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Das Bild des Dichters in Robert Musils Essays. Der Menschtypus des Dichters und seine Entwicklung

Hausarbeit 2014 12 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Begriff des Essays
2.1 Definitionen des Essays
2.2 Musils „Essayismus“

3 Der Dichter bei Musil
3.1 Die Unterscheidung des Ratioïden vom Nicht-Ratioïden
3.2 Der Dichter als Schnittmenge des Ratioïden und Nicht-Ratioïden?

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In dieser Hausarbeit soll versucht werden, die Grundsätze des komplexen und vielschichtigen Dichterbilds Robert Musils anhand von drei im Seminar besprochenen Essays herauszuarbeiten. Dabei handelt es sich um die Essays „Form und Inhalt“ (1910), „Analyse und Synthese“ (1913) sowie „Skizze der Erkenntnis des Dichters“ (1918). Mithilfe dieser drei Essays, in denen Musil sich zu seinen Vorstellungen äußert, was ein Dichter ist und wie er arbeitet, wird das Grundverständnis herausgearbeitet, auf dem Musil seine eigene dichterische Tätigkeit aufbaut und die sich in seinem Großwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“ (zwischen 1921 und 1942) wiederfindet. Daran zeigt sich erst, „wie sehr die Denk- und Schreibweise Musils Ausdruck seiner dichterischen Haltung ist“1. Bei der Auseinandersetzung wird ebenfalls berücksichtigt, welche Rolle das Medium des Essays in diesem Zusammenhang für Musil spielte und inwiefern er es nutzte, um seine Vorstellungen vom Menschentypus des Dichters weiterzuentwickeln.

2 Zum Begriff des Essays

Obwohl der Essay bereits im 16. Jahrhundert von dem Philosophen Michel de Montaigne verwendet wurde, um seine persönliche Meinung zu äußern, und der Essay in der Epoche der Romantik eine Blütezeit erlebte, nutzten erst Thomas Mann und Robert Musil zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Essay als wichtiges Ausdrucksmittel, um die zeitgenössischen Themen und tiefgreifenden Veränderungen der Gesellschaft, der Industrie und der Kultur textuell zu verarbeiten.2 Deswegen soll zunächst eine allgemeinere Bestimmung des Essays und im Anschluss daran das Essay-Verständnis Musils sowie sein Einfluss auf die Textgattung aufgezeigt werden.

2.1 Definitionen des Essays

Einig sind sich die Autoren der Nachschlagewerke und Monographien über Musils Essays einzig darin, dass man den Essay an sich nicht genau definieren kann, weil er nicht nur eine offene und wandelbare Struktur aufweist, sondern sich auch nur schwer von anderen kommentierenden Textformen unterscheiden lässt: „Essay: […] nicht-fiktionale, aber lit. stilisierte Gebrauchsform der Prosa, die nicht eindeutig von Aufsatz, Abhandlung, Traktat und Feuilleton abzugrenzen ist.“3 Dieser erste Satz aus der Definition des Essays in Metzlers Literaturlexikon verdeutlicht die Schwierigkeiten im Umgang mit dem Essay. Gerade aber diese scheinbare Unklarheit des Begriffs ermöglicht seine Eingrenzung vom Standpunkt der Metaebene aus: Bei einem Essay handelt es sich um eine zeitgenössische, subjektive Kulturkritik.

Durch unkonventionellen Duktus und nonkonformistische Offenheit wird der Essay zum adäquaten Medium, um die komplexe soziokulturelle Krisensituation der Moderne kritisch zu analysieren und neue Impulse zur Problembewältigung zu geben. Die besondere geistige Dynamik des Essays ermöglicht kreative Perspektiven und utopische Entwürfe.4

Damit wird zum einen die enorme Bedeutung des Essays für die Autoren Musil und Mann deutlich und zum anderen seine Wichtigkeit als Instrument der Gesellschafts-, Sozial- und Kulturkritik gezeigt. Da er sich innerhalb dieser Themenkreise hin und her bewegt, nimmt er zugleich auch eine vermittelnde und synthetisierende Rolle ein:

Als Medium kulturkritischer Subjektivität vermittelt der Essay, der einerseits über ästhetische Autonomie verfügt, andererseits aber einem diskursiven Wahrheitsanspruch verpflichtet ist, zwischen Literatur und Wissenschaft, Empirie und Philosophie, Theorie und Praxis, Geschichte und Politik.5

Um den Definitionsschwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, berufen sich viele Autoren, so auch das Literaturlexikon, direkt auf Musils Verständnis des Essays, da sich mit Einsetzen der Moderne tiefgreifende Veränderungen auch in der Textproduktion vollzogen: „Die neuere Forschung […] konzentriert sich auf die Analyse des – erstmals von R. Musil im »Mann ohne Eigenschaften« so genannten – ›Essayismus‹ als Denk- und Schreibverfahren in unterschiedlich geformten Texten.“6 Dabei wird jedoch trotzdem wieder auf die Metaebene des Essays hingewiesen, die sich auch hinter diesem Definitionsversuch verbirgt:

Kennzeichnend für den E. ist danach eine Offenheit des Denkens, eine Methode des Fragens und Suchens, die einerseits der Komplexität der Erfahrungswirklichkeit gerecht werden will und andererseits allen Dogmen des Glaubens und Systemen des Wissens skeptisch entgegentritt: Im E. werde das Denken und Schreiben zum Experiment.7

Der Verweis auf die Wissensdiskurse erfolgt an dieser Stelle in der Absicht, auf die Schwierigkeiten der Moderne hinzuweisen, welche sich aus rasant entwickelnder Technisierung und technischem Fortschritt sowie dessen unabsehbarem Einfluss auf die Gesellschaft ergeben. Im kritischen Essay wird deswegen eine ganzheitliche Synthese aller aktuellen und relevanten Themenkomplexe angestrebt:

Essayismus als Metakritik der Moderne […] steht zwischen (nicht über) den verschiedenen Diskursfeldern (Alltag, Kunst, Wissenschaft) sowie zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen (Naturwissenschaft, Philosophie etc.). […] Das heißt, sie ist weder vollkommen zwischen den Dingen des Lebens noch versucht sie, wissenschaftlich von diesen zu abstrahieren.8

Somit wird der Essay zum zentralen Kritikmedium der Moderne, da er „als Medium der Darstellung, Verschränkung und Reflexion ästhetischer und wissenschaftlicher Erkenntnisformen“9 verstanden wird, wodurch er dazu prädestiniert ist, innerhalb eines Romans den Standpunkt einer Figur zu vertreten.

2.2 Musils „Essayismus“

Um die spezielle Art und Weise, in der Musil den Essay nutzte, von der anderer Schriftsteller abzugrenzen, wurde der Begriff Essayismus eingeführt.10 In diesem Zusammenhang ist zunächst festzuhalten, dass Musil „den Essay als Kunstform, nicht als Gattungsform zu definieren“11 wollte, um eine „theoretische Lösung für ein persönliches, menschliches und künstlerisches Problem zu finden.“12 Dieses bestand darin, dass Musil durch seinen Militärdienst, sein Studium der Ingenieurswissenschaft sowie das der Philosophie und der Psychologie und durch seine schriftstellerische Neigung einen Mittelweg suchte, um die verschiedenen Lebens- und Wissensbereiche zu vereinen: „Als der Mann zweier Bereiche, des intellektuellen-reflektiven und des gestaltenden-dichterischen, sucht er eine Gestalt, die geeignet wäre, die »geistige Bewegung« in eine Form umzusetzen, die keine Wissenschaft, kein begriffliches System wäre.“13 Musil strebte also eine Synthese an: Der Essay „stellt nicht nur die Einheit von Verstand und Gefühl her als Mittler zwischen Wissenschaft und Kunst, sondern erlaubt darüber hinaus Prüfungen des Erkenntniswertes seiner Tatsachenverknüpfung im streng wissenschaftsmethodischen Sinne.“14 Dem Erkenntniswert des Essays kommt dabei eine entscheidende Rolle zu: Durch die Integration des Essayistischen in den Roman, die Dichtung, wird eine weitere Synthese geleistet, nämlich die Aufhebung der „Trennung von Wissenschaft und Leben, von Verstand und Gefühl“15, wordurch „das Essayistische in der Dichtung […] zum Essayistischen der Dichtung wird“16. Somit wird das Essayistische in der Dichtung zum synthetisierten „Welterklärungs versuch17 und gleichzeitig zum (kultur-)kritischen Moment der Dichtung, in dem der Schriftsteller seine subjektive Sicht der aktuellen Geschehnisse darlegen kann.

3 Der Dichter bei Musil

Musils Verständnis des Dichters weist starke autobiographische Züge auf, da er, wie oben schon erläutert, sowohl Geisteswissenschaftler als auch Naturwissenschaftler war. Durch das Essayistische, das er auch in seinen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ einfließen ließ, versucht er eine Synthese der beiden wissenschaftlichen Erkenntnisweisen auf die Welt. Hinzu kommt, dass Musil seine Dichtervorstellungen in vielen Essays entwickelt, so beispielsweise in „Skizze der Erkenntnis des Dichters“, sodass eine Reflexion auf zwei Ebenen stattfindet: Zum einen präsentiert Musil seine Einteilung der Menschen und ihrer Sichtweisen auf die Welt in den ratioïden und den nicht-ratioïden Typus und zum anderen versucht er, einen persönlichen Weg zu finden, auf dem er Geistes- und Naturwissenschaft in der Literatur vereinen und neue Erkenntnisse gewinnen kann:

Es ist das Bestreben des Philosophen, Naturwissenschaftlers und Schriftstellers Robert Musil, die vorherrschende Trennung von von Ratio, logisch-begrifflichem Denken und Wissenschaft einerseits und Gefühl, Seele, Empfindung und Phantasie andererseits in ein produktives Spannungsverhältnis zu setzen, in dem die eine Art des Denkens die jeweils andere Art inspiriert und zu neuen Erkenntnissen transzendiert.18

3.1 Die Unterscheidung des Ratioïden vom Nicht-Ratioïden

Um diesen Ansatz zu verstehen, muss zunächst geklärt werden, was Musil mit dem Ratioïden und dem Nicht-Ratioïden meint. Dieses Gegensatzpaar lässt sich gut auf die Wissensbereiche der Geistes- sowie die der Naturwissenschaft anwenden, da diese beiden in etwa das nicht-ratioïde Gebiet und das ratioïde Gebiet repräsentieren. Dabei muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass sich Musil auf das zeitgenössische Verständnis der Naturwissenschaften bezieht19 und dass sich das nicht-ratioïde Gebiet über Philosophie über Psychologie bis hin zur Literatur und Kultur im weitesten Sinne erstreckt.

Musil ordnet in seinem Essay „Skizze der Erkenntnis des Dichters“ dem ratioïden Gebiet den rationalen Menschen zu und dem nicht-ratioïden Gebiet den Ausnahmemenschen, den Dichter20, welche als Gegensätze präsentiert werden. Der rationale Mensch verkörpert demnach „alles wissenschaftlich Systematisierbare, in Gesetze und Regeln Zusammenfaßbare. Die Tatsachen sind in ihm [im ratioïden Gebiet; Anm. S.K.] wiederholbar und lassen sich eindeutig beschreiben und vermitteln.“21 Es handelt sich also um einen materiellen, mit Regeln und Regelmäßigkeiten durchsetzten Bereich der Lebenswelt, der weder in der Lage ist, seine starre Logik abzulegen, noch eine Aussage über kulturelle, literarische oder ethische Begebenheiten zu treffen.

Vom ratioïden Gebiet des wissenschaftlich Klassifizierbaren, das wiederholbare, eindeutig zu definierende Konstellationen vor allem in der physischen Natur umfaßt […], unterscheidet Musil den nicht-ratioïden Bereich der Ideen und Werte sowie ästhetischer und ethischer Beziehungen, die jeweils individuell, von okkasionellen Gegebenheiten abhängig, mithin grenzenlos variabel sind […]. An die Stelle statischer Strukturen tritt hier eine ausgeprägt Dynamik.22

Dieser ideelle, nicht-ratioïde Bereich ist der des Ausnahmemenschen, der, so Musil, in der Lage ist, sich reflektierend und beobachtend mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Dem „liegt zugrunde eine bestimmte Erkenntnishaltung und Erkenntnis­erfahrung“23, die es dem Ausnahmemenschen ermöglicht, sich mit ästhetischen, ethischen, ideellen und kulturellen Begebenheiten zu befassen. Es „kristallisiert sich die Übereinstimmung Ausnahmemensch – Dichter heraus“24, wobei Musil auch solche Ausnahmemenschen als Dichter bezeichnet, die nicht schriftstellerisch tätig sind: „So oft aber hierbei vom Dichter, als einer besonderen Gattung Mensch, die Rede sein wird, sei vorausbemerkt, daß damit nicht nur die gemeint sind, die schreiben; es gehören viele dazu, welche die Tätigkeit scheuen“25. Der Dichter „besitzt die Gabe der Beobachtung, des Sehens, des In-Frage-Stellens, des Eindringens und der Erfassung von Beziehungen, Spiegelungen, Reflexen.“26 Das nicht-ratioïde Gebiet zeigt sich in dieser Hinsicht ungeordnet, teilweise sogar chaotisch und ganz und gar nicht von Strukturen und Regeln durchsetzt:

[...]


1 Gradischnig, Hertwig: Das Bild des Dichters bei Robert Musil. Musil-Studien, Bd. 6. München: Wilhelm Fink 1976, S. 7.

2 Vgl. Deutsch, Sibylle: Der Philosoph als Dichter. Robert Musils Theorie des Erzählens. Beiträge zur Robert-Musil-Forschung und zur neueren österreichischen Literatur, Bd. 5. St. Ingbert: Werner J. Röhrig 1993, S. 8.

3 Kauffmann, Kai; Schweikle, Irmgard: Artikel „Essay“. In: Burdorf, Dieter; Fasbender, Christoph; Moennighoff, Burkhard (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. 3., neu bearb. Aufl. Stuttgart: J.B. Metzler 2007, S. 210.

4 Neymeyr, Barbara: Utopie und Experiment. Zur Literaturtheorie, Anthropologie und Kulturkritik in Musils Essays. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2009, S. 9.

5 Ebd.

6 Kauffmann; Schweikle (2007): S. 210.

7 Kauffmann; Schweikle (2007): S. 210.

8 Nübel, Birgit: Robert Musil. Essayismus als Selbstreflexion der Moderne. Berlin: Walter de Gruyter 2006, S. 2.

9 Nübel (2006): S. 5.

10 Vgl. Kauffmann; Schweikle (2007): S. 210.

11 Roth, Marie-Louise: Robert Musil – Ethik und Ästhetik. Zum theoretischen Werk des Dichters. München: Paul List 1972, S. 281.

12 Ebd.

13 Roth (1972): S. 281.

14 Luserke, Matthias: Wirklichkeit und Möglichkeit. Modaltheoretische Untersuchung zum Werk Robert Musils. Frankfurt/Main: Peter Lang 1987, S. 50.

15 Luserke (1987): S. 52.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Deutsch (1993): S. 9.

19 Vgl. Nübel (2006): S. 171.

20 Vgl. ebd.

21 Nusser, Peter: Musils Romantheorie. The Hague: Mouton & Co. 1967, S. 13f.

22 Neymeyr (2009): S. 28.

23 Frisé, Adolf (Hrsg.): Robert Musil. Gesammelte Werke in neun Bänden. Bd. 8: Essays und Reden. Hamburg: Rowohlt 1978, S. 1026.

24 Gradischnig (1976): S. 8.

25 Frisé (1978): S. 1026.

26 Roth (1972): S. 190.

Details

Seiten
12
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668905993
ISBN (Buch)
9783668906006
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459967
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Robert Musil Essayismus

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