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Russlanddeutsche. Die Einwanderungspolitik von Katharina der Großen

Hausarbeit 2016 17 Seiten

Geschichte - Asien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Definition Russlanddeutsche

3. Einwanderung
3.1 Gründe zur Anwerbung und Auswanderung
3.2 Einwanderungsmanifest
3.3 Auswanderungs- und Siedlungsgebiete

4. Deutsche im Osten
4.1 Soziale Gruppen
4.2 Probleme
4.3 Auswirkungen der Einwanderung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Die Verflechtungen der russischen und der deutschen Geschichte vollzogen sich auf verschiedenen Ebenen. Sei es enge diplomatische Beziehungen oder kriegerische Auseinandersetzungen. Die Einflüsse beider Länder trugen auf die jeweilige Kultur einen entscheidenden Teil zu deren Entwicklung bei. Aufgrund meiner Herkunft war es für mich wichtig mich mit der Geschichte meiner Vorfahren auseinanderzusetzen. Zumal die Erzählungen meiner Großeltern mich dabei unterstützten und später auch Bestätigung bei der Recherche fanden. In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit dem Aspekt der Nationalpolitik unter Katharina der Großen befassen, da unter ihrer Herrschaft der massenhafte Zustrom von deutschen Einwanderern stattfand und sie damit den Grundstein für die Geschichte der Russlanddeutschen legte. Dementsprechend wird die Thematik von der folgenden Forschungsfrage begleitet: Wie erfolgreich war die Einwanderung deutscher Kolonisten für die Entwicklung Russlands unter Katharina der Großen?

Die Arbeit besteht aus drei Teilen. Der Hauptteil teilt sich wiederum in Unterkapitel auf, in denen ich die Beantwortung meiner Frage nachgehen werde. Im ersten Teil wird auf die Gründe der Anwerbung und die Ursachen der Auswanderung eingegangen. Als nächstes wird die inhaltliche Seite der Einladungsmanifeste untersucht, wobei die Privilegien der Siedler genannt werden. Zusätzlich werden die Maßnahmen der europäischen Fürstentümer gegen die Auswanderung erörtert. Die soziale Schicht wird für die geografische Ansiedlung der Deutschen von Bedeutung sein. Damit verbunden sind auch die Probleme, die ebenso spezifisch von dem Siedlungsgebiet abhängen werden. Im letzten Teil widme ich mich den Auswirkungen der deutschen Minderheit auf die gesamtgesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung des russischen Imperiums. Die Bewertung der Einwanderungspolitik der Kaiserin soll schließlich zur Beantwortung meiner oben genannten Frage führen. Um dies zu erreichen werde ich zuerst das gesammelte Material untersuchen. Der nächste Schritt stellt die Wiedergabe der Informationen und die Darstellung in Zusammenhängen dar. Als Letztes wird die Darstellung des gesamten Sachverhalts in einem Fazit erfolgen. Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema wird mir insbesondere die Literatur von Dalos, Keim und Fleischenhauer sowie Internetquellen behilflich sein.

2. Definition Russlanddeutsche

Unter Russlanddeutschen sind hauptsächlich Nachkommen der handwerklich-bäuerlichen Einwanderer aus Zentraleuropa zu verstehen, in erster Linie aus den deutschen Kleinstaaten, die im 18. und 19. Jahrhundert zur Urbarmachung vor allem im unteren Wolga- und im Schwarzmeergebiet angesiedelt wurden. Sie kamen in ein Reich, das im Laufe der territorialen Expansion seit dem 15. Jahrhundert sein Staatsgebiet um das 52fache vergrößerte.1 Die Herkunft des Wortes ‚Russlanddeutsche‘ ist nicht bekannt. In der Geschichte haben die Russlanddeutschen unterschiedliche Namen gehabt: Die städtischen Deutschen wurden im 15. Jahrhundert in der Moskauer Rus‘ ‚Ausländer‘ (russ. – ‚inozemcy‘) genannt - genauso wie Italiener oder Franzosen. Im Russischen Reich wurden sie ‚nemcy‘ genannt, was heute meist mit ‚Deutschrussen‘ übersetzt wird.2

3. Einwanderung

3.1 Gründe zur Anwerbung und Auswanderung

Schon kurz nach der Machtergreifung verfolgte Katharina eine expansive Politik, die sich auf die Ideen der Aufklärung stützte. Die neue Herrscherin übernahm diese Ideale und wurde so zu der Begründerin des aufgeklärten Absolutismus3 in Russland. Der Hauptgedanke dieser Strömung lag in der Auffassung, dass der Ruhm des Herrschers vom Wohlstand seiner Untertanen untrennbar sei und beide nur durch vermehrten Reichtum zu sichern seien. Aus diesen Überlegungen heraus verfolge Katharina die Große zwei Ziele: die Ausweitung des Reiches, seine Fruchtbarmachung, seine wirtschaftliche und soziale Durchdringung, sowie seine Besiedlung mit der größtmöglichen Zahl arbeitsamer Untertanen.4 Ein weiteres Ziel ihrer neuen Nationalpolitik lag auch in der Machtsicherung, das wegen Legitimationsansprüchen in Gefahr war, da der Großteil des Adels gegen die neue Zarin gestimmt war und die Absolute Mehrheit der Bauern sich in Leibeigenschaft befand.5 Der Zuwachs von loyalen Bürgern sollte ihre Herrschaft und den wirtschaftspolitischen Fortschritt ausbauen. Aus diesem Grund richtete Katharina ihr Augenmerk nach Europa. Dabei stützte sie sich auf die Schriften russischer Gelehrten wie Lomonosov, der in seiner Schrift „Über die Erhaltung und Vermehrung des russischen Volkes“ über Populationsprobleme sprach. So verzeichnete er eine niedrige Geburtenrate sowie Krankheiten, die die Bevölkerungszahl dezimierten. Als Lösung unterbreitete er die Wissenserweiterung russischer Medizinstudenten im Ausland und die Einladung vor allem deutscher Ärzte zur Bekämpfung dieses Problems. Des Weiteren erwähnte er, dass die die mäßig besiedelten Gebiete des russischen Imperiums dringend bewirtschaftet werden müssen um die Weiterentwicklung des Landes zu garantieren. Der fehlende Bevölkerungsanteil sollte nach Lomonosov vorwiegend aus Europa rekrutiert werden.

[…] Die Stelle der über die Grenze geflohenen ist günstigerweise durch Aufnahme von Ausländern zu fühlen, wenn man hierzu passende Maßnamen anwenden würde. Die jetzige unglückliche Kriegszeit in Europa zwingt nicht nur einzeln lebende Menschen, sondern auch ganze ins Elend gestützte Familien, ihr Vaterland zu verlassen und Gegende zu suchen, die entfernt von der Gewalt des Krieges sind […]6

So geschah auch, dass der unmittelbare Anstoß zur Auswanderung auf die Folgen des Siebenjährigen Krieges zurückzuführen war. Dieser verursachte nicht nur hohe Kriegssteuern, sondern löste auch eine immense Preissteigerung aus.7 Kriegsbedingte Ernteausfälle und Missernten ließen die Lebensmittelpreise sprunghaft ansteigen.8 Zusätzlich stellte die Klimaverschlechterung die Landbevölkerung auf eine harte Probe. Ungeachtet dessen konnte die europäische Bevölkerung im Laufe des 18. Jahrhunderts von 70 Mio. auf 195 Mio. ansteigen, was die Hungerperioden unerträglich machte.9

In ihrer Gesamtheit begünstigten diese Faktoren die voranschreitende Verarmung, von der vor allem die unteren Bevölkerungsschichten zu leiden hatten. Im Vergleich zu Russland konnte Europa keine unendlichen Weiten mit brachliegendem Land vorweisen. Diesen Umstand nutzte die russische Regierung aus, um möglichst viele Bürger in ihr Land zu locken. Somit ergab es sich, dass viele dieser Einladung folgten um dem Krieg und der Armut ihres Heimatlandes zu entfliehen.

3.2 Einwanderungsmanifest

Katharinas Peuplierungspolitik setzte sich aus zahlreichen Gesetzesentwürfen zusammen, die schon in den ersten Monaten ihrer Regierungszeit entwickelt wurden.10 Der erste Teil ihres Manifests beinhaltete die Berufung ausländischer Kräfte für Landwirtschaft, Manufakturwesen, Handel und Handwerk. Eine bestimmte Nationalitätengruppe wurde dabei nicht angesprochen, wobei die Zarin die Einwanderung von Juden ausschloss.11 In dem darauffolgenden Manifest vom 22. Juli 1763 wurde die vorwiegend deutsche Bevölkerung in Betracht gezogen, da sich Katharina den größtmöglichen Nutzen von den menschlichen und fachlichen Ressourcen ihrer Landsmänner erhoffte.12 Dafür unterstrich sie die Vorzüge ihres riesigen Imperiums, dessen unendlichen Weiten noch unbebaut liegen und unerschöpfliches Reichtum in sich bergen. Das Manifest, dass insgesamt ein Zehn-Punkte-Programm umfasste, garantierte den ankommenden Ausländern in ländlichen Gebieten dreißig Jahre, in den Städten fünf Jahre Steuerfreiheit.13 Die zollfreie Einfuhr ihres Vermögens erleichterte die Einreisebedingungen für die Kolonisten. Zusätzlich wurde mittellosen Einwanderern Kredite für Hausbau, Boden und Nutztiere genehmigt. Einer der wichtigsten Privilegien war die Zusicherung der Glaubensfreiheit, was ihnen den Kirchenbau und das Anwerben von Priestern erlaubte.14 Jedoch war es den Kolonisten untersagt russische Bürger zu ihrem Glauben zu bekehren. Ein weiteres Entgegenkommen der Kaiserin lag in der Befreiung vom Militär und Zivildienst, wobei sie nach Ablauf der Abgabe- und Steuerfreien Jahre aufgehoben werden sollen.15 Die autonome Selbstverwaltung sollte die garantierten Rechte der neuen Bürger ergänzen. Ein Jahr später wurde schließlich ein drittes Ausländeredikt verabschiedet, das die Einwanderungspolitik vervollständigte. Demnach sollte jeder Ansiedler im Kreise mit einem Umfang von 60 bis 79 Versta (1 Versta = 1,067 km) so zusammengefasst werden, dass maximal hundert Familien ausreichend viele für die Landwirtschaft taugliche Flächen erhielten.16 Unabhängig von der Zahl ihrer Mitglieder sollte jede Kolonistenfamilie ein Landteil von 30 Desjatinen (1 Desjatine = 1,09 ha) bekommen, der sich aus verschiedenen Nutzflächen zusammensetzen sollte.17 Bei der Übernahme seines Landesteils musste sich jeder Kolonist dazu verpflichten die Normen der inneren kolonistischen Jurisdiktion anzuerkennen.18 Anschließend wurden alle gesetzlichen Anordnungen in dem Kolonialkodex zusammengefasst, der den Erbbesitz, die Wirtschaftshöfe, die Selbstverwaltung der Gemeinde und die getrennte staatliche Verwaltung regelte.19 Aufgrund dieser Regelung etablierte sich ein eigener Stand dem die russischen Bauern unterprivilegiert gegenüberstanden, was später zu Missgunst und Konflikten führte. Um die Koordination der neuen Kolonien kümmerte sich die „Kanceljarija opekunstva inostrannych“, die auch als Tutelkanzlei bezeichnet wurde.20 Die Leitung der Institutionen wurde Katharinas ehemaligem Favoriten Graf Grigorij Orlov übertragen.

Das verlockende Angebot des russischen Staates blieb von den europäischen Mächten nicht unbemerkt, die im Gegenzug weitreichende Maßnahmen gegen die Abwanderung einleiteten. Der Verlust von Arbeitskräften und Steuereinnahmen waren hier die entscheidenden Gründe für die Einführung von Einwanderungsverboten. Zum einen wurden die Ausreisewilligen davor gewarnt, was für Gefahren sie in der Fremde erwarten.21 Die Werber, die den Auftrag hatten durch Erzählungen und Überzeugungen die Bevölkerung zur Ausreise zu motivieren, wurden von den Behörden strafrechtlich verfolgt. Im Jahre 1763 erließ die österreichische Regentin Maria Theresia ein Auswanderungsverbot, in welche den Auswanderern fünf Jahre Kerker und Lagerarbeiten und dem Werbern samt ihren Helfern der Tod durch den Strang in Aussicht gestellt wurde.22 Ähnliche Verbote gab es auch in Frankreich, Spanien, Preußen und Bayern. Die Angst dieser Fürstentümer noch mehr Untertanen durch die russische Propaganda zu verlieren war damit gerechtfertigt, da sie in Verbindung mit Kriegen, Seuchen und Krankheiten einen enormen Bevölkerungsschwund auslösten. Infolge der Abwanderung verloren die deutschsprachigen Gebiete ca. 90.000 Menschen an Russland.23

3.3 Auswanderungs- und Siedlungsgebiete

Die Auswanderungsgebiete der vorwiegend deutschen Bevölkerung waren für ihre Zusammensetzung auf dem russischen Boden entscheidend. Wichtige Faktoren waren dabei: länderspezifische Verbote, kriegsgeplagte Gebiete, sowie die religiöse Zugehörigkeit, die sich von Land zu Land unterschied.

Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass die Wolgakolonisten aus Mittel- und Süddeutschland kamen.24 Hessen, Pfälzer, Franken und Schwaben erfasste die erste Auswanderungswelle (1764 – 1767). Der Weg nach Russland erfolgte in dieser Zeit über die Ostsee nach Sankt-Petersburg und von dort aus über die Wolga flussabwärts bis in das Gebiet Saratov.25 Dort entstanden in den ersten vier Jahren der Kolonialisierung 104 Siedlungen. Nach dem Russisch-Türkischen Krieg wurde die taurische Halbinsel das erste Mal annektiert und befand sich ab dem Zeitpunkt unter russischer Herrschaft. Die Macht im neuen Territorium sollte durch die Anwerbung neuer Untertanen gesichert werden. Von 1830 bis 1870 kamen erstmals Wolhyniendeutsche und niederdeutsche Mennoniten26, die sich in Bessarabien, im Gouvernement Taurien, auf der Krim und im Kaukasus ansiedelten.27 Die Provinzen Kurland und Estland im heutigen Baltikum konnten ebenso einen großen Anteil deutschsprachiger Bürger vorweisen, die jedoch schon vor Katharinas Einladung in das Gebiet einwanderten und infolge von Kriegen zu Untertanen des russischen Imperiums wurden.

Die Städte Moskau und Sankt-Petersburg wurden ebenfalls von Deutschen besiedelt, wobei es sich um Spezialisten wie Ärzte und Wissenschaftler handelte, die nur wenig mit den Kolonisten gemein hatten. Hier ist die Nemezkaja Sloboda zu erwähnen, das schon Jahrhunderte vor Katharinas Herrschaft zum Ausländerquartier in Moskau wurde.

[...]


1 Krieger, Viktor (2017): Von der Anwerbung unter Katharina II. bis 1917. <http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/russlanddeutsche/252006/von-der-anwerbung-unter-katharina-ii-bis-1917>. Letzter Zugriff: 23.8.2017.

2 Zur Definition: <http://www.russlanddeutsche.de/de/russlanddeutsche/zur-definition.html>. Letzter Zugriff: 23.8.2017.

3 Aufgeklärter Absolutismus: Herrschaftsform, in der Monarchen zwar die absolute Macht behielten, aber soziale und humanitäre Verbesserungen für ihr Volk durchführten. Unter Katharina der Großen erfolgte die Durchführung der Reform des Senats und der Gouvernementsverwaltung, die Säkularisierung der Kirchengüter sowie der Ausbau des Schulwesens. Trotzdem blieb eine grundlegende Veränderung der bestehenden sozialen Ordnung aus, da Katharina dem Adel die Dienstfreiheit sowie die volle Verfügungsgewalt über die Leibeigenen garantierte.

4 Fleischhauer 1986, S.89.

5 Boutsko, Anastassia (2013): „Russlanddeutsche“ und Katharina die Große. <http://www.dw.com/de/russlanddeutsche-und-katharina-die-große/a-16960108>. Letzter Zugriff: 21.8.2017.

6 Lomonossov1761,S.44.<http://www.jstor.org/stable/25803534?seq=16#page_scan_tab_contents>. Letzter Zugriff: 21.8.2017.

7 Keim 2014, S.27.

8 Ebd.

9 Vgl. Ebd.

10 Fleischhauer 1991, S.98.

11 Dalos 2014, S. 147.

12 Fleischhauer 1991, S.98.

13 Dalos 2014, S.133

14 Ebd., S. 204.

15 Fleischhauer 1991, S.99.

16 Ebd., S. 100.

17 Vgl. Ebd.

18 Ebd.

19 Ebd., S.101.

20 Ebd.

21 Keim 2014, S.30.

22 Vgl. Ebd., S.31.

23 Schippan/ Striegnitz 1992, S.27.

24 Kufeld 2000, S.91.

25 Geschichte der Deutschen in Russland. <http://prowiki.idsmannheim.de/bin/view/Russlanddeutsch/GeschichteDerRusslanddeutscehn>. Letzter Zugriff: 22.08.2017.

26 Mennoniten: Im 16. Jahrhundert entstandene Religionsgemeinschaft, die nach dem niederländischen-friesischen Theologen Menno Simons benannt wurde. Geht auf die Täuferbewegung aus der Reformationszeit zurück, diesich für radikaler soziale Reformen im Christentum einsetzt.

27 Geschichte der Deutschen in Russland. <http://prowiki.idsmannheim.de/bin/view/Russlanddeutsch/GeschichteDerRusslanddeutschen>. Letzter Zugriff: 22.08.2017.

Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668891548
ISBN (Buch)
9783668891555
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460976
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Slavistik
Note
1,3
Schlagworte
Katharina die Große Russlanddeutsche Einwanderung Geschichte russische Geschichte Kolonialisierung

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Titel: Russlanddeutsche. Die Einwanderungspolitik von Katharina der Großen