Lade Inhalt...

Anwendung des Flipped Classroom Modells im sozialwissenschaftlichen Unterricht

Dokumentation des Forschungprojekts während eines Praxissemesters am Gymnasium

Projektarbeit 2017 43 Seiten

Politik - Didaktik, politische Bildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Konzept des Flipped Classroom
2.1 Blended Learning
3 Lerntheoretische Grundlagen
3.1 Lernformen
3.2 Blooms Taxonomie
3.3 Kooperatives Lernen

4 Forschungsinteresse und Erhebungsmethode
4.1 Relevanz
4.2 Planung zur Erhebung der Forschungsdaten
4.3 Methode: Schriftliches Interview
4.4 Methode: Leitfadengestütztes Gruppeninterview
4.5 Methode: Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring

5 Durchführung
5.1 Selbstlernphase zu Hause
5.2 Präsenzphase im Unterricht
5.2.1 Ablauf der Unterrichtsstunde

6 Analyse der Interviews
6.1 Vorteile Flipped Classroom im schriftlichen Interview
6.2 Eigenes Lerntempo
6.3 Konzentration und Störfaktoren
6.4 Videos im Vergleich zu Textarbeit
6.5 Präsenzphase
6.6 Langzeitgedächtnis
6.7 Nachteile des Flipped Classroom-Modells
6.8 Vorteile klassischer Unterricht

7 Reflexion

8 Zusammenfassung und Fazit

9 Quellenverzeichnis
9.1 Literatur
9.2 Abbildung

10 Anhang
10.1 Das schriftliche Interview
10.2 Arbeitsblatt 1: Aussagen zu politischen Ideologien
10.3 Leitfadengestütze Gruppeninterviews
10.3.1 Gruppe 1
10.3.2 Gruppe 2

Hinweis für Leser:

Um den Lesefluss der Arbeit zu verbessern, habe ich mich dazu entschlossen, mich im kompletten Text häufig auf eine Form – meist die männliche – zu beschränken, da ich von meiner Person als Durchführender des Forschungsprojektes ausgehe. Selbstverständlich ist die weibliche bzw. männliche Form gedanklich immer miteinzubeziehen. Ferner habe ich mich für die übliche Abkürzung SuS für „Schülerinnen und Schüler“ entschieden.

1 Einleitung

Vor einem Jahr stellte ich mir die Frage: „Wie kann ich als angehender Lehrer meine Unterrichtszeit bestmöglich einsetzen, damit die SuS den meisten Nutzen von mir haben werden?“ und stieß auf das Flipped Classroom -Modell von Aaron Sams und Jonathan Bergmann, über welches ich dann auch meine Bachelorarbeit schrieb. Der Flipped Classroom- Ansatz (deutsch: umgedrehter Unterricht) beschreibt ein Unterrichtskonzept, innerhalb welchem die Übungsphase in Form der Hausaufgaben einerseits und die Präsenzphase der Stoffvermittlung innerhalb des Schulunterrichts andererseits vertauscht sind. Ziel der Präsenzphase ist es, die gemeinsame face-to-face-time zwischen Lehrer und SuS möglichst effektiv zum gemeinsamen Arbeiten sowie zum Lernen zu nutzen und Unterrichtsteile, in denen dies nicht so erforderlich erscheint, nach Hause auszulagern. Die SuS schauen sich als Hausaufgabe Lernvideos zum aktuellen Themengebiet an und können dabei beliebig pausieren, zurückspulen und mitschreiben. In der Schule wird das neu erlernte Wissen dann in kooperativen Lernanteilen rekapituliert. Der Lehrer hilft den SuS dabei individuell bei Problemen und ist stetiger Ansprechpartner. Dadurch erlernen die SuS Kompetenzen und Wissen eigenverantwortlich sowie aus eigener Motivation heraus. Dieser lerntheoretische Ansatz verheißt ein individualisiertes, verbessertes Lernen, um den heutigen heterogenen Klassen auch im Zuge der Inklusion gerecht zu werden.

Für meine Bachelorarbeit besuchte ich im Sommersemester 2016 das Seminar Kosmochemie von Dr. Dominik Hezel an der Universität zu Köln, welcher das Konzept in jenem Kurs anwendete. Ich führte Interviews mit den Teilnehmern und konnte dabei viele positive Aspekte des Unterrichtsmodells herausarbeiten. So stellte ich bei den Studierenden ein verbessertes Langzeitgedächtnis, eine strukturiertere Mitschrift der Studierenden und durch die konkrete Anwendung im Seminar ein thematisch besseres Verständnis fest (Becker 2016).

Im Zuge meines Praxissemesters hielt ich eine Unterrichtsstunde in einer 10. Klasse in Sozialwissenschaften an einem Gymnasium nach dem Flipped Classroom -Ansatz. Dafür erstellte ich ein Video, ein Quiz und ein Fragenboard, was sich die SuS als Hausaufgabe auf die Stunde anschauen mussten. In der Unterrichtsstunde mussten sie ihr neu-erlerntes Wissen dann anwenden. Um Vor- und Nachteile des Flipped Classroom -Modells zu erfahren, füllten die SuS anschließend ein schriftliches Interview aus. Zusätzlich führte ich mit einigen SuS leitfadengestützte Gruppeninterviews durch. Diese Arbeit soll das von mir durchgeführte Forschungsprojekt dokumentieren und die Chancen und Risiken im sozialwissenschaftlichen Unterricht benennen.

2 Das Konzept des Flipped Classroom

Im konventionellen Schulunterricht müssen die SuS während einer Präsenzveranstaltung („dem Unterricht“) dem Lehrer hauptsächlich passiv folgen. Die SuS bearbeiten im Anschluss dessen das Gelernte zuhause oder in der häufig sehr kurzen Übungszeit innerhalb der Unterrichtsstunde. Aus Sicht des Flipped Classroom- Konzepts hat dieses Prozedere jedoch folgende Nachteile: Die Aufmerksamkeitsspanne der SuS sinkt kontinuierlich während des Frontalunterrichts bei einem Vortrag des Lehrers. Auch der unterschiedliche Wissensstand der SuS kann die Motivation senken. Manche SuS sind mit dem neuen Stoff über-, andere unterfordert, worauf ebenfalls die Konzentration sinkt. Des Weiteren kann das eigenständige Üben in Form der Hausaufgaben zu Wissenslücken und Verständnisproblemen führen (Sams 2012).

Das Flipped Classroom- Modell möchte durch den vertauschten Unterricht genau diese Punkte verbessern. Die SuS eignen sich die Lerninhalte asynchron, ortsunabhängig, individuell, selbstgesteuert und im eigenen Lerntempo anhand von digitalen Lernmaterialien an (Schäfer 2012:9). Häufig handelt es sich bei diesen digitalen Lernmaterialien um selbstproduzierte Videos. Der Lehrer zeichnet dafür eine Vorlesung mit einer Videokamera auf oder fertigt einen Screencast an. Bei einem Screencast wird ein Teil des Desktops des Computers gefilmt und der Lehrer spricht akustisch hörbar während der Darstellung darüber. Möglich sind als digitale Medien aber auch Podcasts, digitale Skripts/Unterlagen, Lernspiele etc.

Die SuS müssen als Hausaufgabe für die Unterrichtsstunde diese digitalen Medien bearbeiten. Dabei notieren sie sich mögliche Verständnisprobleme. Die Präsenzzeit in der Schule während des Unterrichts wird für die Aufarbeitung dieser Verständnisprobleme, Diskussionen, Einzel- und Gruppenarbeit genutzt. Dabei greifen die SuS auf ihr zu Hause erlerntes Vorwissen zurück und überprüfen gegenseitig ihren Wissensstand. Der Lehrer schaltet sich in die Gruppenarbeit ein, um Fehler zu korrigieren oder mögliche Wissenslücken zu schließen. An dieser Stelle greift das Modell des kooperativen Lernens. Die SuS erarbeiten gemeinsam den Unterrichtsstoff und fördern damit die eigene Kreativität, befassen sich mit dem Thema selbst und steigern damit auch ihre Methoden- und wahlweise Urteilskompetenz.

Als Hausaufgabe für die nächste Stunde müssen sich die SuS neue Videos anschauen und die dadurch erlangte Erfahrung in der Praxis mit den anderen SuS aufarbeiten. Wahlweise sind je nach Themengebiet natürlich Wiederholungen des bereits erlernten Stoffs, beispielsweise durch Lernspiele, möglich.

2.1 Blended Learning

Die Idee des Flipped Classroom s gliedert sich in das Konzept des Blended Learnings (deutsch „Gemischtes Lernen“) ein. Nach dem Blended Learning werden Lehrinhalte durch Anwesenheit (hier: im Schulunterricht) und ohne Anwesenheit, dafür aber durch digitale Medien, vermittelt. Dabei wechseln sich diese Phasen immer wieder ab und korrelieren miteinander. Blended Learning ist somit stark mit E-Learning (elektronisch unterstütztes Lernen) verknüpft. E-Learning beschreibt die Gesamtheit aller Lerninhalte, in welchen Lerngegenstände aus digitalen Medien zum Einsatz kommen. Am häufigsten wird E-Learning im Fernunterricht eingesetzt.

Im Flipped Classroom -Modell werden die Methoden des Fernunterrichts auch ohne solche Bedingungen eingesetzt. Auf diese Weise können digitale Medien zum selbstständigen Lernen animieren, da SuS häufig allein diese Medien konsumieren und sich somit größtenteils selbst motivieren müssen. Das Lerntempo kann zudem selbst und individuell gewählt werden. Die Lernenden können Bereiche auslassen bzw. bei Verständnisproblemen wiederholen. Auch der frei wählbare Ort bzw. die frei bestimmbare Zeit sprechen für die Möglichkeit, das E-Learning im heutigen Unterricht einzusetzen. Die SuS erarbeiten selbstständig den Lehrstoff und überprüfen ihren Lernstand gegenseitig innerhalb von Gruppen während des Unterrichts. Bei Problemen und Verständnisfragen wird die Lehrperson von dem Schüler kontaktiert. Der Lehrer wird dabei nicht verzichtbar, jedoch verschiebt sich seine Rolle. Statt frontal zu unterrichten, wird er zum Coach und kann sich individuell um die Fragen und Probleme der SuS kümmern. Die Lehrperson kann im Unterricht durch die gemeinsame Interaktion mit dem Schüler dessen persönlichen Lernfortschritt gut im Auge behalten und ihm motivierend zur Seite stehen (Kück 2014:7).

3 Lerntheoretische Grundlagen

3.1 Lernformen

Im Flipped Classroom -Konzept wird ein selbstgesteuertes Lernen in den Vordergrund des Unterrichts gestellt. Durch die Umkehr von ‚Wissen vermittelndem Unterricht‘ nach Hause und im Gegenzug dem Versetzen der Übungsphasen in die Schule (welche normalerweise in Form von Aufgaben zu Hause zu erledigen sind) sollen die SuS zum selbstständigen Lernen animiert werden. Der Unterricht dient in diesem Konzept hauptsächlich der Erprobung des bereits erlernten Stoffes. Der Lehrer unterstützt das selbstständige Lernen der SuS und hilft bei Fragen und Problemen. Dabei verschiebt sich nach Reber das Verhältnis von implizitem zu explizitem Lernen. Implizites Lernen ist unbeabsichtigt und geschieht beiläufig. Der Lernende ist sich dessen häufig gar nicht bewusst. Beispielhaft dafür könnte man das Aufnehmen von Geschichtswissen beim Spielen eines Videospiels am Computer nennen. Durch den frontalen Vortrag des Lehrers im klassischen Unterricht lernen SuS häufig implizit.

Explizites Lernen beschreibt geplantes und bewusstes Lernen. Der Lernende sucht bestimmte Erfahrungen und wählt dafür passende Handlungen aus. Um sich in einem Thema fortzubilden wird beispielsweise mit konkreter Absicht ein Dokumentarfilm angesehen. Auch Vorbereitungen zu einer Klausur sind als explizit zu betrachten (Reber 1993:9).

Im Flipped Classroom- Modell wird sich durch das selbstständige Erarbeiten des Lernstoffs eine Steigerung des expliziten Lernens erhofft. Der Schüler hat die Möglichkeit, beispielsweise durch Zurückspulen und Pausieren, gewisse Passagen seinem individuellen Lerntempo gemäß zu erlernen und zu rekapitulieren. Der Effekt des expliziten Lernens kann sich jedoch verringern, wenn nicht sichergestellt ist, ob sich der Schüler gerade in einer passenden Lernsituation befindet. Im klassischen Unterricht kann der Lehrer während seines Vortrags für Ruhe im Klassenzimmer sorgen und Konzentration von den SuS fordern. Die Ablenkungsmöglichkeiten und die Konzentrationseinbußen zu Hause sind erheblich größer: Beim häuslichen Betrachten des Lern-Videos, das der Lehrer zu dem Unterrichtsthema erstellt hat, ist die Gefahr gegeben, dass der Schüler gleichzeitig beispielsweise sein Smartphone benutzt. Die Lehrende muss daher im Flipped Classroom -Modell den SuS vermitteln, sich selbst zu kontrollieren: Sollte die Aufmerksamkeit zu stark sinken, so muss der Schüler wieder an jene Stelle im Video zurückspulen, an welcher die Konzentration ausgesetzt hat.

Des Weiteren wird zwischen oberflächlichem Lernen (surface level processing) und v ertieftem Lernen (deep level processing) unterschieden. Oberflächliches Lernen beschreibt Formen des Auswendiglernens oder der puren Nachahmung. Dabei werden keine Zusammenhänge erschlossen oder Verknüpfungen zu anderen Teilgebieten erstellt. Ziel des vertieften Lernens ist es dagegen Gründe und Zusammenhänge zu erschließen. Der Lernende möchte erfahren, in welchen Situationen und warum das Erlernte hilfreich sein kann (Laurillard 2002:144).

Das Flipped Classroom- Modell möchte das vertiefte Lernen in den Präsenzphasen (dem Unterricht) steigern. Die SuS sollen zu Hause anhand der Videos durch Nachahmung und Informationsaufnahme in die Lernprozesse, die sich „oberflächlich“ abspielen, eingebunden werden. Das dadurch erlangte Vorverständnis soll hinterher im Unterricht angewendet werden. Durch die Anwendung und den gemeinsamen Austausch mit anderen SuS sollen sich kognitive Verknüpfungen und Zusammenhänge auf der Meta-Ebene bilden können (Petko 2014:100).

3.2 Blooms Taxonomie

Das Flipped Classroom -Modell möchte nach Möglichkeit der umgedrehten Bloomschen Taxonomie folgen. Dies ist auch insbesondere nach Green ein wichtiger Ansatz für kooperatives Lernen. Benjamin Bloom teilte in seiner Taxonomie das Lernen in sechs aufeinanderfolgende Stufen ein, welche ein Lernender durchlaufen solle, bis er den Lernstoff in seiner Gänze verinnerlicht habe.

Bloom’s Taxonomy:

1. Remember: Erinnern von Allgemeinem, Besonderem, Fakten
2. Understand: Einfachste Ebene des Verstehens, Möglichkeit den Stoff in eigene Worte zu fassen
3. Apply: Gebrauch des Wissens in themenfremden Situationen
4. Analyze: Zerlegung von komplexen Sachverhalten in kleinere einfachere Teile. Identifizierung von Elementen
5. Evaluate: Bewerten, Beurteilen einer Lösung, Identifizierung von Fehlern
6. Create: Neue Ideen/Ansätze dem Wissensgebiet hinzufügen, das Themenfeld von anderen Seiten betrachten (Armstrong 2016)

Der Flipped Classroom -Ansatz dreht diese Taxonomie jedoch um, indem er zuerst das komplexe Problem in den Vordergrund stellt, welches die SuS zu bearbeiten hatten. Nach Bloom hätten die SuS zuerst das Basiswissen erlernen müssen und anschließend schrittweise Wissen angehäuft, um sich für das Problem zu qualifizieren. Mit der neuen Ordnung möchte aber das Flipped Classroom -Modell zunächst die Neugier der SuS wecken, welche nun versuchten sich selbst das nötige Wissen für das jeweilige Thema anzueignen (Bergmann 2012:17).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3-1: Bloom‘s Taxonomy. Links das Original Bottom-Up-Prinzip. Rechts das verdrehte Top-Down-System des Flipped Classroom-Modells

3.3 Kooperatives Lernen

Das Flipped Classroom -Modell setzt während der Präsenzzeit auf Gruppenarbeit nach dem Kooperativen Lernmodell. Kooperatives Lernen wird im Schulunterricht durch Partner- oder Gruppenarbeit praktiziert. Lipowski zeigte in seiner Studie „Offene Lernsituationen im Grundschulunterricht“, dass SuS, welche alleine arbeiteten, ihre Lernzeit weniger aufgabenbezogen nutzen als wenn sie in Partner- oder Gruppenarbeit zusammenarbeiteten (Liposwky 1999:81). Die Idee des kooperativen Lernens besteht darin, dass die SuS in einem methodisch strukturierten Prozess voneinander und miteinander lernen. Dabei kann jeder etwas beitragen sowie Verantwortung für sein Projekt übernehmen soll, ohne dabei der Gefahr ausgesetzt zu sein, ausgegrenzt zu werden (Green 2005:19). Dafür benötigen die SuS ein gutes Methodenrepertoire und eine sogenannte Feedback-Kultur, welche gleichermaßen auf Kompetenzerwerb, Strategiebildung und Wissenserwerb achtet (Slavin 1983). Das Modell des kooperativen Lernens, welches sehr auf eine offene Unterrichtskultur achtet, kann jedoch Gefahren für SuS, die ein hohes Maß an Sicherheit und Struktur benötigen, bergen. Darauf ist besonders bei lern- und geistig behinderten SuS zu achten (Green 2005:20).

4 Forschungsinteresse und Erhebungsmethode

Im Zentrum dieser Arbeit soll die Anwendung des Flipped Classroom- Ansatzes im sozialwissenschaftlichen Unterricht bewertet werden. Dabei sollen zuerst die Chancen und Schwierigkeiten der Anwendung im schulischen Umfeld dargestellt und anschließend die Vor- und Nachteile zum Flipped Classroom -Modell herausgearbeitet werden.

4.1 Relevanz

Das Flipped Classroom -Modell stellt ein sehr interessantes neues Unterrichtskonzept dar, welches gezielt neue Medien auf dem aktuellen Stand der Technik einsetzt und sich an der Individualität des Lerners orientiert. So stehen im Fokus unterschiedliche Lerntempos der SuS, erhöhte Konzentration durch Verminderung von Störfaktoren, verbesserte Struktur, effektivere Nutzung der gemeinsamen Zeit im Unterricht und gemeinsame Anwendung des erlernten Wissens.

SuS sollen sich selbstbestimmt Wissen aneignen, während der Lehrer vom Dozierenden zum Coach wird und daher eine neue Rolle einnimmt. Er soll sie beim Selbstlernen unterstützen und nicht mehr die „Quelle des Wissens“ sein.

Durch die Videos können viele SuS zu jeder Zeit und an jedem Ort mithilfe ihrer Smartphones lernen. Dabei wird das Wissen nicht nur durch die Augen beim Text, sondern auch durch das Ohr über den Ton übertragen. Videos entsprechen dabei der täglichen Lebenswelt der Jugendlichen, von denen viele täglich mehr als 90 Minuten YouTube -Videos gucken (W&V Bravo-Studie 2015).

4.2 Planung zur Erhebung der Forschungsdaten

Um die Vor- und Nachteile des Flipped Classroom -Modells im sozialwissenschaftlichen Unterricht herauszuarbeiten, habe ich selbst eine Unterrichtseinheit nach dem Flipped Classroom -Modell ausgearbeitet und durchgeführt. Wichtig war hier ein Thema zu wählen, von welchem die SuS kein oder wenig Vorwissen hatten, um sämtliche Lernerfolge bzw. Misserfolge auf das Konzept des Flipped Classrooms zurückführen zu können. Dafür habe ich für die Hausaufgabe ein Lernvideo, ein Quiz und eine Plattform zum Fragen stellen selbst erstellt. Für die Unterrichtsstunde erstellte ich ein Arbeitsblatt um das frisch erlernte Wissen direkt testen und wiederholen zu können. Für den Hauptteil der Stunde bereitete ich eine Zukunftswerkstatt vor, in der die SuS mit einem Problem konfrontiert werden und mit Hilfe des erlernten Wissens dieses dann gemeinsam in Gruppenarbeit lösen sollten.

Ich erstellte ein schriftliches Interview, was die SuS anonym nach der Unterrichtsstunde ausfüllen sollten, um erste Vor- und Nachteile herausarbeiten zu können. Im schriftlichen Interview fragte ich nach direkten Vor- und Nachteilen des Flipped Classroom -Modells und verglich es mit „klassischem“ Unterricht. Mich interessierte, ob und wie sie die Hausaufgabe bearbeitet hatten und welche Störfaktoren, die sie vom Lernen ablenkten, zu Hause und in der Schule aufkamen. Weiter fragte ich nach der Arbeit an der Zukunftswerkstatt und ob sie solche selbstständigen Gruppenarbeiten, in welchen sie relativ frei agieren können, gerne häufiger machen wollen würden.

Da bei dem schriftlichen Interview viele Aspekte nur stichwortartig oder gar nicht ausgefüllt wurden, entschließ ich mich noch persönlich zwei leitfadengestützte Gruppeninterviews a vier SuS zu führen in denen ich als Interviewer genauer auf die Aspekte eingehen und gezielte Nachfragen stellen konnte. Die Interviews transkribierte ich und erarbeitete wichtige Aspekte mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring heraus.

4.3 Methode: Schriftliches Interview

Das schriftliche qualitative Interview ist eine Befragungsmethode der qualitativen empirischen Sozialforschung. Die Fragen sind im Vorfeld festgelegt, die Befragten können aber stets offen auf diese antworten. Es gibt keinerlei vorgefertigte Antwortmöglichkeiten (Schiek 2014:380).

Nachteilig an einem schriftlichen Interview ist, dass der Interviewer bei einem festgelegten Fragenkatalog hinsichtlich interessanter Teile des Interviews nicht weiter nachfragen kann und somit keine weiteren unbekannten Gesichtspunkte ans Licht bringt. Aus diesem Grund führte ich anschließend Gruppeninterviews durch, um nochmal genauer nachhaken zu können und den SuS die Möglichkeit zu geben ihre Antworten zu präzensieren.

Das Interview wurde den SuS in Form von einem DIN-A4-Blatt ausgehändigt, welches sie freiwillig und anonym bis zur nächsten Unterrichtsstunde ausfüllen sollten.

Ich erhoffe mir von dieser Interviewmethode bisher unbekannte, interessante Sichtweisen. Die SuS sollten selbst qualitativ antworten können und ihre Anschauung darstellen. Durch die Anonymität soll den SuS auch die Möglichkeit offenstehen, das Konzept des Flipped Classrooms negativ zu bewerten.

4.4 Methode: Leitfadengestütztes Gruppeninterview

Das leitfadengestützte Gruppeninterview erfolgte in der letzten Unterrichtsstunde, um nach den schriftlichen Interviews im persönlichen Gespräch mit den SuS nochmal auf gewisse Teilaspekte eingehen und sie gegebenenfalls konkretisieren zu können.

In Gruppeninterviews werden Gruppen untersucht, welche auch außerhalb des Interviews existieren. Das Ziel des Interviews ist nicht die Meinung des Einzelnen zu einem Thema herauszufinden, sondern die Meinung der Gruppe zu erfahren. Die Teilnehmer diskutieren dabei selbst über ein vorgegebenes Thema und die Aufgabe des Interviewers ist es nur, die Diskussion in eine bestimme Richtung zu lenken (Bohnsack 1997: 492).

In einem Gruppeninterview hat der Interviewer den Vorteil, bei bestimmten Thesen genauer nachhaken zu können. Zusätzlich werden im Gespräch in der Gruppe Begriffe aufgeschnappt und neuinterpretiert. Dabei besteht jederzeit die Möglichkeit zu anderen Themen zu springen. Die Gruppe hat im Vergleich zum Einzelinterview den Nachteil, dass manche Meinungen und Ansichten nicht vertreten werden können, weil Teile der Gruppe diese eventuell negativ auffassen könnten. Zusätzlich ist im Gruppeninterview die Anonymität des Interviewten nicht vorhanden.

Ich wählte eine offene Befragung in der die Interviewten eigene Erfahrungen darstellen konnten und Gruppengespräche aufkommen durften. Erst, wenn das Gespräch stockte oder in eine völlig andere Richtung abdriftete, baute ich das Gespräch durch immanente und exmanente Fragen aus meinem Leitfaden wieder auf. Dabei nutze ich ein Handy, um den Ton aufzuzeichnen und es später transkribieren zu können.

4.5 Methode: Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring

Ich wendete die Qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring an um die Transkripte auswerten zu können. Die Qualitative Inhaltsanalyse ist eine Analysemethode, welche auf eine Reduktion des Ausgangsmaterials setzt indem theoriegeleitete Kategorien erarbeitet werden. Mayring entwickelte dafür ein Stufensystem, welche der Forschende durchlaufen muss.

1. Festlegung des Materials: Analyse der Transkripte des schriftlichen und des leitfadengestützten Gruppeninterviews.
2. Analyse der Entstehungssituation: Anonymes schriftliches Einzelinterview und Gruppeninterviews
3. Formale Charakterisierung des Materials: Transkription der Gruppeninterviews und schriftliche Einzelinterviews
4. Richtung der Analyse: Ausschließlich die Antworten der Befragten.
5. Theoriegeleitete Differenzierung der Frage stellung:
- Vor- und Nachteile des Flipped Classroom -Modells vergleichend zum „klassischen“ Unterricht
- Gründe für verbesserte Konzentration
- Störfaktoren zu Hause und in der Schule
- Freies Arbeiten in Gruppen
6. Bestimmung der Analysetechnik: „Zusammenfassung“„Ziel ist es, „dass die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben, durch Abstraktion ein überschaubares Korpus zu schaffen, das immer noch ein Abbild des Grundmaterials ist“ (Mayring, 2002: 115)
7. Definition der Analyseeinheit: Kategorien entstanden, wenn sich Themen wiederholten oder wenn diese zu einem Disput innerhalb der Gruppe führten.
8. Analyse des Materials mit Hilfe des Verfahrens der Zusammenfassung.
9. Interpretation der Kategorien

5 Durchführung

5.1 Selbstlernphase zu Hause

Um die Vor- und Nachteile des Flipped Classroom -Modells für eine Unterrichtsstunde am effektivsten herausarbeiten zu können, wählte ich ein Thema, was einen hohen Wissensstand voraussetzt, bevor man dieses Wissen anwenden kann. Wichtig war außerdem, dass die SuS kein oder nur sehr wenig Vorwissen hatten, um den Lernerfolg valide auf das Konzept zurückführen zu können.

Das Thema war „Politische Ideologien: Liberalismus, Konservatismus, Sozialismus“. Ziel der Unterrichtsstunde war es, dass die SuS typische Merkmale dieser politischen Ideologien beschreiben und politische Aussagen begründet in eine der drei Ideologien einordnen konnten. Die SuS sollten sich dafür ein von mir erstelltes Lernvideo anschauen und Notizen zu diesem machen. Zusätzlich wollte ich ein kurzes Multiple-Choice-Quiz zum Testen des Wissensstands sowie ein sogenanntes Fragenboard errichten und ein Fragenboard auf denen SuS ungeklärte Fragen zum Inhalt stellen können.

Als Video wählte ich eine PowerPoint -Präsentation über dessen Folien ich eine von mir gesprochene Tonspur legte. Dabei erklärte ich auf der ersten Folie, wie sie das Video nach dem Flipped Classroom -Modell nutzen sollten. Wichtig war es mir hierbei zu betonen, dass sie sich Notizen machen sollten und die Möglichkeit des Pausierens und Zurückspulens des Videos einzusetzen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5-1: Das Lernvideo auf YouTube über Politische Ideologien: Liberalismus, Konservatismus, Sozialismus.

In dem rund zehn Minuten langen Video erklärte ich, wann und warum die drei politischen Ideologien entstanden sind, welche Merkmale sie definiert und inwiefern sie die heutige Politik und Parteienlandschaft betreffen.

Letztendlich war das Erstellen der PowerPoint-Präsentation gleich dem Vorbereiten eines Vortrags bei einem Referat in einem Seminar. Einzig der gesprochene Text musste vorgeschrieben werden, damit dieser genau passend zu den Folien wiedergegeben werden konnte und keine unnötigen Pausen und Füllwörter wiedergegeben wurden, welche in einem offenen Vortrag dem Dozierenden Denkpausen ermöglichen.

[...]

Details

Seiten
43
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668905955
ISBN (Buch)
9783668905962
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459857
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Humanwissenschaftliche Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Praxissemester Gymnasium Didaktik der Sozialwissenschaften Flipped Classroom Umgedrehter Unterricht Forschungsarbeit

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Anwendung des Flipped Classroom Modells im sozialwissenschaftlichen Unterricht