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Die Lebensphilosophie Lev N. Tolstois ausgehend von seiner Schrift "Über das Leben"

Hausarbeit 2016 21 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Tnhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Uber die Schrift

3. Die Kemaspekte von Tolstois Lebensphilosophie
3.1 Der Tod und die Sinnlosigkeit des Daseins
3.2 Natumahe und Einfachheit
3.3 Glaube und Nachstenliebe
3.4 Die Rolle der Vemunft
3.5 Hinnahme alien Ubels
3.6 Ablehnung von Gewalt

4. Rezeption und Kritik von Tolstois Thesen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Primarliteratur

Sekundarliteratur

1. Einleitung

Tolstoi verfasste das Traktat „Uber das Leben“ im Alter von fast 60 Jahren und damit dokumentiert das Werk die Lebensphilosophie des Denkers und Schriftstellers in bereits fortgeschrittenem Alter. Doch auf dem Weg dahin durchlebte Tolstoi mehrere Phasen mit jeweils unterschiedlicher philosophi- scher und religioser Pragung. In den zahllosen Schriftzeugnissen Tolstois finden sich daher verschie- denste, ruckblickend einander teilweise widersprechende Ansichten. In dieser Hausarbeit wird der Schwerpunkt gemab der Aufgabenstellung auf dem oben genannten Text liegen. Allerdings lassen sich einige Themen feststellen, die Tolstoi Zeit seines Lebens beschaftigten, auch wenn er im Laufe der Zeit zu voneinander abweichenden Ergebnissen kam. Diese werden in Kapitel 2 einzeln aufgeschlus- selt und teilweise auch auberhalb des Primartextes beleuchtet.

Es ist noch anzumerken, dass die vorliegende Arbeit der Fulle an Quellenmaterial keinesfalls gerecht werden kann, zumal die Suche nach deutschsprachiger Sekundarliteratur mitunter auberst pro- blematisch ist. Aber auch aufgrund der Beschrankungen in Bearbeitungszeit und Ausfuhrlichkeit kon- nen manche Quellen und Aspekte nicht in aller Ausfuhrlichkeit dargestellt werden.

2. Uber die Schrift

Das philosophische Traktat „Uber das Leben“ entstand in den Jahren 1886 und 1887 und trug den vom endgultigen Namen abweichenden Arbeitstitel „Uber das Leben und uber den Tod“'. Kurz nach sei- nem Erscheinen im Jahr 1888 wurde das Dokument jedoch von der Zensurbehorde verboten, da es die Meinung vertrete, dass nicht das Wort Gottes den Menschen leite, sondem einzig und allein der Ver- stand1 2. Dieser Vorwurf mag angesichts von Tolstois spater, aber tiefgreifender Hinwendung zum Christentum erstaunen und wird daher auch im Folgenden diskutiert werden.

Trotz des Verbots verbreitete sich die Schrift im Verlauf der folgenden Jahre in Russland und Mit- teleuropa; offiziell verlegt wurde das Traktat aber erst im Jahr 1913, also drei Jahre nach Tolstois Tod.

Die Anderung des Titels in „Uber das Leben“ illustriert deutlich Tolstois Erkenntnisprozess: Die Entfemung des „Todes“ aus der Uberschrift unterstreicht den Sieg Tolstois uber die Angst vor demsel- ben. Obwohl das Thema „Tod“ in der Schrift eine zentrale Stellung einnimmt, unterliegt dieser doch dem Leben, das in seiner reinsten, wahren Form ewig uberdauert.

Die Schrift ist systematisch gegliedert in 35 meist nur wenige Seiten lange Kapitel. Diese Arbeit bezieht sich in erster Linie auf die gekurzten Abdrucke einer deutschen Ubersetzung in (George et AL. 2014, S. 174-179) und (Goerdt 1989, S. 579-594)3.

3. Die Kernaspekte von Tolstois Lebensphilosophie

Wie schon in der Einleitung erwahnt, lassen sich mehrere Kempunkte in Tolstois Lebensphilosophie feststellen, die sich mit fortschreitendem Alter Tolstois schlieblich zu einem ganzheitlichen Konzept verweben. Bei Betrachtung alterer Quellen, die aus der Zeit vor „Uber das Leben“ stammen, stobt man haufiger auf kontradiktorische Thesen. Dies ist kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Fra- ge nach dem „guten Leben“ Tolstoi schon sein ganzes Leben lang begleitete, wenn er auch zeitweise an der Umsetzung seiner selbstgesteckten Ziele scheiterte: "It is ridiculous that, having started to write rules at fifteen, when nearly thirty I am still writing them without having trusted or followed any one of them; and yet I still believe in them and need them"4

Dieses Zitat geht einher mit Tolstois lebenslangem Streben nach Selbstperfektionierung. Im Alter von 26 Jahren schreibt er, dass der Gedanke daran ihn nicht losliebe, auch wenn er mittlerweile er- kannt habe, dass es bei der Selbstperfektionierung nicht etwa darum ginge, ein abstraktes Ideal zu er- reichen: ,,One must take oneself as one is and try to correct the faults which can be corrected.“5

Unter Einfluss von ROUSSEAU stellt er den hohen Anspruchen an seine eigene Moralitat eine scho- nungslose Selbstkritik gegenuber, die sein Ich als faulen, charakterlosen Versager skizziert6. Dieses strenge, wenn auch sicherlich nicht vollig unbegrundete Selbstbild legt er ausfuhrlich in dem autobio - graphisch gepragten Werk ,,Meine Beichte“ dar7.

Doch wie kam es zu dieser kritischen Wahmehmung der eigenen Person, und, wie gezeigt werden wird, auch der Gesellschaft? Meyer stellt fest:

,,Der Versuch, Tolstois Gedankenwelt von den Einflussen der franzosischen Aufklarung, von der Lekture Montesquieus und Rousseaus sowie von den anarchistischen Bestrebungen des eigenen Landes her voll verstandlich zu machen, ist zum Scheitern verurteilt. Gewifi sind solche Einflusse wirksam, aber der tiefste Grund seiner Gedankenwelt und Handlungsweise liegt in Tolstois Per- sonlichkeit (...).“8

Dennoch lassen sich beispielhaft einige markante Punkte in Tolstois Entwicklung nennen9. Trotz seiner sowohl baptistischen als auch christlich-orthodoxen Erziehung wird er im Alter von 18 Jahren zum Atheisten10. Spater sucht und findet er Ersatz in der Literatur: „faith in the meaning of poetry and in the development oflife was a religion, and I was one of its priests“11 AnschlieBend folgt eine Phase der Selbstzweifel und der bereits geschilderten Selbstperfektionierung, in die auch mehrere traumatische Erlebnisse fallen, welche wohl Tolstois intensive Auseinandersetzung mit dem Thema „Tod“ mitverur- sacht haben. Trost und Zerstreuung schenkt ihm zumindest vorubergehend das Familienleben, doch schlieBlich kehren seine alten Damonen zuruck und er verfallt in ein "Faustisches Ringen"12, von dem ihn weder Angehorige noch Kunst oder Wissenschaft erlosen konnen13.

Aus diesertiefgehenden Verzweiflung erwachst schlieBlich phoenixhaft Tolstois spate Febensphilo- sophie und Alltagsmoral, welche in den folgenden Abschnitten naher untersucht werden wird.

3.1 Der Tod und die Sinnlosigkeit des Daseins

Der Weg zur Erlosung ist allerdings gepragt von Angst und Verzweiflung. Denn Tolstoi sieht sich mit der Erkenntnis konfrontiert, dass das Feben zwangslaufig in Feiden und Tod ende. Daraus folgert er „that suffering and mortality really must withdraw all reasonableness from every attempt to satisfy any ordinary human desire.“14 Oder, wie Tolstoi es in „Uber das Feben“ formuliert: ,,so strebt doch das Fe­ben, in dem allein das Wohl moglich ist [...] mit jeder Bewegung, jedem Atemzug unaufhaltsam den Feiden, dem Ubel, dem Tod, der Vemichtung zu.“ (UFGo, S. 583) Und wenn auBer Feid und Tod nichts vom Feben zu erwarten sei, so sei das Feben selbst sinnlos15: ,,Was gibt es schon fur Wahrhei- ten, wenn es den Tod gibt?“16

Die Ursache dafur liegt zum Teil in der Febensweise der Menschen begrundet. Tolstoi zeichnet das pessimistische Bild einer egozentrischen Gesellschaft, deren Mitglieder nur auf ihr eigenes Wohl be - dacht sind und „anderen nichts Boses [wunschen] [...], weil der Anblick des Feidens anderer [...] [ihr] eigenes Wohl stort.“ (UFGo, S. 581) Daraus folgert er, dass „alle die unzahligen Wesen der Weltjeden Augenblick bereit sind, ein jedes zur Erreichung seines Zweckes, ihn selbst zu vemichten.“ (UFGo, S. 581)

Die Wohltaten, die das Feben bereit halt, sind nicht nur rar gesat, sondem daruber hinaus nicht mehr als kurzfristige Genusse, Befriedigung der tierischen Natur des Menschen, die stets mit weiterem Feid einhergehen (vgl. UFGo, S. 582). So wird das wahre Wohl, das jeder Mensch anstrebt, durch die drei Faktoren Kampf, Feiden und Tod (vgl. UFGo, S. 582f.) zwangslaufig zunichte gemacht.

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, fordert Tolstoi ein radikales Umdenken, die Ruckkehr zu langst vergessenen Werten.

Dieser Schritt lasst sich aber erst in seiner Ganze nachvollziehen, wenn man Tolstois Umwertung des Todes kennt. Diese wird in den letzten Kapiteln des Traktats vollzogen. Denn im Gegensatz zum Feben der Tierwelt ist die Existenz eines Menschen mit seinem Ableben nicht beendet. Er lebt in gewisser Weise weiter- in der Erinnerung seiner Angehorigen (ULGe, S.176) und wird dadurch unab- hangig von Raum und Zeit17. Diese Besonderheit hat die Menschheit ihrer Vemunft zu verdanken, die es ihr ermoglicht, den Toten zu gedenken und in der Erinnerung der Lebenden bleibende Eindrucke zu hinterlassen. Dementsprechend ist die Wirkung nach dem Tode umso groBer, je mehr der Verstorbene seine irdische Existenz der Vemunft und der Liebe gewidmet hat (vgl. ULGe, S. 176; s. nachfolgende Kapitel). Als leuchtendes Beispiel nennt Tolstoi Jesus Christus, dessen Leben noch knapp 2000 Jahre nach seinem Tod auf die Menschen wirke (vgl. ULGe, S. 177). Das irdische Dasein ist nicht mehr als eine Etappe des „wahrhaft menschlichen Lebens“18 und macht letzteres unabhangig vom Tod19. Oder in Tolstois eigenen Worten: „Das wahre Leben aber ist, und daher kann es fur den Menschen weder entstehen noch vergehen.“ (ULGe, S. 175) Durch diese neu eingefuhrte Abstraktionsebene verliert der Tod - nach einem halben Leben in Furcht vor demselben - schlieBlich seinen Schrecken20.

Als Grund fur die zentrale Rolle des Todes in Tolstois Leben wird in der Literatur meist auf zwei pragende Erlebnisse verwiesen: Zum einen das Beiwohnen einer offentlichen Hinrichtung in Paris im Jahre 1857, zum anderen der firuhe Tod von Tolstois Bruder Nikolaj drei Jahre darauf.21 Tagebuchein- trage und Briefe zeugen von der nachdrucklichen Erinnerung an diese beiden Ereignisse22. Jahre spa- ter, wahrend eines Aufenthalts in der russischen Stadt Arsamas, uberfallt ihn die Panik mit neuer Gewalt. Erst 1883, fast 15 Jahre nach dem „arsamischen Grauen“23, findet er die Worte, um seine Ein­drucke zu schildem:

„Mein ganzes Wesen empfand das Bedurfnis zu leben - und zugleich den Vollzug des Todes [...]. Ich fuhlte einen furchtbaren Rifi durch mein ganzes Wesen. [...] Was soil nun das Leben? 1st es nicht nur da, um abzusterben? Soil ich mich nicht gleich jetzt toten? Doch davor furchte ich mich noch mehr. Also mufi ich schon am Leben bleiben. Doch zu welchem Zweck?“ 24

Auf der Suche nach der wahren Lebenseinstellung klassifiziert Tolstoi sich und die Gesellschaft als Angehorige von vier Typen der Weltsicht25: Typ I versammelt die Unwissenden, welchen die Unsin- nigkeit des Lebens aufgrund ihrer eigenen Stumpfsinnigkeit und Unerfahrenheit verborgen bleibt. Typ II beschreibt die epikureische Lebenshaltung, deren Anhanger nur nach der bereits genannten, mit sich stets Ubel bringenden Lust streben. Im III. Typ sind diejenigen starken und mutigen Menschen ver- sammelt, die die Sinnlosigkeit des Lebens nicht nur einsehen, sondem daruber hinaus auch die not- wendigen Konsequenzen - also Selbstmord - ziehen. Tolstoi selbst sieht sich der IV. Gruppe zugeho- rig und damit denjenigen Menschen, die zu schwach sind, um aus der Erkenntnis der Sinnlosigkeit he - raus den Schritt in den selbstgewahlten Tod zu gehen.

Der bereits angedeutete Ausweg fuhrt uber die von Tolstoi propagierte Ruckkehr zum einfachen, bauerlichen Leben, welche im folgenden Abschnitt dargestellt werden soil.

3.2 Naturnahe und Einfachheit

Tolstoi war seit jeher dem landlichen Leben zugeneigt. Diese Haltung wurde spater noch verstarkt durch eine wachsende Antipathie gegenuber der Stadt und schlieblich der Zivilisation uberhaupt, als er seit den 1870em einen Teil des Jahres in Moskau verbrachte26. Das stadtische Leben ist fur Tolstoi „Entfremdung des Menschen von seinem vorgezeichneten naturlichen Gesetz“27, das leidvolle Er- schaffen eines absurden Kunstprodukts, wie er es - mit sarkastischem Unterton - in der „Auferste - hung“ beschreibt: ,,Wie sehr die Menschen sich muhten, nachdem sich einige Hunderttausende auf ei - nem kleinen Raum angesammelt hatten, die Erde zu verunstalten“28. Er weist die in Russland erst ge- gen Ende des 19. Jahrhunderts aufkeimende Industrialisierung entschieden zuruck und damit alle ihre Erzeugnisse, da diese grobtenteils „Sklavenarbeit“29 erforderten.

In Einklang mit der agrarischen Tradition Russlands tritt Tolstoi daher als Verfechter des einfachen bauerlichen Lebens auf. Es sei die „naturliche menschliche Existenzform“, denn der Mensch brauche die korperliche Arbeit mindestens ebenso dringend wie die geistige zur Erhaltung und Forderung sei­ner psychischen Gesundheit30.

Dazu formuliert er konkrete Handlungsvorschlage, deren praktische Umsetzbarkeit allerdings streitbar ist (vgl. Kapitel 4): Durch Bildung von Genossenschaften sollen die Menschen zum gemein- schaftlichen Leben zuruckkehren, das von der gegenseitigen Unterstutzung innerhalb der Gemein- schaft profitiert; Fabrikarbeiter sollen sich ruckbesinnen auf das einfache Landleben oder, wenn dies unmoglich ist, genossenschaftliche Fabriken grunden31. Denn die Klassengesellschaft steht in direktem Zusammenhang mit der Moralitat:

,,Durch die vorgefundene Aufspaltung der Gesellschaft in eine kleine besitzende Oberschicht und eine erdruckende Mehrheit von Dienenden werden beide Teile korrumpiert; bei den Besitzenden wird der 'tierische' Egoismus ins Extreme gesteigert, bei den Dienenden wird zwangslaufig entwe- der der ebenfalls tierische Stumpfsinn oder der unterschwellige Hafi und Neid groj3gezogen.“ 32

Und in dieser Erkenntnis liegt ein entscheidender Punkt fur Tolstois Lebensphilosophie begrundet: Das einfache Volk hadert nicht mit dem Leben und Sterben, mit dem Ubel des Daseins. Im Bauemtum konnten die ethischen Tugenden wie Ehrlichkeit und Altruismus fortbestehen33, wahrend sich der Rest der Gesellschaft im Kampf gegeneinander verloren hat. In der Einfachheit wurde ein uraltes Wissen konserviert34, das Tolstoi und seinen Standesgenossen langst verloren gegangen ist: these simple people must somehow know something which has completely eluded his inquiry.“35 Damit gesteht er dem „niederen Volk“ nicht nur einen eigenen Wissensschatz zu, der den privilegierten Schichten uber- haupt nicht zuganglich ist. Mehr noch, es scheinen „in der uralten Anschauungsweise des Volkes“36 die Antworten auf die groben philosophischen Sinnfragen verborgen zu sein. Wahrend sich die vergeistig - te Oberschicht pomposen kirchlichen Zeremonien hingibt, dabei aber weit entfemt ist von einem tu- gendhaften Leben, hat das einfache, am Rhythmus der Natur ausgerichtete Leben der Bauem den Kem des Lebens und damit auch des wahren Christentums bewahrt. „Nur im Glauben ist der Widerspruch zwischen Endlichem und Unendlichem aufgehoben.“37 Im Gegensatz dazu versagt die rationale Wissenschaftlichkeit der Bildungseliten, denn

„Rational knowledge, presented by the learned and wise, denies the meaning of life, but the enor­mous masses of men, the whole of mankind, receive that meaning in irrational knowledge. And that irrational knowledge isfaith.“ 38

3.3 Glaube und Nachstenliebe

Der Lebenssinn liegt folglich in der Religiositat verborgen. Verschiedene, teils schon genannte Aspek- te von Tolstois Weltanschauung kumulieren in dieser Ruckkehr zum christlichen Glauben: Die intuiti­ve Erkenntnis, dass das Leben femab der stadtischen Wirren womoglich den Schlussel zum Gluck birgt, wurde im vorangegangenen Abschnitt bereits erlautert. An dieser Stelle sei lediglich noch darauf hingewiesen, dass Tolstois „Idealisierung des russischen Bauem“39 auch ihre symbolhafte Entspre- chung in seinen Werken „Anna Karenina“ und „Krieg und Frieden“ findet. In beiden Fallen fungiert jener einfache Bauer ,,nicht zufallig sowohl an Pierre Besuchow wie an Lewin gleichsam als Geburts- helfer der religiosen Selbstfindung“40. Laut Meyer sei Tolstois spate Hinwendung zum Glauben das Resultat einer Uberhohung seines fruhen, von ROUSSEAU gepragten Naturevangeliums41 und somit als kontinuierlicher Ubergang zu verstehen. Weiterhin findet der alte Anspruch nach Selbstperfektionie- rung Eingang in Tolstois Glauben42 sowie sein Interesse an diversen indischen und europaischen Philo - sophen43. Er erkannte die Parallelen in den verschiedenen Religionen und Philosophien der Welt und identifizierte sie als die Suche nach der Antwort auf die selbe Frage (vgl. ULGo, S. 584): Was ist das (gute) Leben? Laut Tolstoi kamen alle Kulturen zu dem gleichen Ergebnis, das von Jesus Christus am treffendsten formuliert worden sei, indem er sagte: „Das Leben ist die Liebe zu Gott und zu dem Nachsten, die dem Menschen das Wohl gibt.“ (ULGo, S.585)

Im ebenfalls autobiographischen Text „Der Morgen des Gutsherm“ beschreibt Tolstoi den Moment, in dem er die Bedeutung der Nachstenliebe erkannte:

„Plotzlich traten ohne alle Ursache Tranen in seine Augen und Gott weij3, wie es kam, ein leuch- tender Gedanke blitzte in ihm auf, der seine ganze Seele erfullte, den er mit Wollust erfafite - der Gedanke, dafi die Liebe und das Wohltun Wahrheit und Gluck ist, die einzige Wahrheit, das einzige Gluck auf Erden.“ 44

Spater wird dieser „Glauben an die Nachstenliebe“ mit dem Glauben an Gott verschmolzen, Religion wird zu Tolstois Leitprinzip zur Erreichung der Einigkeit der Menschen45. Liebe, Gott, Leben und Sinnfindung werden Eins, denn der Lebenssinn offenbart sich in der Nachstenliebe (ULGo, S. 592), die „das hochste und einzige Gesetz des Lebens“46 darstellt; und ,,wo Liebe ist, da ist auch Gott“47 bzw. Gott ist das Leben selbst48. Und sobald man glaubt (und damit liebt), erkennt man den Sinn des Le- bens49. Diese verworrene, womoglich naive Argumentation wurde vielfach kritisiert; mehr dazu findet sich in Kapitel 4.

Tolstois Lebenswandel ist tiefgreifend und nachhaltig. Der Bruder von Tolstois Frau Sofja schreibt uber ihn, dass „der ganze Tolstoi [...] eine Verkorperung der Nachstenliebe [wurde].“50 Und in einem Brief an den franzosischen Schriftsteller Paul H. Loyson schreibt Tolstoi selbst:

[...]


1 George et al. 2014, S. 174

2 Zitiert nach George et al. 2014, S. 174

3 Zur Entlastung der FuEnoten wird die Primarliteratur wie folgt direkt im Text belegt: Goerdt 1989, S. 579­594 als ULGo und George et al. 2014, S. 174-179 als ULGe.

4 Derrick Leon 1944, S. 52

5 Derrick Leon 1944, S.53

6 Derrick Leon 1944, S. 54

7 Meyer 1949, S. 353

8 Meyer 1949, S.352

9 Vomehmlich in Bezug auf seine „Beichte“

10 Flew 1963, S. 110

11 Flew 1963, S. 110

12 Ettlinger 1899, S. 45

13 Ettlinger 1899, S. 45-46

14 Flew 1963, S. 112

15 Flew 1963, S. 112

16 Doerne 1969, S. 161

17 Ettlinger 1899, S. 54

18 Doerne 1969, S. 47

19 Doerne geht in seiner Interpretation noch weiter: „Im Unterschiede zum biologischen, zum 'tierischen' Le­ben, dem Tolstoj uberraschend das Pradikat der ’Personlichkeit’, das heifit der sich selber um jeden Preis erhalten wollenden Individualist zuschreibt, ist das wahrhaft menschliche Leben nicht an diese sich selbst angstlich festhaltende Personlichkeit gebunden und also nicht dem Tode unterworfen Doerne 1969, S. 47 Diese Gleichsetzung von biologischem und tierischem Leben kann ich anhand der mir vorliegenden Auszu- ge des Primartextes nicht begrunden, mochte sie aber der Vollstandigkeit halber anfuhren.

20 Doerne 1969, S. 162

21 Doerne 1969, S. 37

22 Doerne 1969, S. 37

23 Doerne 1969, S. 163

24 Doerne 1969, S.38

25 Meyer 1949,S.356

26 Doerne 1969, S. 74-75

27 Doerne 1969, S. 162

28 Doerne 1969, S. 162

29 Ettlinger 1899, S. 53

30 Doerne 1969, S. 74

31 Meyer 1949,S.361

32 Doerne 1969, S. 74

33 Doerne 1969, S. 74

34 Flew 1963, S. 115

35 Flew 1963, S. 114

36 Ettlinger 1899, S. 46

37 Ettlinger 1899, S. 46

38 Flew 1963, S. 115

39 Doerne 1969, S. 161

40 Doerne 1969, S. 161

41 Meyer 1949,S.362

42 Meyer 1949,S.357

43 Doerne 1969, S. 159

44 Meyer 1949,S.353

45 Derrick Leon 1944,S.55

46 Tolstoj et al. 2009, S. 157

47 Meyer 1949,S.357

48 Ettlinger 1899, S. 47

49 Meyer 1949,S.356

50 Meyer 1949,S.355

Details

Seiten
21
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668903944
ISBN (Buch)
9783668903951
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459587
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Schlagworte
lebensphilosophie tolstois schrift über leben

Autor

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Titel: Die Lebensphilosophie Lev N. Tolstois ausgehend von seiner Schrift "Über das Leben"