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Wie hat sich der Salafismus in Deutschland etabliert?

Hausarbeit 2018 20 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Herkunft
2.1 Begrifflichkeit
2.2 Geschichte des Salafismus

3 Ideologie

4 Strömungen des Salafismus

5 Anfänge in Deutschland

6 Lage des Salafismus in Deutschland

7 Missionierung und Propaganda

8 Verbote

9 Fazit

10 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Wer den Propheten beleidigt, verdient die Todesstrafe.“1 sagte der Salafist im Gerichtsverfahren, wo er aufgrund seiner Messerattacke auf Polizisten (2012 in Bonn) stand. Er hat zwei Polizisten schwer verletzt und verteidigte seinen Angriff damit, dass die Polizei die Kundgebung der islamfeindlichen Pro-NRW-Bewegung gestattet habe. Einen ähnlichen Vorfall stellt die Tötung vermeintlicher Gotteslästerer in 2006 dar, wo von den Kofferbombern erklärt wurde, dass sie keinem außer Gott gegenüber verantwortlich sind und deshalb die deutschen Gerichte nicht anerkennen.2

Dies und weitere Beispiele wie diese sind schon Indikatoren für den gewaltorientierten und extremistischen Teil der Salafisten. Dadurch, dass diese Nachrichten außergewöhnlich sind und durch unterschiedlichste Medien schwimmen kommt es zu einer raschen Verbreitung dieser. Durch die schnelle Verbreitung und vor allem der eigenen Präsentation der Salafisten als Feind der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit ist die Thematik des radikalen Salafismus kaum zu übersehen. Man kann annehmen, dass mehr oder weniger ganz Deutschland was von ihnen gehört hat, die dann vor allem zu einer Angst und Besorgnis um das Wohl des Abendlandes geführt hat. Hierzu gehören auch Gruppen, die durch solche Verbreitungen den gesamten Islam und all diejenigen, die sich zum Islam gehörig fühlen als bedrohlich empfinden.

Erwähnenswert ist, dass die Anzahl der gewaltbereiten Salafisten in Deutschland immer mehr steigt. Vor allem Jugendliche und Konvertierte tragen durch ihre Einschließung zum Salafismus zu einer Zunahme bei. Dadurch wird in der Gesellschaft immer mehr die Notwendigkeit angemessener Gegenmaßnahmen empfunden.

Der Salafismus sollte nicht mit dem Begriff des Islam gleichgesetzt werden, denn es ist bemerkenswert, dass der Salafismus eine deutliche Minderheit derjenigen, die sich als Muslim bekennen, ausmacht. Außerdem ist im islamisch-historischen Kontext nichts vorhanden, was dem heute präsenten Salafismus ähnelte, wobei die Salafisten ihrerseits das Beruhen auf die Tradition des ursprünglichen Islam vertreten. Sie beziehen sich hierbei hauptsächlich auf die ersten drei Generationen nach dem Tod des Propheten Muhammad (Friede und Segen seien mit ihm), nach der arabischen Bezeichnung die „al salaf al-ṣāliḥ3.

Doch recht viele der islamischen Gruppierungen hatten ebenso den Rückbezug auf die Tradition bewahrt und sind trotz dessen nicht in der Praxis gefährdend für andere Menschen ausgefallen wie es bei dem Salafismus der Fall ist. Daher kommt auch immer wieder der Begriff des „Neo-Salafismus“ zum Ausdruck.

Bei dem Salafismus kann man neben dem Rückbezug zur Tradition eigentlich mehr von „einer Transformation der Traditionen und Konzepte durch Selektion, Neuinterpretation und Verbindung mit neuen, teilweise nicht-islamischen Elementen“4 sprechen.

Damit geben sich die radikalen Salafisten auch als die einzig wahren Gläubigen aus.

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit den ersten Ursprüngen des Salafismus, darunter die Etymologie des Begriffs und die Ansichten dieser Strömung, die sie von anderen islamischen Strömungen unterscheiden; doch hauptsächlich geht es um die Verbreitung bis nach Deutschland und den Erfolg der Etablierung in Deutschland.

Es werden natürlich die unterschiedlichen Strömungen, die alle unter dem Begriff des Salafismus fallen, berücksichtigt bzw. erläutert. Denn nicht alle, die sich zum Salafisten bekennen sind radikalisiert.

Neben den Radikalisierungssentwicklungen wird auch in mögliche Präventionen der Ausbreitung des Salafismus in Deutschland eingegangen.

2 Herkunft

2.1 Begrifflichkeit

„Salafismus“ ist eine Bezeichnung, die ihren Ursprung aus dem arabischen Ausdruck „salafiyya“ hat. „Salafiyya“ wiederum beinhaltet das arabische Wort „salaf“, welches so viel wie „Vorgänger“ oder „Altvordere“ bedeutet.

Inhaltlich meint der Ausdruck eine Leitlinie bezogen auf die religiöse Praxis und Lebensweise der ersten Muslime bzw. der ersten drei Generationen zur Zeit der Geburt des Islam; insofern stellen die erste Generation die Muslime, die den islamischen Propheten Muḥammad (Friede und Sege mit ihm) unmittelbar gesehen haben, dar.5

Zur zweiten Generation gehören die Muslime, die zu den Gefährten des Propheten (zur ersten Generation) direkten Kontakt hatten.6 Als dritte Generation bezeichnet man wiederum die Muslime, die mit der zweiten Generation unmittelbar im Kontakt waren.7

Mit „Altvordere“ sind also, wie oben schon erwähnt, diese ersten drei Generationen gemeint. Diese Basis der „Salafiyya“ soll zur Beibehaltung des „originalen“ Islams, so wie sie zum Anfang gewesen ist, dienen.

Die Bezeichnung „Salafist“ wir demzufolge vom arabischen Begriff „Salafi“ abgeleitet, wobei es in der islamischen Geschichte immer wieder Gruppen gab, dessen Anhänger als „Salafi“ bezeichnet wurden, da ihre Leitlinie stark an der Tradition knüpft und nicht wie der deutsche Ausdruck des „Salafist“ nur mit dem Neosalafismus verbunden.

2.2 Geschichte des Salafismus

In der Entstehungsgeschichte des Salafismus sind einige Personennamen zu nennen, die eine besondere Rolle für den Anstoß des heute bekannten Salafismus hatten.

Der erste ist „Ibn Taymiyya“ (1263-1328), der zum Teil als der zweite Begründer der hanbalitischen Rechtsschule8 gilt. Er ist derjenige, der eine Idee, die seit Jahrhunderten marginal existierte, in der Gesellschaft zunächst unbeabsichtigt bekannt machte; nämlich die „wortwörtliche Auslegung des Koran, ohne den Kontext eines Verses zu betrachten“9.

Ibn Taymiyya war der Ansicht, dass alle Formulierungen im islamischen Recht einen Beleg aus dem Koran oder der Sunna10 haben müssen und legte einen großen Wert auf die Praxis des islamischen Rechts und dies vor allem bei Staatsführern. Staatsführer, die das islamische Recht nicht praktizieren, können nach ihm nicht als Muslime bezeichnet werden, denn die „oberste Aufgabe eines (islamischen) Staatswesens sei die Umsetzung des islamischen Rechts“11. So wie die meisten muslimischen Gelehrten war auch für ihn in der Koranexegese der Einbezug der Sunna wichtig, doch außerdem legte er einen Wert auf die wörtliche Auslegung des Koran.

Sein Schüler „Ibn Qayyim Al-Jawziyya“, der als der dritte Begründer der hanbalitischen Rechtsschule gilt, hat die Ideen seines Lehrers systematisch aufgebaut.

Daneben gibt es eine zweite Bewegung, den „Wahhabismus“, dessen Benennung auf den hanbalitischen Gelehrten „Muḥammad ibn ´Abd al-Wahhāb“ (1702/3-1792) zurückgeht. Der Wahhabismus gilt als eine Reformbewegung, dessen Lehre sich auf den Koran und die Sunna beruht und eine strikte und puristische Form des Islams hat. Der Wahhabismus verbietet beispielsweise Wallfahrten zu Gräbern und Heiligenverehrungen, da sie eine besonders starke Einstellung auf den Vollzug des Tawḥīd (Monotheismus) haben. Quelle der Bewegung ist Ibn Taymiyya, der ebenfalls Grabbesuche kritisierte.

Ziel dieser Reform ist die „Rückkehr zum ursprünglichen Islam“. Laut ´Abd al-Wahhāb haben sich die „Muslime von den ursprünglichen Glaubensinhalten ihrer Religion so weit entfernt, dass sie kaum noch als Muslime zu bezeichnen wären.“12

Beachtlich ist, dass der Begriff des Wahhabismus von den Gegnern der Wahhabiten als Bezeichnung benutzt wurde und keine eigene Namensgebung ist. Selbst der Vater und der Bruder ´Abd al-Wahhābs haben vor seiner Lehre gewarnt und letztendlich wurde er auch aus seiner Stadt verbannt.

Die Ausbreitung des Wahhabismus erfolgte vor allem durch die Heirat der Tochter ´Abd al- Wahhābs mit dem Herrscher (Ibn Saud) von Dir’iyya (nordwestlicher Vorort von Riad). Der Herrscher und ´Abd al-Wahhāb gründeten eine Allianz und ´Abd al-Wahhāb gab dem Herrscher die religiöse Legitimation. Diese politische Unterstützung ist Ursache für die wahhabitische Staatsideologie Saudi-Arabiens.

Die Osmanen und Wahhabiten hatten große Kriege geführt und in Saudi-Arabien haben die Wahhabiten viele aus der Bevölkerung blutig getötet, weil sie sie als Nichtmuslime ansahen. Im 20. Jahrhundert kam es durch einige Einflüsse wie zum Beispiel der Unterstützung der britischen Armee für Saudi-Arabien und der Zusammenbruchs des osmanischen Reiches zu einer starken Verbreitung. Das Ölreichtum Saudi-Arabiens hatte einen großen Einfluss für die Verbreitung des Wahhabismus ins Ausland. Ein weiterer und sehr wichtiger Verbreitungsgrund ist die islamische Weltliga, die internationale Organisation, die 1962 als kulturelle und religiöse Stimme der Völker in der Stadt Mekka gegründet wurde.

Die beschriebenen Bewegungen liegen sehr nah zueinander, allein mit dem Unterschied des Zielfokus bei der Entstehung. Beide Bewegungen hatten eine kritisierende Haltung gegenüber der muslimischen Gemeinschaft, schlossen sich somit von der Mehrheit aus und gerieten letztendlich in einen Extrempunkt.

„Was heute als Salafismus bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit nichts anderes als Wahhabismus.“13

Anfang des 19. Jahrhundert gab es sogenannte muslimische Traditionelle und Modernisierer. Die Salafisten wollten die Mitte der beiden finden und hielten die Orientierung an den „rechtschaffenen Altvorderen“ für den mittleren Weg zwischen den beiden Standpunkten. Denn sie sahen als Grund für das Problem die Differenzierung von den Altvorderen.

Somit kam es im 19. Jahrhundert vor allem durch politische Verschärfungen zu einem Zusammenschmelzen der beiden Ideologien.

Der Ursprung der Salafiyya-Bewegung war also eine „modernistische, Kompromiss suchende und zukunftsorientierte Bewegung“14 Sie vermischte sich jedoch im Nachhinein mit dem Wahhabismus und es entstand die Ideologie des heutigen Salafismus, der radikal und extremistisch gilt.

[...]


1 Jörg Diehl: „Prototyp eines Fanatikers“, Spiegel Online, 19.10.2012, http://www.spiegel.de/panorama/justiz/urteil-gegen-salafist-murat-k-wegen-messerattacke-

2 „Salafist Murat K. muss für sehcs Jahre in Haft“, Spiegel Online, 19.10.2012, http://www.spiegel.de/panorama/justiz/salafist-murat-k-wegen-messerattacke-auf- polizisten-verurteilt-a-862253.html.

3 „die rechtschaffenen Altvorderen“ auf der arabischen Halbinsel, die zum Propheten oder seinen Anhängern direkten Kontakt hatten.

4 Jokisch, Benjamin/ Ceylan, Rauf: Salafismus in Deutschland. Entstehung, Radikalisierung und Prävention. Verlag: Peter Lang, Frankfurt am Main, 2014.

5 Die sogenannten „ṣaḥāba“. (Anhänger/Gefährte).

6 Die sogenannten „Tābi´ūn“ (Nachfolger).

7 Die sogenannten „Tābi´ at-Tābi´īn“ (Nachfolger der Nachfolger).

8 Eine der vier sunnitischen Rechtsschulen, die nicht im Bereich des Extremismus liegen.

9 Sahinöz, Cemil: Salafismus. Extremismus und Fanatismus verstehen und handeln. Verlag: BoD-Books on Demand, Norderstedt, 2016, S. 42.

10 Praxis, Worte oder stillschweigende Missbilligungen des Propheten Muḥammad

11 Sahinöz, Cemil: Salafismus. S. 42

12 Ebd. S. 44

13 Sahinöz, Cemil:Salafismus. S. 46

14 Sahinöz, Cemil:Salafismus. S. 46

Details

Seiten
20
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668907898
ISBN (Buch)
9783668907904
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460008
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,3
Schlagworte
salafismus deutschland

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