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Stundenentwurf zum Thema "Jesu Zuspruch der Vergebung im Neuen Testament"

von Ann Chef (Autor)

Unterrichtsentwurf 2018 15 Seiten

Theologie - Didaktik, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Sachanalyse

2. Didaktische Analyse

3. Literaturverzeichnis

4. Anhang
4.1 Stundenraster
4.2 Arbeitsmaterialien

1. Sachanalyse

Der Begriff der Sünde wird im alltäglichen Sprachgebrauch vielfältig genutzt, ohne dass eine klare Definition existiert. Daher muss zunächst geklärt werden, welches Sündenverständnis der Unterrichtseinheit zugrunde liegt. Hierfür wird das Verständnis herangezogen, nach dem die Sünde „als Bruch des Gottesver- hältnisses durch den Menschen“1 verstanden wird. Dieser Bruch kann zum einen im Unglauben und in der Abwendung von Gott, zum anderen im morali- schen Fehlverhalten seinen Mitmenschen gegenüber bestehen.2

Aus christlicher Perspektive kann Sünde nicht ohne Vergebung gedacht wer- den, „denn die Sünde wird erst im Licht der Erlösung vollends erkannt, wäh- rend die Perspektive der Vergebung den Sünder zugleich aus seiner Ausweglo- sigkeit befreit.“3 Während die Sündenvergebung im Alten Testament im Kon- text kultischer Riten wie Schuld- und Sühneopfer dargestellt wird,4 ist Jesus Christus für die Vergebung der Sünden im Neuen Testament zentral. Dies ist nicht nur auf den Sühnetod Jesu zurückzuführen, sondern insbesondere auf den für ihn charakteristischen Umgang mit Sünderinnen und Sündern. Dabei ist in der Forschung jedoch umstritten, ob er selbst Sünden vergeben oder lediglich den Menschen Gottes Vergebung zugesprochen hat.5

Jesu Salbung durch die Sünderin in Lukas 7, 36-506 steht exemplarisch für sein Verhalten gegenüber Sünderinnen und Sündern. Die Rahmenhandlung der Perikope bildet ein Gastmahl, welches durch das Auftreten einer Sünderin un- terbrochen wird. Der dadurch entstehende Aufruhr veranlasst Jesu dazu, ein Gleichnis von zwei Schuldnern zu erzählen. Anschließend erläutert er den An- wesenden, warum der Frau ihre Sünden vergeben werden.

Dass das Tischmahl sich im Hause eines Pharisäers ereignet, lässt das Auftre- ten einer gesellschaftlich geächteten Frau, die wegen ihres moralischen Fehl- verhaltens als Sünderin gilt, besonders skandalös erscheinen. Ihr Glaube moti- viert sie dazu, Jesus aufzusuchen und seine Füße zu salben. Diese Berührung führt zur empörten Reaktion des Gastgebers, da sie nach jüdischem Reinheits- verständnis bewirkt, dass Jesus unrein wird. Jesus gewichtet jedoch die Rein- heit des Herzens höher als äußere Reinheitsvorschriften7 Er sieht in der Sal- bung durch die Sünderin einen Akt der Liebe, da sie unterwürfig und hinge- bungsvoll seine Füße mit ihren Tränen benetzt und mit ihren Haaren trocknet.8 Diese Handlung aus Liebe, welche als „Ausdruck des gläubigen Vertrauens“9 aufgefasst wird, führt Jesus als Grund für die Vergebung der Sünderin an (Lk 7, 47.50).

Im Gleichnis setzt Jesus die Vergebung der Sünderin in Relation zur Verge- bung anderer sündhafter Menschen. Durch ihr Dasein als Prostituierte hat die Sünderin einen niedrigen Status in der Gesellschaft. Ihre Erlösungsbedürftig- keit ist daher besonders groß, weshalb sie die Vergebung im hohen Maße wert- schätzen kann.10 Im Gleichnis wird sie durch den Schuldner repräsentiert, der 500 Silbergroschen erlassen bekommt.

Die Perikope zeigt zudem, dass Vergebung zwar als Geschenk der Gnade Got- tes zu verstehen ist, jedoch auch die sündhafte Person in den Prozess der Ver- gebung mit einbezogen wird. Indem die Sünderin zu Jesus kommt und damit ihren Glauben bezeugt und in Liebe handelt, schafft sie aktiv die Vorausset- zung dafür, dass ihr vergeben wird. Sowohl im Gleichnis als auch in der Erklä- rung Jesu bleibt offen, ob es für die Vergebung von Bedeutung ist, worin die Sünde besteht, und ob einige Sünden schwerer wiegen als andere und gewisses Verhalten unverzeihbar ist. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund der heu- tigen Gesellschaft relevant, in der zumeist Vergehen wie Vergewaltigung und Mord als unverzeihliche Taten gelten. Besonders brisant sind Beispiele aus dem kirchlichen Kontext, bei denen es zu einem Missbrauch durch Vertre- ter*innen der Glaubensgemeinschaft gekommen ist.11 Es bleibt kritisch zu hin- terfragen, inwiefern das Verständnis der Sündenvergebung aufgrund des Glau- bens das menschliche Handeln im Alltag beeinflusst. Davon ausgehend blieben gute Taten für die Vergebung bedeutungslos und riefen möglicherweise ein willkürliches Handeln hervor.12

Aus den vorangegangenen Überlegungen ergibt sich für die geplante Unter- richtsstunde zur neutestamentlichen Sündenvorstellung, dass der Zuspruch der Vergebung durch Jesus Christus im Zentrum der Stunde stehen soll. Da der Mensch nicht nur auf Vergebung von Gott hofft, sondern auch selbst zur Ver- gebung bereit sein soll,13 setzen sich die Schülerinnen und Schüler14 im Ein- stieg mit ihren persönlichen Bedingungen zur Vergebung auseinander. Um sie dazu anzuregen zu überlegen, wann Jesus Sünderinnen und Sündern vergibt, stehen ihnen zunächst nur die Verse 36-42 zur Verfügung. Zudem soll den SuS im Transfer Raum gegeben werden zu diskutieren, inwiefern das Konzept der Vergebung in Lukas 7, 36-50 mit ihren eigenen Vorstellungen übereinstimmt.

2. Didaktische Analyse

Die Sünde scheint zunächst kein unmittelbares Thema in der Lebenswelt der SuS zu sein. Der Aspekt der Vergebung hingegen stellt ein lebensnahes Thema dar, denn Jugendliche sind in ihrem Heranwachsen immer wieder auf die Ver- gebung von Erziehungs- und Bezugspersonen angewiesen, ebenso wie sie selbst vergeben. Dieser Lebensweltbezug wird den SuS im Einstieg und Trans- fer explizit deutlich gemacht.

Da die Unterrichtseinheit für SuS einer 12. Klasse geplant ist, haben Themen und Ausrichtungen der Stufen 3 und 4 nach James W. Fowler vermutlich eine besondere Bedeutung für die SuS. Das bedeutet, dass sich die SuS nach der Stufe 3 des synthetisch-konventionellen Glaubens zum Teil noch an Vorbildern orientieren und auf der Suche nach der eigenen Identität sind. Die Unterrichts- stunde soll dazu dienen, einen Übergang zur bzw. eine Festigung der 4. Stufe des individuierend-reflektierenden Glaubens zu ermöglichen. Die Lernenden werden dazu angeregt, sich kritisch mit Glaubensinhalten auseinanderzusetzen und so ein Identitätsbewusstsein herauszubilden.15 Der religionspsychologische Entwicklungsstand der SuS sollte somit ein Niveau erreicht haben, auf dem sie in der Lage sind, eigene Bedingungen für Vergebung zu benennen, neutesta- mentliche Voraussetzungen nachzuvollziehen und diese kritische zu hinterfra- gen.

Dies bedeutet insbesondere für die Transferphase, dass den SuS zugetraut wird, einen eigenen Standpunkt zu einer theologischen Frage zu entwickeln. Im Sin- ne des Theologisierens mit Jugendlichen werden die SuS zum eigenen Weiter- denken und kritischen Hinterfragen angeregt. In dieser Phase fungiert die Lehrkraft nicht als Wissensvermittlerin, sondern als aufmerksame Beobachte- rin, stimulierende Gesprächspartnerin und begleitende Expertin.16 In diesen Rollenverständnissen ist es unter anderem die Aufgabe der Lehrkraft, die Dis- kussion durch provozierende Impulse voranzubringen und bei sachlich falschen Aussagen einzugreifen.17

In Bezug auf die Fachanforderungen lässt sich die Unterrichtseinheit dem Kompetenzbereich 2: Die Frage nach dem Menschen und dem richtigen Han- deln zuordnen. Darin wird als mögliche Konkretion für die Sekundarstufe 2 das Thema Schuld und Sünde vorgeschlagen.18

Aus den didaktischen Ausführungen ergeben sich folgende Überlegungen für die geplante Stunde:

Hauptlernziel: Die SuS erarbeiten szenisch die neutestamentliche Vorstellung von der Vergebung der Sünderin durch den Glauben in Lk 7, 36-50 und setzen diese kritisch in Bezug zu ihren eigenen Vorstellungen von der Vergebung.

Hauptkompetenz: Deutungsfähigkeit

Intention: Indem die SuS den Bibeltext Lk 7, 43-50 szenisch erarbeiten und die Vergebung Jesu mit ihren eigenen Vorstellungen von Vergebung diskutie- ren, erarbeiten sie sich eine eigene Position und werden so schwerpunktmäßig in ihrer Deutungsfähigkeit geschult.

Da die SuS das behandelte Gleichnis und die Thematik der Vergebung, welche für den christlichen Glauben zentral sind, sachgemäß erschließen, in Bezug zu ihrer eigenen Lebenswelt setzen und hinterfragen, werden sie schwerpunktmä- ßig in ihrer Deutungsfähigkeit geschult. Aus der Einnahme eines Standpunktes, dessen argumentativer Vertretung im Unterrichtsgespräch sowie der sensiblen Auseinandersetzung mit Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern erge- ben sich die Nebenkompetenzen Dialog- und Urteilskompetenz.19

Im Hinblick auf die Unterrichtseinheit Das Sündenverständnis aus unterschied- lichen Perspektiven lässt sich die vorliegende Unterrichtsstunde im mittleren Bereich verorten. Zuvor haben die SuS den Begriff der Sünde in Abgrenzung zum Schuldbegriff definiert und das alttestamentliche Sündenverständnis ken- nen gelernt. Sowohl die strukturelle Sünde in Genesis 3 als auch die Tatsünde in Genesis 4 wurden behandelt. Der Aspekt der Vergebung ist dabei außen vor geblieben. Im Anschluss an die Unterrichtsstunde werden das paulinische und das lutherische Sündenverständnis sowie der Umgang mit der Sünde in der NS- Zeit behandelt. Für die Stunde wird vorausgesetzt, dass die SuS mit dem theo- logischen Gespräch, szenischem Spiel und Feedback vertraut sind.

[...]


1 Krötke, Wolf, Art. Sünde / Schuld und Vergebung I. Begrifflichkeit, in: RGG[4] 7(2008), 1867f., hier: 1867.

2 Vgl. ebd. f. und Faber, Eva-Maria, Art. Vergebung, Vergebung der Sünden II. Systematisch- theologisch, in: LThK[3] 10 (2001), 652f., hier: 652.

3 Faber, Vergebung, 652.

4 Vgl. Gestrich, Christof/ Zehner, Joachim, Art. Vergebung, in: EKL[3] 4 (1996), 1137-1143, hier: 1138.

5 Vgl. Hübner, Hans, Art. Sünde 2. Neues Testament, in: EKL[3] 4 (1996), 563-567, hier: 565.

6 Alle Zitate erfolgen nach folgender Bibelübersetzung: Luther, Marin, Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. Mit Apokryphen. Bibeltext in der revidierten Fassung von 1984, Stuttgart 2009.

7 Vgl. Stuttgarter Erklärungsbibel, 1514 und 1923.

8 Vgl. Schürmann, Heinz, Das Lukasevangelium. 1.Teil (HThKNT 3), Freiburg 1969, 498f.

9 Schneider, Gerhard, Das Evangelium nach Lukas, Kapitel 1-10, Würzburg 1977, 178.

10 Vgl. Schürmann, Das Lukasevangelium, 495.

11 Beispiele finden sich u.a. in: Deutsche Presse-Agentur, Der Missbrauchsskandal in der ka- tholischen Kirche. Chronologie, 18.07.2017 (WWW-Dokument, https://www.zeit.de/news/2017-07/18/kirche-der-missbrauchsskandal-in-der-katholischen- kirche-18124010), zuletzt abgerufen am 13.06.2018.

12 Vgl. Gestrich / Zehner, Vergebung, 1137.

13 Dies wird deutlich in der 5. Bitte des Vaterunsers: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Vgl. hierzu ebd.

14 Im Folgenden SuS.

15 Vgl. Naurath, Elisabeth, Kognitiv-strukturalistische Entwicklungstheorien, in: Lämmermann, Godwin / Naurath, Elisabeth / Pohl-Patalong, Uta, Arbeitsbuch Religionspädagogik. Ein Be- gleitbuch für Studium und Praxis, Gütersloh 2005, 76-95, hier: 91.

16 Da die Stunde von weiblichen Lehrkräften vorbereitet wurde, wird hier die feminine Form verwendet.

17 Vgl. Reiß, Annike / Freudenberger-Lötz, Petra, Didaktik des Theologisierens mit Kindern und Jugendlichen, in: Grümme, Bernhard / Lenhard, Hartmut / Pirner, Manfred, Religionsun- terricht neu denken. Innovative Ansätze und Perspektiven der Religionsdidaktik, 133-145, hier: 138.

18 Ministerium für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein (Hg.), Fachanfor- derungen Evangelische Religion. Allgemeinbildende Schulen, Sekundarstufe I und II, Kiel 2016, 36.

19 Vgl. Fachanforderungen, 32f.

Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668915138
ISBN (Buch)
9783668915145
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v461372
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1.0
Schlagworte
Jesus Vergebung Neues Testament Unterricht Oberstufe Religionspädagogik Didaktik Bibeldidaktik

Autor

  • Ann Chef (Autor)

    11 Titel veröffentlicht

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