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Die Entstehung der industriellen Welt - die Geschichte einer Energiekrise? Industrielle Revolution in Deutschland und die Energiefrage am Beispiel der Mansfelder Kupferhütten

Seminararbeit 2004 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhalt

1 Einführung

2 Die Diskussion der historischen Forschung und Begriffsklärung
2.1 Die Forschungskontroverse um die ‚Holznot’ im 18./19. Jahrhundert
2.2 Krise – Begriff und Verwendung
2.3 Energie – Energiesysteme

3 Die Mansfelder Kupferhütten zur Zeit der Industriellen Revolution
3.1 Die kursächsischen Kupferhütten im Mansfelder Raum im 18. Jahrhundert
3.2 Ausweitung des Bezugsgebietes als Reaktion auf die drohende Rohstoffknappheit
3.3 Holzkohlen-Koks-Mischung als Problemlösungsstrategie
3.4 Schwerpunktorientierung Koks in der Mitte des 19. Jahrhunderts

4 Ein Blick in die Zukunft

5 Schlussbetrachtung

6 Anlage

7 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Energie in Form von Wärme und Strom ist heute für das einzelne Individuum allgegenwärtig. Wie selbstverständlich betätigt es den Lichtschalter oder den Heizungsregler, so dass ihm die Bedeutung der stattfindenden Prozesse erst alarmierend in das Gedächtnis dringt, wenn das eng geflochtene Netz der Strom- und Wärmeversorger einmal versagt. Die Nutzung der verschiedenen Energieformen ist ‚normal’ geworden. Doch ist Energie nicht viel mehr?

Ein im Dezember 2003 gehaltenes Referat zur Frage, ob es eine Energiekrise Anfang des 19. Jahrhunderts gab, ist Ausgangspunkt dieser Seminararbeit. In diesem Referat zur energetischen Basis der Industriellen Revolution entwickelte ich provozierend die These, dass die Evolution des Menschen und damit die Entstehung der industriellen Welt die Geschichte einer permanenten Energiekrise sei. Falsifikation und Verifikation der These sind hierbei eng an die Definition des Begriffes Krise geknüpft. Am Beispiel der Mansfelder Kupferhütten[1] soll im folgenden untersucht werden, inwieweit der Wandel des Energiesystems in der Anfangsphase der Industriellen Revolution in Deutschland zu Engpässen bei der allgemeinen, flächendeckenden Versorgung mit Energie führte, die den Charakter einer Krise trugen. Dabei soll auch auf die seit mehr als zwei Jahrzehnte dauernde Kontroverse der historischen Forschung um die sogenannte ‚Holzkrise’ eingegangen werden, die sich vor allem an Joachim Radkaus Ausführungen[2] entzündete. Der Versuch einer Begriffsbestimmung erscheint mir auch angesichts dieser Diskussion unerlässlich, um sowohl meine Intention als auch meine Argumentation am Fallbeispiel der Mansfelder Kupferhütten verständlich zu machen. Modellhaft wird dabei deutlich werden, wie sich durch den Wechsel der Energiesysteme, von dem modifizierten Solarenergiesystem der Agrargesellschaften hin zu dem fossilen Energiesystem, die Industriegesellschaft mit der Industriellen Revolution erhob.

Ein Blick in die nähere Zukunft der Energiesysteme soll diese Seminararbeit abrunden, denn Energie bildet die Zentralressource des Industriesystems. Angesichts schwindender Rohstoffvorkommen steht nicht nur das ökonomische Wachstum sondern auch die Aufrechterhaltung des Niveaus materieller Güterströme unserer Gesellschaft in Frage.[3]

2 Die Diskussion der historischen Forschung und Begriffsklärung

2.1 Die Forschungskontroverse um die ‚Holznot’ im 18./19. Jahrhundert

Rolf-Jürgen Gleitsmann[4] leitet um 1980 die Diskussion über ein Phänomen des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, die sogenannte ‚Holzkrise’ oder ‚Energiekrise’ ein. Mit der Argumentation, das Problem der vorindustriellen Holzknappheit sei keineswegs ein singulärer sondern ein absoluter Zentralressourcenmangel gewesen, sieht er die von ihm betroffenen Gesellschaftsformationen in all ihren Strukturen[5], Produktion und Reproduktion insgesamt bedroht. Verzichtet Gleitsmann in seinen Ausführungen wohltuend auf die Verwendung des Begriffes Krise, wird dieser infolge sowohl von Gegnern als auch differenzierteren Betrachtern schlagwortartig in das Rampenlicht der Diskussion gestellt. Den energischsten Widerspruch erfährt Gleitsmann von Joachim Radkau, der „revisionistische Betrachtungen“[6] über die ‚Holznot’ anstellt. Er verweist auf die Schwierigkeiten bei der Erstellung sauberer statistischer Grundlagen zur Thematik, unterzieht die zeitgenössischen Dokumente (Klagen über Holzmangel, Holzsparliteratur, Forstordnungen) einer genauen Quellenkritik und eröffnet die begriffliche Spannweite des Begriffes Holzmangel in eben diesen Dokumenten. Daraus zieht Radkau den Schluss, dass es nicht eine „große Holzverknappungskrise“[7] gab, sondern eine Holzknappheit, die als chronische und alltägliche Erscheinung entsprechend der Knappheit anderer Güter begriffen werden kann. Im Mittelpunkt der Untersuchung von Margrit Grabas[8] steht das administrative Krisenmanagement des Staates bei der Bewältigung des frühindustriellen Holzmangels. Zugrunde liegt ihr die Modellvorstellung eines Zusammenhanges von institutionellem Wandel und relativer Ressourcenverknappung. Relativer Mangel der Zentralressource Holz führte nach ihrer Ansicht zu krisenhaften Energieengpässen[9].

Äußerst eloquent und inhaltsreich informiert Rolf-Peter Sieferle über „Energiekrise und Industrielle Revolution“[10], jedoch scheint er sich einer eindeutigen Positionierung[11] entziehen zu wollen. Dagegen äußert sich Hans Otto Gericke eindeutig und verweist auf Regionen und Zentren brennstoffintensiver Gewerbe, in denen sich aus dem chronischen Holzmangel eine bedrückende Holzkrise[12] entwickelt habe.

Trotz einzelner Versuche einer begrifflichen Abgrenzung[13] unternimmt es keiner der Protagonisten dieser Kontroverse, den Begriff der Krise zu definieren und daran seine Argumentation auszurichten. Zugleich trägt die synonyme Verwendung der Begriffe: Holznot, -mangel und -knappheit für Energie- und Holzkrise zur Verwischung bestehender Intensitätsgrade bei. Der Appell von Reinhart Kosselleck: „[...] die Wissenschaften [sind, M. R.] herausgefordert, den Begriff auszumessen, bevor er terminologisch verwendet wird.“[14] ist gerade in dieser Diskussion der historischen Forschung ungehört verklungen. Eine Definition des so schillernden und vielschichtigen Begriffes Krise erscheint mir daher unentbehrlich.

2.2 Krise – Begriff und Verwendung

Eine klar abgrenzbare Bedeutung hatte der Wortgebrauch Krisis in der griechischen Antike im juristischen, theologischen und medizinischen Bereich. Immer handelte es sich um die lebensentscheidenden Alternativen, die Antwort geben sollten auf die Frage von Recht oder Unrecht, Heil oder Verdammnis, Leben oder Tod. Seine Ausweitung in den gesellschaftlich-politischen Bereich erhielt er mit der Übernahme in das Lateinische. Eine religiöse Tönung kam in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hinzu. Krise gab zu erkennen, dass es sich um eine einmalige Situation handelte, die sich zwar grundsätzlich wiederholen könne, aber sich als einmalige, vor allem letzte Entscheidung darstelle. Im ausgehenden 19. Jahrhundert bezeichnete Krise eine Dauermöglichkeit der Geschichte mit einem Deutungsmuster, in dem sich lange und kurze Fristen überschnitten, sich Rettung und Reinigung, Elend und Verbrechen verbargen.[15]

Seit dem hat sich der Bedeutungsgehalt des Begriffes enorm aufgefächert. Unser mediales Zeitalter bringt einen relativ vagen, inflationären Wortgebrauch mit sich, er umschreibt nunmehr aufgerührte Stimmungs- oder Problemlagen. Auf bequeme Weise wird sich dadurch der Weg für alternative Interpretationen der eigenen inhaltlichen Aussage offengehalten – Unschärfen sind hier eher willkommen und somit nur ein Ausdruck für die ‚Krisis’ unseres Zeitalters. In letzter Zeit mehren sich jedoch die Anzeichen für einen differenzierteren Sprachgebrauch. Der Krisenbegriff gerät wieder zunehmend in die semantische Nähe des Katastrophenbegriffs[16].

Im folgenden werde ich den Begriff dahingehend verwenden, dass sich in ihm eine Verknüpfung und auch Verkettung von Prozessen und Entscheidungen ausdrückt, die auf einen letzten Entscheidungspunkt zusteuern. Demzufolge hebt sich der Begriff Krise von dem des Mangels[17] und dem der Not[18] durch eine eher eschatologische Nuance ab, die auch seine Nachbarschaft zum Katastrophenbegriff ausdrückt.

2.3 Energie – Energiesysteme

Was ist Energie? Energie ist die in einem physikalischen System gespeicherte Arbeit beziehungsweise die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten. Es gelten der erste[19] und zweite[20] Hauptsatz der Thermodynamik. Leben ist, wie alles andere im Universum, eine Erscheinungsform der Energie. Folglich tritt der Lebensprozess primär als ein energetischer, von der treibenden Kraft der Energie ausgehender Vorgang auf. Im Bereich der menschlichen Aktivitäten unterscheiden wir zwischen endosomatischer, dem Menschen über die Nahrungskette und exosomatischer, dem Menschen durch geschaffene Werkzeuge/Maschinen der Energieumwandlung zufließende Energie.[21] Sie ist kein beliebiger Rohstoff, sondern eine elementare Größe für jedes ökologische und technisch-ökonomische System, so dass der Energieverwendung eine Schlüsselrolle in der wirtschaftlichen Entwicklung zukommt. Wirtschaftliches Handeln beruht darauf, Energieflüsse zu organisieren, mit deren Hilfe solche technischen und ökonomischen Systeme aufgebaut und erhalten werden, die wiederum bestimmten menschlichen Zwecken dienlich sind.[22] Evolutionen jeder Art sind mit der Umwandlung von Energie verbunden.

[...]


[1] Gericke, Hans Otto: Von der Holzkohle zum Koks. Die Auswirkungen der „Holzkrise“ auf die Mansfelder Kupferhütten, in: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 85/2 (1998), S. 156-195.

[2] Vgl. vor allem Radkau, Joachim: Zur angeblichen Energiekrise des 18. Jahrhunderts: Revisionistische Betrachtungen über die „Holznot“, in: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 73/1 (1986), S. 1-37; ders.: Holzverknappung und Krisenbewußtsein im 18. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft 9 (1983), S. 513-543; ders.: Das Rätsel der städtischen Brennholzversorgung im „hölzernen Zeitalter“, in: Schott, Dieter (Hrsg.): Energie und Stadt in Europa, Stuttgart 1997, S. 43-75.

[3] Sieferle, Rolf Peter: Der unterirdische Wald. Energiekrise und Industrielle Revolution, München 1982, S. 261.

[4] Gleitsmann, Rolf-Jürgen: Rohstoffmangel und Lösungsstrategien. Das Problem vorindustrieller Holzknappheit, in: Technologie und Politik. Das Magazin zur Wachstumskrise 16 (1980), S. 104-154.

[5] Ebd., S. 106.

[6] Radkau, Energiekrise, (wie Anm. 2), S. 1.

[7] Ebd., S. 36.

[8] Grabas, Margrit: Krisenbewältigung oder Modernisierungsblockade? Die Rolle des Staates bei der Überwindung des „Holzenergiemangels“ zu Beginn der Industriellen Revolution in Deutschland, in: Jahrbuch für europäische Verwaltungsgeschichte: Öffentliche Verwaltung und Wirtschaftskrise 7 (1995), S. 43-75.

[9] Ebd., S. 45.

[10] So der Untertitel seines Buches. Sieferle, Wald, (wie Anm. 3).

[11] Vgl. ebd., S. 236 und ders.: Vom Holz zur Kohle. Die Energiekrise im 18. Jahrhundert und ihre Lösung, in: Der Anschnitt. Zeitschrift für Kunst und Kultur im Bergbau. 36/4 (1984), S. 124-135 [130] mit ebd., S. 134 und ders.: Energie, in: Brüggemeier, Franz-Josef/Rommelspacher, Thomas (Hrsg.): Besiegte Natur. Geschichte der Umwelt im 19. und 20. Jahrhundert, München 1989, S. 20-41 [30].

[12] Seiner regionalen Studie ist auch das dieser Seminararbeit zugrundeliegende Fallbeispiel entnommen. Gericke, Holzkohle, (wie Anm. 1), S. 192.

[13] Gericke, Holzkohle, S. 157, Radkau, Energiekrise, (wie Anm. 2), S. 2f, Radkau, Holzverknappung, (wie Anm. 2), S. 533.

[14] Koselleck, Reinhart: Krise, in: Brunner, Otto (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 3, Stuttgart 1982, S. 617-650 [650].

[15] Ebd., S. 617-650.

[16] Regenbogen, Arnim: Krise, in: Sandkühler, Hans Jörg (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie, Band 1, Hamburg 1999, S. 734-738 [738].

[17] Als dem „Entbehren des zum Leben notwendigen“. Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, Band 6, Leipzig 1885, S. 1543.

[18] Als dem „Bedürfnis und der Zustand des Bedürfnisses“. Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, Band 7, Leipzig 1889, S. 914.

[19] Energieerhaltungssatz: Energie kann weder erzeugt noch vernichtet werden, sondern nur von einer Form in eine oder mehrere andere umgewandelt werden. In einem abgeschlossen physikalischen System ist die Gesamtenergie zeitlich konstant.

[20] Entropiesatz: In einem abgeschlossenen thermodynamischen System kann die Entropie nur zunehmen oder bei reversiblen Prozessen höchstens gleich bleiben. Er gibt die Richtung der Energieumwandlung an.

[21] Debeir, Jean-Claude: Prometheus auf der Titanic. Geschichte der Energiesysteme. Frankfurt/Main 1989, S. 25.

[22] Sieferle, Rolf Peter: Industrielle Revolution und die Umwälzung des Energiesystems, in: Pirkner, Theo: Technik und Industrielle Revolution. Vom Ende eines sozialwissenschaftlichen Paradigmas. Opladen 1987, S. 147-158 [149].

Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638432818
ISBN (Buch)
9783638802413
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v45995
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
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