Veränderungen sind in der Modebranche zu beobachten. Pelz gilt jahrelang unhinterfragt als Statussymbol und Prestigeobjekt. In den letzten Jahren ist das Tragen von Pelz in der breiten Öffentlichkeit rechtfertigungsbedürftiger geworden.19

Eine der Organisationen, die sich gegen das Tragen von Pelz und für etliche andere Tierrechte einsetzten ist PETA („People fot the Ethical Treatment of Animals“) aus den USA. Im Jahr 1984 zählt PETA 8.000 Mitglieder, 2013 sind es bereits über drei Millionen Mitglieder weltweit.20 Ein steigender Trend ist auch die Haustierhaltung, der dazugehörige Markt für Heimtierartikel und Angebote wie Beerdigungsinstitute für Kleintiere, Casting-Shows, Tier-Hotels, Krankenversicherung, Physiotherapie und Hundetrainer. Gleichzeitig steigt jedoch auch die Zahl der abgegebenen Tiere im Tierheim mit 500.000 pro Jahr stetig.21

Diese Beispiele zeigen mehrere Entwicklungen. Zum einen ist zu sehen, dass eine Umsiedlung der Tiere in andere Lebensbereiche der Menschen stattfindet.22 Der ursprüngliche Nutzen der Tiere als Lasttier, Fortbewegungsmittel oder seltenes Nahrungsmittel rückt in den Hintergrund. Heutzutage werden Tiere zum Vergnügen (Heimtiere), zu Wettkampfzwecken (Reitsport, Stierkampf, Hunderennen), zu Forschungszwecken, als Dienstleister (Blindenhund, Polizei-, Wachhund) oder als Geldeinnahmequelle (Tierzüchter, -händler) gehalten. Die ersten Tierschutzgesetze sind rein anthropozentrisch, also durch menschliche Interessen begründet, und sollen die Menschen im antiken Griechenland vor ansteigender Gewalt gegeneinander schützen sowie die Lebens- und Nahrungsgrundlagen erhalten.23 Auch der Vegetarismus Platons und Pythagoras’ ist ein Beispiel für anthropozentrischen Tierschutz, da sie unter anderem aus Angst vor der Wiedergeburt als Tier kein Fleisch essen. Es gibt jedoch immer öfter Tierschützer und Tierrechtler, die sich auf den Physiozentrismus berufen, der besagt, dass nicht der Mensch im Mittelpunkt der weltlichen Realität steht, sondern die Natur einen Eigenwert besitzt, den der Mensch zu respektieren hat.24

Es entstehen zwei Extreme: Es gibt in jedem dritten deutschen Haushalt Heimtiere, Tendenz steigend.25 Diese Tiere werden häufig personalisiert, vermenschlicht und verwöhnt. Es gibt eine Tierrechtsbewegung, die eine stetig wachsende Zahl von Anhängern verzeichnen kann. Immer mehr Menschen ernähren sich aus ethischen Gründen vegetarisch oder vegan, was sich auch im Speisenangebot von Restaurants, Kantinen und Supermärkten widerspiegelt.

Das andere Extrem zeigt sich darin, dass in der Geschichte der Menschheit so viele Versuchstiere oder Nutztiere in der Massentierhaltung der industrialisierten Schlachtung im Stillen leiden wie nie zuvor.26 „Das Massentier ist ,ent-tierlicht’ worden; [...] es zählt nur noch der ,Ertrag’, den die Produktionssache Tier leistet“, das heißt, wie viele Eier ein Huhn legt oder wie viel Milch eine Kuh gibt.27 Wurden Tiere früher hingegen öffentlich gequält, wie das Beispiel des Römischen Reichs verdeutlicht, geschieht dies heute meist hinter geschlossenen Türen in Schlachthäusern, Mastställen und Versuchslaboren.28 Hierin wird deutlich, dass sich die moralischen Maßstäbe verschoben haben. Öffentliche Tierquälerei wird nicht geduldet, die Endprodukte solcher Vorgehensweisen werden aber teilweise konsumiert, ohne sie zu hinterfragen.

[...]


1 vgl. Raspé, Carolin (2013): Die tierliche Person. Vorschlag einer auf der Analyse der Tier-Mensch-Beziehung in Gesellschaft, Ethik und Recht basierenden Neupositionierung des Tieres im deutschen Rechtssystem. In: Schriften zur Rechtstheorie, Heft 263. Duncker & Humblot GmbH. Berlin, S. 15

2 vgl. Mütherich, Birgit (2004): Die Problematik der Mensch-Tier-Beziehung in der Soziologie: Weber, Marx und die Frankfurter Schule. 2. Auflage. In: Prof. Dr. Naegele, Gerhard; Dr. Peter, Gerd (Hg.): (Dortmunder Beiträge zur Sozial- und Gesellschaftspolitik. Band 28. Lit Verlag. Münster, S. 14; S. 16

3 vgl. Pollak, Ulrike (2009): Die städtische Mensch-Tier-Beziehung. Ambivalenzen, Chancen, Risiken. Soziale Regeln, Bd. 6. Univerlag Technische Uni Berlin. Berlin, S. 35; vgl. Otterstedt, Carola; Rosenberg, Michael (Hg.) (2009): Gefährten, Konkurrenten, Verwandte. Die Mensch-Tier-Beziehung im wissenschaftlichen Diskurs. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen, S. 104; vgl. Esser, Hartmut (2002): Soziologie. Spezielle Grundlagen, Bd. 6: Sinn und Kultur. Campus Verlag. Frankfurt am Main, S. 104f

4 vgl. Kaplan, Astrid (2010): So lange es Schlachthäuser gibt, wird es Schlachtfelder geben. Von der Notwendigkeit eines Quantensprungs des Mitgefühls. Reine Hochschulschriften Bd. 33. Trafo Wissenschaftsverlag. Berlin, S. 237

5 vgl. Otterstedt, Carola; Rosenberg, Michael (Hg.) (2009), S. 104f; S. 119

6 vgl. Knoth, Esther (2008): Die Beziehung vom Menschen zum Heimtier zwischen Anthropozentrismus und Individualisierung: Ein Gegensatz? In: Modelmog, Ilse; Lengersdors, Diana; Motakef, Mona (Hg.): Annäherung und Grenzüberschreitung: Konvergenten Gesten Verortungen. Sonderband 1 der Schriften des Essener Kollegs für Geschlechterforschung. Digitale Publikation. http://www.uni-due.de/imperia/md/content/ekfg/sb_knoth.pdf (abgerufen am 19.08.2013), S. 172f

7 vgl. Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal-Studies (Hg.) (2011): Human-Animal-Studies: Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen. Transcript Verlag. Bielefeld, S. 121

8 vgl. Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal-Studies (Hg.) (2011), S. 17

9 vgl. Raspé, Carolin (2013), S. 21

10 vgl. Raspé, Carolin (2013), S. 53

11 vgl. Raspé, Carolin (2013), S. 85f

12 vgl. Raspé, Carolin (2013), S. 67

13 vgl. Raspé, Carolin (2013), S. 83

14 vgl. Raspé, Carolin (2013), S. 21f

15 vgl. Wiedenmann, Rainer E. (2009), S. 21

16 vgl. Raspé, Carolin (2013), S. 34f; vgl. Wiedenmann, Rainer E. (2009): Tiere, Moral und Gesellschaft. Elemente und Ebenen humanimalischer Sozialität. VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH. Wiesbaden, S. 24

17 vgl. Raspé, Carolin (2013), S. 37

18 vgl. Raspé, Carolin (2013), S. 44

19 vgl. Raspé, Carolin (2013), S. 69

20 vgl. Wiedenmann, Rainer E. (2009), S. 23; vgl. People for the Ethical Treatment of Animals. About PETA. Our Mission Statement. http://www.peta.org/about-peta/ (abgerufen am 25.11.2013)

21 vgl. Raspé, Carolin (2013), S. 55f

22 vgl. Raspé, Carolin (2013), S. 68, vgl. Wiedenmann, Rainer E. (2009), S. 22

23 vgl. Raspé, Carolin (2013), S. 63

24 vgl. Krebs, Angelika (1997): Naturethik im Überblick. In: Krebs, Angelika (Hg.): Nathurethik. Grundtexte der gegenwärtigen tier- und ökonomischen Diskussion. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, S. 342

25 vgl. Raspé, Carolin (2013), S. 54; vgl. Peggs, Kay (2012): Animals and sociology. Palgrave Macmillan. Hampshire, S. 160

26 vgl. Wiedenmann, Rainer E. (2009), S. 405, vgl. Raspé, Carolin (2009), S. 16

27 Otterstedt, Carola; Rosenberg, Michael (Hg.) (2009), S. 24

28 vgl. Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal-Studies (Hg.) (2011), S. 207

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668885509
ISBN (Buch)
9783668885516
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459421
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Soziologie
Note
2,3
Schlagworte
Gefühle Tiere Mensch-Tier-Beziehung Empathie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Empathie in der Mensch-Tier-Beziehung