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Das Kapitel "Atemzüge eines Sommertags" im Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil

Eine literaturwissenschaftliche Analyse zur Poesie des Atems

Akademische Arbeit 2017 18 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Atem und Atemzüge

3. Überlegungen zu Inhalt und Poesie des Textes

4. Tausendjähriges Reich, die zwei Arten leidenschaftlichen Seins, Religion und Mystik

5. Das Verhältnis zwischen Agathe und Ulrich

6. Fazit

7. Quellen

1. Einleitung

Die Begriffe Atemzug wie auch Atem sind in ihrer wörtlichen wie auch sinngemäßen Anwendung emotional stark aufgeladen. Sprachliche Wendungen aus dem Alltag wie "bis zum letzten Atemzug", "das verschlägt einem den Atem", "da stockt mir der Atem" und zahlreiche weitere belegen das. Kein Wunder, dass diese Begriffe in der Poesie einen noch weit höheren Stellenwert haben.

In Rainer Maria Rilkes „Atmen, du unsichtbares Gedicht“1 _ – aus den „Sonetten an Orpheus“, ereignet sich der Atem als Basis der Poesie. Die Betrachtung des Kapitels „Atemzüge eines Sommertags“ aus Musils „Mann ohne Eigenschaften“2 _ wird näher an Goethes nüchterner Beschreibung, in den ersten beiden Zeilen seines Gedichts über das Atemholen, gehalten: "Im Atemholen sind zweierlei Gnaden, die Luft einziehen, sich ihrer entladen“3 _. In der vorliegenden Arbeit wird näher untersucht, welche Bedeutung, welches Gewicht, der in der Kapitelüberschrift verwendete Begriff Atemzüge im Text des Kapitels tatsächlich hat. So ergibt sich die Fragestellung: „Inwieweit tritt die Poesie des Atems innerhalb des Kapitels auf?“

2. Atem und Atemzüge

Das Wort Atem kommt in diesem Text zweimal vor.4 _ Das Wort atmen, in der Variante ausatmen, kommt einmal vor._

Die erstgenannte Erwähnung des Atems, als der Atem der ihn (den Strom glanzlosen Blütenschnees) trug,5 bezieht sich unmissverständlich auf den Atem im Sinne der Überschrift, also auf den Atem des Sommertags. Da dieser Atem den Blütenstrom fortträgt, handelt es sich sinngemäß um ein Ausatmen. Allerdings fehlt eine Angabe zum Einatmen, das doch vorangehen muss.

Die zweite Erwähnung beschreibt ausdrücklich ein Einatmen, hier allerdings das Einatmen von Agathe, die tief Atem holend 6 eine Frage an ihren Bruder stellt. Irritierend ist schon die etwas ungenaue Formulierung, da man beim Einatmen nicht reden kann. Die dritte Erwähnung bezieht sich ebenfalls auf Agathe, nämlich auf ihre einen Hauch von Ungestüm und Verzicht ausatmende Antwort 7. Auch diese Formulierung ist zumindest ungenau, da streng genommen die Antwort als Subjekt des Ausatmens genannt wird. Solche sprachlichen Ungenauigkeiten des Autors sind mir in diesem Kapitel an mehreren Stellen aufgefallen, sollen aber nicht im Zentrum der Betrachtung stehen.

Atemzüge kommen in diesem Kapitel kaum vor und werden dann auch noch nur andeutungsweise dargestellt.

Mir drängt sich die Frage auf, wo und wann der Sommertag – zumindest bildlich gesprochen – eigentlich einatmet, bevor er den Blütenstrom durch seinen Atem davonträgt. Dafür finde ich jedoch im Text keinerlei Nachweis oder Hinweis oder auch nur eine Andeutung.

Wenn ich in die Betrachtung auch die Atemzüge Agathes - und Ulrichs - einbeziehe, kommt wie auch schon beim Sommertag festgestellt, nur das Ausatmen vor, wird aber, anders als beim Atmen des Sommertags, immerhin ausdrücklich erwähnt. Aber die unmissverständliche Überschrift kann nicht diesen Atem Agathes – oder auch Ulrichs - meinen, zumal im Text eingangs des Kapitels, wie oben dargelegt, der Atem ausdrücklich auf den Sommertag oder jedenfalls auf die Natur und nicht auf eine Person bezogen wird. Denn nur ein solcher Atem, nicht der Atem eines Menschen kann, auch im übertragenen Sinn, den Blütenstrom tragen.

An keiner Stelle des Kapitels sonst wird ausgeführt, was dem Atem oder den Atemzügen - sei es des Sommertages oder Agathes oder Ulrichs - eine tiefere Bedeutung für den Inhalt des Kapitels geben würde. Daher ergibt sich, dass Atem oder Atemzüge sowohl des Sommertages als auch der Protagonisten Agathe und Ulrich für Musil in diesem Kapitel keine weitere Bedeutung haben, außer allenfalls, der einer Beschreibung sozusagen colorandi causa.

3. Überlegungen zu Inhalt und Poesie des Textes

Die ersten beiden Absätze des Kapitels machen, gerade wenn man von Atemzügen absieht, auf den ersten Blick einen sehr poetischen Eindruck. Wendungen wie ein Strom glanzlosen Blütenschnees schwebte […], […] der Atem, der ihn trug war so sanft, dieses schien sich von innen zu verdunkeln wie ein Auge […], […] die zärtlich und verschwenderisch vom jungen Sommer belaubten Bäume und Sträucher […], […] Begräbniszug und Naturfest […], […] Lebens- und Naturzauber 8 wirken auf den ersten Blick überwältigend poetisch. Die nähere Betrachtung ergibt jedoch, dass die Bilder und Vergleiche nahezu allesamt derart unstimmig, teilweise geradezu absurd sind, dass ich sie auch nicht mehr als Poesie sondern als ganz inhaltsleer und nur noch als Wortgeklingel empfinde. Damit gemeint ist der bewusste Einsatz von gefühlsträchtigen Worten um einen poetischen Eindruck hervorzurufen, ohne entsprechenden Zusammenhang und Hintergrund.

Aus den vorgenannten Gründen ist für mich schon das Bild von einem jedenfalls äußerlich schönen Sommertag am Anfang des Kapitels keine Poesie.

Der als Atem verstandene Luftzug, der den Blütenschnee trug, wird als so sanft bezeichnet, dass sich kein Blatt regte. Das kann aber nicht sein, denn wie jedermann beobachten kann, bewegt selbst der leiseste Luftzug die Blätter eines Baumes, wenn auch nicht seine Äste. Und ein Luftzug, der wie hier geschildert, über längere Zeit einen ganzen Zug von Baumblüten davonträgt, muss auf jeden Fall auch die Blätter bewegen. Nicht nachvollziehbar ist, dass von einer ausdrücklich als abgeblühte Baumgruppe bezeichneten Quelle9 noch Blüten davonschweben und zwar ausdrücklich als Strom, was ja eine große Menge von Blüten erfordert, nicht nur ein paar übriggebliebene. Auch das Bild vom Grün des Rasens als Auge, das sich von innen verdunkelt, ist schief und verunglückt. Ein Auge hat natürlich ein Inneres, von dem auch vorstellbar ist, dass es sich verdunkelt. Das gilt doch aber nicht für einen Rasen und sein Grün. Das Innere eines Rasens gibt es nicht, also nichts, was sich verdunkeln könnte. Hier wie an vielen weiteren Stellen drängt sich mir der Eindruck auf, dass Musil gar kein engeres Verhältnis zur Natur hat, so dass ihm Naturvorgänge nicht einmal rein äußerlich vertraut sind. Mit der Folge, dass seine Bilder und Vergleiche unter Bezugnahme auf die Natur bei näherem Hinsehen sämtlich verunglückt sind.

Unverständlich sind aber weitgehend auch Musils Darstellungen, soweit sie Menschliches einbeziehen. Das gilt für die Schilderung des Eindruck(s), den Bäume und Sträucher machten von fassungslosen Zuschauern, die in ihrer fröhlichen Tracht überrascht und gebannt, an diesem Begräbniszug und Naturfest teilnahmen 10. Das ist in sich widersprüchlich und psychologisch unstimmig. Wer fassungslos ist, der ist erst einmal still und muss seine Fassung wiedergewinnen. Die behauptete Fassungslosigkeit widerspricht aber auch der vorher bei Bäumen und Sträuchern vorhandenen fröhlichen Tracht. Wenn sie schon vorher fröhlich waren, was hat sie dann fassungslos gemacht? Und was könnte sie nach dem als fröhliche Tracht bezeichneten vorhergehenden Treiben gebannt 11 haben? Sollen Bäume und Sträucher etwa von dem Blütenstrom überrascht und gebannt worden sein, der ihnen doch vollkommen vertraut ist, weil dieser Vorgang sich doch regelmäßig alle Jahre wiederholt? Und wie sollen Bäume und Sträucher etwa in dem Blütenstrom einen Begräbniszug 12 gesehen haben, obwohl sie ihn jedes Jahr aufs Neue als ganz natürlichen Prozess erleben? Allenfalls auf einen melancholischen Menschen mag ein Blütenstrom diese Wirkung haben, aber Musil bezieht sie ausdrücklich auf Bäume und Sträucher. Das ist abwegig. Wie schon bei dem Bild vom Rasengrün als sich verdunkelndes Auge liegt darin eine überaus gezwungene und verkrampfte Bemühung, dem Vorgang Tragik und damit Bedeutungsschwere beizugeben, die nicht überzeugen kann.

Die plötzliche und vor allem ohne jeden Zusammenhang unverständliche Aufzählung von Frühling und Herbst, Sprache und Schweigen der Natur, auch Lebens- und Todeszauber, die sich mischten in dem Bild, 13 ist auch nicht nachvollziehbar. Eigentlich ist es auch gar kein Bild, da einfach bedeutungsschwer klingende Worte aneinandergereiht werden, ohne erkennbare Verbindung. So bleiben es bloße Behauptungen, deren Begründung der Rezipient sich allenfalls selbst ausdenken kann, der aber ohne jede Erläuterung der doch sehr besonderen Betrachtungsweise Musils gar nicht dazu gelangen wird, in diesem alltäglichen Naturvorgang zugleich Frühling und Herbst, Lebens- und Todeszauber zu sehen.

Die weiteren Beschreibungen sind als ekstatisch zu bezeichnen und jedenfalls für einen heutigen Leser ebenfalls nicht nachvollziehbar. Das gilt besonders für die Ausführung, die Herzen schienen stillzustehen, aus der Brust genommen zu sein.14 Hier soll ein weiterer Einwand gegen diese als "Masche" empfundene Verfahrensweise Musils vorgebracht werden. Er schildert den Vorgang des Herzstillstands wie andere Vorgänge fast immer als nicht einfach geschehen, sondern als nur anscheinend oder auch scheinbar geschehen. Will er vorsorglich damit dem Vorwurf begegnen, dass er unglaubhafte Vorgänge schildere, indem er auf den Vorwurf erwidert, er habe ja nur gesagt, dass es so scheine? Tatsächlich wird aber die Darstellung dadurch keineswegs besser nachvollziehbar. Denn er erklärt niemals, weshalb dieser Anschein entstanden ist. So auch an der Stelle mit den einerseits stillstehenden andererseits aus der Brust genommenen Herzen. Es ist doch zumindest überraschend, plötzlich mit einer so extremen Äußerung konfrontiert zu werden, wie der über das scheinbare oder anscheinende Herausnehmen von Herzen aus der Brust. Der Leser fragt sich doch, was einen solchen Anschein begründet haben könnte. Dazu wird aber nichts gesagt und eine Kausalität ist nicht ersichtlich. Außerdem ist die Darstellung auch noch widersprüchlich. Zum einen sollen die Herzen stillzustehen scheinen, was annähernd einer Uhr entspricht. Aber wie passt dazu die Schilderung, nach der die Herzen gleichzeitig aus der Brust genommen zu sein 15 schienen? Versteht Musil vielleicht unter diesen, immer nur als Schein erfolgenden Andeutungen, die Mystik, die er immer wieder beschwört, ohne je im mindesten konkret zu werden oder soll das etwa zu dem Mystiker führen, auf den sich Musil beruft, ebenfalls ohne ihn zu benennen? Die Vorstellung vom Herausnehmen des Herzens aus der Brust ist jedenfalls für einen heutigen Leser doch eher blutrünstig als mystisch, erinnert vielleicht an 'Nathan der Weise', aber lässt keinen Bezug zu irgendeiner Mystik erkennen. Blutig ist der Vorgang offensichtlich nicht gemeint, sondern metaphorisch, nur dass nicht erkennbar ist, in welchem Sinn. Es drängt sich der Eindruck auf, dass es dem Autor auch hier, wie bei den Atemzügen, nur darum geht, etwas Bedeutungsschweres hinzuschreiben, um den Leser zu beeindrucken, ohne aber die Fähigkeit zu besitzen oder sich die Mühe zu geben, das auch überzeugend auszufüllen. Gerade für die Schilderungen, die mit Sterben und Tod geradezu kokettieren, gilt die generelle Nähe zur Romantik aber ohne verständlich zu werden. Auch an den Expressionismus mag man denken, etwa den von Gottfried Benn, der annähernd gleichzeitig wie Musil in der Morgue, dem Leichenschauhaus, Gedichte über blaue Astern in einem geöffneten Leichnam schrieb, dies allerdings im Gegensatz zu Musil hinsichtlich der Tatsachen durchaus realistisch und nachvollziehbar. Wenn schon der Autor in die zunächst angenehme Assoziationen hervorrufende Beschreibung eines schönen Sommertags durch Bezugnahme auf Begräbnis, Sterben und Tod einen Bruch hereinbringen will, müsste er beides näher ausführen und nicht nur behaupten.

Insgesamt gibt es in dem ganzen Kapitel keinerlei Hinweise oder auch nur Andeutungen auf den Zusammenhang zwischen Atem und Psyche. Musil ist offensichtlich die Vorstellung von einer tieferen Bedeutung des Atemzuges und auch die von einer Poesie des Atems völlig fremd.

4. Das Tausendjährige Reich, die zwei Arten leidenschaftlich zu leben, Religion und Mystik

Mir scheint vielmehr, dass es Musil hier um ganz andere Vorstellungen und Ideen als den Atem geht, die er als Gedanken Ulrichs darstellt und die überwiegend von Agathe in der Form von Erinnerungen aufgerufen werden. Dabei werden vor allem drei Begriffsfelder dargestellt und damit in den Vordergrund gerückt. Nämlich das Tausendjährige Reich, sodann die beiden Arte n leidenschaftlichen Seins beziehungsweise zwei Sorten des leidenschaftlichen Menschen 16 und eine, nicht näher konkretisierte, aber immer wieder angesprochene Mystik sowie, damit zusammenhängend, religiöse Motive und zwar stets im Sinne der katholischen Religion.

Über das Tausendjährige Reich erfährt der Leser, es sei ein gefühlshelles Wort und […] beinahe fassbar wie ein Ding […] aber dem Verstand unklar. Es werde auch das Reich der Liebe genannt, und Agathe denkt […] erst als letztes daran, daß beide diese Namen schon seit den Zeiten der Bibel überliefert werden und das Reich Gottes auf Erden bedeuten.17 Für Agathe handelt es sich also um einen religiösen Begriff, der mit religiösen Empfindungen verbunden ist und der eigentlich nur für einen Gläubigen nachvollziehbar ist. Agathe, so heißt es weiter, wusste scheinbar ohne weiteres, wie man sich im Tausendjährigen Reich zu verhalten habe, […] ganz still, man darf keinerlei Verlangen Platz lassen, man muss sich der Verständigkeit entäußern, man muß seinen Geist aller Werkzeuge berauben, man muss das Wissen von ihm abtun und das Wollen, […] der Wirklichkeit muss man sich entschlagen […] ansichhalten muss man, bis Kopf, Herz und Glieder lauter Schweigen sind. So könne man die höchste Selbstlosigkeit erreichen, darin berühren sich schließlich Außen und Innen, als wäre ein Keil ausgesprungen, der die Welt geteilt 18 hat. Dabei fällt einem nicht die katholische Religion und deren Vorstellungen ein, sondern eigene philosophisch-moralische Vorstellungen Ulrichs bzw. Musils.

[...]


1 Rilke, Rainer-M.: Die Sonette an Orpheus. in: Karl-Maria Guth (Hg.): Sämtliche Werke, Berlin, 2016, S.77.

2 Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften. hg. v. Adolf Friese, Hamburg 1978.

3 Rattner, Josef: Goethe: Leben, Werk und Wirkung in tiefenpsychologischer Sicht, Würzburg 1999, S. 293.

4 Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften. hg. v. Adolf Friese, Hamburg 1978.

5 Ebd. S. 1234.

6 Ebd. S. 1234.

7 Ebd. S. 1234.

8 Ebd. S. 1240.

9 Ebd. S. 1240.

10 Ebd. S. 1240.

11 Ebd. S. 1232.

12 Ebd. S. 1232.

13 Ebd. S. 1240.

14 Ebd. S. 1232.

15 Ebd. S. 1232.

16 Ebd. S. 1243.

17 Ebd. S. 1241.

18 Ebd. S. 1241.

Details

Seiten
18
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668912335
ISBN (Buch)
9783668912342
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v461608
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Peter-Szondi-Institut
Note
2,3
Schlagworte
Musil Peotik Atem Poesie Der Mann ohne Eigenschaften Atemzüge Religion Mystik Agathe und Ulrich Inzest

Autor

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Titel: Das Kapitel "Atemzüge eines Sommertags" im Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil