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Christian Winklers Äußerungen zum Dichtungssprechen

von Sophie Koch (Autor) Friderike Lange (Autor)

Hausarbeit 2002 17 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

1. Einleitung

Das Anliegen dieser Hausarbeit ist es, Christian Winklers Ansichten zum Dichtungssprechen zu verdeutlichen. Grundlage ist seine ‚Deutsche Sprechkunde und Sprecherziehung’ in der Erstauflage von 1954. Im Hauptteil beziehen sich alle Quellenangaben nach Zitatende auf dieses Werk.

Neben dem großen Komplex des Dichtungsvortrags hielten wir es für wichtig, eine kurze zeitliche Einordnung Winklers vorzunehmen, ebenso wie eine persönliche Stellungnahme zu seinen Konzepten. Als ein weiterer wesentlicher Punkt erschien uns seine Stellungnahme zum Textsprechen im Schulunterricht, die wir ergänzend in den Hauptteil einfügten.

2. Kurze zeitliche Einordnung Winklers

Christian Winklers Gesamtwerk ist ein entscheidender Beitrag zur Etablierung der - damals noch - ‚Sprechkunde’ zur ‚Sprechwissenschaft’.

Er veröffentlichte nicht nur Texte im Bereich des Dichtungssprechens, sondern beschäftige sich ebenso intensiv mit Sprecherziehung und entwickelte eine neue Leselehre (vgl. Sinnfassendes Lesen 1961). Er war ebenfalls Mitherausgeber des „SIEBS. Deutsches Aussprachewörterbuch. 19.Auflage 1969)

Winkler orientierte sich insbesondere an Erich Drach, bei dem er von 1930 bis 1932 in Berlin als Assistent arbeitete. Er ergänzte und überarbeitete dessen Schriften und Erkenntnisse und reformierte somit die Ansichten übers Dichtungssprechen im Bereich der Sprechkunde.

Er wirkte vor allem in Göttingen, Leipzig (1943-1945) und Marburg. Überall war es sein Anliegen die Sprechkunde zu etablieren. Dies gelang ihm allerdings nur teilweise. Winkler starb 1988 vierundachzigjährig in Marburg.

Die ‚Deutsche Sprechkunde und Sprecherziehung’ ist wohl sein wichtigstes und umfassendstes Werk. In dieser Niederschrift geht er auf nahezu alle Werke ein, die je im Bereich der Sprechkunde veröffentlicht wurden. Die Literaturliste umfasst circa 1100 Bücher (vgl. Geissner 1997).

3. Der Dichtungsvortrag

3.1 Verstehen und Gestalten (Friderike Lange)

Verstehen und Gestalten - die enge Verknüpfung dieser beiden Dinge bildet das Fundament für den Dichtungsvortrag nach Winklers Theorie.

Dass der Sprecher sich um das Verstehen des zu gestaltenden Textes bemüht, ist demnach Grundvoraussetzung für die Gestaltung. Dabei gibt es nach Winkler kein allgemein gültiges Verstehen. Jeder versteht den Text für sich, dabei gibt es kein Falsch und kein Richtig.

Die Gestaltung ist abhängig vom Verständnis. Doch auch der Umkehrschluss ist möglich: Gerade durch das Gestalten erschließt sich das Verständnis. „Gestalten ist das Mittel des erspürenden Verstehens“ (282). Die Schallform der Dichtung - Rhythmik, Melodik, der Klang der Worte - all das fließt laut Winkler in den Prozess des Verstehens, des eins Werdens mit der Dichtung ein. Es ist deswegen auch so wichtig, den Text beim Erschließen laut zu sprechen und nicht nur stumm zu lesen.

Ziel ist in jedem Fall, die sprachliche Vorlage zu einer inneren werden zu lassen, die Dichtung in sich selbst aufzunehmen (vgl. 284ff). Vielmehr als das auswendig Lernen eines Gedichts sollte das inwendig Lernen desselben angestrebt werden. Wie nach Winkler zu diesem Ziel zu gelangen ist, soll im Folgenden dargestellt werden.

3.2 Ausdruckshaltung – Redelage (Friderike Lange)

Ein entscheidendes Kriterium für den Dichtungsvortrag ist für Winkler die Ausdruckshaltung des Sprechers.

Darunter sind alle Gedanken und Gefühle zu verstehen, die sich ausgehend vom Sinnverständnis, vom „Kern“ des Gedichts entwickeln. An der Ausdruckshaltung ist also sowohl Rationales als auch Emotionales beteiligt. Winkler bezeichnet sie außerdem als etwas sich beständig Veränderndes, etwas Werdendes (vgl. 47).

Eine ebenso wichtige Rolle für den Dichtungsvortrag spielt die Redelage. Dazu gehört, mit dem Dichter und den Umständen zur Entstehung vertraut zu sein. Die Redelage erschließt sich aus dem Wissen um die Situation (Ort und Zeit), aus der heraus die Dichtung entstand. Sie sucht „den Kern und den letzten Antrieb, der gerade dies Wort gebar“ (289).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um zu dieser Mitte zu gelangen, stellt Winkler ein von Drach entwickeltes Konzept vor, das eine Anleitung gibt „den Text zu befragen“ (ebd.):

Gleichzeitig ist es aber auch Aufgabe des Sprechers, die Dichtung in seine eigene Redelage zu bringen. Er sollte sich ebenso auch Folgendes fragen: ‚Aus welcher Situation heraus gestalte ich den Text, was bedeutet er für mich ?’ Winkler besteht also nicht darauf, dass der Sprecher in eine fremde Rolle schlüpft. Er gesteht ihm vielmehr den Freiraum zu, sich beim Sprechen eine eigene Wirklichkeit zu schaffen (vgl. 288ff).

Die strikte Auffassung von Benedix (1852) und Esser (1939), dass die Dichtung so zu sprechen sei, wie der Dichter sie gesprochen hätte, lehnt Winkler damit ab: „Grundsätzlich ist der Sprecher der Dichtung zugewandt, nicht dem Dichter“ (288). Benedix und Esser vertraten außerdem die Ansicht, dass der Sprecher beim Vortrag den Eindruck erwecken müsse, das Gesprochene gerade zu erleben. Winkler tritt dem entgegen und meint, der Sprecher brauche nicht „[...] so zu tun als ob“ (Döring 1830, zit. nach Winkler 1954, 288). Er sollte aus eigenem Antrieb heraus gestalten und den Wortlaut für sich neu nachvollziehen. Winkler betrachtet die Redelage des Sprechers differenziert abhängig von der jeweiligen Textsorte. Auf diese Besonderheiten soll im Folgenden eingegangen werden.

3.2.1 Redelage beim Vortrag von Dramen

Die natürlich gesprochene Sprache spielt beim Drama eine zentrale Rolle. Das Drama wird schließlich gerade durch die Lebendigkeit und Dynamik der agierenden Personen bestimmt.

Nun bringt das für den Sprecher dramatischer Werke gewisse Besonderheiten mit sich. Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass es den ‚Sprecher dramatischer Werke’ an sich nicht gibt. Dramen werden meist als Theaterstück inszeniert; die Rollen von Schauspielern bekleidet. Es gibt jedoch auch die besondere Form der Dramenlesung, die vor allem im 19. Jahrhundert sehr populär war. Der Vorzug einer solchen Vortragsform besteht darin, dass der Originaltext ohne die Verfremdung einer Theaterinszenierung an die Hörer vermittelt wird.

Bei der Dramenlesung stellt sich dem Sprecher nun folgende Schwierigkeit: Inwiefern kann und sollte er sich trotz des Vor lesen s rollengestaltend, spielend einbringen? Hier existierten verschiedene Auffassungen. Goethe und Holtei beispielsweise vertraten die Ansicht, dass „mit lebhaft dramatisierender Gestikulation und Mimik“ (297) zu lesen sei, während Tieck auf dem „edleren Conversationston“ (295) beharrte. Alle lebten ungefähr zur gleichen Zeit.

Winkler selber beurteilt die Dramenlesung als problematisch. Seiner Ansicht nach können höchstens Dramen, die sehr wortgebunden sind dazu verwendet werden. Alles andere könne seiner Meinung nach nur durch die Bühne vermittelt werden; eine Lesung würde scheitern (vgl. 295ff).

3.2.2 Redelage beim Vortrag von Epik

Die in der Epik verwendete Sprache bezeichnet Winkler als die mit der „natürlichsten Redelage“ (295). Das bedeutet für den Sprecher keine größere Anstrengung, sich Situation und Umstände der Entstehung zu vergegenwärtigen bzw. den Text in seine eigene Redelage zu bringen. Hier taucht allerdings die Problematik der ‚stummen’ bzw. ‚erzählten’ Texte auf, wie Winkler sie bezeichnet (vgl. 296). Er beschreibt folgende Entwicklung: Die ursprünglichen Formen von Epik waren das Märchen, die Saga, der Schwank und der Epos - größtenteils mündlich überlieferte und damit ‚erzählte’ Texte. Die Entwicklung, so Winkler, kehrte sich jedoch von dieser Form ab und wendete sich hin zum Roman, einer „einsamen Schreib- und Lesedichtung“ (ebd.) – einem ‚stummen Text‘.

Inwiefern könnte sich dies problematisch auf den künstlerischen Vortrag von Epik auswirken?

Winkler betont die besondere Haltung des Vortragenden zum Text. Er sollte weder allein den Dichter verkörpern noch besonders originell sein.

Winkler zitiert dazu Drach: der Erzähler „[...] wandelt [...] um; gibt die Rede nicht, wie sie war, wieder, sondern, wie sie ihm im Ohr klingt“ (Drach 1926 zit. nach Winkler 1954, 297). Somit bleibt die Person des Erzählenden im Mittelpunkt. Tatsächlich ist er auch derjenige, der den sinnlichen Eindruck für die Hörer darstellt. Er vermittelt zwischen dem Text und den Hörern.

Bezüglich der eingangs gestellten Frage gibt es nach Winkler also in erster Linie keinen Unterschied zwischen dem Vortrag eines ‚stummen’ und eines ‚erzählten’ Textes. Der Ansatz ist der gleiche: der Vortragende hat sich mit dem Text auseinander zu setzen, um ihn dann von seinem Standpunkt aus wieder zu geben. Er kann dabei gestalten, seine eigene Haltung zum Text in kurzen Anmerkungen vermitteln oder auch nur als Unterton mitschwingen lassen. Er sollte sich dabei jedoch nicht vollends hinreißen lassen, sondern immer einen letzten Abstand bewahren. Wie der Vortragende sich zum Text verhält, wird natürlich auch von der Hörerschaft bestimmt. Ein Erzähler wird das gleiche Märchen für ein erwachsenes Publikum anders vortragen als für Kinder (vgl. 298f).

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638433808
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46116
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – für Sprechwissenschaft & Phonetik
Schlagworte
Christian Winklers Dichtungssprechen Probleme Kommunikation

Autoren

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Titel: Christian Winklers Äußerungen zum Dichtungssprechen