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Der institutionenkundliche Ansatz in der politischen Bildung

Studienarbeit 2014 12 Seiten

Politik - Didaktik, politische Bildung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Distanz zwischen Lernstoff und Adressat

3. Mehrdimensionalität als Bindeglied

4. Die Dimensionen der politischen Realität

5. Interdependenz der Politik im Fokus des Unterrichts

6. Herausbildung eines Deutungs- und Ordnungswissens
6.1 Didaktische Struktur
6.2 Strategien zur Reduktion der Distanz

7. Zwei Perspektiven des Institutionenbegriffs

8. Beispiel für die unterrichtspraktische Umsetzung
8.1 Planspiel „Industrieansiedlung oder Sportanlage“?
8.2 Außerschulischer Lernort: Kreistagssitzung

9. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Oft ist sie das, was viele Schüler mit dem Politikunterricht verbinden: die Institutionenkunde. Vielfach kritisiert und doch nicht aus dem deutschen Bildungssystem wegzudenken, spaltet sie die Gemüter. Das Ziel des Politikunterrichts in der Schule sei die Befähigung und Aktivierung der jungen Menschen zum Bürgersein, wird vielfach so schön gesagt. Doch was bedeutet das überhaupt? Dieser Frage stellt sich die vorliegende Arbeit und wird dabei einen modernen Ansatz vorstellen, wie Institutionenlehre tatsächlich Schülerinnen und Schüler zum eigenen politischen Handeln motivieren und heranbilden kann. Dieser Ansatz zeichnet sich besonders dadurch aus, dass er eine Brücke zwischen der Alltagswelt der Lernenden und der Politik herstellt. Zunächst wird das Problem der Distanz zwischen dem Lerner und dem Lernstoff beleuchtet und anschließend der institutionenkundliche Ansatz in seinen verschiedenen Teilaspekten näher vorgestellt. Aufbauend auf der theoretischen Grundlage der Arbeit wird abschließend ein Praxisbeispiel für die Umsetzung im Unterricht gezeigt.

2. Die Distanz zwischen Lernstoff und Adressat

Ein großes und allseits bekanntes Problem des Politikunterrichts in der Schule ist die Distanz zwischen dem zu vermittelnden Lernstoff und der Alltagswelt der Lernenden. Die geringe Wahlbeteiligung, gerade bei Jungwählern, und Umfragen wie die Shell-Studie machen deutlich, dass sich viele junge Menschen nicht für Politik interessieren (vgl. Robert-Bosch- Stiftung). Die Politik scheint ihnen fremd, es herrscht eine große Distanz zwischen der Alltagswelt der Jugendlichen und dem politischen Geschehen, viele Jugendliche glauben, auf die Politik keinen Einfluss nehmen zu können, sehen sie als etwas Unveränderliches an und verweigern ihre Beteiligung. Politische Bildung soll (junge) Menschen aus dieser pessimistisch statischen Rolle herausführen und ihnen ihre Beteiligungsmöglichkeiten aufzeigen und nutzbar machen. Neben der primären Sozialisation kommt in der Familie kommt vor allem dem Politikunterricht in der Schule hier eine entscheidende Rolle zu, da dort Grundsteine für das theoretische Fundament gelegt werden, das für das Bürger sein notwendig ist. Die Shell-Studie von 2010 zeigte, dass seit 2002 die Wahlbeteiligung junger Menschen im Alter von 18 bis 33 Jahren gesunken und das Vertrauen in politische Parteien und Vertreter relativ gleichbleibend gering ist. Interessant ist aber, dass der Begriff Demokratie eine positive Wertschätzung der Befragten erfährt (vgl. LVR Dezernat Jugend 2010). Dies muss sich die politische Bildung nutzbar machen.

3. Mehrdimensionalität als Bindeglied

In der modernen Politikdidaktik geht es zentral darum, ein Bindeglied zu schaffen, das in der Alltagswelt der Jugendlichen ansetzt und diese dort gewissermaßen abholt, um sie dann mitzunehmen in die Welt des demokratischen Bürgerdaseins. Die moderne Didaktik orientiert sich stärker an der Lebenswirklichkeit der Schüler. Dabei muss auch die so genannte „alte“ Institutionenkunde transformiert werden. Denn bei der traditionellen Institutionenkunde in der Schule müssen Schüler den „Stoff Institutionen“ lernen. Bei dieser Art der politischen Bildung wird jedoch lediglich eine Dimension der Institutionen, nämlich die normative, die die rechtlichen Regelungen betont, in den Fokus gestellt (vgl. Deichmann 2013: 86). Die moderne Institutionenkunde fragt auch nach der Bedeutung der jeweiligen Institution für den Lerner und stellt das Zusammenspiel von Institution und Alltagswelt der Lernenden heraus. Hier soll die Vielschichtigkeit und die Mehrdimensionalität der sozialen und politischen Realität herausgestellt werden (vgl. ebd.: 87). Dies ist wichtig, damit die Lernenden ihre eigene Bedeutung für die Gesellschaft erkennen und das Politische in ihrer Alltagswelt entdecken. In der Schule soll nicht mehr nur die normative Dimension der Institutionen vermittelt werden. Es geht darum, die Mehrdimensionalität zu betonen, die jede Institution auch unweigerlich mit dem Alltagsleben der Schüler in Verbindung kommen lässt. Einzelne Phänomene einer Institution sollten im Unterricht in ihrer Eingebundenheit in subjektive und systemische Strukturen betrachtet werden (vgl. Massing 2010: 120 f.). Es geht darum, den Schülern das Zusammenspiel und die Interkonnektivität der verschiedenen Dimensionen zu verdeutlichen. Durch die Betonung der subjektiven Dimension der jeweiligen Institution soll Nähe zur subjektiven Realität des Lernenden hergestellt werden und durch das eigene Betroffensein ein für die politische Bildung notwendiges Interesse erzeugt werden, aus dem heraus die Vielschichtigkeit der Institution betrachtet wird. Das Ziel ist eine hermeneutische Politikdidaktik, die die verschiedenen Dimensionen der politischen und sozialen Realität abbildet. Der institutionenkundliche Ansatz nach Deichmann knüpft dabei stark an wissenssoziologische und interaktionstheoretische Ansätze an (vgl. Deichmann 2013: 87).

4. Die Dimensionen der politischen Realität

Die moderne Institutionenkunde wird nach Deichmann auch als mehrdimensionale Institutionenkunde bezeichnet (vgl. Deichmann 1996: 17). In der mehrdimensionalen Institutionenkunde wird die behandelte Institution aus der Perspektive von drei Dimensionen betrachtet, der subjektiven Dimension, der Dimension der gesellschaftlichen und politischen Objektivationen und der Dimension der regulativen Ideen (vgl. Deichmann 1996: 18). Die subjektive Dimension meint die individuellen subjektiven Einstellungen, subjektiven Norminterpretationen und subjektive Interpretation der Bedürfnisse und Interessen des Einzelnen. Es sind die Interpretationen des Einzelnen darüber, was für das gesellschaftliche Zusammenleben wichtig ist. Diese subjektiven Interpretationen lassen dem Einzelnen seine Alltagswelt sinnvoll erscheinen und bestimmen sein Handeln. Das eigene Handeln in der Alltagswelt ist aber immer auch von dem Handeln Anderer beeinflusst. Diese Intersubjektivität zeigt sich in einer „Allgemeinheit der Interessen“ (Deichmann 2013: 87), aber auch in unterschiedlichen Interessen und Interpretationen, die zu Konflikten führen können (vgl. Deichmann 1996: 18; 2013: 87).

Die Dimension der gesellschaftlichen und politischen Objektivationen beschreibt außerweltlich vorfindbare und beschreibbare Strukturen. Dabei handelt es sich um „Objektivationen des subjektiven Willens“ (Deichmann 2013: 87). Gemeint ist die Bündelung von subjektiven Interessen und die Schaffung einer Objektivation, wie dies bei Institutionen der Fall ist, aber auch bei Institutionalisierungen in der Alltagswelt wie durch regelmäßige Treffen mit Freunden. Durch Beispiele aus der Alltagswelt der Jugendlichen lässt sich das Verständnis dafür herstellen, was Politik ausmacht und es zeigt den jungen Menschen, dass Politik nicht etwas Fernes ist, das sie nichts angeht, sondern sie unmittelbar in ihrem persönlichen Umfeld Politik erfahren und praktizieren.

Die Dimension der regulativen Ideen ist die dritte Dimension, die Deichmann in seinen Ansatz zur Institutionenkunde einschließt. Sie umfasst alle Vorstellungen und Regelungen, die soziales und politisches Handeln legitimieren. Beispiele wären die Verfassung, in deren Rahmen alles Handeln ablaufen muss oder die Wahrung der Menschenrechte. Die Dimension der regulativen Ideen ist die übergeordnete Dimension, in die alles Handeln und die beiden anderen Dimensionen eingebettet sind. Sie ist die Grundlage allen politischen Handelns.

5. Interdependenz der Politik im Fokus des Unterrichts

Im Unterricht soll nach Deichmann vor allem die Interdependenz, also die wechselseitige Abhängigkeit und Beeinflussung der drei Dimensionen herausgestellt werden (vgl. Deichmann 2013: 88 f.). So werden Politiker und Völker von bestimmten Interessen und Vorstellungen geleitet, wie zum Beispiel die Idee der Freiheit oder der Machterweiterung. Auch den Institutionen in der zweiten Dimension fußen auf ein bestimmtes ideelles Fundament wie die Idee der Solidarität bei den Gewerkschaften. Die Institutionen spiegeln auch gewisse Interessen wieder und bündeln diese. Es kann zum Beispiel die Frage gestellt werden, inwieweit der Bundestag die Interessen der Bürger vertritt (vgl. Deichmann 2013: 89).

Wie eingangs bereits beschrieben, geht es darum, die Distanz zwischen Politik und Alltagswelt der Lernenden aufzubrechen. Dies geschieht durch das Zusammenspiel der drei Dimensionen in der mehrdimensionalen Institutionenlehre. Die Lernenden erkennen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen ihrer subjektiven individuellen Alltagswelt und der Politik. So sind sie als Schüler persönlich davon betroffen, dass die Kultusminister die Einführung von Oberschulen beschließen. Dazu haben sie auf der subjektiven Ebene eine Einstellung, die Beschlüsse des Kultusministeriums sind jedoch für sie bindend. Dennoch haben die Schüler die Möglichkeit, sich Vereinigungen anzuschließen und gegebenenfalls eine Gegenposition zu vertreten. Dies wäre die zweite Dimension. Alle Handlungen, das heißt sowohl der Prozess der Entscheidungsfindung wie auch die Beschlüsse selbst, müssen im Rahmen festgeschriebener Gesetze erfolgen. Auch die Opposition muss sich an die geltenden Gesetze halten. Das ist die dritte Dimension. Es ist besonders wichtig, dass die Lernenden dieses Zusammenspiel der verschiedenen Dimensionen durchschauen. So wird der Irrglaube genommen, Politik spiele sich fern des eigenen Einflussbereiches ab. Es geht darum, Schülern neben dem theoretischen Fachwissen über Institutionen und Abläufe ein generelles Demokratieverständnis zu vermitteln. Denn oberstes Ziel der politischen Bildung ist spätestens seit Oetinger, Demokratie nicht nur als Staatsform, sondern als Lebensweise zu begreifen, die durch die aktive Mitbestimmung der Bürger gekennzeichnet ist (vgl. Oetinger 1951: 85).

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Details

Seiten
12
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668914742
ISBN (Buch)
9783668914759
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460923
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,3
Schlagworte
Institutionenkunde Politische Bildung

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