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Zu Aristoteles' "Über die Seele". Ein Blick auf die Analogie zur Wahrnehmung

Hausarbeit 2018 18 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Seele als Prinzip der Wahrnehmung und des Nous
2.1. Der Hylemorphismus
2.2. Das Wahrnehmungsvermögen
2.3. Der Nous (νοῦς)

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Dualität des Geistes sowie der Analogie, welche zwischen Wahrnehmung und Nous besteht.1 Die Schnittstellen zwischen dem Nous und der Wahrnehmung werden dem aristotelischen Werk De anima (Über die Seele)2, welches sich aus drei Büchern zusammensetzt, entnommen.3 Die Untersuchung Über die Seele fällt in eine Disziplin der theoretischen Philosophie, genauer die der Ontologie, die sich, um es kurz zu halten, mit dem Seienden auseinandersetzt. Aristoteles untersucht darin systematisch den Seelenbegriff und geht dabei auch profund auf die Wahrnehmung ein.4 Im ersten Buch äußert er sich mal kritisch, mal wohlwollend zu den herrschenden Seelenlehren, woraufhin er im zweiten und dritten Buch seine eigene Definition der Seelenlehre begründet.5 Einen großen Teil des zweiten Buches widmet Aristoteles der Wahrnehmungsfähigkeit, die für diese Arbeit, in Bezug auf ihre Analogie zum Nous, von besonderem Interesse ist.

Was ist nach Aristoteles unter Wahrnehmung zu verstehen? Was ist der Geist?6 Was ist die Seele?7 Kann der Begriff Seele und Geist gar synonym verstanden werden?8 Auf diese und andere Fragen findet Aristoteles in seiner Schrift Über die Seele eine mögliche Antwort. Der Umfang der Arbeit würde gesprengt, wenn sie sich nicht selbst Grenzen setzen würde, auch, wenn vieles das interessant ist und auf das Aristoteles eine Antwort findet, unerwähnt bleiben muss (oder nur angeschnitten werden kann), so wird doch der zu untersuchende Gegenstand ausführlich beleuchtet. Der Ansatz, das Eine im Anderen zu finden oder aus dem Anderen zu erklären, bedarf der Herausarbeitung der Begriffe Wahrnehmung und Nous, um dann die sich entsprechenden Schnittpunkte klar erläutern zu können und anhand dieser die Analogie darzulegen. Der Begriff der Analogie stammt aus der Antike, "wo er allerdings in einer vom heutigen Gebrauch abweichenden Interpretation verwendet wurde“9. In dieser Arbeit wird der Begriff als Relation verstanden. „Die Relation der Analogie besteht zwischen zwei Gegenständen immer dann, wenn ein Beschreibungsinhalt als für beide geltend beansprucht oder anerkannt wird“10. Hauptsächlich wird sich deshalb bemüht, das Verhältnis und die Beziehung (Nous (νοῦς)/Geist - Wahrnehmung) zu durchdenken. Nous und Geist werden außerdem synonym verwendet. Nachdem die Sachzusammenhänge herausgearbeitet sind, können konkrete Schlussfolgerungen getroffen werden, denn Analogien bieten einen anderen Blickwinkel auf den Sachverhalt, beispielsweise den der Seelenteile, und führen so möglicherweise zu einer tieferen und differenzierteren Verständnisform in Blick auf den Untersuchungsgegenstand. Bei der Betrachtung der beiden Seelenteile geht es auch darum, welche Eigenschaften und Merkmale in ihre Definition aufgenommen werden und welche nicht. Der Nous, um ein Beispiel zu nennen, definiert man ihn als Denk- oder Vernunftvermögen, ist nur in der menschlichen Seele vorhanden. Die Wahrnehmung oder Vorstellung hingegen wird in der Tier- wie in der Menschenseele lokalisiert.11 Obwohl oder vielleicht gerade weil sich für Aristoteles die Wahrnehmung und der Nous am stärksten voneinander unterscheiden, ist ein Blick auf ihre Analogie so interessant.12

2. Die Seele als Prinzip der Wahrnehmung und des Nous

Bereits zu Beginn leitet Aristoteles im ersten Buch ein, dass die Seele das Prinzip der Lebewesen sei und weiter, dass man keine gewissen Aussagen über die Seele treffen könne.13 Das Denken beispielsweise gehöre der Seele an. Das Wahrnehmen (mutig sein/ zürnen / etc.) gehöre ebenfalls der Seele an. Weiterhin sagt Aristoteles, dass die Seele nicht ohne Körper sein kann, denn mit den Affektionen der Seele erleidet der Körper etwas und ist somit mit der Materie auf eigentümliche Weise verbunden.14 Nimmt man beispielsweise an, dass auch Pflanzen eine Seele haben, so würde dies bedeuten, sie haben an mindestens einem Teil der Bewegungsart (die dem Beseelten zugeschrieben wird)15 nicht Anteil, nämlich an dem der Ortsveränderung. Somit müsste man von Teilen der Seele ausgehen oder Seelen zu unterscheiden suchen.16 Aristoteles fragt sich außerdem ob jedes Vermögen Seele ist oder ob es einen Teil der Seele darstellt. Sei es ein Teil der Seele, so fragt Aristoteles weiter, ob es dann nur dem Begriff nach trennbar sei oder auch dem Ort nach. Dies verdeutlicht er an einem Beispiel. Pflanzen leben in gleicher Weise weiter, obwohl sie zerschnitten wurden.17 Gehen wir davon aus, dass alles Lebendige beseelt ist, so muss man unweigerlich fragen: Hat sich die Seele in der Pflanze verdoppelt?18 An dieser Stelle sei gesagt, dass der Exkurs zum Grundlegenden deshalb gehaltvoll ist, da er verdeutlicht, was dem Nous und der Wahrnehmung gleichermaßen zugrunde liegt oder was für beide allgemein gültig ist.19 Die Seele scheint den Körper zusammenzuhalten, da beim Schwinden der Seele das Fleisch-, Knochen- und Blutgebilde verwest. Aristoteles kommt zu dem Schluss, dass das Prinzip in den Pflanzen eine Art Seele sein müsse, da sie mit der menschlichen nicht in allen Merkmalen übereinstimmt.20 Im zweiten Buch wendet sich Aristoteles ausführlicher den natürlichen Körpern zu und unterteil diese in belebte und unbelebte. Belebte Körper zeichnen sich durch Wachstum, Ernährung und Vergehen oder Schwinden aus. Sie sind nach Aristoteles Materie, daher kann die Seele nicht der Körper selbst sein, wie das Verwesungsbeispiel deutlich macht.21 Aristoteles erläutert dies mit einer Analogie, wenn sich nämlich die Sehkraft aus Pupille und Auge zusammensetzt, sagt er, so ist es vergleichbar mit dem Lebewesen, welches sich aus Körper und Seele zusammensetzt.22 In der Sprachwissenschaft wird die Analogie teilweise auch als Lernerleichterung angesehen, da sie lehrreiche Parallelen zur empirischen Welt ziehen kann.23 Die Seele kann dann als begriffliche Einheit verstanden werden oder als geometrische Figur. Das uns Naheliegende wird so übergreifend sinnentsprechend auf etwas schwer greifbares angewandt. Ein Dreieck ist ein Dreieck und so ist die Seele vergleichsweise die Seele.24 „[…] sowie bei den Geometrischen Figuren als auch bei den beseelten Wesen, so etwa im Viereck das Dreieck und im Wahrnehmungsvermögen das Nährvermögen“25. So verhält es sich auch bei den Arten der Seele, denn es gibt verschiedene, wie es auch verschiedene geometrische Formen gibt. Die Analogie ermöglicht eine neue Sicht auf die Seele und die Möglichkeit der Betrachtungsweise. Wenn für die Seele ähnliche Regeln gelten, wie in der uns bekannten Geometrie, so wird die Seele greifbarer und verständlicher. Die Empirie wird zur Stütze beim Verständnis über etwas, dass nicht mit Gewissheit bestimmt werden kann. Doch auch, wenn man einen gemeinsamen Begriff für die Seele gefunden hat, drückt dieser nicht ihre Eigenarten aus.26 Daher ist es nicht sinnvoll, hält Aristoteles im zweiten Buch fest, nach einem allgemeinen Begriff zu suchen, „denn dieser wird für keines der Dinge spezifisches aussagen und entspricht auch nicht dem unteilbaren, arttypischen Wesensmerkmal der Dinge“27.

In der Rhetorik des Philosophen spielen die genannten und folgenden Analogiegefüge eine bedeutende Rolle, denn sie erläutern den Sachgegenstand genauer und treffen spezifische Aussagen über Dinge, wie Seele, Geist oder Wahrnehmung.

[...]


1 und die von Aristoteles selbst oft als Methode für ein besseres Verständnis herangezogen wird.

2 Aristoteles: Über die Seele: Griechisch/ Deutsch. Übersetzung u. Hrsg.: Gernot Krapinger, Reclam, Stuttgart 2011.

3 Die aristotelische Darlegung ist überaus kompliziert, sehr verdichtet finden sich viele Informationen auf wenige Sätze verteilt.

4 Aristoteles ist der Meinung, dass es die Pflicht des Naturforschers sei sich der Seele anzunehmen und sie zu erforschen. Aristoteles weist darauf hin, dass jeder Wissenschaftszweig seine eigenen Methoden bei der Untersuchung dieses Gegenstades anwenden wird. Er selbst vergleicht den Seelenbegriff unter anderem mit dem Begriff „Haus“. Er definiert das Wort Haus und weist darauf hin, dass es aus vielen Teilen besteht, aus Materie und Struktur und für jeden seiner Teile gibt es Spezialisten. Der Naturforscher befasse sich mit dem Ganzen und den Teilen. Vgl. Ebd. S. 13.

5 Aristoteles setzt sich mit den Thesen Anaxagoras, Demokrits, Empedokles, Heraklits, Platons, Thales und mit Gedanken der Pythagoreer und vielen weiteren auseinander. Sind Seele und Geist dasselbe? Vgl. Ebd. S. 19.

6 Aristoteles bemüht sich eine Methode zu finden, den Geist und die Seele auf verlässliche Basis wissenschaftlich zu untersuchen. Er sucht einen Ausgangspunkt zu finden, um größeren Irrtum über den wissenschaftlichen Gegenstand zu vermeiden. Er stellt sich die Frage ob die Seele beispielsweise Teile hat und somit teilbar ist oder nicht, ob jede Seele gleich ist, ob sie „vollendete Wirklichkeit“ ist oder zum „Seienden gehört“. Er warnt davor sich die Seele als nur etwas Menschliches vorzustellen und weist darauf hin, dass Seele möglicherweise nur ein Begriff für Lebewesen darstellt. Vgl. Aristoteles, Stuttgart 2011, S. 9.

7 Aristoteles fragt sich unter anderem, wenn es verschiedene Seelen gibt, unterscheiden sie sich dann von der Art oder Gattung voneinander. (Mensch/ Gott/ Tier/ Pflanze). Wenn es seelenteile gibt, untersucht man die Teile, das Ganze oder die Funktionen der Teile? Vgl. ebd. S. 10.

8 Aristoteles verweist darauf, dass auch frühere Seelenlehren das Denken und Wahrnehmen gleichsetzten. Vgl. ebd. S. 154.

9 Bußmann Hadumod (Hrsg.): Lexikon der Sprachwissenschaft, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2008, S. 37–38.

10 Coenen Hans Georg: Analogie und Metapher: Grundlegung einer Theorie der bildlichen Rede, Walter de Gruyter, Berlin 2002, S. 2.

11 Interessant ist auch, dass der Geist nach Aristoteles keine Affektionen wie Zorn, Furcht oder Liebe kennt. „Der Geist aber ist wohl etwas Göttliches und leidensunfähig“ Aristoteles, Stuttgart 2011, S. 41.

12 Im dritten Buch verweist Aristoteles darauf, dass Seelenteile die sich stärker voneinander unterscheiden als der Begehrende oder Mut-volle (welcher ja der Unvernunft entspringt) die Wahrnehmung, das Nährende, das Denkende und das Überlegende sind. Vgl. ebd. S. 171.

13 Er verweist darauf, dass bei der Betrachtung der Seele viele Schwierigkeiten auftauchen. Vgl. ebd. S. 7.

14 Vgl. ebd. S. 11.

15 Aristoteles unterscheidet vier Bewegungen: „Ortsveränderung, Veränderung, Schwinden und Wachstum“. Die Seele habe Anteil an mindestens einer dieser Bewegungen (oder an allen?). Aristoteles, Stuttgart 2011, S. 27.

16 Wie ist das zu verstehen? Aristoteles merkt an, dass das Seiende mehrere Bedeutungen hat, es ist etwas bestimmtes, etwas Quantitatives oder etwas Qualitatives. Ist dies der Fall, so folgt die Frage, wenn man die Seele dem Seienden zuschreibt ob es aus einem dieser Teile bestehe oder aus allen. Vgl. ebd. S. 49.

17 Aristoteles beleuchtet die Seele auf genauste und stellt fest, dass sie unterschiedliches ist. Sie ist die bewegungsfähigste und besteht aus Elementen. Aristoteles stellt das Fragen nicht ein und will untersuchen, wie es sich mit den Seelen verhält, die keinen Ortswechsel vornehmen oder nicht denkfähig sind, wie beispielsweise die Pflanzen. Vgl. ebd. S. 51.

18 Vgl. ebd. S. 68 ff.

19 Nämlich zu aller erst die Seele als ihr Prinzip.

20 Vgl. ebd. S. 57. Pflanzen haben eine Teilseele und sind vom „Wahrnehmenden irgendwie betroffen“ Aristoteles, Stuttgart 2011, S. 123.

21 Außerdem ist die Seele die erste „vollendete Wirklichkeit eines natürlichen Körpers, welcher der Möglichkeit nach Leben besitzt. Aristoteles, Stuttgart 2011, S. 61.

22 Die Wesenheit der Seele besteht aus Form und Materie, die Verbindung beider ist das Beseelte. Vgl. ebd. S. 69.

23 Bußmann Hadumod (Hrsg.): Lexikon der Sprachwissenschaft, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2008, S. 37 – 38.

24 Vgl. ebd. S. 73.

25 Aristoteles, Stuttgart 2011, S. 73.

26 Aristoteles kommt auch zu dem Schluss, dass man bei der Untersuchung der Seele dreiteilen müsse. Einmal in die Seele des Menschen, in die Seele der Tiere und die Seele der Pflanzen. Diese Dreiteilung sei deshalb erwähnt, da sie verdeutlicht, dass sich diese Untersuchung nur auf die Relationen der in der Menschenseele vorhandenen Vermögen bezieht. Vgl. ebd. S. 73.

27 Aristoteles, Stuttgart 2011, S. 73.

Details

Seiten
18
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668909663
ISBN (Buch)
9783668909670
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v461112
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Philosophisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Seelenlehre Nous Über die Seele Aristoteles Wahrnehmung

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