Lade Inhalt...

Wie entwickeln sich musikalische Identitäten bei Jugendlichen?

Seminararbeit 2018 15 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Identität 3
2.1 Identitätstheorien 4
2.2 Musikalische Identität 6
2.2.1 Musik in Identitäten 6
2.2.2 Identität in Musik 7
2.3 Musikalische Identität und soziale Konsequenzen 7
2.3.1 Musikpräferenzen und Stereotype 8
2.3.2 Musikpräferenzen und „Ingroup Favouritism“ 10
2.3.3 Musikpräferenzen und soziale Bindungen

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Und was hörst du so für Musik?“, das ist wohl eine der ersten Fragen, die gestellt wird, wenn Jugendliche neue Kontakte knüpfen. Die Musikpräferenzen scheinen nicht nur ein gutes Thema für Smalltalk, sondern auch ein ausschlaggebendes Merkmal für die Beurtei- lung einer Person zu sein. Wie musikalische Präferenzen im Zusammenhang mit musikalischer Identität stehen und welche Auswirkungen letztere auf die soziale Identität von Jugendlichen hat, soll im Folgenden untersucht werden. Es stellt sich außerdem die Frage, ob durch Musikpräferenzen bestimmte Wertvorstellungen und Charaktereigenschaf- ten transportiert werden, und ob dies sich auf das Verhalten gegenüber Personen mit ähnlichen oder anderen Musikpräferenzen auswirkt. Bestehen unter Jugendlichen für be- stimmte Musikstile Stereotype über die HörerInnen? Auch Gruppenzugehörigkeit und die Begünstigung von Mitgliedern der eigenen Gruppe, sowie Ablehnung von Mitgliedern einer außenstehenden Gruppe spielt bei der Entwicklung der jugendlichen Identität eine Rolle. Zuletzt soll die Entstehung von Bindungen durch ähnliche Musikpräferenzen unter- sucht werden.

Hierzu wurden verschiedene Studien mit Jugendlichen in unterschiedlichen Alters- klassen ausgewertet.

2. Identität

Um die musikalische Identität zu untersuchen und zu beschreiben, muss zunächst der Identitätsbegriff betrachtet werden. Hargreaves, Miell und MacDonald (2002, S. 7) be- leuchten hierzu verschiedene Blickwinkel und Auffassungen von Identität.

Nach Hargreaves, Miell und MacDonald bezeichnet die Selbstidentität das umfassen- de Verständnis unserer selbst (2002, S. 8). Diese setzt sich aus verschiedenen Selbstkonzepten und Selbstbildern zusammen. Selbstkonzepte können sowohl kontext- und situationsspezifisch, als auch fachbereichsabhängig sein. Sie beschreiben beispielsweise, wie handlungsfähig wir uns in Notfällen einordnen, oder wie wir uns als MusikerInnen sehen (Hargreaves et. al., 2002, S. 8). Die Selbstkonzepte wiederum integrieren Selbstbil- der in sich. Diese beinhalten Persönlichkeitsmerkmale, das Auftreten einer Person, sowie soziale Rollen, die eingenommen werden. Selbstbilder entstehen durch die Beobachtung des eigenen Verhaltens und dem Abgleich dessen mit anderen Personen und dem eigenen idealen Selbstbild. Dadurch können sich andere Personen und Gruppen stark auf das Ver- halten einer Person auswirken (Hargreaves et. al., 2002, S. 8). Zudem kann eine Selbstwertgefühl verringern kann. Auch der Vergleich mit anderen oder Anmerkungen, besonders von Bezugspersonen wie Eltern, können das Selbstwertgefühl verringern . Das Selbstwertgefühl ist die bewertende Komponente der Selbstidentität, welche kognitive und emotionale Aspekte beinhaltet. Es drückt den gedachten und gefühlten Wert einer Person aus (Hargreaves et. al., 2002, S. 8).

2.1 Identitätstheorien

Im Folgenden werden einige Identitätstheorien vorgestellt.

William James Teilung der Identität in „me“ and „I“ (James, 1890 zit. nach Hargreaves et. al. 2002, S. 9) bildet die Grundlage für spätere Identitätstheorien. Nach James stellt das „me“ den beobachtbaren und bekannten Teil des Selbst dar, der sich aus sozialen Kategorien zusammensetzt und daher veränderbar ist. Es kann in vier Aspekte geteilt werden: das spirituelle, das grundlegende, das soziale und das körperliche Selbst. Das „I“ ist der Beobachter des „me“ und das echte, unveränderliche Selbst (Hargreaves et. al. 2002, S. 9).

Auch Erik Erikson geht von einer Identität aus, die unabhängig von Zeitraum und Umstän- den konsistent ist (Dys, Schellenberg & McLean, 2017, S. 248). Sie beinhaltet die eigene Selbstwahrnehmung, sowie die Wahrnehmung des eigenen Selbst durch andere (Dys et. al., 2017, S. 248). Die Jugend spielt für Erikson eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Identität. Sie bietet die Möglichkeit, verschiedene Identitäten auszuprobieren und legt den Grundstein der Identität. Durch neue Erfahrungen und Rollen entwickelt sich die Identität jedoch ein Leben lang weiter (Dys et. al., 2017, S. 248f). Neben der kognitiven Entwick- lung, die zur Selbstreflexion beiträgt, sind drei Schlüsselprozesse von zentraler Bedeutung (Dys et. al., 2017, S. 249). Diese bezeichnet Erikson als Identifikation, Selbstwerdung und Integrierung.

Durch den Identifikationsprozess wird die soziale Identität geschaffen, indem das In- dividuum sich mit anderen Einzelpersonen, Gruppen und Kulturen vergleicht, und bestimmte, bewundernswerte Charakteristikaen übernimmt. Dadurch kann ein Zugehörig- keitsgefühl gebildet werden, welches die soziale Identität ausmacht (Dys et. al., 2017, S.249).

Die Selbstwerdung dagegen erlaubt Individuen, Ähnlichkeiten und Unterschiede zu anderen zu finden und führt zum Fortbestand persönlicher Charakteristiken über einen Zeitraum und verschiedene Kontexte (Dys et. al., 2017, S. 249).. werdung abgeleiteten Charakteristiken organisiert werden. Sie umfasst ein beständiges Selbst auf sozialer, persönlicher und Ich-Identitätsebene (Dys et. al., 2017, S. 249).

Durch diese Prozesse wird deutlich, dass die Identitätsbildung von der Umgebung und sozialen Beziehungen abhängig ist, da sie von diesen beeinflusst wird und somit in einem bestimmten kulturellen und zeitlichen Rahmen betrachtet werden muss (Dys et. al., 2017, S. 249).

James E. Marcia stütze seine Ausarbeitung einer Identitätstheorie auf die Eriksons. Er fügte zwei unabhängige Prozesse in der Identitätsentwicklung hinzu: die Erforschung und Festlegung (Dys et. al., 2017, S. 249). Die Erforschung bezeichnet das Prüfen und Entde- cken auf der Suche nach einem neuen Selbstbewusstsein. Die Festlegung bezeichnet den Grad des Festhaltens an Überzeugungen und Vorgehensweisen (Dys et. al., 2017, S. 249). Um sich auf eine für sich und andere zufriedenstellende Identität festzulegen, müssen verschiedene Identitäten erforscht worden sein (Dys et. al., 2017, S. 249).

Marcia benennt vier Stadien der Identitätsfindung, welchen bestimmte Persönlich- keitsmerkmale zugeschrieben werden: „achievement“, „moratorium“, „foreclosure“ und „diffusion“ (Dys et. al., 2017, S. 249).

„Achievement“ wird durch die Festlegung auf eine Identität, nach Erforschung ver- schiedener Möglichkeiten erreicht. Dies bringt Reife, ausgeglichenes Denken, effektive Entscheidungsfindung und starke soziale Beziehungen mit sich (Dys et. al., 2017, S. 250). Im „moratorium“ befindet sich, wer mit dem Erforschen begonnen, sich jedoch noch nicht auf eine Identität festgelegt hat. In diesem Stadium kann erhöhter Stress und Unsicherheit auftreten, da die Sicherheit einer festgelegten Identität fehlt und für die Identität relevante und repräsentative Aspekte abgewogen werden müssen (Dys et. al., 2017, S. 250). „Fo- reclosure“ bezeichnet die Festlegung auf eine Identität, ohne Alternativen erforscht zu haben. Meist wird dieser Status durch die starke Identifikation mit Bezugspersonen er- reicht und führt zu Engstirnigkeit (Dys et. al., 2017, S. 250). „Diffused“ bezeichnet das Stadium, in dem ein Individuum weder mit der Erforschung begonnen, noch sich auf eine Identität festgelegt hat. Individuen im „diffused“ Stadium sind gleichgültig und wenig handlungsfähig (Dys et. al., 2017, S. 250).

Michael D. Berzonsky betrachtet die Identitätsentwicklung unter dem Gesichtspunkt drei verschiedener Verarbeitungsstile. Diese sind der „informational style“, der „normative style“ sowie der „diffused-avoident style“ (Dys et. al., 2017, S. 250).

Personen mit einem „informational style“ wird eine aufmerksamere Entscheidungs- findung zugeordnet. Berzonsky schreibt ihnen ein höheres Selbstwertgefühl, Gewissenhaftigkeit und mehr Offenheit für Erfahrungen zu. Dieser Verarbeitungsstil soll die Grundlage für „achieved“ und „moratorium“ Stadien liefern (Dys et. al., 2017, S. 250).

Der „normative style“ ist die Grundlage des „foreclosed“ Status. Individuen mit die- sem Stil passen sich den Erwartungen von Bezugspersonen wie Familie und FreundInnenen an, was zu Engstirnigkeit führt (Dys et. al., 2017, S. 250).

Der „diffused-avoidant style“ zeichnet sich durch das Aufschieben, Verzögern und Vermeiden von Identitätskonflikten aus, wodurch wichtige Entscheidungen im Bezug auf die eigene Identität und das Verhalten situationsabhängig werden (Dys et. al., 2017, S. 251). Er bildet die Basis des „diffused“ Status (Dys et. al., 2017, S. 251).

2.2 Musikalische Identität

Identität im Bezug auf Musik kann aus zwei Blickwinkeln betrachtet werden. Hargreaves, Miell und MacDonald (2002, S. 2) unterscheiden nach Identitäten in Musik (IIM) – auch Identität im musikalischen Kontext – und Musik in Identitäten (MII) – auch musikalische Identität (Hargreaves et. al., 2002, S. 2)

2.2.1 Identitäten in Musik

Identität im musikalischen Kontext beschreibt die Aspekte von musikalischer Identität, die durch soziale Rollen und Kategorien geformt werden. Sie bezieht sich vor allem auf das Selbstkonzept von Jugendlichen im Bezug auf Musik, welches beispielsweise durch die Schule und die Familie beeinflusst wird (Hargreaves et. al., 2002, S. 2).

Ähnlich verhält es sich bei professionellen MusikerInnen, die durch die gesellschaftliche Zuschreibung von Eigenschaften für beispielsweise KomponistInnen, ImprovisatorInnen oder MusiklehrerInnen, beeinflusst werden (Hargreaves et. al., 2002, S. 2).

Diese gesellschaftlichen und kulturellen Zuschreibungen zu bestimmten Rollen rühren laut Cook (1998, nach Hargreaves et. al., 2002, S. 12) von hierarchischen Wertesystemen der europäischen klassischen Musik des 19. Jahrhunderts her, wonach die KomponistInnen der Musik einen höheren Rang innehaben, als deren InterpretInnen und HörerInnen (Hargreaves et. al., 2002, S. 12).

Dieses Themengebiet beschäftigt sich im Weiteren mit Persönlichkeitsmerkmalen im Bezug auf bestimmte Instrumente oder musikalische Aktivitäten, wie das Komponieren oder Lehren von Musik (Hargreaves et. al., 2002, S. 13). Nach Hargreaves, Miell und MacDonald (2002, S. 14), können Identitäten im musikalischen Kontext sich auf allgemei- ne Unterscheidung von Kategorien in musikalischer Aktivität, sowie auf konkrete Unter- scheidungen wie zwischen Instrumenten und Genres beziehen. Diese stützen sich auf soziale und kulturelle Kategorien (Hargreaves et. al., 2002, S. 14). ?????

2.2.2 Musik in Identitäten

Musik in Identitäten bezieht sich auf die Nutzung von Musik als Mittel, um andere Aspek- te der Identität zu entwickeln. Dazu gehört die Geschlechtsidentität, Jugendidentität, nationale Identität und Identität und Behinderung (Hargreaves et. al., 2002, S. 14f).

Musik kann in Bezug auf andere Aspekte der Identität eine wichtige oder weniger wichtige Rolle spielen. Hierbei können Musikpräferenzen einen bedeutenden Teil über- nehmen (Hargreaves et. al., 2002, S. 15). In psychologischen Betrachtungen von Identitäts- und Selbstwertgefühlstheorien können drei Entwicklungen festgehalten werden.

Zunächst werden allgemeine Annahmen über das eigene Selbstkonzept mit zuneh- mendem Alter immer differenzierter, was dazu führt, dass eigene Fähigkeiten, wie Musizieren oder Schreiben, nun unterschiedlich in ihrer Beherrschung bewertet werden (Hargreaves et. al., 2002, S. 15).

Zudem neigt sich das Interesse der Jugendlichen von körperlichen Aspekten hin zu psychologischen Vorgängen, die Gefühle und Emotionen beinhalten und dazu führen, dass die Beschäftigung mit den genannten Tätigkeiten hinterfragt werden kann (Hargreaves et. al., 2002, S. 15).

Zuletzt werden die eigenen Fähigkeiten und Selbstkonzepte mehr und mehr mit ande- ren Bezugspersonen und Gleichaltrigen verglichen, was zeigt, dass musikalische und soziale Identität sich ständig weiterentwickeln und durch Vergleiche zu anderen beein- flusst werden (Hargreaves et. al., 2002, S. 15).

2.3 Musikalische Identität und soziale Konsequenzen

Für die Identitätsentwicklung in der Jugend wird es, wie schon gesagt, wichtiger, sich mit Gleichaltrigen und Bezugspersonen zu vergleichen (Hargreaves et. al., 2002, S. 15).

Auch nach Dys, Schellenberg und McLean wird die Identität durch soziale Beziehungen im kulturellen Kontext geformt. Mögliche Identitäten werden auf der Makroebene durch soziokulturelle Einflüsse reguliert, wohingegen intime Beziehungen zu Familie und Freunden auf der Mikroebene die Identitätsentwicklung und –erkundung beeinflussen (Dys et. al., 2017, S. 247). Der Gruppenzusammenhang unter FreundInnen wird auch für die eigene Identitätsentwicklung wichtig. Freundschaften beruhen zumeist auf gemeinsamen Interessen. Daher müssen diese Interessen untersucht werden, um die sozialen Aspekte der Identität zu verstehen (Dys et. al., 2017, S. 247). In diesem Fall sind dies die Musikpräferenzen. Statistiken über den steigenden Musikkonsum zeigen, dass Musik ein wichtiges Interesse im Leben Jugendlicher darstellt (North & Hargreaves, 1999, S. 76).

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668909441
ISBN (Buch)
9783668909458
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460683
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
Schlagworte
identitäten jugendlichen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Wie entwickeln sich musikalische Identitäten bei Jugendlichen?