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Forschungsdesign in der Demokratiemessung

Freedom House, Polity und Democracy-Dictatorship. Welcher ist der bessere Index?

Hausarbeit 2018 18 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Demokratiemessung

3. Der Freedom House-Index

4. Der Polity-Index

5. Democracy-Dictatorship (DD)

6. Vergleich der Indizes und Fazit

7. Quellen

1. Einleitung

Die Demokratie hat sich seit dem 20. Jahrhundert vor allem in den Ländern der westlichen Sphären als vorrangige Regierungsform durchgesetzt. Die Entwicklung von autokratischen, diktatorischen oder monarchischen Staaten zu demokratischen Regierungen erfolgte allerdings nicht einheitlich und nicht in derselben Geschwindigkeit in allen betroffenen Ländern. Es war vielmehr eine wellenartige Entwicklung, die in unterschiedlichen Tempi voranschritt und in unterschiedlichen Ergebnissen resultierte. Dadurch entwickelte sich ein unterschiedlich hoher Grad an Demokratisierung in vielen Ländern und eine Vielzahl an diversen Regierungssystemen, die in der vergleichenden Politikwissenschaft Gegenstand zahlreicher Forschungen sind.

Die folgende Arbeit wird drei der bekanntesten und ältesten Messanlagen der Demokratiemessung – dem Freedom House-Index, Polity-Index und Democracy-Dictatorship-Index (DD) – behandeln. Dabei sollen die Indizes im Hinblick auf die Gütekriterien empirischer Messungen (Objektivität, Reliabilität und Validität) untersucht werden sowie ihre theoretischen Grundlagen und Operationalisierungsschritte dargelegt werden. Des Weiteren werden die drei Indizes miteinander verglichen, um schlussendlich eine eventuelle Präferenz bezüglich einer Messanlage herausarbeiten zu können.

2. Zur Demokratiemessung

Zwei Dimensionen, die für die Erstellung eines gültigen Messinstrumentes von Bedeutung sind, sind zum einen die theoretischen Grundlagen, auf denen das Konzept basiert und zum anderen die Einhaltung der Gütekriterien wissenschaftlicher Messung.

Auf der Seite der theoretischen Grundlagen ist die Demokratiemessung mit dem Problem des nicht klar und allgemeingültig definierten Begriffes der Demokratie und ihrer Merkmale konfrontiert. Das heißt, dass die konstituierenden Merkmale, die ein Regierungssystem zu einer Demokratie machen, vom Forscher relativ willkürlich definiert werden können. Natürlich gibt es Merkmale wie das Vorhandensein von freien und geheimen Wahlen, die eine Demokratie allgemein definieren, allerdings lässt sich auch bei den folgend vorgestellten Messanlagen erkennen, dass Demokratie unterschiedlich weit, beziehungsweise begrenzt definiert werden kann und dadurch im Forschungsprozess unterschiedliche Dimensionen gemessen werden, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können. So kann es für das theoretische Konzept einer Messanlage bereits ausreichend sein, ein Regierungssystem lediglich anhand der freien und geheimen Wahlen als demokratisch einzustufen, wohingegen andere Messanlangen weitere Dimensionen wie bürgerliche Partizipationsrechte oder politischen Wettbewerb mit in ihre theoretische Konzeption einbeziehen.

Eine oft als theoretischer Anhaltspunkt genutzte Studie, ist die 1971 von Robert Dahl entwickelte Polyarchiestudie. Dahl befasste sich mit der Erforschung des Demokratisierungsgrades verschiedener Staaten und entwickelte die sogenannten „Dahlschen Minimalbedingungen“, die er als konstituierend für das Vorhandensein einer Demokratie bezeichnete. Diese Dimensionen umfassen: den politischen Wettbewerb (contestation) und die Partizipation (inclusion) (vgl. Pickel 2006). Unter dem Begriff des politischen Wettbewerbes fasst Dahl unter anderem den Wettbewerb um politische Ämter durch freie Wahlen. Der Begriff der Partizipation meint das Recht auf die Teilnahme an diesen Wahlen. Das Dahlsche Polyarchiekonzept war seiner Zeit eine fortschrittliche Methode der Demokratiemessung, aus heutiger Sicht lassen sich allerdings einige Kritikpunkte feststellen. So wird seine minimalistische Definition von Demokratie oft kritisiert, da die zwei genannten Dimensionen nicht ausreichend seien, die komplexen Unterschiede heutiger Demokratien zu umfassen (vgl. Bühlmann et al. 2008: 116).

Neben den theoretischen Grundlagen ist auch die Operationalisierung der gewählten Theorie für die Qualität der Messanlage von enormer Bedeutung. Wenn es um methodologische Standards geht, werden meist die drei Begriffe Objektivität, Reliabilität und Validität diskutiert und als Gütekriterien zur Bewertung von Messanlagen genutzt.

Objektivität ist bei einem Forschungsprozess die unbedingte Grundlage, um ein gültiges Messergebnis erzielen zu können. Damit ist gemeint, dass bei der Erhebung, Auswertung und Interpretation der Ergebnisse keine subjektive Einflussnahme des Forschers stattfinden sollte.

Die Durchführungsobjektivität beschreibt die Objektivität des Forschers bei der Erhebung der Daten und soll reaktive Effekte vermeiden. Bei dem Forschungsfeld der Demokratiemessung ist jedoch das Problem vorhanden, dass kaum objektive Datenquellen herangezogen werden können und die Erhebung häufig mit subjektiven Einschätzungen des Forschers zusammenhängt, wie beispielsweise bei der Interpretation des politischen Wettbewerbes oder der Möglichkeit der politischen Partizipation. Was daraus resultiert, ist eine mögliche Divergenz in den Messergebnissen, da unterschiedliche Forscher die Daten unterschiedlich interpretieren und daher zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können. Um dennoch ein gewisses Maß an Durchführungsobjektivität gewährleisten zu können, sollten die Datenquellen transparent gemacht und angemessene Indikatoren mit geringem Interpretationsspielraum gewählt werden (vgl. Lauth 2004).

Die Auswertungsobjektivität beschreibt die Neutralität im Auswertungsprozess. Es sollte hier nicht interpretativ oder beliebig gearbeitet werden, sondern objektive Kategorien entwickelt, welche die Ergebnisse zusammenfassen. Wichtig ist hier auch die klare Abgrenzung der Kategorien.

Auch im letzten Schritt einer Forschung – der Interpretation – ist die objektive Arbeit vorauszusetzen. Die Interpretationsobjektivität ist dann gewährleistet, wenn das aggregierte Material unabhängig von der subjektiven Meinung des Forschers analysiert wird und dadurch gleiche Ergebnisse nicht unterschiedlich interpretiert werden (vgl. Lauth 2004).

Reliabilität beschreibt die Verlässlichkeit einer Messung und ist gerade deshalb wichtig, um die Replizierbarkeit zu gewährleisten. Das heißt, dass es für Dritte möglich sein muss, den Messprozess nachvollziehen und unter den gleichen Bedingungen zu denselben Ergebnissen kommen zu können (sogenannte Test-Restest-Methode) (vgl. Patze 2011: 75). Cheibub, Gandhi und Vreeland arbeiten in ihrem Paper „Democracy and dictatorship revisited“ (2009) drei Fragen aus, die im Hinblick auf die Reliabilität von Messergebnissen gestellt werden sollten. Diese behandeln die Grundlagen der Informationsbeschaffung, also die Qualität der Daten (objektiv/subjektiv), die Operationalisierungsregeln (transparent, verständlich) und die Aggregationsregeln – also nach welchen Vorgaben die Ergebnisse zusammengefasst wurden (vgl. ebd.: 74). Anhand dieser Kriterien kann dann die Reliabilität einer Messung definiert werden.

Die Validität einer Messung bezeichnet ihre Gültigkeit und kann in der sozialwissenschaftlichen Forschung in drei Formen – die Inhalts-, Kriteriums- und Konstruktvalidität – unterschieden werden.

Die Inhaltsvalidität (auch Kontentvalidität) untersucht, inwieweit theoretische Grundlagen in die Operationalisierung mit eingeflossen sind, also ob die entwickelten Indikatoren mit der zuvor entwickelten Theorie korrespondieren und damit das zu messende Konstrukt angemessen und vollständig repräsentieren (vgl. Patze 2011: 74).

Die Kriteriumsvalidität kann wiederum dann erzielt werden, wenn aus einer von der eigenen Messung unterschiedlichen Operationalisierung dasselbe Ergebnis resultiert. Dafür wird eine externe, für den Untersuchungsgegenstand relevante Variable zur Überprüfung der Validität untersucht und kontrolliert, ob die Messung zu demselben Ergebnis führt (vgl. Sarris 1990).

Die Konstruktvalidität umfasst den Zusammenhang zwischen den erzielten empirischen Ergebnissen und den allgemein bekannten Theorien und Definitionen des untersuchten Konstruktes. Sie kontrolliert also – ähnlich wie die Inhaltsvalidität – die operationalisierte Messung einschließlich der entwickelten Indikatoren auf ihre erschöpfende Beschreibung des theoretischen Konstruktes (vgl. Sarris 1990: 213).

Wie die nähere Erläuterung der Validität zeigt, ist sie maßgeblich von der Reliabilität einer Messung abhängig, da dort die Qualität des Fundaments einer Messung bestimmt wird. Eine Messung kann dementsprechend nur dann gültig sein – valide sein – wenn sie ebenfalls reliabel ist.

3. Der Freedom House-Index

Freedom House ist eine internationale Nichtregierungsorganisation, die in den 1940er Jahren gegründet wurde und neben diversen Berichten auch den seit 1973 jährlichen Bericht „Freedom in the world“ (damals „The Comparative Study of Freedom“) veröffentlicht. In dem Bericht werden zahlreiche Länder und Regionen (2017 waren es 195 Länder und 14 Regionen) im Hinblick auf ihre bürgerlichen Freiheitsrechte (Civil Liberties) und politischen Rechte (Political Rights) untersucht und dementsprechend nach dem Grad ihrer Freiheit kategorisiert. Offiziell bezeichnet die NGO ihren jährlich erscheinenden Bericht nicht als Demokratieindex, er wird dennoch zahlreich als Index in der Literatur erwähnt und in der vergleichenden Politikwissenschaft genutzt

1973 erschien die erstmals von der NGO in Auftrag gegebene Studie „The Comparative Study of Freedom“, die von dem amerikanischen Sozialwissenschaftler Raymond Gastil durchgeführt wurde. Das Erkenntnisinteresse bezog sich zu der Zeit nicht auf die Erforschung und Messung von Demokratien und dem Grad an Demokratisierung, sondern vielmehr auf die Erforschung von verschiedenen Ausprägungen von Freiheit in den jeweiligen Ländern und Regionen (vgl. Gastil 1990: 25). Da Gastil Freiheit als zweidimensionales Konstrukt bestehend aus Civil Liberties und Political Rights verstand, fertigte er zunächst eine einfache Checkliste an, um die Länder auf diese Dimensionen hin zu untersuchen. Civil Liberties umfassen dabei für ihn unter anderem die Freiheit der Medien von politischem Einfluss, die Meinungsfreiheit und die Versammlungsfreiheit. Political Rights wiederum das freie Wahlrecht sowie das Recht auf Teilnahme am politischen Prozess (vgl. ebd.: 37).

Die Informationen für die Einordnung der jeweiligen Länder nach den Indikatoren der Checkliste, bezog Gastil aus Nachrichtenmeldungen der untersuchten Länder, die er anschließend interpretativ auswertete. Mithilfe der erstellten Checkliste, kategorisierte er die Länder in seinen eigens kreierten „status of freedom“, der aus den drei Kategorien „free“, „partly free“ und „not free“ bestand (vgl. ebd.: 28). Um die Länder kategorisieren zu können, erstellte Gastil Skalen von 1-7, wobei 1 als frei und 7 als nicht frei gelten. Ende der 1980er Jahre wurde das von Gastil erstellte System etwas umgeändert und mithilfe der beiden Skalen eine additive Skala entwickelt. Der übrige Auswertungsprozess blieb weitestgehend unverändert, selbst im aktuellen Bericht werden Gastils Skalen weiterhin genutzt (vgl. Freedom House 2018).

Das aktuelle methodologische Konzept des Freedom House unterscheidet sich also auch heute nicht wesentlich von dem 1973 entwickelten Konzept Raymond Gastils. Der letzte „Freedom in the world“-Bericht wurde 2017 mithilfe eines dreistufigen Systems erstellt, der hauptsächlich die drei Arbeitsschritte des scorings, ratings und der Erstellung des status of freedom umfasst.

Die zwei freiheitsbeschreibenden Dimensionen werden in einer Checkliste aus 10 Indikatoren für die Dimension der Political Rights und 15 Indikatoren für die Dimension der Civil Liberties operationalisiert. Diese Indikatoren wurden wiederum in einige Subkategorien zusammengefasst, die bezüglich der Political Rights den Wahlprozess (freie und faire Wahlen), den politischen Pluralismus und die Partizipation sowie die Funktionsweise der Exekutive umfassen. Die Indikatoren der Civil Liberties wurden in die Subkategorien der Meinungs- und Glaubensfreiheit, Versammlungs- und Organisationsrechte, Rechtsstaatlichkeit sowie Persönliche Autonomie und Individualrechte zusammengefasst.

Bei der Erstellung der scores werden anschließend dem jeweiligen Land, beziehungsweise der jeweiligen Region, Punkte zwischen 0 und 4 zugeordnet, die aus der Zuordnung der zuvor angefertigten Checkliste inklusive Indikatoren resultieren, wobei 0 den niedrigsten und 4 den höchsten Freiheitsgrad beschreibt. Erzielt ein Land für jede Frage die höchste Punktzahl von vier Punkten, kommt es beim scoring auf eine maximale Punkteanzahl von 100 Punkten (bei 25 Fragen) (vgl. Freedom House 2018).

An das scoring knüpft anschließend das rating an, das sich nach wie vor an den Skalen orientiert, die Gastil 1973 entwickelte. So erfolgt die Einteilung der Länder also auf beiden Skalen der Dimensionen (Political Rights und Civil Liberties), die einen Maßstab von 1 bis 7 besitzen. Auch die nach dem scoring folgende Einordnung der Länder in den status of freedom entspricht der Kategorisierung Gastils. Dafür wird der Durchschnitt des zuvor erfolgten ratings ermittelt, um das jeweilige Land anschließend in eine der drei Kategorien („free“, „partly free“ und „not free“) einordnen zu können (vgl. Freedom House 2018).

Wie Raymond Gastil selbst beschreibt ist „the survey’s formal methodology […] extremely simple. The work began with the simplest of checklist for political rights and civil liberties“ (ebd. 1990: 27), was dazu führt, dass der Freedom House-Index trotz seiner langen Vergangenheit und Anwendung durch zahlreiche Forscher einige Mängel in den Gütekriterien empirischer Messungen aufweist.

Einer der größten Kritikpunkt liegt dabei auf der fehlenden theoretischen Grundlage des Begriffes der Freiheit beziehungsweise Demokratie und der Operationalisierung der theoretischen Konstrukte. Wie Gastil selbst beschreibt, wurden die Kategorien der Checkliste nicht aufgrund von theoretischen Überlegungen erstellt, sondern vor allem aus dem Fakt heraus, dass es bezüglich dieser Informationen vorhandene Datenquellen gibt (vgl. Gastil 1990: 30). Was daraus resultiert, ist ein Problem in der Erstellung der Indikatoren. Da die beiden Dimension der Political Rights und Civil Liberties nicht ausreichend genug definiert und voneinander abgegrenzt wurden, kommt es in den Fragekatalogen zu diversen Überschneidungen und Doppelmessungen. Dadurch kommt es dazu, dass die beiden Dimensionen eher „interagieren […] als sich zu substituieren“ (Müller/Pickel 2007: 536).Es kann daher durch eine zu geringe Trennschärfe zwischen den Indikatoren zu Messfehlern kommen.

Ein weiterer Kritikpunkt an der Freedom House-Methode ist die fehlende Durchführungs-, Auswertungs- und Interpretationsobjektivität. Problematisch ist hier die Auswertung durch Einschätzungen (zu weniger) Experten, die die vorhandenen Datenquellen mithilfe der Checklisten zu Political Rights und Civil Liberties analysieren. Da diese sich meist an Nachrichtenmeldungen oder sogar eigenen Besuchen vor Ort orientieren, ist ein gewisser Grad an Subjektivität kaum zu verhindern (vgl. Patze 2011: 38). Da der Index außerdem aus dem Blickwinkel eines amerikanischen Verständnisses von Demokratie erstellt wurde, orientieren sich die Einschätzungen der Experten an eben diesem westlichen Demokratiekonzept, was laut Susanne und Gert Pickel (2006) zu einem Kulturrelativismus führt, der einhergeht mit dem großen Problem der subjektiven Betrachtung.

Auch die fehlende Transparenz in einigen Schritten des Messprozesses wird teilweise stark kritisiert. So werden zum einen die genutzten Datenquellen nicht veröffentlicht, was dazu führt, dass die Überprüfung der Ergebnisse durch Dritte nicht möglich ist (vgl. Munck/Verkuilen 2002: 25). Auch die Aggregationsregeln werden nicht transparent gemacht. So wird die Festlegung des Skalenniveaus sowie die Bestimmung der drei Kategorien „free“, „partly free“ und „not free“ nicht näher erläutert, was den Interpretationsprozess arbiträr erscheinen lässt (vgl. Cheibub et al. 2010: 75).

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Details

Seiten
18
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668883024
ISBN (Buch)
9783668883031
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459784
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Schlagworte
forschungsdesign demokratiemessung freedom house polity

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Titel: Forschungsdesign in der Demokratiemessung