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Vergleich der Geschichten des Fronleichnams und des Blutritts

Essay 2018 8 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

In dem folgenden Essay werde ich, aufgrund der Gemeinsamkeit einer Prozession als zentralen Bestandteil ihres jeweiligen, religiösen Feiertags, die historischen Aspekte des Fronleichnams und des Blutritts vergleichen. Hierbei werde ich auf die markantesten Unterschiede eingehen und erörtern, inwiefern die Entstehungsgeschichte und Einflussnahme der katholischen Kirche auf die Organisation tragen. Dabei werde ich zuerst die geschichtlichen Hintergründe und zugrundeliegenden Bräuche beleuchten, um anschließend eine Rückfolgerung auf die Organisation, und Bedeutung der Prozession selbst und Hierarchien der teilnehmenden Gemeinschaft zu schließen.

Der Fronleichnam wird seit ca. 750 Jahren von den Katholiken jedes Jahr am Donnerstag der 2. Woche nach Pfingsten um 09 Uhr in verschiedenen Bundesländern zelebriert und ist ein Hochfest des Leibes und Blutes Christi, in dem das Leib Christi als gegenwärtig gilt und im Sakrament der Eucharistie gefeiert wird. Das Fest wurde erstmals 1246 im Bistum Lüttich in der Basilika St. Martin gefeiert und geht nicht auf eine biblische Grundlage zurück, sondern auf die Visionen der Klosterfrau Juliana. In diesen wiederkehrenden Visionen hatte sie eine unvollständige Mondscheibe gesehen, die durch Hinweise Christus hindeute, dass der Kirche eine liturgische Feier zur Verehrung des Altarssakramentes fehle. In diesem Altarssakrament wäre Jesus Christus in der heiligen Messe durch vollständige Verwandlung der Substanz des Brotes in seinen Leib und des Weines in sein Blut gegenwärtig geworden. Papst Urban IV. ordnete an, die Eucharistie einmal im Jahr feierlicher und ehrwürdiger zu begehen und diese sakramentale Gedächtnisfeier nicht nur mit dem Geist und dem Verstand zu gedenken, sondern auch die Realpräsenz zu erhalten. Dementsprechend sei Jesus Christus durch diese Gedächtnisfeier, wenngleich unter anderer Gestalt, in seiner Substanz gegenwärtig. Fronleichnam ist demnach das erste von einem Papst dekretierte Fest. Einer der einflussreichsten Theologen und Philosophen, Thomas von Aquin, schrieb die Messtexte und Kirchenlieder.1 Wenngleich der Fronleichnam anfangs ohne Prozession zelebriert wurde, ist diese heute ein integraler Part für dieses Fest. An der Prozession nehmen seit alters her der Klerus, die Innenstadtpfarrereien und in entsprechender Rangordnung und Kennzeichnung durch Trachten die Stände und Altersklassen, die Bruderschaften und Zünfte teil. Dabei gilt die Reihenfolge einzuhalten. Zum Schluss schließen sich die gläubigen Zuschauer an. In der Regel schließt sich die Prozession an die heilige Messe an und ein Priester, der von den Gläubigen begleitet wird, trägt die Monstranz mit einer konsekrierten Hostie, die als das Allerheiligste angesehen wird, in einem Festzug mit Gebeten und Gesänge durch die Straßen. Dabei wird die Monstranz von einem Stoffbaldachin, welches den Himmel darstellen soll, beschirmt. Die Prozession endet mit einem feierlichen Gottesdienst.2

Der Blutritt entstand im 15. Jahrhundert in Weingarten und gilt als die größte Reiterprozession in Europa. Hier lässt sich somit bereits der erste Unterschied zum oben dargestellten Fronleichnam erkennen. Wohingegen der Blutritt eine Reiterprozession ist, und sich dadurch auszeichnet, dass sie von Reitern vollzogen wird, wird der Fronleichnam als reguläre Prozession gefeiert. Der Blutritt findet alljährlich am Freitag nach Christi Himmelfahrt statt, wobei die Prozession, ebenso wie beim Fronleichnamsfest, den wichtigsten Teil der Feier darstellt. Das Fest beginnt jedes Jahr am Blutfreitag um 07 Uhr und wird im Gegensatz zum Fronleichnamsfest nicht in verschiedenen Bundesländern zelebriert, sondern lediglich im schwäbischen Weingarten. Seit über 950 Jahren beherbergt die Abtei Weingartens eine heilige Reliquie aus Erdklumpen, die einige Tropfen des Blutes Jesu Christi, der auf dem Hügel Golgatha gekreuzigt wurde, enthalten soll. Longinus, ein römischer Legionär, hatte der Legende nach seinen Speer nach der Kreuzigung Jesu, tief in die Seite des Gekreuzigten gestochen, um den Tod festzustellen. Dabei tropfe das Blut Jesu Christi auf sein Gesicht und habe ihn erleuchtet. Später gelang die mit dem Blut vermischte Erde nach Mantua und wurde aufgrund der Besetzung durch die Langobarden an einem geheimen Ort versteckt. Erst im Jahre 804 wurde die Reliquie wiedergefunden. Karl der Große und Papst Leo III. ließen sie anschließend prüfen und teilten sie im Anschluss. Nachdem im Jahre 1055 Kaiser Heinrich III. nach Mantua kam, wurde ihm ebenfalls ein Teil der Blutreliquie zugesprochen. Als er starb, wurde sie dem Grafen Balduin V. von Flandern vermacht, der die Reliquie seiner Verwandten Judith, eine Gräfin und Herzogin von Bayern, schenkte. Sie übergab die Reliquie später dem Abt des Klosters in Weingarten.3 Der Blutritt als alljährliche Prozession am Freitag nach Christi Himmelfahrt entstand in der Zeit um 1500 aus dem bäuerlichen Brauch heraus, den Priester des Klosters zu zwingen mit der Reliquie Jesu in seiner Bursa tragend, um das Pfarreigebiet zu reiten und das Land zu segnen, um es somit vor verderblichen Unwetter zu schützen und gutes Wachstum zu sorgen.4 Ab dem 15./16. Jahrhundert schlossen sich jährlich Menschen aus der Gemeinde Weingartens dem Messner und Priester an, um mit ihnen das Gebiet zu umreiten und zu segnen. Auch an dieser geschichtlichen Entstehungsgeschichte lässt sich ein markanter Unterschied erkennen. Wohingegen der Fronleichnam ein, wenn auch auf die Visionen einer Klosterfrau, zurückgehender Feiertag war, der von der katholischen Kirche, stellvertretend durch Papst Urban IV, eine akribisch geplante, fehlende liturgische Feier zur Verehrung des Altarssakraments war, so entstand der Blutritt durch die freiwillige Begleitung des Priesters durch Gemeindemitglieder, bei einem in der Karolinger Zeit, häufig nachgegangenen Brauch der Segnung von Pfarreigebiet. Seit 1998 belebt die Städtepartnerschaft Weingarten und Mantua diese historische Verbindung, weshalb eine Delegation aus Mantua seither auch am Blutritt teilnimmt. Nach dem Matthäusevangelium sowie dem Markusevangelium habe der römische Legionär Longinus außerdem die Gottessohnschaft Jesu bezeugt. Hiermit wird, im Gegensatz zum Fronleichnam, auf eine biblische Grundlage verwiesen. Außerdem stellt der Fronleichnam das Leib und das Blut Jesu Christi in den Vordergrund. Dabei ist der Höhepunkt des Blutritts der Segen des Heiligen Blutes, den der Heilig-Blut-Reiter für Haus, Hof und Felder spendet und die Legende des Blutes Jesu Christi in der Heilig-Blut-Reliquie. In der Reiterprozession trägt der Heilig-Blut-Reiter die Reliquie am Blutfreitag durch Weingarten.5 Der Blutritt ist traditionell eine Männerwallfahrt. Eine Blutreiter-Gruppe besteht aus einer Musikkapelle, dann folgt der Pfarrer mit den Ministranten, wobei die einzigen weiblichen Teilnehmer Ministrantinnen sind, und anschließend den Blutreitern.6 Beim Fronleichnam hingegen sind neben den männlichen Teilnehmern, wie beispielsweise die Priester, Diakone oder Mönche, ebenso Nonnen, Kommunionsmädchen und Frauen aus Vereinen und Ordensgemeinschaften Teilnehmerinnen der Prozession.7 Bei der Prozession des Blutritts jedoch herrscht keine Rangordnung innerhalb der Prozession. Wenngleich das Fronleichnamsfest nach der Prozession mit der anschließenden heiligen Messe mit einem feierlichen Gottesdienst endet, versammeln sich beim Blutritt nach der Prozession alle zu einem Volksfest.8

Hier lässt sich somit ebenfalls einer der prägnantesten Unterschiede zwischen den beiden, dargestellten katholischen Feiertage und ihrer Prozessionen erkennen. Die Rangordnung und Regeln der Prozessionen unterscheiden sich eindeutig in Hinblick auf die strikte Einhaltung von Reihenfolgen der Teilnehmer während des Rituals, und dieser Teilnehmer, beispielsweise mit Blick auf ihr Geschlecht, selbst. Die strengere Organisation und Befolgung von spezifischen innerkirchlichen Regeln und Hierarchien während der Prozession, lässt sich mit großer >Wahrscheinlichkeit auf die Entstehungsgeschichte der beiden Feiertage (s.o.) zurückführen.

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1 Das große universal Lexikon. In Zusammenarbeit mit Bertelsmann, München 1996, S. 285.

2 Tacke, Wilhelm (2011): Weihrauch, Monstranz und Baldachin

3 Birlinger, Anton: Sitten und Gebräuche. Volksthümliches aus Schwaben, Bd. 2, Freiburg im Breisgau: Herder'sche Verlagshandlung, 1862, S. 216 ff.

4 Spahr, Gebhard (2018): Die Basilika Weingarten, Die Entstehung des Blutritts

5 Ruess, Andreas (2017): Der Blutritt zu Weingarten

6 Müller-Schnepper, Helga (2014): Blutritt in Weingarten

7 ORF Religionsredaktion (2014): Lexikon der Religionen: Fronleichnam

8 Müller-Schnepper, Helga (2014): Blutritt in Weingarten

Details

Seiten
8
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668905399
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v461275
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Kulturwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Fronleichnam

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Titel: Vergleich der Geschichten des Fronleichnams und des Blutritts